Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Warum bist du selbstständig? – Melina Sedó, Tango-Tänzerin und -Lehrerin: „Freiheit und Kreativität sind mir zu viel wert“

Melina Sedó ist Tangotänzerin. In den 80ern studierte sie Psychologie – und gab sie später wieder auf, für den Tanz, Foto: Thorsten Janes

Warum um alles in der Welt hast du dich selbstständig gemacht? Was beglückt dich in deinem Business, was treibt dich an? Warum bist du trotz aller Hindernisse Unternehmerin oder Unternehmer – und willst es auch bleiben?

Das wollten wir von dir wissen und haben auf unseren Aufruf hin mehr als 80 spannende Geschichten erhalten. Heute erzählt uns Melina Sedó, Tango-Tänzerin und -Lehrerin, ihre Geschichte.

Mein Name ist Melina Sedó und bis März 2020 unterrichtete ich mit meinem Partner Detlef Engel europaweit und in den USA Tango Argentino. Darüber hinaus organisieren wir Events, ich schreibe einen Blog und arbeite als DJ auf Tango-Events. Wir haben ein Lehrbuch veröffentlicht und bilden Tango-Lehrer und -Lehrerinnen aus. Gerade jetzt arbeite ich an einem zweiten Buch, allerdings hat dies nichts mit Tanz zu tun. Dazu später mehr.

 

In den 80ern Psychologie studiert – Tanzen immer nur als Hobby

Ursprünglich habe ich das Diplom in Psychologie an der Universität des Saarlandes gemacht und in der Jugendhilfe gearbeitet. Leider hat mich Psychologie nicht wirklich interessiert, aber in den 80ern war es durchaus üblich, Berufe zu wählen, die später wirtschaftliche Sicherheit gewähren – und dabei weniger auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Ich hatte auch weiterhin nicht vor, die Psychologie aufzugeben und Tanzlehrerin zu werden. Dies wäre ein ziemlich absurder Gedanke gewesen.

Aber das Leben spielte anders: Im Jahr 2000 lernte ich meinen jetzigen Tanzpartner im Tango kennen. Obwohl ich seit frühester Kindheit alle möglichen Arten von Tanz ausgeübt hatte, hab ich dies immer nur als Hobby gesehen. Aber nun zogen wir durch unseren besonderen Stil auf der Piste Aufmerksamkeit auf uns und man bat uns, Vorführungen und Unterrichtsstunden zu geben. Zuerst sträubte ich mich, da ich ja schon einen Beruf hatte, aber auf Drängen meines Tanzpartners gab ich nach.

 

Tango-Events in Europa und den USA

Und so begannen wir, in drei deutschen Städten und im französischen Metz regelmäßig zu unterrichten. Bevor ich mich versah, kamen Einladungen für Wochenend-Workshops und Tangoreisen in Deutschland, Frankreich und Italien hinzu. Da wir das erste Tango-Tanzpaar weltweit waren, das (lange vor Youtube) auf seiner Website Tanzvideos von sich zeigte, bekamen wir auch viel positives Feedback aus anderen Ländern, insbesondere den USA. Ab 2003 organisierten wir regelmäßig Tanzevents, zu denen bald Gäste aus aller Welt anreisten.

 

Psychologie und Tango gleichzeitig

Aber meine Arbeitsbelastung stieg. Als Psychologin hatte ich zwar nur eine Zweidrittel-Stelle, aber ich musste trotzdem Urlaub nehmen, um Workshops in weiter entfernten Städten geben zu können. An mehreren Abenden in der Woche war ich bis spät als Lehrerin in einem Umkreis von 150 km um Saarbrücken herum unterwegs. Das konnte nicht so weiter gehen!

Trotzdem dauerte es fast ein Jahr, bis ich mich zu einer Entscheidung durchringen konnte. Dabei half, dass mein Vorgesetzter im Beratungsbüro gleichzeitig auch mein Tangoschüler war und sich unser Arbeitsverhältnis zusehends schwierig gestaltete. Deswegen gab ich die Psychologie mit 39 Jahren auf. Mein Tanzpartner, der bis dahin als Elektroingenieur in der Lehre gearbeitet hatte, traf kurz vorher die gleiche Entscheidung und wir waren nun frei, unsere Energie und Zeit in den Tango zu stecken.

Viele Bekannte waren davon überzeugt, dass dies ein viel zu großes Risiko darstellte und fragten sich, warum ich eine sichere „Karriere“ als Psychologin freiwillig aufgeben würde. Aber ehrlich gesagt: Ich hatte kaum eine Wahl, da ich als mich Angestellte immer mehr am falschen Platz fühlte. Und das wirtschaftliche Risiko war überschaubar. Da ich bei meinem offiziellen Eintritt in die Selbstständigkeit schon fast fünf Jahre „nebenbei“ gearbeitet hatte, hatte ich schon das Know-how und einen großen Kundenstamm. Natürlich musste ich viel Arbeit in den Bereich Marketing und Kontaktpflege stecken, damit wir nun zu 100 Prozent davon leben konnten.

 

Die nächsten 14 Jahre weltweit aktiv

Reich sind wir nicht geworden, aber erfolgreich – viel erfolgreicher, als man es Nicht-Argentiniern in diesem Bereich zutrauen würde. In den nächsten 14 Jahren arbeiteten wir in ganz Europa und den USA, fingen an, Tango-Lehrende auszubilden und halfen auch durch unsere Events, eine internationale Community von Tanzenden aufzubauen, die nicht das schnelle Vergnügen, sondern eine tiefe Verbindung zu anderen Tanzenden und qualitativ hochwertigen Unterricht und Veranstaltungen suchen.

Trotz der Erfolge waren die vergangenen Jahre nicht einfach: ständiges Leben aus dem Koffer, eine Geschäftspartnerschaft, die auch nach der Auflösung einer persönlichen Bindung weiterhin „funktionieren“ musste, das Auftauchen jüngerer Konkurrenz, und vieles mehr. Aber da wir konsequent eine authentische Geschäftsidentität und hochwertige Pädagogik verkörperten, mussten wir nie um unser Einkommen bangen. Ich bereute meine Entscheidung, in die Selbständigkeit zu gehen, nie.

 

Einfluss auf die Tango-Szene nehmen

Dazu kommt, dass unser Beruf unglaublich vielfältig und befriedigend ist: Durch meinen Unterricht kann ich maßgeblich die Tanz-Qualität verbessern und durch meine Veröffentlichungen habe ich Einfluss auf die Entwicklung der Tangoszene. Menschen erfahren durch uns Freude und lernen andere Tanzende aus aller Welt kennen – unzählige Freundschaften wurden so erschaffen. Gerade gestern bekam ich einen Brief von einer Schülerin, die mir dafür dankte, dass ich ihr Vertrauen gab, Kontakte im Tanz zu machen, und dadurch ihren jetzigen Lebenspartner kennenzulernen. Solche Feedbacks machen mich glücklich und stolz.

Und die Arbeit ist anspruchsvoll: Ich unterrichte in vier bis fünf Sprachen, erstelle Websites, organisiere Kongresse und Events und sorge dafür, dass auch die nächste Generation Lehrender gute Arbeit machen kann. Ich bilde mich ständig im Bereich Körperarbeit und in der Musiktheorie weiter, sodass sich unser Angebot immer weiter entwickelt und nicht qualitativ stagniert. Ich kann eine Vielzahl von Fähigkeiten und Interessen miteinander verbinden und es wird nie langweilig.

 

Kunden tragen über die Krise – aber 2021 wird hart

Durch unser Engagement entstanden tiefe Bindungen zu unseren Kunden und Kundinnen, die uns jetzt auch über die Krise brachten: Im letzten Jahr halfen sie uns dadurch, dass sie Geld spendeten, unsere digitalen Produkte kauften und viele tausend Euro für Events und Unterricht stehen ließen, die wegen des permanenten Lockdowns erst 2021 oder sogar später stattfinden werden. So war unser Einkommen im Jahr 2020 nur unwesentlich geringer als im Jahr davor.

Das Problem ist, dass wir womöglich nicht das Jahr 2021 überstehen, da es schon seit Oktober keine „frischen“ Einnahmen mehr gibt. Es wird bis mindestens bis zum Sommer dauern, bis wir die Zahlungen „abgearbeitet“ haben, die wir vorgestreckt bekommen haben, und wann es wieder möglich sein wird, zu reisen bzw. wann Tango-Veranstalter wieder damit beginnen, externe Lehrer auf Festivals oder Workshops einzuladen, steht noch in den Sternen.

 

Gestern als Tango-Akteure gesehen, heute als gefährlich und frivol

Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich im vergangenen Jahr nicht auch damit haderte, meinen Beruf als Psychologin aufgegeben zu haben. Als Angestellte müsste ich mich jetzt nicht über meine finanzielle Zukunft sorgen. Was mich aber mehr belastet hat, ist, dass alles, wofür wir stehen – der nahe, zwischenmenschliche Kontakt – von heute auf morgen nicht nur „system-irrelevant“, sondern sogar „schädlich“ geworden ist. In der Gesellschaft wird das, was wir tun, nun als frivol und gefährlich angesehen. Als im wir in der Zeit von Frühsommer bis Herbst im Rahmen der gesetzlichen Beschränkungen Unterricht und Übungsabende in kleinen Gruppen anboten, wurden wir dafür sogar von Tango-Freunden und -Freundinnen stark kritisiert. Gestern waren wir noch international anerkannte Tango-Akteure, heute sind wir potentielle Mörder. Das tut weh.

 

Trotz allem: Non, je ne regrette rien!

Die positiven Erfahrungen und der spannende Beruf waren all den Stress und sogar das Leid dieses Jahres wert. Ob sich unser Geschäftsfeld je wieder erholt, ist im Moment allerdings nicht absehbar. Ich rechne ehrlich gesagt nicht damit, schon alleine, weil viele Menschen zu traumatisiert sein werden, je wieder in engen Kontakt zu anderen zu gehen. Meine Welt des „Gehens in Umarmung“ ist zusammengebrochen.

Deswegen habe ich mich nun einer alten Liebe zugewandt. Schon während meines Studiums übersetzte ich Bücher im Bereich „Fantasy-Rollenspiel“ und veröffentlichte Texte in Magazinen. Nun habe ich den Auftrag erhalten, eine Kampagne zu entwickeln und sitze an meinem Rechner, recherchiere, entwerfe Ideen und schreibe. Wieder eine spannende Tätigkeit, die mich zumindest bis zum Herbst ernähren wird.

Was danach ist, weiß ich noch nicht. Sicher ist, dass ich weiterhin selbstständig arbeiten und nicht in eine Festanstellung zurück gehen werde. Dazu sind mir meine Freiheit und Kreativität einfach zu viel wert.

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