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Lesetipp Ein Gewinn für die Gesellschaft Welche unverzichtbare Rolle Angelika Gaufer und ihr Tante-Emma-Laden für die Nahversorgung in Bamberg spielen

Aus der Welt der Großkonzerne in einen kleinen Laden in der Nachbarschaft: Eine PR-Expertin erfindet den Tante-Emma-Laden neu und macht ihn zum versorgerischen Herzstück ihres Viertels.

"Dass es sowas noch gibt": Angelika Gaufer hat ein wichtiges Stück Nahversorgung bewahrt.

Ohne Selbstständige verschwinden die Läden um die Ecke. Am Michelsberg 37 in Bamberg zeigt die 49-jährige Angelika Gaufer, wie viel Verantwortung, Mut und Engagement nötig sind, um einen kleinen Nahversorger fürs Viertel weiterzubetreiben. Der Tante-Emma-Laden, den sie vor zwei Jahren übernommen hat, ist mehr als ein Geschäft: Er ist Treffpunkt, Möglichkeitsraum und ein wichtiges Stück Lebensqualität – der Beweis, dass Nahversorgung ohne engagierte Einzelne nicht funktioniert und wie wichtig der Beitrag von Soloselbstständigen für die Gesellschaft ist. Angelika hat uns die Geschichte ihres Ladens und ihres Engagements aufgeschrieben:

Versorgt das Viertel seit Jahrzehnten: Tante Emma am Bamberger Michelsberg

"Um die Ecke liegt Bambergs größtes Seniorenheim mit etwa 300 Bewohnerinnen und Bewohnern, die nächsten Supermärkte sind mindestens einen Kilometer Hügel auf, Hügel ab entfernt – dafür ist ein kleiner Tante-Emma-Laden am Michelsberg seit vielen Jahrzehnten Speisekammer und Brötchenstelle für die Nachbarschaft. Bereits 1905 wurde hier ein Gemüseladen betrieben, das Gebäude mit dem baulich klar als Ladenlokal konzipierten Entrée datiert deutlich früher und ist eines von vielen Einzeldenkmälern im historischen Bamberger Berggebiet. Es ist das Eingangs- und Durchfahrtsgebäude zum Ziegelhof, den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden des Klosters St. Michael.

2022 sollte der Laden Geschichte sein: Die damalige Betreiberin und Inhaberin schloss nach 17 Jahren 'wegen gesunkener Umsätze und familiärer Notlage'. Die Nachbarschaft war perplex – so auch ich, denn ich hatte selbst häufig meine kleinen Einkäufe in dem Laden erledigt. Als ehemalige Pressesprecherin eines großen Unternehmens war ich nach 20 Jahren in der Industrie gerade aus dem Beruf geschieden und auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Dass es der Tante-Emma-Laden werden würde, war sicher weder geplant noch angestrebt.

"Dass es sowas noch gibt"

Nun betreibe ich den Laden nach einer kurzen Renovierungsphase seit mehr als zwei Jahren halbtags gemeinsam mit drei Mini-Jobber/innen an sechs Tagen in der Woche. Viel verdient ist mit einem 20 Quadratmeter großen Lebensmittelgeschäft nicht. Der größte Lohn sind der Zuspruch von Nachbarn und Kundschaft, die Unterstützung und Hilfe direkt vor Ort, die freudigen Ausrufe von Touristen 'dass es sowas noch gibt!' sowie ein starkes Netzwerk an Produzenten im Lebensmittelbereich, die ebenfalls von ihren Produkten überzeugt sind, Herzblut in ihre Tätigkeit stecken und nicht die Gewinnmaximierung anstreben, sondern aus Überzeugung handeln.

Über die Hälfte der Zeit, in der ich den Laden betreibe, ist die Zufahrt und der Zugang bereits durch eine große Baustelle stark eingeschränkt. Die Umsätze wachsen trotzdem. Diversifizierung war das Stichwort: Neben der Grundversorgung der Nachbarschaft kam bereits zu Beginn mit regionalen Bio-Spezialitäten ein wachsendes Segment hinzu sowie Veranstaltungen und Caterings. Ich habe auch das Ende der Baustelle im Blick. Denn in wenigen Monaten wird nicht nur die Straße wieder frei befahrbar sein, sondern auch das Potenzial durch Laufkundschaft sich merklich erhöhen. Die Kirche. St. Michael, eine der Top-drei-Sehenswürdigkeiten der mittelalterlichen Unesco-Welterbe-Stadt Bamberg, befindet sich direkt gegenüber meines Ladens und wird nach 13-jähriger Bauphase endlich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Dann soll sich der Einsatz und die Investitionen auch auszahlen und der Laden einen ausreichenden Überschuss abwerfen. Wir haben derweil viel experimentiert und Erfahrungen gesammelt, einen treuen Kundenstamm aufgebaut, tolle Lieferanten und Produkte erschlossen und die Geschäftsbeziehungen gefestigt sowie jährlich wiederkehrende Veranstaltungen etabliert, die Spaß machen, kostendeckend und nebenbei eine gute Werbung für unseren Laden sind. Dann dürfte der Zeitpunkt kommen, in dem der Laden mehr ist als "unternehmerisches Ehrenamt", wie ich das Unterfangen manchmal scherzhaft nenne.

Beitrag zur Gesellschaft

Gesellschaftliches Engagement begleitet mich schon lange. Meine Ehrenämter in Sport- und Gesangverein sowie parteipolitisch habe ich zugunsten des Engagements im Laden inzwischen abgegeben. Mein gesellschaftliches Engagement fokussiert sich derzeit auf den Laden. Um die örtliche Nahversorgung zu gewährleisten und den Laden zu betreiben – gegen den Trend, bei dem kleine Lebensmittelläden mit Bedienung Discountern und Supermärkten weichen – braucht es wohl Idealisten, die bereit sind, ins Risiko zu gehen und nicht primär auf diese Einkunftsquelle angewiesen sind. Ich stecke zwei Drittel meiner Zeit in den Laden und ein Drittel in meine freiberufliche Tätigkeit in Kommunikation und Marketing – auf der Einkommensseite sieht es genau umgekehrt aus. Dennoch bleibt der Laden mein Herzensprojekt.

Hier ist oft der einzige Ort, an dem Menschen aus dem Heim zum Plaudern herkommen, sich etwas kaufen, das sie selbst zuhause zubereiten, und nicht nur das Essen zu sich nehmen, die ihnen gerichtet wird. Das bringt ihnen ein großes Stück Autonomie und Lebensqualität. Ich kann mich hier austoben – bei der Bewerbung, den Geschäftsentscheidungen, in der Positionierung. Der ständige, abwechslungsreiche Kontakt mit Jung und Alt, Arm und Reich, Handwerkern und Homeoffice-Arbeiter/innen macht gute Laune. Die Sichtbarkeit gefällt mir auch: Viele interessiert, wie so etwas funktionieren kann – von Bürgermeistern aus dem Landkreis über Stadträte bis hin zu weiteren Selbständigen oder solchen, die es werden wollen.

Zusammenarbeit mit regionalen Erzeugern

Es macht immer wieder Freude, wenn man sieht, dass eine Idee gut war – oft kommt diese sogar von der Kundschaft. So zum Beispiel an Heiligabend frischen Fisch aus heimischen Gewässern anzubieten. Hier hatten ad hoc über 30 Familien ihre Bestellungen aufgegeben. Da liegt es natürlich nahe, dieses Erfolgsrezept mit frischen Karpfenfilets und geräucherten Saiblingen auch am nächsten traditionellen Fischtag, dem Karfreitag, zu wiederholen. Das klappt natürlich nur in Zusammenarbeit mit einem Fischwirt, der gerne für uns schlachtet, individuelle Bestellungen abarbeitet und pünktlich liefert. Zum Glück haben wir fantastische Erzeuger, die sehen und wertschätzen, was wir tun, und gerne mit uns zusammenarbeiten.

Wir sind außerdem Teil eines Frauennetzwerks an Solo-Selbständigen in der Stadt, die im Gesundheitsbereich, Einzelhandel, Handwerk, in der Gastronomie oder – wie wir – im Lebensmittelbereich tätig sind. Wir unterstützen und helfen uns gegenseitig, lernen voneinander und vertreten unsere Interessen gemeinsam."

Kennst du einen Selbstständigen, der einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leistet?

Wir danken Angelika Gaufer für ihre Geschichte, vor allem aber auch für den Beitrag, den ihr Engagement für die Versorgung in Bamberg spielt – und zwar nicht nur für den mit Lebensmitteln!

Gibt es in deiner Nachbarschaft oder deinem Bekanntenkreis ähnliche "Everyday Entrepreneurs", die aus ihrer Leidenschaft eine Selbstständigkeit gemacht haben und auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zu Wirtschaft und Gesellschaft leisten? Dann empfiehl uns die Persönlichkeit gerne weiter, wir freuen uns darauf!

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