Lampenfieber ist grundsätzlich nichts Negatives. Eine gewisse Anspannung gehört zu jedem Auftritt dazu und ist sogar notwendig, damit du leistungsfähig bist. Dieses sogenannte positive Lampenfieber zählt zu den leistungsrelevanten Gefühlen: Es sorgt für Wachheit, Kreativität, Fokus und einen offenen Geist. Ohne diese Aktivierung würdest du eher teilnahmslos wirken. Eine völlige Ruhe vor dem Auftritt wäre eher ein Warnsignal als ein Idealzustand, erklärt die Expertin.
Davon zu unterscheiden ist das störende Lampenfieber. Dieses entsteht häufig durch ungünstige Selbstbeziehungen und innere Bewertungsmuster, etwa starke Selbstzweifel oder Perfektionsdruck. In solchen Momenten werden Denkprozesse und motorische Abläufe beeinträchtigt: Du findest Worte schlechter, verlierst den roten Faden oder hast das Gefühl, nicht mehr klar denken zu können. Während positives Lampenfieber dich in den Flow bringt, wirkt störendes Lampenfieber wie ein inneres Störfeuer.
Ein wichtiges Zeichen für einen gelungenen Auftritt ist paradoxerweise, dass du im Anschluss nicht mehr genau weißt, was du gesagt hast. Das deutet darauf hin, dass du im Flow warst. Während des Sprechens denkst du nicht über jedes Wort nach, sondern gehst gedanklich bereits zum nächsten Punkt über. Dieses Erleben wird oft fälschlich als Unsicherheit interpretiert, ist aber ein Hinweis auf hohe Präsenz.
Dabei ist wichtig zu wissen, dass nur ein Teil deiner inneren Aufregung nach außen sichtbar wird. Etwa 30 Prozent dessen, was du spürst, nehmen andere wahr. Viele körperliche Reaktionen wie trockener Mund, Erröten oder Blässe sind autonom und kaum steuerbar. Du kannst jedoch beeinflussen, wie sichtbar sie sind und wie sicher du dich dabei fühlst, zum Beispiel durch passende Kleidung oder kleine praktische Strategien. Häufig entsteht der größte Stress nicht durch die Reaktion selbst, sondern durch die Annahme, andere würden sie negativ bewerten.
Hilfreich ist es außerdem, nicht gegen das Lampenfieber anzukämpfen, sondern es anzunehmen. Wer versucht, Aufregung zu unterdrücken, verstärkt sie oft. Stattdessen kannst du dir sagen: Ich bin aufgeregt, und das ist in Ordnung. Ich habe mich vorbereitet. Das reicht.
Ein besonders wichtiger Punkt ist der Umgang mit Grübelschleifen vor dem Auftritt, etwa nachts im Bett. In einem Zustand, der der Auftrittssituation körperlich und mental nicht entspricht, solltest du dir keine Sorgen erlauben. Gedanken an mögliche Fehler oder Worst-Case-Szenarien gehören bewusst gestoppt und auf einen passenden Zeitpunkt verschoben, wie etwa „morgen nach dem Kaffee“. Das erfordert Selbstdisziplin, schützt aber deine Energie und verhindert unnötige Selbstverunsicherung.
Lampenfieber kann dich dann unterstützen, wenn du es als Zeichen von Bedeutung und Engagement verstehst, deine inneren Selbstwerträuber bearbeitest und dir selbst vertraust. So wird Aufregung nicht zum Hindernis, sondern zu einer Quelle von Präsenz und Leistungsfähigkeit.
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