Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Hamburger Appell fordert faire Honorare und Arbeitsbedingungen für selbstständige Dozent/innen

Gemeinsame Demo von Trägerverbänden und Lehrkräften im Februar 2020 vor dem Landtag in Hannover, Foto: Artur Sieg

Ein Großteil der Erwachsenenbildung in Deutschland ist staatlich finanziert. Fast 20.000 Lehrkräfte, die meisten selbstständig, geben Integrations- und Berufssprachkurse (für Migrant/innen und Geflüchtete), die vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) im Auftrag vom BMI und BMAS an Träger der Erwachsenenbildung vergeben werden.

Über die Bedeutung gelungener Integration und des lebenslangen Lernens sind sich (fast) alle Politiker einig. Aber kosten soll diese möglichst wenig und gespart wird insbesondere an den Sprachlehrkräften. Als Selbstständige erhalten sie gerade einmal 20 bis 41 Euro pro Unterrichtsstunde – mit enthalten ist dabei die aufwändige Vor- und Nachbereitung. Arbeitet man in einem BAMF-Kurs, bekommt man ab Januar ein Honorar in Höhe von 41 (bis jetzt 35) Euro. Außerhalb der BAMF-Kurse erhalten die (fast immer) selbstständigen Dozent/innen für ihre Spanisch-, Computer-, Gesundheits- oder Politikkurse nur 15 bis 25 Euro pro Unterrichtsstunde.

 

Unterm Strich 8,50 Euro pro Arbeitsstunde

Selbstständige Lehrer sind rentenversicherungspflichtig, zahlen aber anders als Künstler und Publizisten Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeitrag selbst. Dadurch und durch die im Vergleich zu Angestellten höhere Bemessungsgrundlage ist die prozentuale Belastung mit Steuern und Abgaben sehr hoch. Den Lehrern bleiben je nach Kursart 8 bis 22 Euro „netto“ für eine Unterrichtsstunde. Rechnet man Vor- und Nachbereitung mit ein, landen sie damit nicht selten unter dem Mindestlohn. Anders als Angestellte tragen sie aber das volle unternehmerische Risiko, etwa im Krankheitsfall.

Wer im Bereich Deutsch eine Festanstellung ergattert, hat es nicht besser, es gibt meist nur befristete Verträge. Sofern die Lehrkräfte in „Vollzeit“ arbeiten, werden von ihnen oft 40 bis 50 Unterrichtsstunden verlangt. Vor- und Nachbereitung müssen sie also großenteils in ihrer Freizeit erledigen und kommen somit auf effektive Arbeitszeiten von bis zu 60 Zeitstunden pro Woche. Für den damit verbundenen Raubbau an ihrer Gesundheit erhalten sie typischerweise etwa 3.000 Euro brutto pro Monat. Auch die Unterrichtsqualität leidet darunter, wie die sehr niedrigen Bestehensquoten in den BAMF-Kursen belegen.

 

Situation durch Corona-Krise weiter verschärft

Artur Sieg aus dem Sprecherteam des Bündnisses DaF/DaZ-Lehrkräfte unterstützt den Appell, Foto: privat

Durch die Corona-Krise hat sich die Lage der Lehrenden, aber auch der Weiterbildungsunternehmen, bei denen sie tätig sind, weiter verschärft. Denn wenn kein Unterricht stattfinden kann, wird auch keiner bezahlt. Viele Betriebe haben deshalb ihre Rücklagen aufgezehrt, die Lehrenden sind in Existenznot geraten und oft überschuldet. Viele müssen sich notgedrungen beruflich umorientieren.

Integration und lebenslange Lernen können aber nur dann gut gelingen, wenn die Weiterbildungsträger in die Lage versetzt werden, menschenwürdige Arbeitsbedingungen anzubieten und in zukunftsfähige Ausstattung zu investieren. Zwar gibt es für die BAMF-Kurse eine Pandemiepauschale, diese ist jedoch viel zu niedrig und nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was die anderen Kurse (Italienisch, Rhetorik, Gesundheit, Computer oder Geschichte) betrifft, so wurden sie einfach für Monate abgesagt, oder findet in sehr eingeschränktem Umfang statt.

Trotz der Sonntagsreden über die Bildungsrepublik Deutschland, war die Lage der Erwachsenenbildung bereits vor der Corona-Krise sehr schlecht. Sie wurde jahrzehntelang von der Politik vernachlässigt, vor allem auf Landesebene. Die Finanzierung liegt zurzeit auf dem Niveau der 90-er Jahre. Die Länder geben nicht einmal ein Prozent des Bildungsetats für die Erwachsenbildung, die vierte Säule des Bildungssystems, aus.

 

Fortbestand vieler Weiterbildungseinrichtungen gefährdet, Lehrende orientieren sich um

Deshalb fürchten die Lehrenden, dass – wenn sich an der Finanzierung der Weiterbildung in den nächsten Monaten nichts ändert – ein erheblicher Teil der Träger die Pandemiezeit nicht überleben wird. Die staatlich verantwortete Weiterbildung sehen sie vor dem Abgrund.

Mit dem Hamburger Appell, der von der Hamburger Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) initiiert wurde, haben sie deshalb im Oktober 2020 die politischen Entscheidungsträger aufgefordert, noch vor der Bundestagswahl die Deutschkurse des Bundes und die Erwachsenbildung insgesamt besser zu finanzieren. Hierzu gehören aus ihrer Sicht faire Honorare und eine verbindliche Obergrenze der wöchentlich zu leistenden Unterrichtsstunden. Der Wettbewerb soll über die Qualität der Lehrenden, nicht über den Preis ausgetragen werden.

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