Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Sinn oder Unsinn? Ein Fazit zum ersten Live-Stammtisch in Berlin

Singer/Songwriterin Steffi „Frau Locke“ Thierer begleitete den Abend musikalisch und gab uns Auszüge aus ihrem aktuellen Programm, Foto: Sylvia Nitzsche

Sinn oder Unsinn? Ein Fazit zum ersten Live-Stammtisch in Berlin

An guten Ideen und spannenden Gästen für die Berliner Stammtische mangelt es in der Hauptstadt wahrlich nicht: die selbstständigen Berufsgruppen sind zu unserem Glück mit einer einzigartigen Vielfalt vertreten. Das ist wunderbar, denn so können wir immer wieder mit neuen spannenden Themen aufwarten. Nach dem erfolgreichen Start in ein erstes vorsichtiges Live-Treffen mit dem traditionellen BYO-Grillfest im August, zu dem um die 20 Leute erschienen und sich mit gebührendem Abstand an der frischen Luft angeregt miteinander austauschten, dachten wir, die Zeit sei reif, für September auch einen Indoor-Stammtisch unter entsprechenden Distanz- und Verhaltensregeln anzubieten.

Der Zufall spielte uns dabei in die Hände: die großen Probleme, mit denen Kulturschaffende und Personen bzw. Firmen der Veranstaltungsbranche derzeit zu kämpfen haben, die seit Beginn der Coronakrise vor dem kompletten Aus stehen, sowohl was die Durchführung von Veranstaltungen, Auftritte als auch Einnahmen betrifft, sind bekannt. Auch die Berliner Regionalgruppe hat gerade einen großen Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen, die aus diesen Bereichen stammen. Zeit, das auch bei einem Stammtisch zum Thema zu machen!

 

Der Hintergrund und die Gäste

Sylvia Nitzsche erklärte, warum sie sich nach 20-jähriger erfolgreicher Bühnenlaufbahn als Musikkabarettistin entschieden, ihr Standbein als Motiondesignerin zum Hauptberuf zu machen. Foto: privat

Auf das Podium bzw. die Bühne geladen hatten wir zwei Musikerinnen mit ganz unterschiedlich verlaufenden Biografien: Sylvia Nitzsche hat sich nach knapp 20-jähriger erfolgreicher Bühnenlaufbahn als Musikkabarettistin entschieden, ihr Standbein als Motiondesignerin zum Hauptberuf zu machen, aus ganz verschiedenen Gründen. Neben der großen Diskrepanz im Honorar und ständiger finanzieller Unsicherheit gehörten auch Angst vor krankheitsbedingtem Ausfall und fehlende Wertschätzung dazu. Sie hat übrigens das Video zur VGSD-Bundestagspetition entwickelt und gestaltet und die Berliner Regionalgruppe bei der Aktion der Dresdner Aktionsgruppe „Stumme Künstler“ auf dem Breitscheidplatz vertreten (weil aufgrund der Kurzfristigkeit alle vier Regionalsprecher:innen verhindert waren). Sylvia gab uns einen Einblick in ihre Laufbahn und zeigte fernschaulich die Gründe auf, die für sie dazu geführt haben, ihre Bühnenlaufbahn erst einmal auf Eis zu legen. Ihre toll gestalteten Folien sind übrigens auf LinkedIn zu finden.

 

Steffi Thierer musste selbst die Erfahrung machen, was der sogenannte „vereinfachte“ Antrag für die Grundsicherung im Verfahren bedeutet, Foto: Sylvia Nitzsche

Singer/Songwriterin Steffi „Frau Locke“ Thierer hat sich erst im Sommer 2019 mit der Musik komplett selbstständig gemacht, nachdem sie schon seit vielen Jahren, immer mal wieder, auf Bühnen unterwegs war. Für sie ist das nun schon knapp sechsmonatige Auftrittsverbot besonders bitter, weil ihr Business gerade Fahrt aufnahm, als der Lockdown kam – sie ist eine von vielen Künstlerinnen, der die in Berlin im Vergleich zu anderen Bundesländern großzügigen Hilfspakete für Soloselbstständige nicht viel gebracht haben, weil sie keine großen Ausgaben für Nebenkosten wie Geschäftsmieten o. ä. hat. Und wie mehrfach auch seitens des VGSD eingefordert, selbst die sogenannten „vereinfachten“ Anträge für die Grundsicherung kompliziert im Verfahren sind und verschlungene Wege bei der Bewilligung gehen. Sie begleitete den Abend musikalisch und gab uns Auszüge aus ihrem aktuellen Programm zu Gehör, rhytmischen, soulig angehauchten Indie-Folk auf deutsch und englisch und klar: selbst geschrieben. Dazu erzählte sie auch von ihrem Werdegang und den Schwierigkeiten, denen sie sich als soloselbstständige Künstlerin zur Zeit gegenübersieht.

 

Elke und Annette sprangen kurzfristig als Bühnentechnikerinnen ein. Foto: Sylvia Nitzsche

Zum Glück waren beide wahnsinnig flexibel, was das Set-up betraf: der versprochene Haustechniker des angemieteten Saals war trotz lang vorbereiteter umfangreicher Absprachen im Vorfeld einfach nicht erschienen und wir mussten wirklich auf allen Ebenen improvisieren: die Beamer-Leinwand konnte nicht heruntergelassen werden, so dass flugs ein weißer Theatervorhang als Hintergrund diente (natürlich ungebügelt, was die Projektion etwas wellig erscheinen ließ) und der versprochene Mikroständer war natürlich nicht bereitgestellt worden. Steffi spielte und sang einfach unplugged, was großartig war und im Saal auch ausreichend trug, so dass die fehlende Verstärkung nicht auffiel.

 

Ein Stammtisch der Superlative – auch in negativer Hinsicht

Inhaltlich war unser erster richtiger Live-Stammtisch nach dem Lockdown (das Grillfest nicht gerechnet) ein echter Knaller und so war es auch gedacht: ein Paukenschlag der Solidarität, ein schönes politisches Thema mit persönlicher Komponente und darüber hinaus als Goodie auch noch ein mehr als hörenswertes musikalisches Programm. Organisatorisch aufwendig, aber das war es uns wert: wir hatten das Glück, einen Saal zu finden, der einen großen Abstand zwischen Bühne und Zuschauerraum erlaubte, so dass gegen das Singen in geschlossenen Räumen unsererseits keine Bedenken bestanden. Der Saal war günstig und groß, er erlaubte die Bestuhlung für bis zu 30 Personen ohne die Abstandsregeln zu unterlaufen und verfügte darüber hinaus auch noch über Fenster auf beiden Gebäudeseiten, so dass wir bei den noch sommerlichen Temperaturen dauerlüften konnten. Perfekt!

Allein: organisatorisch und bezüglich der Zahl der erschienenen Gäste war es ein Desaster, das müssen wir ganz klar sagen. Es lief auf eine 1:1-Betreuung hinaus: vier Personen auf der Bühne (inklusive der beiden Regionalsprecherinnen Annette Lang und Elke Koepping), vier Personen im Publikum. Kein Witz. Leicht verspätet kam zum Glück noch ein fünfter Gast, so dass das Verhältnis beim Publikum wenigstens leicht ins Plus geriet. Es war der am schlechtesten besuchte Berliner Stammtisch seit fünf Jahren! Und das bei dem Aufwand, den wir diesmal betrieben haben! Wir bitten das nicht falsch zu verstehen: Der Abend war rundrum gelungen, die 5 Gäste, die kamen, waren langjährige, liebgewonnene Mitglieder der Berliner Regionalgruppe und es war schön, sich in so einem Rahmen mal wieder zu treffen und auszutauschen. Sylvia und Steffi boten einen Vortrag und eine Show der Sonderklasse, absolut spitzenmäßig, die Diskussion im Anschluss war angeregt und leidenschaftlich.

 

Sind die Regionalgruppen schon bereit für Live-Treffen?

Die geringe Teilnehmerzahl brachte die Köpfe der Regionalgruppe ins Nachdenken. Kurzfristiges Ergebnis: Vorläufig werden die Berliner Stammtische aussetzen. Foto: Sylvia Nitzsche

Wir sind dabei ins Nachdenken geraten. Vorläufig werden wir die Berliner Stammtische aussetzen. Wir müssen jetzt erst einmal überlegen, wie und wann es weitergehen kann. Wenn die Beteiligung derart gering ist – und die Berliner Regionalgruppe schöpft nun wahrlich aus einem riesigen Verteiler, Veranstaltungen mit 20-30 Personen waren in der Vergangenheit die Regel –, ist ein solches Treffen im Moment einfach nicht probat – und dann können wir unsere kostbare Freizeit erst einmal für etwas anderes nutzen als für das ehrenamtliche Organisieren von Veranstaltungen.

Dass viele Menschen im Moment noch zurückhaltend mit dem Besuch von Live-Veranstaltungen sind, damit haben wir gerechnet. Dafür haben wir vollstes Verständnis und wir sind selbst auch sehr vorsichtig, was das betrifft. Im Vorfeld gab es jedoch 19 Anmeldungen. Dass im Laufe des Veranstaltungstages noch eine Handvoll Abmeldungen eintrudelten, war auch nicht ungewöhnlich. Was uns absolut verblüfft und enttäuscht hat, war, dass rund zehn Personen ohne Abmeldung einfach gar nicht erschienen sind. Und das in den heutigen Zeiten, in denen nichts mehr ohne verbindliche Anmeldung geht, um die im Vorfeld auch ausdrücklich gebeten wurde – nebst Hinweisen auf die Möglichkeit zur Online-Abmeldung. Diese Erfahrung hatten wir zuvor auch schon beim zweiten „Early Bird“, dem digitalen Frühstück im Juni bemerkt: bei 19 Anmeldungen gab es schließlich drei Teilnehmende. Dafür lohnt sich auch digital der Aufwand nicht. In einem Fall, bei dem uns im Vorfeld schon klar gewesen wäre, dass der Besuch derart gering ausfällt, hätten wir die Veranstaltung abgesagt oder nach hinten geschoben. Dafür sind solche Anmeldelisten eben eigentlich gedacht, um den Überblick zu wahren und rechtzeitig auf großen oder zu geringen Ansturm reagieren zu können.

 

Gründe?

Natürlich haben wir keine Antwort darauf, was Leute bewegt, sich gleichgültig zu verhalten, wir haben aber Vermutungen. Und diese Vermutungen lassen für uns nur ein Fazit zu: wir setzen die regelmäßigen Stammtische – zumindest für dieses Jahr – vorläufig aus. An der Weihnachtsfeier halten wir derzeit fest, das ist auch im kleinen Rahmen gut vorstellbar. Was wir an uns und unserem Umfeld ja auch beobachten, ist Folgendes, und da sehen wir auch die Gründe für einen Einbruch in den Besuchszahlen des Stammtischs:

  • Überforderung auf allen Ebenen: Manchmal ist selbst der Klick auf den Abmeldebutton schon zuviel.
  • Bombardement mit Problemen infolge der Coronakrise plus die eigenen Probleme und Befindlichkeiten: politische Themen, egal wie nett vorgetragen, bringen beim Gedanken an die Probleme schon schlechte Laune.
  • Mitnahmementalität: Politisches Thema / Unterhaltung bietet keinen persönlichen Benefit (im Vergleich zu einem Thema, bei dem etwas für die Selbstständigkeit zu lernen wäre, das vielleicht etwas weiterbildet)
  • Egoismus: nur die eigenen Probleme liegen im Blickfeld, sich fair und rücksichtsvoll zu verhalten tritt derzeit bei vielen Menschen in den Hintergrund (wir nehmen uns davon selbst nicht aus)
  • Die Geschäfte ziehen wieder an. Die Erledigung eines aktuellen Auftrags hat plötzlich höhere Priorität, da Einnahmeverluste ausgeglichen werden müssen.
  • Und, klar: Angst vor Ansteckung.

Wir möchten an dieser Stelle aber nochmal unseren Wunsch ans Universum schicken und hoffen, dass es zuhört: liebe Leute, seid so nett und respektvoll und rücksichtsvoll, euch wenigstens online von der Veranstaltung wieder abzumelden, wenn ihr nicht kommt: wir sind Ehrenamtliche, wir sind auch selbstständig und wir haben dieselben Probleme wie ihr in diesen Zeiten.

 

Wie geht das mit dem Abmelden?

Ganz einfach: auf vgsd.de einloggen > Mein Konto > Teilnahmen verwalten > betreffende Veranstaltung abklicken. Fertig. Ganz einfach. Kein Ding.

Annette Lang
Antje Eichhorn
Elke Koepping
Lars Bösel

Fotos: Sylvia Nitzsche

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