Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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VGSD-Mitglied Marc Dauenhauer im Gespräch bei Stefan Schnorr, Abteilungsleiter für Digitalisierung und Innovation im Bundeswirtschaftsministerium

Digitalisierungsexperte Marc Dauenhauer hat uns beim BMWi vertreten, Foto: Marc

In einem von der MittelstandsAllianz am 23.01.2020 organisierten Gespräch habe ich den VSGD vertreten. Zusammen mit anderen Verbandsvertretern waren wir im BMWi (Bundeswirtschaftsministerium) zu Gast.

Im Gespräch mit Herrn Stefan Schnorr, dem für Digitalisierung und Innovation zuständigen Abteilungsleiter, hatte ich die Gelegenheit, über die zunehmenden Schwierigkeiten beim Einsatz von IT-Freelancern auf dem Projektmarkt zu sprechen und aufzuzeigen, welche Nachteile sich daraus für Digitalisierung und Innovation in Deutschland ergeben.

Mein Eindruck war, hier grundsätzlich auf offene Ohren zu stoßen und nicht minder offene Türen einzurennen. Man sei sich im BMWi der Problematik sehr bewusst und auch der Tatsache, dass eine Abwanderung ins Ausland für Toptalente eine valide Option ist.

 

Auch das BMWi kommt nicht weiter

Marc (ganz rechts) beim Termin mit Stefan Schnorr (2. von links), Foto: MittelstandsAllianz

Allerdings ließ man ebenfalls durchblicken, dass die Diskussion stark ideologisch geprägt ist und auch das BMWi an Widerständen scheitert, die kaum etwas mit einer eventuellen Schutzbedürftigkeit von IT-Freiberuflern zu tun habe. Damit wollen und können wir uns natürlich nicht abfinden, weshalb ich die Dringlichkeit weiterer Fortschritte betonte.

Ich konnte weitere Kontakte ins BMWi knüpfen, um das Thema auf der Arbeitsebene im weiteren Gespräch zu vertiefen. Und genau das werden wir als VGSD gemeinsam weiter mit allem Engagement tun!
Anbei findet Ihr das von mir vorbereitete Redemanuskript. Aus Zeitgründen (ich hatte etwa 8 Minuten Zeit und wollte Herrn Schnorr genügend Zeit zur Antwort und Diskussion lassen), konnte ich das Folgende nur auszugsweise vortragen. Aber ich will euch das vollständige Manuskript nicht vorenthalten.

Das von Marc vorbereitete Redemanuskript:

Das Interesse an dem Termin war groß, trotzdem hatte Marc acht Minuten Zeit, sein Anliegen zu diskutieren, Foto: MittelstandsAllianz

Vielen Dank für die Gelegenheit, heute hier für den VGSD sprechen zu dürfen.

Ich bin hier als Sprecher für Digitalisierung meines Verbandes, als Informatiker und Digitalisierungsexperte, als Freiberufler mit 25 Jahren Berufserfahrung und als Betroffener einer Entwicklung, die wir dringend stoppen müssen.

Wir alle kennen die Diskussionen um die Digitalzukunft Deutschlands und der europäischen Union. Wir alle wissen, welchen Nachholbedarf der deutsche Mittelstand in Sachen Digitalisierung hat. Aber selbst in Großkonzernen ist das digitale Entwicklungspotential groß.

Doch was passiert? Einiges! Da leisten die Initiativen Ihres Hauses einen wertvollen Beitrag.

Aber das ist bei weitem nicht genug.

 

Es muss viel mehr passieren.

Wir leiden jedoch unter einem immensen Fachkräftemangel in der IT-Industrie, der die Entwicklung massiv behindert. Ich kann dies aus eigener Erfahrung sagen, da ich selbst in vielen Projekten bei der Besetzung von Projektpositionen beratend beteiligt war.

Ich rede nicht von medienwirksamen Leuchtturmprojekten der Hochtechnologie oder Vorzeigestartups, die demonstrieren dass wir auch ein bisschen Sillicon Valley können. Hier ist es nicht so schwer, geeignete Kandidaten zu finden.

Ich rede von eher unspektakulären Grundlagenarbeiten, einer Art Brot-Und-Buttergeschäft, mit dem Unternehmen fit für die Zukunft gemacht werden. Dort fehlen Architekten, Software-Entwickler, Netzwerk- und Security-Experten, Datenbankexperten, KI- und Cloud-Architekten.

 

Und was ist die Antwort der Politik?

Die deutsche Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik treibt eine große Zahl von hochqualifizierten freiberuflichen Experten aus dem Land. Das klingt nach Übertreibung, aber das ist es nicht.

Die Regeln zur Scheinselbständigkeit passen nicht auf unsere Arbeitsmodelle und wirken sich verheerend aus. Ich habe dies in meinem offenen Brief an Herrn Heil bereits ausführlich dargestellt.

Ein reformiertes Statusfeststellungsverfahren nützt uns IT-Freiberuflern nur dann konkret, wenn sich die Kriterien deutlich verändern und der Realität von großen IT-Projekten angepasst werden.

Sie können sich nicht vorstellen, welchen Zulauf Veranstaltungen zu Firmengründungen in Estland gerade haben. Ich kann ihnen sagen, da sind 7 von 10 Teilnehmern freiberufliche IT-Experten. Als ich meine estländische e-Residency Card hier in Berlin abholte, war der Mensch hinter mir der Gründer und CTO von Owncloud, einem deutschen Cloudanbieter.

 

Und ja, auch ich bin auf dem Sprung.

Unsere Existenzgrundlage bricht weg. Die deutsche Bank, die Commerzbank, Vodafone, Allianz, Daimler, sie alle beschäftigen keine freiberuflichen IT-Experten mehr. Verbieten es sogar den Zulieferfirmen.

Wir haben keine Zeit mehr. Wir können nicht mehr warten, bis Herr Heil die aktuelle Gesetzeslage zu Ende evaluiert hat. Das Thema brennt, lichterloh. Wie lange können wir warten, bis die Politik zum Löschen anrückt? Bis der Dachstuhl runtergebrannt ist, oder nur noch die Mauern stehen, oder vielleicht nur noch verbrannte Erde übrig ist?

Ich habe als IT-Architekt einen Monatsumsatz von ca. 18-20 T€. Davon bezahle ich u.a. auch meine Fortbildungen, die schnell mal einige Tausend Euro für ein paar Tage kosten.

Wenn Daimler zB IT-Experten nur noch per ANÜ einstellt, brechen die Einkünfte weg, Fortbildungen können nicht mehr Eigenfinanziert werden und wir sind auf den Goodwill unserer Auftraggeber angewiesen. Auch wir verlieren so wichtige Qualifikationen! Als IT-Freiberufler in die ANÜ zu wechseln bedeutet, nur noch von der Substanz zu leben. Was das bedeutet, sehen wir an Deutschlands Brücken.

Die finanzielle Unfreiheit schreckt die guten Experten ab, so dass diese lieber ins Ausland gehen werden, als in Deutschland per ANÜ zu arbeiten.

 

Deutschland droht ein massiver Brain Drain.

Nein, genaugenommen droht er nicht, er ist bereits in vollem Gange.

Ich kenne einige Kollegen persönlich, die in die Schweiz, nach Luxemburg, nach Estland und sonstwohin emmigriert sind, weil sie in Deutschland keine Perspektive sehen.

Die Guten werden zuerst gehen, und das, nachdem sie hier über Jahre auch mit öffentlichen Geldern an Universitäten und Hochschulen gut ausgebildet wurden.

Ich selbst musste bereits für deutsche Firmen die Aufträge bei deren ausländischen Töchtern durchführen, weil es sich in Deutschland nicht darstellen liess. Da sitze ich unter der Woche in London und mache dort ein Projekt, dass ich genausogut auch in meinem Büro in Deutschland hätte machen können. Wenn das kein Irrsinn ist? Und ich bin da keine Ausnahme. Viele Unternehmen lagern ihre IT-Projekte aus, nach Polen, UK, Luxemburg, Litauen, Estland, Tschechien, Slovakei.

 

Uns Selbständigen läuft die Zeit davon.

Die Entwicklung dauert nun mehr als zwei Jahre an und verschärft sich täglich. Uns geht es unmittelbar um unsere Existenz. Heute. Jetzt gerade werden irgendwo in Deutschland wieder Verträge mit Freiberuflern gekündigt, beendet und nicht mehr verlängert.

Aber nicht nur das Risiko formaler Scheinselbständigkeit macht uns zu schaffen. Auch der Status als arbeitnehmerähnlicher Selbständiger kann – wenn er rückwirkend durch die DRV beschieden wird – uns finanziell ruinieren. Da nützt es auch nichts, wenn wir nach sieben Jahren vor einem Sozialgericht vielleicht Recht bekämen. Unsere Existenz ist bis dahin dahin.

Es ist in Zeiten des Fachkräftemangels in der IT weder verständlich noch nachvollziehbar noch verantwortungsvoll, die besten Experten, die wir haben, solchen Risiken auszusetzen, am Arbeiten zu hindern und im Extremfall aus dem Land zu treiben.

 

Seien wir realistisch: Wir werden keine Startups gründen.

Wir werden keine grossen Firmen gründen. Wir wollen vielleicht auch aus persönlichen Gründen nicht mal Arbeitgeber sein. Viele der Technologie- und Startupförderungen gehen daher an unserem Bedarf vorbei. Wir stellen in einer diversifizierten Arbeitswelt eine eigene Gruppe. Wir wollen als Freiberufler eigentlich nur unseren Job machen und dieses Land technologisch voran bringen.

Wir möchten uns ausdrücklich auf Art 12 GG berufen, der es jedermann erlaubt, seinen Beruf und Arbeitsplatz frei zu wählen. Die Berufsbilder angestellter und freiberuflicher IT-Experten sind nicht deckungsgleich, unterscheiden sich teilweise erheblich, was faktisch zu einem Berufsverbot für uns Freiberufler führt. Das ist nicht hinnehmbar.

Herr Schnorr, ich möchte heute an Sie appellieren, dass sich auch das Wirtschaftsministerium in die Debatte einschaltet und sich für die Digitalexperten in Deutschland einsetzt. Wir wollen, dass es hier vorangeht. Wir sind motiviert und leistungsbereit. Wir sind einer der Elektro-Motoren der Digitalisierung. Lassen Sie uns die PS auf die Strasse bringen!

Uns gibt es seit Anbeginn der Datenverarbeitung, bitte helfen Sie uns, dass wir auch bei der bevorstehenden Digitalisierung in Deutschland noch dabei sein dürfen.

Vielen Dank!

 

Bericht der MittelstandsAllianz über das Treffen

Inzwischen hat auch die MittelstandsAllianz bzw. der sie koordinierende BVMW einen Bericht über das Treffen veröffentlicht. Zum unserem Gesprächsanteil schreibt sie:

„Marc Dauenhauer, Sprecher für Digitalisierung des VGSD, thematisierte die notwendige Klärung der Rechtssicherheit von Selbstständigen im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung und sich damit verändernder Beschäftigungsverhältnisse. Dieses Thema sei auch dem Ministerium bekannt und werde zukünftig auch auf der Agenda stehen, versicherte Schnorr.“

Galerie

Foto: MittelstandsAllianz
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Marc (ganz rechts) beim Termin mit Stefan Schnorr (2. von links), Foto: MittelstandsAllianz

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