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Warum bist du selbstständig? - Ilka Baral, freie Autorin und Journalistin "Es ist ein besonderer, freier Seinszustand"

Ilka Baral hat den Sprung in die Selbstständigkeit gleich zwei Mal gewagt.

Ilka Baral hat sich gleich zwei Mal selbstständig gemacht. Erst beim zweiten Mal hat es funktioniert. Nach mehreren Quereinstiegen ist sie heute – trotz chronischer Krankheit – als freie Autorin, Journalistin, Lektorin und Schreibcoach tätig.

Ilka hat den bei Hochbegabten oft anzutreffenden kunterbunten Lebenslauf und verfügt über sehr breit gefächerte Erfahrung. Sie glaubt, dass sie die Vielfalt ihrer Fähigkeiten und Interessen in einer klassischen Karriere als Angestellte niemals hätte zum Einsatz bringen können. Im Beitrag könnt ihr Ilkas Weg nachvollziehen.

Ziel: Selbständigkeit

Beim ersten Mal war ich naiv, das gebe ich zu. Mein Brotberuf als Krankenschwester hatte mich, trotz winkender Leitungsposten, entsetzlich gelangweilt. Der Sprung in die freie Wirtschaft, genauer: die Medizintechnikbranche, war bereits geschafft. Allerdings nervten mich meine Vorgesetzten, deren Führungsstile sich darin erschöpften, mir jeweils beizubringen, wer von uns der Stärkere war, statt meine Leistungsbereitschaft zu erkennen und gezielt zu fördern. Bis zur stellvertretenden Abteilungsleitung hatte ich es zwar gebracht, das allerdings mehr mit Kampf als mit Unterstützung.

Für mein Empfinden war es schlicht logische Konsequenz, dass ich mit 30 Jahren beschloss, mich selbstständig zu machen. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch beim Steuerberater. Ich war so stolz wie planlos – und reichlich verwirrt, angesichts der Erkenntnis, ich müsse für jede meiner zukünftigen Ausgaben „ein extra Konto führen“. Wie soll das bitte gehen, dachte ich, mit so vielen Bankkonten?

Nun ja. Dass meine Buchführung dennoch immer tadellos war, verdanke ich meinem damaligen Partner, seines Zeichens Betriebswirt, der mich glücklicherweise vorbehaltlos darin unterstützte, meinem Kerngeschäft als Handelsmaklerin, Trainerin und Beraterin nachzugehen.

Dienstleistung, Beratung, Verkauf, Marketing und PR hatte ich im Blut. Jedoch, machen wir es kurz: Es hat nicht funktioniert. Ich verdiente zwar Geld, aber nach einigen Jahren musste ich mir eingestehen: Ich wusste nicht, wo es lang ging und auch nicht, wo ich hinwollte. Mein innerer Kompass war die Intuition, ohne die ich auch heute nicht arbeiten wollte. Doch ich hatte keinen Schimmer von Betriebswirtschaft, demnach auch nicht von Strategieentwicklung oder Controlling. Was mich antrieb, war eine bloße Vision: Ich wollte selbstständig sein. Es war dieser besondere, freie Seinszustand, der mich magisch anzog wie der Mond die Wasser der Flut.

Alles auf eine Karte

Vieles, was ich damals nicht wusste, habe ich auf die harte Tour gelernt. Nicht funktionierende Kostendeckung, zum Beispiel, hat mir mein Kühlschrank beigebracht: Obwohl ich viel arbeitete, fehlte mir oft das Geld, um Essen zu kaufen. Auch Märkte und deren ungeschriebene Gesetze erschlossen sich mir erst per Learning by Doing: Manche Bauchlandung war vorprogrammiert, weil ich mich weder an der Konkurrenz noch an der Nachfrage orientierte. Und das enorme Risiko des Projektgeschäfts erfuhr ich als Todesstoß: An drei größeren, sehr spannenden Aufträgen gleichzeitig war ich dran, und rechnete mit zumindest einem Zuschlag. Doch innerhalb eines einzigen Tages zerplatzten sämtliche Leads wie schillernde Seifenblasen. Kein Beamter wird je erahnen, wie es sich anfühlt, von jetzt auf gleich nicht mehr zu wissen, wie die Miete bezahlt werden soll, nachdem man alles auf eine Karte gesetzt hat.

Ein halbes Jahr zog ich es danach noch durch, mit geliehenem Geld, um wenigstens erhobenen Hauptes die Bühne verlassen zu können, mit stolzer Pressemitteilung und einem lauten Adieu, bevor dann der letzte Vorhang fiel. Es hat mir Achtung eingebracht, immerhin. Doch es war gute PR: Alles hat eine gut verkaufte Story, sogar ein Ende. Nach außen war es die unerbittliche Veränderung der Branche, tatsächlich war es mein Eingeständnis der Unwissenheit. Ich wurde wieder Angestellte.

Studium und Quereinstieg

Doch der besondere Zustand des Selbständigseins hat mich nie wieder losgelassen. Nach einem nebenberuflichen Studium der Betriebswirtschaft (ja, es war hart), dem erfolgreichen Einstieg in die IT-Branche (ja, auch das war verdammt hart), und einigen Jahren endlich dort, wo ich mich halbwegs richtig fühlte (auf einem strategischen Posten für Geschäftsentwicklung), kam dann der Lehman-Crash, die Jahrhundertpleite, mit vielen betriebsbedingten Kündigungen und etlichen Insolvenzen.

In meinem letzten Job als Angestellte hatte ich mich auf die unrealistischen Wunschkalkulationen einer schwierigen Geschäftsführung eingelassen. Bei der Bewerbung konnte ich das noch nicht überblicken, weil das Geschäftsfeld völlig neu für mich war. Einige Zeit im Job hatte ich an Weitsicht gewonnen und setzte die Herren auf den Topf. Dennoch ackerte ich danach weiter, dachte, die Zahlen irgendwie trotzdem noch wuppen zu können. Aber es war aussichtslos. Ich manövrierte mich in einen mächtigen Burnout und brauchte drei Monate, um wieder auf die Füße zu kommen.

Gründung mitten in der Krise

Als dann die Wirtschaftskrise auch bei uns zur Kurzarbeit zwang, packte ich die Gelegenheit beim Schopf: Ich stimmte einer betriebsbedingten Kündigung zu, ging zum Arbeitsamt und beantragte die in jenen Tagen noch einfacher zu erhaltende Förderung zur Gründung. Viele sagten damals: Ja, spinnst denn du, gerade jetzt, mitten in der Pleitewelle, wo niemand investieren kann? Ich sagte: Na klar, genau jetzt, weil ich dann am Start stehe, wenn alle wieder Geld in die Hand nehmen können.

Was soll ich sagen: Es hat funktioniert. Rund zehn Jahre war ich in wechselnden Geschäftsfeldern tätig, immer werk- oder dienstleistend, als Redakteurin, Beraterin und Analystin, teilweise für sehr große Unternehmen. Ich war lange Zeit alleinstehend und habe mein volles Einkommen aus der Selbstständigkeit erwirtschaftet.

Inzwischen bin ich Mitte 50 und immer noch selbständig, seit mehreren Jahren aber nur noch mit halber Kraft im Einsatz. Verschiedene chronische Erkrankungen fordern ihren Tribut, meine Leistungsfähigkeit ist erheblich eingeschränkt.

Wandelbar wie Selbstständige aber sind, mache ich aus der Not eine Tugend: Derzeit arbeite ich als Autorin und Journalistin an einem umfangreichen Sachbuch über chronisch kranke Menschen. Meine berufliche Vergangenheit im Gesundheitswesen, meine langjährige Tätigkeit als professionell Schreibende sowie meine eigene Erfahrung als Betroffene qualifizieren mich bestens. Und sollte später kein Verlag das Buch übernehmen wollen, so werde ich eben Selfpublisher.

Mut und Demut

Mein Leben als Selbstständige ist geprägt von Höhen und Tiefen, mein Lebenslauf ist krumm und bunt, doch für all diese Erfahrungen habe ich mich selbst entschieden. Ich bin stolz auf das, was ich gewagt und oft mit viel Leidenschaft vorangebracht habe. Auch auf meine Fehler blicke ich mit Zufriedenheit, denn sie haben mich nicht nur Mut gekostet, sondern auch jene Demut gelehrt, ohne die kein Erfolg möglich ist.

Natürlich ist auch die Selbstständigkeit verschiedenen Grenzen unterworfen. Dennoch ist sie ein freieres Sein. Es ist das einzige berufliche Sein, das sich für mich richtig anfühlt. In einer klassischen Karriere hätte ich die Vielfalt meiner Begabungen, Interessen und Fähigkeiten niemals zum Einsatz bringen können. Mein Denken ist zu unangepasst, zu sehr Metaebene. Ich falle oft aus dem Rahmen, bin der Zeit voraus.

Den gewaltigen, sehr breit gefächerten Wissens- und Erfahrungsschatz, über den ich heute verfüge, können potenzielle Auftraggeber in der Regel gar nicht vollständig erfassen. Umso mehr denke ich mit Dankbarkeit an alle Auftraggeber, die willens waren und sind, mir zu vertrauen, und in der Lage, auf mich zu setzen.

Mein Leben als Chefin-von-mir-selbst hat keine scharfen Grenzen zwischen Beruf und Privat, das konservative Verständnis von Wochenende und Urlaub ist mir fremd. Und doch würde ich mich an jedem neuen Tag wieder für die Selbstständigkeit entscheiden. Weil es meine Art ist, zu sein: unkonventionell, hochbegabt und selbstbestimmt.

Autorin: Ilka Baral

Anmerkung:

Unsere Aktion "Warum bist du selbstständig?" stieß bei euch auf eine große Resonanz, worüber wir uns sehr freuen. Dabei haben wir deutlich mehr Zuschriften bekommen als wir erhofft haben. Wir bedanken uns herzlich bei euch, dass ihr euch die Zeit genommen habt, mit uns eure Geschichte zu teilen.

Wie ihr bestimmt schon gesehen habt, haben wir bereits eine Reihe von Warum-Geschichten veröffentlicht. Die Geschichten, die wir auswählen, zeigen immer neue Aspekte und Gründe für eure Selbstständigkeit: Seid ihr Unternehmer, weil eurer Kreativität in dieser Berufsform keine Grenzen gesetzt sind, weil die Freiheit durch eine Selbstständigkeit unbezahlbar ist - oder warum? Wir möchten mit der Auswahl der Geschichten der Vielfalt an Gründen für eine Selbstständigkeit Rechnung tragen und diese Bandbreite aufzeigen. Wir bitten daher um euer Verständnis, wenn wir deshalb nicht jede Geschichte veröffentlichen können, hoffen aber, euch durch immer neue Ansichten inspirieren zu können.

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