Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Jetzt ist es amtlich: Deutschland hat eine Neidkultur

Foto: Pixabay, Clker free vector images

Die Mehrheit der Deutschen und insbesondere der Ostdeutschen hat ein extrem negatives Bild von „Reichen“, sehr viel negativer als Franzosen, Briten oder Amerikaner dies haben.

Das liegt auch daran, dass verhältnismäßig wenige Deutsche einen Millionär kennen bzw. diese sich in Deutschland ungerne als solche outen – was man ihnen angesichts der bestehenden Vorurteile nicht übel nehmen kann. Allerdings dürfte diese Reaktion den Fortbestand von Vorurteilen zusätzlich fördern – ein Teufelskreis.

 

Egoistisch, rücksichtslos, gierig und überheblich

Doch wer gilt schon gerne als egoistisch (62 Prozent), materialistisch (56 Prozent), rücksichtslos (50 Prozent), gierig (49 Prozent) und überheblich (43 Prozent)? Die Angaben in Klammern geben an, wie viele Deutschen ihren wohlhabenden Mitbürgern – zumeist ohne sie zu kennen – diese negativen Eigenschaften zuschreiben. Positive Eigenschaften folgen erst an sechster Stelle und werden von einer Minderheit genannt: Fleißig (42 Prozent), wagemutig (41 Prozent), intelligent (40 Prozent) und visionär (39 Prozent).

Deutsche die selbst „Reiche“ kennen, fällen ein anderes Urteil: 71 Prozent bewerten die ihnen ja mindestens teilweise bekannten „Reichen“ als fleißig und intelligent, immerhin 58 Prozent billigen ihnen Einfallsreichstum zu.

Doch nur 17 Prozent der Deutschen haben Kontakt zu wenigstens einem „geouteten“ Millionär. In anderen Ländern, insbesondere in Großbritannien (38 Prozent) und USA (43 Prozent), gibt es deutlich mehr Bürger, die einen reichen Mitbürger kennen.

 

Je mehr Millionäre man kennt, um so milder das Urteil

Entsprechend milder fallen dort die Urteile selbst über Superreiche aus. Während 50 Prozent der Deutschen dieser Gruppe die Schuld an Finanz- und humanitären Krisen gibt, tun dies nur 33 Prozent der Franzosen, 25 Prozent der Amerikaner und 21 Prozent der Briten.

Häufiger als die Bürger der anderen Länder reagieren Deutsche auch mit Schadenfreude und finden, dass es einem Millionär Recht geschieht, wenn er durch ein riskantes Geschäft viel Geld verliert. Besonders groß ist die Schadenfreude bei Anhängern der SPD (51 Prozent), der Linken (48 Prozent) und AfD (47 Prozent). Bei CDU, FDP und Grünen (!) sind es jeweils nur 34 Prozent.

 

Erfolgreichen Selbstständigen wird Vermögen eher gegönnt

Erfolgreiche Selbstständige haben dabei noch Glück: Selbstständigen und Unternehmern gönnen 64 bzw. 57 Prozent der Bevölkerung das selbst erarbeitete Vermögen, bei Spitzenmanagern sind es nur 20 Prozent. Denn wie das Vermögen erworben wurde, entscheidet darüber ob andere es einen gönnen.

Reichtum wird häufig auf Beziehungen der Eltern (55 Prozent), auf Erbschaften (41 Prozent), besondere Rücksichtslosigkeit (43 Prozent) und darauf zurückgeführt, dass man sich auf Kosten anderer bereichert habe (ca. 35 Prozent). Jeder zweite Reiche sei ein Steuertrickser. Jeder zweite Ostdeutsche, aber „nur“ jeder Dritte Westdeutschen gibt den Reichen zudem die Schuld an der Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft.

Wie weit verbreitet solche Pauschalurteile sind, zeigen Kommentare unter einem WELT-Beitrag über die Studie: „Kurz gesagt: jeder Reiche hat sein Vermögen auf dem Buckel anderer Menschen egoistisch und rücksichtslos ergaunert. Gute Ideen, übermäßiger Fleiß und visionär zu sein haben keine entscheidende Rolle gespielt. Es war eher: das Richtige, zur richtigen Zeit anbieten/können und den unbändigen Willen besitzen jeden Vorteil und jeden Menschen für sich auszunutzen. (…) Gut das unser Volk das immer noch weiß.“ (stdout, 13.02.2019, ca. 7 Uhr). Sicherlich lassen sich solche Aussagen mit den entsprechenden Ersparnissen auf dem Bankkonto eher ertragen, aber sie erinnern doch schon sehr an antisemitische Ressentiments, wie wir sie in Deutschland lange überwunden geglaubt hatten.

Immerhin sieht ein Teil der Befragten die Ursache auch in positiven Eigenschaften wie Kontaktfreude (50 Prozent), Risikobereitschaft (47 Prozent), Geschäftsideen und Talent (je 43 Prozent). Ein Drittel billigt den Reichen zu, dass die Gesellschaft von den von ihnen geschaffenen Arbeitsplätzen und Produkten profitiere. Nur 18 Prozent erkennt an, dass das Land von ihren überproportional hohen Steuerzahlungen profitiert.

 

Nullsummendenken und Schulbildung sind weitere wichtige Einflussfaktoren

Bei der Auswertung der Studie zeigte sich, dass die Antworten auf drei Fragen die Einstellung der Befragten insgesamt gut zusammenfassten. Der Autor der Studie leitete daraus eine „Sozialneidskala“ ab. Im internationalen Vergleich zeigte sich, dass der Sozialneid in den USA und Großbritannien deutlich geringer ausgeprägt ist als in Deutschland und Frankreich.

Mittels Regressionsanalyse hat der Autor im Anschluss drei Faktoren ermittelt, die signifikanten Einfluss auf die Höhe des Sozialneids haben: Neben der Frage, ob ein Millionär persönlich bekannt ist, hat auch die Schulbildung der Befragten großen Einfluss. Den mit Abstand stärksten Einfluss hat aber, ob ein „Nullsummendenken“ vorliegt. Damit ist ein Bild von der Wirtschaft gemeint, nach dem das, was der eine (Reiche) gewinnt, dem anderen (Armen) fehlt. Tatsächlich ist die Wirtschaft aber kein Nullsummenspiel, kein Kuchen von konstanter Größe.

Während die Franzosen uns in Bezug auf den Sozialneid noch übertreffen, sind wir Deutschen besonders anfällig für „Sündenbocktheorien“. So gaben, wie eingangs erwähnt, 50 Prozent der Deutschen an, Superreiche seien Schuld an vielen Problemen auf der Welt, z.B. an Finanzkrisen oder humanitären Krisen. Von den Franzosen waren es nur 33 Prozent, von den Amerikanern 25 und von den Briten 21 Prozent.

 

Je tausend Amerikaner, Briten, Franzosen und Deutsche befragt

Rainer Zitelmann präsentiert in seinem gerade erschienen Buch die Ergebnisse der Befragungen

Für die Studie wurden in vier Ländern von Allensbach und Ipos MORI jeweils 1.000 Personen nach Menschen befragt, die (Wohneigentum nicht mitgerechnet) mindestens eine Million Euro, Pfund bzw. Dollar besitzen.

Mehr über die Ergebnisse der Studie kann man in dem gestern erschienenen Buch „Die Gesellschaft und ihre Reichen“ von Rainer Zitelmann erfahren. Das Buch ist aktuell „Bestseller Nr. 1“ – zumindest in der Amazon-Rubrik „Diskriminierung“.

Das Buch hat einen Umfang von gut 450 Seiten und geht in Teil A zunächst auf die Vorurteilsforschung ein, die bisher auf die Erforschung von Rassismus und Sexismus fokussiert ist. Vorurteile gegen Reiche fallen unter die Kategorie „Klassismus“, wobei der Schwerpunkt der Forschung hier auf „Downward Classism“ liegt, als der Erforschung von Vorurteilen über Arme.

Teil B stellt ausführlich die Ergebnisse der Befragung dar, zunächst die Länder im Einzelnen, dann im Vergleich. In Teil C berichtet der Autor über Medieninhaltsanalysen. Gerade weil so wenig Deutsche Reiche aus eigener Erfahrung kennen, kommt den Medien eine große Rolle bei der Vermittlung von Informationen bzw. Vorurteilen über diese Gruppe zu.

 

Warum ist das Thema für uns relevant?

Nur eine Minderheit von uns Selbstständigen ist reich, auch wenn wir durch die (bisher) eigenverantwortliche Altersvorsorge und durch die Möglichkeit zur Mehrarbeit eher als Angestellte die Chance haben mögen, tatsächlich in Millionärs-Liga vorzustoßen.

Vorurteile über Selbstständige gibt es aber jede Menge: Für die einen sind wir Schutzbedürftige mit prekären Einkommensverhältnissen, für die anderen unsolidarische Steuerbetrüger. Auf Basis solcher Vorurteile werden dann nicht selten politische Entscheidungen getroffen.

Andere Vorurteile hindern Gründungswillige daran, sich selbstständig zu machen oder erschweren die Jobsuche, wenn man sich nach einer Phase der Selbstständigkeit wieder in eine Anstellung wechseln möchte.

Während es in Bezug auf die Wahrnehmung von Beamten regelmäßige Befragungen gibt, konnte ich trotz ausgiebiger Internet-Recherchen keine Studien zu diesem Thema finden. Vielleicht könnte die Studie von Rainer Zitelmann hier ein Vorbild sein.

5 Kommentare

  1. Thomas Kimmich schreibt:

    Ja genau, machen wir doch aus allen Selbstständigen Leiharbeiter, schwierige Projekte können ja im Ausland gerfertigt werden. Dann ist es gerecht und wir sind alle gleich – arm.

    Interessant fände ich eine statistische Auswertung, welche Berufsgruppen wieviel Steuern zahlen.
    Ich werde laufend mit dem Vorurteil konfrontiert, dass Selbstständige keine Rentenbeiträge zahlen und später dem Staat zur Last fallen.
    Möglicherweise haben sie aber sogar einen erheblichen Anteil am Steuervolumen, und damit am Sozialstaat?

    Steuern werden immer nur negativ wahrgenommen, könnte man nicht auch denen danken die viel Steuern zahlen – nur mal so zur Abwechslung?

    PS: Mein Fischverkäufer ( ein Deutscher macht so einen Job ja eher weniger) meint: alles toll geregelt in Deutschland, gibt es sonst nirgendwo, jeder bekommt Geld
    – aber so eine Steuerlast gibt es woanders nicht. Soziale Marktwirtschaft. Allah sei Dank.

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  2. charles schreibt:

    Oh Gott, schon wieder ist eine Minderheit in Gefahr – sie wird bedrängt, bedroht und diskrimiert, vom NEID. Holt die Taschentücher raus!

    Dieser Artikel verbreitet leider Propaganda übelster Sorte – von wegen „jetzt ist es amtlich“. Es ist eben keine Feststellung eines Amtes! Der Untertitel des Buchs „Vorurteile über eine beneidete Minderheit“ lässt eher vermuten, dass hier in eine ganz bestimmte Richtung untersucht wurde. Mit bestimmten Fragen bzw. einer Frageauswahl können bekanntermaßen gezielt Antworten provoziert werden.
    Ein Klick auf den o.g. WELT-Artikel (https://www.welt.de/wirtschaft/article188559111/Millionaere-Die-Deutschen-koennen-den-Reichtum-der-Anderen-kaum-aushalten.html) zeigt bereits, wie einfach gestrickt die Fragen sind. Es wird aber auch erwähnt, dass die „Welt der Reichen“ sehr schlecht untersucht ist.

    Speziell dieses Buch habe ich nicht gelesen – und werde es wohl auch nicht tun -, aber Literatur aus dem Finanzsektor ist mir nicht unbekannt. Dabei ist mir aufgefallen, dass eine Neidkultur fast ausschließlich innerhalb der (Super-)Reichen gepflegt wird; ob es sich um Besitztümer handelt oder die Platzierung auf der Forbes-Liste.

    Wer mir jetzt Neid andichten möchte, kann das tun, aber ich will (und wer will das schon mit allen Konsequenzen) in der Tat KEIN Konzernlenker sein, mit 5 Villen, Chauffeur, Gärtner, Jacht und Privatjet etc. pp.

    Gegen Vermögen, dass mit genialen Ideen á la Fischer-Dübel entstanden ist, habe ich 0,0 überhaupt nichts.
    Allerdings verstehe ich bis heute nicht, dass z.B. Dividenen in Milliardenhöhe (!) noch nicht mal nach Einkommenssteuersatz versteuert werden müssen. Täglich fließen Billionen digitaler $ um den Globus und ich stolpere – draußen im realen Leben – über Bettler und Flaschensammler. Ich frage: Wo ist mehr Wahnsinn zu finden?

    Anstatt über systemrelevante, für die Gesellschaft und unseren Planeten überlebenswichtige Themen nachzudenken, wird hier schon wieder das teilende Fass des Neids aufgemacht, und als ob das nicht genügt, mit dem Märchen des Sekundär-Antisemitismus unterfüttert (dieser unsachliche Hieb kommt noch nicht mal im WELT-Artikel vor). Hauptsache es kann so weiter gemacht werden wie bisher.
    Ich kann es nicht mehr hören!

    Ach ja: „Der Autor der Studie […] der Publizist, Historiker und Soziologe Rainer Zitelmann, zählt als vielfacher Millionär selbst zu den „Betroffenen“. Er hat sein Vermögen mit Immobiliengeschäften gemacht. Zitelmann hält es für dringend notwendig, dass die Reichen selbst den Kampf gegen die Vorurteile aufnehmen.“
    Ein Schelm, wer Böses …

    Meine Empfehlung an den/die Autor*in „VGSD-Redaktionsteam“:
    https://www.youtube.com/watch?v=l9hNjmJxc0U
    https://www.oxfam.de/blog/lotterie-lebens-guten-leben-alle
    http://www.die-umwelt-akademie.de/index.php/veranstaltungen/veranstaltungen/nachhaltige-lebensstile/750-24-02-2019-die-gruene-luege-film-und-disskusion-mit-kathrin-hartmann-2

    PS: Schade, dass sich der VGSD, der sich doch eigentlich für die Sache der „kleinen“ Solo-Selbständigen einsetzt, solch fragwürdige Positionen zu vertreten scheint.

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    1. Andreas Lutz schreibt:

      Hallo Charles,
      gerade muss ich an ein Erlebnis mit einem Freund vor vielen Jahren denken. Ich hatte über einen Film berichtet, der mir gut gefallen hat und er meinte dann, der Film sei aus diesen und jenen Gründen trotz der guten Besprechungen Mist. Auf die Frage, ob er denn den Film selbst gesehen habe oder zumindest den Trailer, antwortete er: Ich werde mir noch nicht auch noch so etwas anschauen.
      Daran muss ich gerade ein wenig denken.
      Ich habe das Gefühl, dass dein Urteil schon vorher aufgrund der Thematik feststeht.
      Du hast natürlich Recht damit, dass der Autor selbst Betroffener ist. Es ist jetzt aber nicht so, dass er mal eben ein Buch geschrieben hat, um irgendwelche abstrusen Theorien unter die Leute zu bringen, sondern es ist ein bekannter Autor und Journalist, der mehr als 20 teils viel beachteten Bücher zu allen möglichen Themen geschrieben hat, bekannt wurde über sein Buch über Hitler.
      Warum wir uns mit dem Thema Vorurteile beschäftigen, steht oben im Text: Die (Solo-)Selbstständigen sind vielen Vorurteilen ausgesetzt, die ohne Faktenprüfung von Medien und Politik wiederholt werden und die zu fragwürdigen politischen Entscheidungen führen.
      Teils sind wir mit denselben Vorurteilen konfrontiert wie „Reiche“: Der Selbstständige als Steuertrickser, der sich der Sozialversicherung entzieht. Teils den entgegengesetzten Vorurteilen: Dass alle Selbstständigen in prekären Verhältnissen leben würden. Teils hört man in einem Gespräch von manchen Politikern beide Arten von Vorurteilen, um mal die eine, mal die andere Maßnahme zu begründen, die uns das Leben schwerer macht.
      Deshalb finde ich es wichtig (und das war für mich ein Learning aus vielen Gesprächen in der BAGSV), dass wir gegen Vorurteile gegen Selbstständige ankämpfen. Hierfür bietet das Buch m.E. gute methodische Anregungen von jemand, der zu dem Thema gerade seine zweite Doktorarbeit in Soziologie geschrieben hat.
      Sollten wir in Zukunft eine Studie zu Vorurteilen über Selbstständige veröffentlichen hoffe ich, dass sie nicht schon aufgrund des Absenders als „Mist“ gebrandmarkt wird… Wenn die Reaktion ist, dass man so eine Studie gar nicht erst liest, weil sie vom Falschen geschrieben wurde, dann wird unser Kampf gegen Vorurteile sehr schwierig…

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      1. charles schreibt:

        Hallo Andreas,
        danke für deine Antwort. Wie ich ja beschrieben habe, ist mir Sach-Finanzliteratur nicht unbekannt; das Thema interessiert mich. Insofern traue mich mir auch ein Urteil zu, welches ich mir stets aus Quellen verschiedener Richtungen bilde. Marx war noch gar nicht dabei. 😉
        Dass wir (Solo-)Selbstständigen – und dankenswerter Weise du in der ersten Linie – mit Vorurteilen konfrontiert werden, weiß ich natürlich. Dabei ist es aber sachlich unnötig sich mit Vorurteilen zu messen, die ein anderer an sich wahrnimmt, sei es ein Investor, ein Spekulant oder der Papst.
        Hilfreicher für unsere Sache, fände ich einen Artikel über die Ursachen der politischen Vorurteile gegenüber den Selbstständigen und nicht mehr.
        … und vielleicht … lese ich das Buch ja doch noch eines Tages.
        Eine schöne Woche, C.

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