Eine Gesellschaft voller Tatkraft: Mit diesem Zielbild vor Augen gründete Kerstin Heuer 2012 Futurepreneur e.V. Heute ist sie mit dem in Hamburg ansässigen Verein deutschlandweit unterwegs, um Gründergeist in Schüler/innen zu wecken.
Eigenverantwortung, Handlungswille, Haltung und das tiefe Bedürfnis, mit den eigenen Kompetenzen etwas gestalten zu können: Solche Fähigkeiten sind es, die in Kerstin Heuers Augen ein unternehmerisches Mindset ausmachen. Und die nicht nur wir Selbstständige brauchen – sondern auch unsere Gesellschaft.
Heuer weiß das aus eigener Erfahrung: 1998 hat sie sich selbstständig gemacht, damals noch in der PR-Branche. Inzwischen seit fast 15 Jahren ist sie nun als Gründerin und Geschäftsführerin mit ihrem Verein unterwegs. Die Futurepreneur-Projekte führt Heuer mit verschiedenen Partner/innen und coachenden Honorarkräften durch, die selbst gegründet haben. Der Verein ist gemeinnützig und finanziert sich aus Spenden, etwa von Stiftungen und Unternehmen.
VGSD: Kerstin, was sind Futurepreneure?
Kerstin Heuer: Das sind Entrepreneur/innen der Zukunft, und zwar im Wortsinne: Menschen, die ins Handeln kommen. Die mit den Ressourcen, die sie zur Verfügung haben, einen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen. Ich glaube, es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, mit den eigenen Kompetenzen etwas gestalten zu können – und das ist es, was Unternehmertun ausmacht. Dieses Mindset müssen wir früh fördern und bei der Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen ansetzen.
VGSD: Wieso ist es wichtig, so früh zu starten?
Kerstin Heuer: Ich bin fest überzeugt, dass wir alle als Entrepreneure auf die Welt kommen. Schon als Kinder wollen wir die Welt entdecken. Wir stehen tausendmal wieder auf, wenn wir hinfallen, machen weiter und sind neugierig. Diese Freiheit verlieren wir mit zunehmendem Alter, werden gehemmter und in der weiterführenden Schule ist es dann oft ganz vorbei. Dann geht es streng nach Noten, für Entdeckerfreude und erfahrungsbasiertes Lernen ist kaum noch Platz. Den braucht es aber.
Jugendliche bringen noch diesen pubertären Rückenwind mit, sie wollen Freiräume haben und sich ausprobieren. Diesen Moment der Persönlichkeitsentwicklung sollten wir nutzen, um unternehmerisches Denken und Handeln in den Jugendlichen zu aktivieren. Dann wachsen innovative Kräfte nach.
VGSD: Wie ist die Idee zu Futurepreneur entstanden?
Kerstin Heuer: Viele Jahre habe ich in einer Hamburger Unternehmensberatung Menschen in ihrer Selbstständigkeit begleitet und beraten, aus allen möglichen Branchen und mit unterschiedlichsten Erfahrungshorizonten. Dabei ist mir klar geworden: Die Business-Idee macht vielleicht 30 Prozent des Erfolges aus – der Rest ist Haltung, Mindset. Wie geht jemand damit um, wenn sich ein Markt plötzlich verändert? Wenn es Konflikte im Team gibt oder eine Idee nicht zündet wie erhofft? All das ist mindestens genauso wichtig wie eine gute Idee, doch solche Fähigkeiten lernen unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule so gut wie nie.
Parallel dazu war und bin ich häufig in Schweden unterwegs, habe in meiner früheren Tätigkeit mit skandinavischen Kund/innen und im schwedischen Konsulat gearbeitet. Dort ist ein unternehmerisches Mindset viel stärker verankert als hierzulande: Nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch im Alltag wird Eigenverantwortlichkeit intensiv gelebt. Da hatte ich also ein gutes Zielbild vor Augen.
VGSD: Wie laufen die Futurepreneur-Projekte ganz praktisch ab?
Kerstin Heuer: In unseren Projekten machen sich die Jugendlichen quasi mini-selbstständig. Wir sagen "Hey, du bist der Boss" und lassen sie eigene kleine Projekte machen, in einem sehr kompakten Zeitrahmen von wenigen Tagen bis Wochen. Zu Beginn gehen wir mit den Jugendlichen auf Schatzsuche und schauen, welche Kompetenzen sie mitbringen. Das kann wirklich alles sein: gut Skateboard fahren zum Beispiel oder sich gut die Haare färben können. Alles zählt.
Darauf basierend entwickelt jeder 25 individuelle Geschäftsideen, entlang seiner persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Ressourcen. So haben wir nach zwei Stunden schnell mal 400 Ideen im Raum. Im nächsten Schritt entscheiden sie sich in kleinen Teams für eine Lieblingsidee und einen Plan B. Sie schreiben einen Mini-Businessplan und eine To-Do-Liste und bereiten dann eigenständig die Umsetzung ihrer Ideen vor, arbeiten ihr Angebot aus, produzieren vielleicht ihr Produkt. Am letzten Projekttag begleiten wir die Schüler/innen in die Stadt und sie starten den Vertrieb – mit echten Kunden und selbst verdientem Geld. Das dürfen sie behalten als Unternehmerlohn.
VGSD: Was für Business-Ideen entstehen auf diese Weise?
Kerstin Heuer: Das ist total vielfältig. Zwei Jungs haben sich zum Beispiel mal zu einer Band zusammengeschlossen und sind in der Fußgängerzone aufgetreten. Der Sänger hat sich aber nicht getraut, offen vor Publikum zu singen – darum haben die zwei aus Karton eine Jukebox gebaut. Da hockte der Sänger dann drin und hat sich wohl gefühlt, sein Kumpel saß mit der Gitarre daneben und so haben sie das Konzert gerockt.
Andere Teams haben zum Beispiel Comics gegen Rechts gezeichnet, Seifen aus Kaffeesatz produziert und einen sprechenden Blumenautomat mit nachhaltigen Papierblumen erfunden. Das sind so charmante Ideen, auf die würden wir als Erwachsene gar nicht kommen.
VGSD: Eigenverantwortlichkeit, Haltung, Gestaltungswille: Wie vermittelt dein Verein den Jugendlichen solche Skills?
Kerstin Heuer: Bei so einer Mini-Gründung gleichen viele der Prozesse einer echten, großen Gründung. Von der Klärung der Zielgruppe übers Einkaufen und Kalkulieren der Preise bis hin zum Umgang mit echten Kunden. Die pädagogisch wichtige Haltungsentwicklung findet dabei ganz automatisch statt – quasi hinter den Kulissen.
Die Schüler/innen erleben, dass es sich großartig anfühlt, die eigenen Gestaltungsspielräume zu erkennen und zu füllen. Dass sie das Potenzial in sich tragen, eigene Ideen zu entwickeln, umzusetzen und damit auch noch Geld zu verdienen. Sie lernen, mit Leuten in Kontakt zu gehen und Feedback zu kriegen, positiv wie negativ. Sie erfahren, dass es sich lohnt, sich gut vorzubereiten, die Extrameile zu gehen und durchzuhalten, wenn es mal nicht rund läuft. Resilienz also. Für mich ist ein Projekt dann erfolgreich, wenn die Jugendlichen verstehen: Wenn ich vom Sofa aufstehe und in die Handlung komme, kann ich in kürzester Zeit unglaublich viel erreichen. Das ist wie eine Art Zukunftsanker, den sie auswerfen.
VGSD: Die Futurepreneur-Projekte laufen einige Tage bis zu wenigen Wochen. Reicht dieses kurze Zeitfenster denn aus, um Jugendliche auch nachhaltig zu unternehmerischem Denken und Handeln zu motivieren?
Kerstin Heuer: Das haben wir zusammen mit der Leuphana-Universität Lüneburg evaluiert und herausgefunden, dass es messbare Haltungsänderungen bei den Jugendlichen gibt. 80 Prozent sagen noch sechs Wochen nach Projektabschluss, dass sie ihr Verhalten nach unseren Projekten verändert haben. Auch ihre unternehmerischen Skills – etwa Selbstwirksamkeit, Problemlösekompetenz, Schaffenskraft oder Kreativität – schätzen die Jugendlichen auch Wochen später noch deutlich höher ein als vor den Projekten.
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VGSD: Laut einer Bertelsmann-Studie von 2024 können sich 40 Prozent der 14- bis 25-jährigen in Deutschland vorstellen, ein Unternehmen zu gründen. Die reellen Gründungszahlen aber liegen viel niedriger. Wie ist diese Lücke zu erklären?
Kerstin Heuer: Meiner Meinung nach fehlt es nicht am fachlichen oder Gründungswissen, sondern an der emotionalen Initialzündung. Die Leute brauchen Handlungsspielräume, in denen sie sich und ihre Ideen ausprobieren können und schnelle Erfolgserlebnisse haben. Das gibt ihnen die Energie und den Mut, die nächsten Schritte zu gehen. Alles, was sie dann brauchen, finden sie im Netz – sei es, wie man einen Businessplan schreibt oder auch, wo sie konkrete Unterstützung rund um eine Gründung finden.
Im Moment aber träumen in der Politik – auch auf lokaler Ebene – alle von den "Spitzensportlern". Damit meine ich die großen Tech-Einhörner in Berlin oder andere Leuchtturm-Gründungen. Es wird massiv investiert, um besonders herausragende Projekte zu fördern und mit ihnen sichtbar zu werden. Wir sollten aber weniger in die Sichtbarkeit einzelner investieren und stattdessen mehr auf echte Wirkung abzielen. Wir bekommen keinen Spitzensport, wenn wir nicht auch Breitensport machen.
VGSD: Was muss die Politik konkret tun, damit die Lage für Gründung und Selbstständigkeit in Deutschland besser wird?
Kerstin Heuer: Sie muss aus dem Weg gehen.
VGSD: Was heißt das konkret?
Kerstin Heuer: Ich glaube noch nicht mal, dass es so viel Förderung braucht. Denn wer gründen will, hat Energie und gründet sowieso. Stattdessen muss die Politik die Hindernisse und Hürden abbauen. Das Thema Scheinselbstständigkeit zum Beispiel ist ein Riesenhindernis für Selbstständigkeit in Deutschland. Das muss die Politik dringend anpacken. Aber mir fällt auch ein ganz konkretes Beispiel aus Schweden ein: Wenn ich da als Selbstständige das erste Mal jemanden einstelle, zahle ich am Anfang nur ganz geringe Arbeitgeberabgaben. Sowas macht es viel niedrigschwelliger, erst mal Fuß zu fassen.
VGSD: Warum ist heutzutage besonders wichtig, Jugendlichen ein unternehmerisches Mindset mitgeben?
Kerstin Heuer: Ganz einfach: Weil keiner mehr sagen kann, wie die Welt morgen aussieht. Es ist heute wichtiger denn je, seinen Lebenslauf "zu surfen". Wir müssen den Kindern und Jugendlichen die nötigen Skills an die Hand geben, um durch diese schnelle und sich ständig verändernde Welt zu navigieren. Das hilft ihnen selbst – und unserer Wirtschaft und Gesellschaft hilft es genauso.
Hast du ebenfalls Lust, einen Impuls für mehr Gründergeist und Tatkraft in unserer Gesellschaft zu setzen? Bei Futurepreneur wird es demnächst wieder die Möglichkeit geben, sich als Selbstständige/r und Gründer/in im Rahmen von zweitätigen Projekten zu engagieren. Bei Interesse nimm gern unter folgender Mail-Adresse Kontakt auf: info@futurepreneur.de
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