VGSD-Arbeitsgruppe: „Wir brauchen eine Neue Gründerzeit … aber bitte nicht nur für Startups“

wilfried_toennisWilfried Tönnis ist einer der erfahrensten Gründungsberater in Deutschland. Seit über zwanzig Jahren berät er kleine und mittlere Unternehmen. Jetzt sieht er die Gründer und Selbstständigen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.

Im Interview erklärt er, dass bis etwa 2010 ein gesellschaftlicher Konsens darüber bestand, dass Freiberufler und kleine Unternehmen die Wirtschaft beleben, Arbeitsplätze schaffen und die Flexibilität der Wirtschaft verbessern. Seit 2011 hat sich das geändert, feiern Politiker rückläufige Gründerquoten als Erfolg.

Tönnis fordert ein Umdenken der Politiker und möchte sich mit einer VGSD-Arbeitsgruppe dafür einsetzen. Ebenso wie Wirtschaftsminister Gabriel fordert er eine „Neue Gründerzeit“ – aber bitte auch für kleine Gründungen und nicht nur große Startups.

 

VGSD: Was machst Du beruflich? Wie lange bist Du schon selbstständig?

Wilfried Tönnis: Selbstständig bin ich schon seit meiner Studentenzeit in den 80er Jahren: Während meines Studiums verdiente ich meinen Lebensunterhalt als freier Journalist. Nach einigen Jahren als Angestellter – zunächst als Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich und dann als leitender Angestellter in einer Düsseldorfer Unternehmensberatung – machte ich mich 1993 endgültig mit einem Schulungs- und Beratungsunternehmen für kleine und mittlere Unternehmen und Existenzgründer selbstständig.

 

VGSD: Was hat Dich bewogen, dem VGSD beizutreten und Dich bei uns zu engagieren?

Wilfried Tönnis: Mit dem VGSD haben die Selbstständigen in Deutschland eine Stimme bekommen – eine Stimme, die sie dringend benötigen.

 

VGSD: Sterben die Gründer in Deutschland aus?

Wilfried Tönnis: Laut Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn sinkt seit 2005 die Zahl der gewerblichen Existenzgründungen von 573.000 in 2005 auf 348.000 in 2014 – das ist ein Rückgang um ca. 40 Prozent. Seit 2012 gibt es zudem per Saldo erheblich mehr Liquidationen als Neugründungen, ebenfalls mit stark steigender Tendenz. Wären Mittelständler und Existenzgründer eine Tier- oder Pflanzenart, hätte man sie längst auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Spezies gesetzt.

 

VGSD: Was sind denn die Ursachen für diesen massiven Rückgang?

Wilfried Tönnis: Die Politik feiert rückläufige Gründungsquoten paradoxerweise gerne als Erfolg: Das sei ein Ausdruck der erheblichen Belebung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die tatsächlichen Gründe liegen jedoch ganz wo anders. Zum einen wurden seit 2004 Förderprogramme für Gründer massiv abgebaut: Der Gründungszuschuss ist kein Instrument der Wirtschaftsförderung mehr, sondern ein reines Sozialprogramm; mit dem Wegfall des Verzichts auf Vorfälligkeitsentschädigung wurde der gewichtigste Vorteil von KfW-Krediten gestrichen; steuerliche Anreize für Investitionen wurden verschlechtert, und ab dem nächsten Jahr will das BMWi ebenfalls die Förderung von Seminaren und Workshops für Existenzgründer streichen. Damit wird dann das letzte Programm der Bundesregierung mit Breitenwirkung für Existenzgründer abgeschafft.

Zugleich gibt es immer mehr Bürokratie. Welcher Mittelständler oder Gründer versteht etwa das 2006 zur Gewinnermittlung neu eingeführte Formular EÜR der Finanzverwaltung mit Formulierungen wie „Mindestens abziehbare Kraftfahrzeugkosten für Wege zwischen Wohnung und Betriebsstätte“ oder „Bereits berücksichtigte Beträge, für die das Teileinkünfteverfahren bzw. § 8b KStG gilt“? Bis 2006 reichte für die Gewinnermittlung eine Exceltabelle.

Hinzu kommen die Neubelebung des Themas Scheinselbstständigkeit und drastisch steigende Beiträge zur den gesetzlichen Sozialversicherungen: In den letzten zehn Jahren stiegen zum Beispiel die Höchstbeiträge zu den gesetzlichen Krankenversicherungen um rund 57 Prozent.

Manche Politiker in Berlin träumen von deutschen Garagen-Startups á la Apple und Microsoft. Dabei wäre das bei uns schon allein aufgrund der der deutschen  Bau- und Garagenverordnungen nicht möglich.

 

VGSD: Ist es nicht so, dass wer wirklich gründen will sich trotzdem selbstständig macht?

Wilfried Tönnis: Jede Firmengründung erfordert ein Mindestmaß an Kapital und unternehmerischen Wissen. Sind diese nicht vorhanden, ist die Gründung zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

 

VGSD: Brauchen wir überhaupt Gründer und Selbstständige, wenn es ausreichend Jobs für Angestellte gibt?

Wilfried Tönnis: Auf jeden Fall, denn der größte Arbeitgeber in Deutschland ist der Mittelstand. Ohne innovative Neugründungen laufen wir zudem Gefahr, den Anschluss bei den Zukunftsthemen wie Robotik oder künstliche Intelligenz zu verpassen.

 

VGSD: Hast Du eine Erklärung dafür, warum die Politik so gründerfeindlich geworden ist?

Wilfried Tönnis: Darüber kann ich nur spekulieren. Offensichtlich wünscht man mehr Beitragszahler für die gesetzliche Rentenversicherung und mehr gut und hoch qualifizierte Kräfte für den ersten Arbeitsmarkt.

 

VGSD: Du hast Dich bereits an Politiker gewendet und eine Bundestagspetition gestartet. Wie waren die Reaktionen?

Wilfried Tönnis: Seit 2001 habe ich mehrfach mit Kollegen alle Politiker des Bundestages angeschrieben, wenn Verschlechterungen für Gründer drohten. Während diese Initiativen bis etwa 2010 auf fruchtbaren Boden fielen und auch zu Korrekturen führten, sind die Reaktionen seit 2011 sehr verhalten. Eine in diesem Jahr gestartete Initiative zum Erhalt der Schulungsförderung für Gründer und KMU fand aber bei mehreren Abgeordneten der CDU/CSU und der Grünen eine positive Resonanz. Die wenigen SPD-Abgeordneten, die sich meldeten, erklärten sich unisono für nicht zuständig.

 

VGSD: Welche Ziele verfolgst Du mit der Gründung einer Arbeitsgruppe?

Wilfried Tönnis: Wir brauchen in Deutschland dringen eine neue Gründerzeit, wie sie das BMWi fordert. Sie darf sich aber nicht auf die Förderung einiger weniger Startups beschränken.

Der seit 2005 anhaltende Abwärtstrend muss gestoppt und in einen Aufwärtstrend verwandelt werden. Das bedeutet: keine weiteren Kürzungen mehr bei Förderprogrammen, intelligente Verbesserung der bestehenden Programme, Schluss mit der Jagd auf „Scheinselbstständige“, Entlastung von Gründer und KMU bei den horrend hohen Sozialabgaben und vor allem einen wirklichen Bürokratieabbau. Wir brauchen einen Turnaround, weg vom Beamten- und Angestelltenstaat hin zu einer Kultur, die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung stärkt, statt sie zu bestrafen.

 

VGSD: Wer sollte sich bei Dir als Mitstreiter melden?

Wilfried Tönnis: Jeder, der bereit ist, mit Engagement an diesen Zielen mitzuarbeiten. Meldet Euch bitte bei Interesse per E-Mail bei mir und beschreibt kurz Eure Motivation und welche Ziele Ihr gerne erreichen möchtet. Ich melde mich dann bei Euch.

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