Brauchen wir ein Schulfach „Selbstständigkeit“, wie heute in der Süddeutschen Zeitung gefordert?

Foto: Pixabay, jarmoluk

In einem Meinungsbeitrag in der Süddeutschen Zeitung fordert die Journalistin Sophie Burfeind heute die Einführung des Schulfachs „Selbstständigkeit“.

Ihr Ausgangspunkt ist eine Befragung der Unternehmensberatung EY: 63% der deutschen Studenten wollen in ein Angestelltenverhältnis, 32% am liebsten in den öffentlichen Dienst.

„Diese Einstellung schadet dem ganzen Land“ findet die Autorin. Denn wer sorgt dann dafür, dass die durch die Digitalisierung wegfallenden traditionellen Stellen an anderer Stelle neu entstehen?

Deshalb sei es nötig, dass schon in der Schule Gründergeist und Eigeninitiative vermittelt werden. Das sei die beste Vorbereitung auf das digitale Zeitalter. In einem Schulfach „Selbstständigkeit“ würden die Schüler lernen, die eigenen Stärken zu entdecken, kreativ und zugleich kritisch zu sein und Verantwortung zu übernehmen.

Sie würden lernen, dass sie nicht versagen, wenn mal eine Idee nicht funktioniert, sondern dass man mehr davon profitiert, eigene Visionen zu entwickeln und umzusetzen, als immer nach größtmöglicher Sicherheit zu suchen. Wirtschaftskompetenz und gesellschaftliche Verantwortung seien dabei eng verzahnt.

 

Meine Meinung: Die Autorin trifft den Kern der Sache

Jeder Selbstständige wird bestätigen, dass jede Gründung ein intensiver und bereichernder Lernprozess ist, der einen auch als Mensch verändert und voran bringt. Unter anderem lernt man, in allen Bereichen mehr Verantwortung zu übernehmen und entwickelt mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Die Forderung nach einem neuen Schulfach, das mehr Wirtschaftskompetenz vermittelt und das zu Selbstständigkeit und Eigenverantwortung ermutigt, teile ich – ein solches Fach vermisste ich schon während meiner eigenen Schulzeit. Das neue Fach könnte tatsächlich „Selbstständigkeit“ heißen, sollte meines Erachtens aber auch zum mündigen Verbraucher, Arbeitnehmer, Bürger erziehen, der z.B. bei Themen wie Altersvorsorge oder Versicherungen besser informierte Entscheidungen treffen kann, seine Rechte als Arbeitnehmer kennt und weiß wie er sich politisch gegen Fehlentwicklungen zur Wehr setzen kann.

Dabei darf man nicht bei der Vermittlung von theoretischem Wissen stehen bleiben. Diese Themen laden zur eigenständigen Recherche, zu Gesprächen mit Außenstehenden und zum probeweisen praktischen Umsetzung ein.

Auch wenn es bei einem solchen neuen Schulfach nicht nur um die Gründung eines Unternehmens gehen sollte, trifft die Autorin genau den Kern: Angesichts von Globalisierung und sich beschleunigendem technischen Fortschritt ist es eine Illusion, dass Staat, große Unternehmen und Gewerkschaften dauerhaft Sicherheit und Stabilität garantieren können. Die künftigen Bürger, Verbraucher und Arbeitnehmer müssen mit Unsicherheit und Unübersichtlichkeit besser umgehen können und sollten darauf besser vorbereitet werden. Momentan lässt die Schule sie hier weitgehend alleine und es hängt vom Zufall bzw. vom Elternhaus ab, wie gut vorbereitet sie ins Leben gehen.

 

Die Herausforderungen sind überwindbar

Die Einführung eines solchen Faches ist nicht ohne Herausforderungen: Vermittelt werden müssen Selbstständigkeit und Umgang mit Unsicherheit von Lehrern, die sich ja bewusst für den öffentlichen Dienst und damit Sicherheit und Einbettung in eine hierarchische Organisation entschieden haben. Idealerweise sollte man in einem solchen Fach deshalb auch Außenstehende, z.B. Selbstständige, Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgebern, Politiker, Journalisten usw. einladen.

Ganz abgesehen von dem damit verbundenen Aufwand ist das natürlich auch mit Gefahren verbunden oder zumindest mit der Angst davor, dass hier gesellschaftliche Gruppen auf die Schüler Einfluss nehmen könnten. Die Frage stellt sich spätestens, wenn ein Versicherungsvertreter eingeladen wird, Finanzprodukte zu erklären. (Wobei in früheren Jahren auch schon Sparkassen-Mitarbeiter in Schulen eingeladen wurden…)

Als Selbstständiger bin ich naturgemäß optimistisch und glaube, dass unsere Lehrer und Schüler diese Herausforderungen schon bewältigen werden. Ebenso wie den Schülern sollten wir auch den Lehrern etwas mehr Eigenverantwortung zutrauen, wenn wir wollen dass sie selbige vermitteln.

Und wann führen wir das Schulfach „Selbstständigkeit“ denn nun ein? 😉

6 Kommentare

  1. Thomas Kimmich schreibt:

    Ja klar und dann streichen wir den Gründungszuschuss und Frau Nahles sorgt dafür dass die „Selbstständigen Arbeitnehmer“ rausgeschmissen werden.
    Ich wünsche mir viel mehr Gründer Geist in der GANZEN Gesellschaft und nicht nur in der Schule:
    ( Politik, Privatleute, Wohnungsbau, Flüchtlinge, Alleinerziehende, die Liste lässt sich endlos fortsetzen…)

    Frei nach Obama: „“Now, what else can I do?”
    https://www.facebook.com/barackobama/posts/10155401589581749

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    1. stefan schreibt:

      Da stimme ich zu.

      Zentralstaat und Selbständigkeit passen selten zusammen. Bleibt zu hoffen, das die liberalen Kräfte in Jamaika an den Punkten überzeugen.

      Die Energiewende hat von den vielen kleinen Unternehmen und selbständigen Ingenieuren profitiert die Solaranlagen installieren, Abwärme nutzen etc. Hoffentlich setzen sich an dem Punkt Winfried Kretschmann und Cem Özdemir durch. Die zahlreichen kleinen Bauernhöfe die kontrolliert oder BIO anbauen sind Selbständige und frei von der Hand der Großindustrie. Die selbständige Landwirte die direkt vermarkten sind frei von großen Ketten. Selbständigkeit nutzt dem Klima und dem Tierschutz.

      Hoffentlich haben die Grünen und die Union den Mut mehr Selbständigkeit zu wagen.

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      2. stefan schreibt:

        Ganz vergessen, kleine romantische Bauernhöfe könne als Auftraggeber oder als Helfer bei anderen Bauern in die Falle der Scheinselbständigkeit geraten. In meiner Kindheit war es normal, dass sich größere und kleinere Bauern gegenseitig bei der Landarbeit geholfen haben. Maschinen waren und sind immer ein großer Kostenfaktor und nicht alle Maschinen werden laufend im Jahr gebraucht (Erntemaschine, Sähmaschinen etc.).
        Der VGSD berichtet im Januar über folgenden Fall:
        https://www.vgsd.de/auch-fahrer-ohne-eigenes-fahrzeug-kann-im-einzelfall-selbststaendig-taetig-sein/

        Wenn die Grünen wirklich von den „Tier- und Agrafabriken“ weg wollen, ist Rechtssicherheit in Punkto „Scheinselbständigkeit“ für die sogenannten Lohnunternehmer sehr wichtig.

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  2. Benedikt schreibt:

    Super Idee! Meine Rede seit Jahren! Ich finde es sehr schwer erträglich zu sehen, wie wenig Ahnung Jugendliche davon haben.
    Bei mir hieße das Schulfach etwas neutraler „Geld“ und würde die ganze private Teilhabe am Wirtschaftsleben behandeln (Geld, Währungen, Planung, Versicherungen, Vorsorge, Steuern, etc…). Damit wäre das Thema „Selbständigkeit“ automatisch Inhalt.
    Aber ob Lehrer, die meiner Erfahrung nach bisweilen ziemlich lebensfremd sind und nicht mal den Unterschied zwischen einer Hausrat- und einer Haftpflichtversicherung kennen, das vermitteln können? Ich bin mir nicht sicher…

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    1. hans schreibt:

      In NRW hat die FDP, dass Schulfach Wirtschaft wieder eingeführt. Es wurde vorher von Rot-Grün abgeschafft. Interessant ist hier, dass die Schüler sich selbst „lebensfremd“ in der Ausbildung sahen. Also kein Druck von Eltern, Lehrer oder Unternehmern.

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