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Warum bist du selbstständig? - Nicole Schmidt, Diplom-Ingenieurin "Das Angestelltendasein ist auch ein Risiko"

In den zehn Jahren als angestellte Ingenieurin hatte Nicole Schmidt einiges erlebt: Umzüge ins Ausland, Firmenpleiten und einmal sogar eine Kündigung, weil sie sich dafür eingesetzt hat, dass eine Kollege nicht entlassen werden sollte. In ihrer Selbstständigkeit bot sie zunächst Seminare und Kurse an, bis sie durch einen Großauftrag zur technischen Übersetzerin und Dolmetscherin wurde. Hier ist Nicoles Geschichte über ihren Weg in die Selbstständigkeit:

Nicole Schmidt ist studierte Diplom-Ingenieurin und seit 18 Jahren als technische Übersetzerin und Dolmetscherin selbstständig

Mein Name ist Nicole Schmidt. Ich bin studierte Diplom-Ingenieurin und seit 18 Jahren selbstständig. Heute übersetze ich technische Texte verschiedenster Art aus und in die Sprachen Deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch, wobei der Schwerpunkt meiner Expertise in den Bereichen Technik, Umwelt und Chemie liegt. Außerdem stehe ich meinen Kunden als Dolmetscherin für Französisch und Deutsch zur Verfügung.

Führungskräfte ohne Führungsqualität

Nach fast zehn Jahren als angestellte Ingenieurin im Vertrieb (und kurz auch im Einkauf) verschiedener Firmen hatte ich fast alles durch, was man in Unternehmen so erleben kann: von der Einstellung als Quotenfrau zur Bereicherung des Betriebsklimas über bewusstes Mobbing durch Vorgesetzte bis hin zu Firmenpleiten.

Ich hatte mit Personalleitern zu tun, die sich nicht an Verschwiegenheitsvereinbarungen hielten, Vorgesetzten, die fanden, dass man sich erst dann als „belastbar“ bezeichnen darf, wenn man eine Woche in den USA war, danach eine Woche in China und dann immer noch taufrisch ohne Pause und mit vielen Überstunden weiterarbeitet und vielen anderen mehr. Viele meiner Vorgesetzten waren exzellente Fachleute, aber leider hatten die meisten von ihnen nie die Gelegenheit zu lernen, wie man eine gute Führungskraft wird.

Diverse schlechte Erfahrungen in Unternehmen

Jeder Firmenwechsel hieß für mich, neu anzufangen. Abgesehen von der Einarbeitung in neue Technologien war das meistens auch mit einem Wohnortwechsel verbunden oder mit viel Fahrerei unter der Woche, einmal auch mit einem Umzug ins Ausland. Immer wieder mit dem fast vergeblichen Versuch, sich bei einer 50-Stunden-Woche auch noch irgendwie ein soziales Umfeld zu schaffen oder an so etwas wie „Work-Life-Balance“ zu denken. Und dann wurde ich auch noch bei jedem Einstellungsgespräch gefragt, wann ich denn schwanger zu werden gedenke…

Als ich beim fünften Arbeitgeber angekommen war und mich dafür einsetzte, dass ein Kollege nicht entlassen wurde, bekam ich dafür die Kündigung. Rechtswidrig. Mit der Begründung,  „Irgendeiner müsste ja gehen“. Den Kollegen wurde erzählt, ich hätte die Firma auf eigenen Wunsch fristlos und ohne Abschied zu Weihnachten verlassen. Das war der Moment, an dem ich wusste: Ich werde nicht mehr als angestellte Ingenieurin weitermachen. Nicht hier, nicht woanders. Gar nicht.

Es musste ein Plan B her

Zuerst schlug ich einen völlig anderen Weg ein und absolvierte eine Ausbildung im therapeutischen Bereich. Mein neues Wissen gab ich dann schon bald in Seminaren und Kursen weiter. Das war der Anfang meiner Selbständigkeit 2003. Um über die Runden zu kommen, bot ich zusätzlich auch Telefonmarketing als Vertriebsdienstleistung, Sprachunterricht und Nachhilfe an, was sich sehr gut mit meiner Seminartätigkeit kombinieren ließ. Aber so ganz richtig fühlte sich das das alles noch nicht an.

Mit einem Großauftrag zur jetzigen Selbstständigkeit

Nicole Schmidt hat sich nach Jahren als Angestellte selbstständig gemacht

Im Herbst 2004 bekam ich von Eurobogen einen Auftrag angeboten, eine auch menschlich herausfordernde Produktionsverlagerung bei EADS als technische Dolmetscherin zu begleiten, den ich sofort annahm. Hier konnte ich alles anwenden, was ich zu bieten hatte: meinen technischen Hintergrund, meine Französischkenntnisse aus meiner mehrjährigen Schulzeit in Frankreich, meine Übersetzungs- und Dolmetscherfahrung aus meiner Vertriebstätigkeit und mein Wissen und meine Erfahrung im therapeutischen bzw. beratenden Bereich.

Der Auftrag dauerte fast ein Jahr in Vollzeit und hat riesig Spaß gemacht. Ich erinnerte mich wieder, dass ich schon im dritten Berufsjahr als Ingenieurin mal darüber nachgedacht hatte, mich mit technischen Übersetzungen selbstständig zu machen. Damals versprach ich mir davon mehr Freiheit in der Zeiteinteilung und die Möglichkeit, endlich irgendwo sesshaft werden zu können. Nun war der Moment, dies umzusetzen. Ich kontaktierte viele alte Kollegen und akquirierte neue Direktkunden. Die ebenfalls selbstständige Vertriebstätigkeit als Zubrot ergänzte mein Portfolio noch eine Weile, bis ich dies vor einigen Jahren ganz aufgeben konnte und seither ausschließlich als technische Übersetzerin und Dolmetscherin tätig bin.

Heute kann ich mir nichts anderes mehr vorstellen

Die Selbstständigkeit bietet mir die Möglichkeit, genau das zu machen, was mir Spaß macht und was ich kann. Hier kann ich meine unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen einbringen und kombinieren. Meine Kunden bekommen genau das, was sie brauchen: eben nicht einfach eine Übersetzerin oder Dolmetscherin, sondern auch eine Ingenieurin, Vertrieblerin und Coach mit reichem Erfahrungsschatz. Das alles auf einmal anzubieten, könnte mir kein Angestelltenjob bieten. Und meine Kunden können die Kombi, die ich anbieten kann, bei den großen Übersetzungs-Agenturen auch nicht finden.

Außerdem kann ich mir meine Zeit so einteilen, wie es für mich und die Arbeit passt. Ich war noch nie ein Morgenarbeiter und konnte nie verstehen, warum alle meine Vorgesetzten darauf bestanden, dass ich mit meiner Arbeit früh morgens, in meiner unproduktivsten Zeit, beginne. Heute fangen meine Übersetzungstage meist erst am späten Vormittag an und ich nutze meine produktiven Stunden bis in den Abend. Und freue mich, wenn es ab und zu auch mal einen anderen Rhythmus gibt, zum Beispiel beim Dolmetschen.

Zwischendrin mal Walken gehen

Als Angestellter würden mir die Freiräume fehlen, einfach mal walken zu gehen, wenn ich mich nicht mehr richtig konzentrieren kann, und auch die Ruhe in meinem eigenen Büro. Mit Kollegen bin ich trotzdem in Kontakt, dank sozialer Netzwerke. In den Pausen treffe ich meinen Mann, der auch selbständig ist und sein Büro hier im Haus hat, und meine Nachbarn. Und meine beiden Hilfsübersetzer, zwei wunderbare Katzen, verhindern ebenfalls, dass ich mich in meinem Büro einsam fühlen würde. Für mich ist das so perfekt. Auch wenn es Durststrecken gab und gibt.

Das war zum Beispiel anfangs der Fall, als die Bezahlung natürlich nicht mit einem Ingenieurjob mithalten konnte, es auch mal Auftragslücken gab, in denen ich nicht wusste, wie es weitergehen würde und ich keine Ruhe hatte, die Zeit einfach zum Urlaubmachen zu nutzen. Auch wenn manchmal die Unterstützung fehlte, wie beispielsweise im letzten Jahr, als ich als Solo-Selbstständige keine Hilfen bekam, weil ich trotz Umsatzeinbrüchen die Kriterien für die Hilfszahlungen nicht erfüllt habe.

Anderen Mut machen, sich nicht fremdbestimmen zu lassen

Manche sagen, selbstständig zu sein sei ein großes Risiko. Aber für mich war auch das Angestelltendasein immer ein Risiko, weil jeder Arbeitgeberwechsel immer auch bedeutete, privat wieder irgendwo neu anfangen zu müssen. In der Selbstständigkeit habe ich dieses Problem nicht. Und Durststrecken spornen mich an, neue Wege zu suchen, mein Angebotsportfolio zu überdenken und neue Kunden zu finden, die zu mir passen und die genau das brauchen, was ich ihnen bieten kann.

Ich würde mich immer wieder selbstständig machen und möchte auch anderen Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen. Entscheidungen selbst zu fällen, sich nicht fremdbestimmen zu lassen und dann natürlich auch selbst für seine Entscheidungen gerade zu stehen. Das macht es für mich aus.

Anmerkung:

Unsere Aktion "Warum bist du selbstständig?" stieß bei euch auf eine große Resonanz, worüber wir uns sehr freuen. Dabei haben wir deutlich mehr Zuschriften bekommen als wir erhofft haben. Wir bedanken uns herzlich bei euch, dass ihr euch die Zeit genommen habt, mit uns eure Geschichte zu teilen.

Wie ihr bestimmt schon gesehen habt, haben wir bereits eine Reihe von Warum-Geschichten veröffentlicht. Die Geschichten, die wir auswählen, zeigen immer neue Aspekte und Gründe für eure Selbstständigkeit: Seid ihr Unternehmer, weil eurer Kreativität in dieser Berufsform keine Grenzen gesetzt sind, weil die Freiheit durch eine Selbstständigkeit unbezahlbar ist - oder warum? Wir möchten mit der Auswahl der Geschichten der Vielfalt an Gründen für eine Selbstständigkeit Rechnung tragen und diese Bandbreite aufzeigen. Wir bitten daher um euer Verständnis, wenn wir deshalb nicht jede Geschichte veröffentlichen können, hoffen aber, euch durch immer neue Ansichten inspirieren zu können.

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