Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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IfM Bonn: Viele Selbstständige mit geringem Einkommen müssten aufgeben, wenn Rentenpflicht kommt

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Dr. Rosemarie Kay ist stellvertretende Geschäftsführerin des Instituts für Mittelstandsforschung. Foto: IfM Bonn

Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn hat Selbstständigkeit in einer Studie erstmals aus erwerbsbiographischer Perspektive untersucht. Dabei bestätigte sich eine zunehmende Diskontinuität im Erwerbsverlauf: Nach der Ausbildung lebenslang beim selben Arbeitgeber – das gibt es heute kaum noch. Diese zunehmende Diskontinuität ist eines der Hauptargumente für eine Rentenversicherungspflicht.

Dr. Rosemarie Kay, Autorin der Studie und stellvertretetende Geschäftsführerin des IfM warnt jedoch: „Auf der anderen Seite ist aber auch zu befürchten, dass ein größerer Teil der geringverdienenden Selbstständigen ihre Erwerbstätigkeit aufgeben müsste, würde die Bundesregierung ihre Pläne einer verpflichtenden Rentenversicherung für diese Personengruppe realisieren. Hinzu kommt, dass diejenigen, die auf absehbare Zeit lediglich ein geringes Einkommen in der Selbstständigkeit erwirtschaften können, gar nicht erst diesen Weg beschreiten würden.“

 

Zahl der Grundsicherungsbezieher würde zu-, nicht abnehmen

Viele Geringverdiener würden also mit Einführung der Rentenpflicht von einer Gründung abgehalten bzw. müssten ihre Selbstständigkeit aufgeben. Statt im Alter potenziell auf Grundsicherung angewiesen zu sein, würden sie möglicherweise heute Transfereinkommen beziehen:

„Möchte man allerdings die Vorsorgesituation von Selbstständigen signifikant verbessern, müsste auch ein Sicherungsniveau vorgegeben werden. Um beispielsweise Rentenansprüche zu erwerben, die oberhalb der Grundsicherung im Alter liegen, müssen etwa 40 Jahre lang Beiträge auf der Basis des Durchschnittsentgelts der abhängig Beschäftigten gezahlt werden […].

Eine Rentenversicherungspflicht mit vorgegebenem Sicherungsniveau würde dazu führen, dass ein größerer Teil der geringverdienenden Selbstständigen die Selbstständigkeit aufgeben müsste und solche Personen, die nur geringe Einkommen in der Selbstständigkeit erwirtschaften könnten, gar nicht erst den Schritt in die Selbstständigkeit tun.

 


Jetzt mitzeichnen: Mit unserer Petition setzen wir uns für faire Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge ein. Es ist nicht einzusehen, dass Selbstständige deutlich mehr zahlen als Arbeitgeber und -nehmer zusammen. Eine Gesetzesverschärfung zum 1.1.18 macht eine Reform noch dringlicher.


 

Schwarzarbeit würde möglicherweise Vorschub geleistet

Eine derartige Rentenversicherungspflicht würde also einen bestimmten Personenkreis um Erwerbs- und Einkommensoptionen bringen, was sozialpolitisch durchaus kritisch beurteilt werden kann. Möglicherweise würde dadurch auch der Schwarzarbeit Vorschub geleistet.

Gleichzeitig würde sich der Kreis der Grundsicherungsbezieher vergrößern […]. Und denjenigen, die ohnehin schon Grundsicherung beziehen (sog. Aufstocker), würden höhere Grundsicherungsleistungen zu zahlen sein.“ (Seite 42 der Studie)

 

Die Autoren schlagen vor, die Rentenversicherungsbeiträge vollständig steuerlich absetzbar zu machen. Sie verkennen dabei aus unserer Sicht, dass geringverdienende Selbstständige (z.B. solche in Teilzeit) vor allem ein Liquiditätsproblem haben, das von den (im Vergleich zu Angestellten) sehr viel höheren Krankenversicherungs(mindest)beiträgen herrührt, die ihnen aufgebürdet werden.. Es bedraf also keiner Vergünstigung für Selbstständige, sondern lediglich einer Korrektur von Ungleichbehandlungen, die sie im Bereich der Krankenversicherung erfahren.

 

Zahl der Erwerbsepisoden – auch selbstständiger Episoden – nimmt zu

Die Studie beruht auf einer Auswertung des Nationalen Bildungspanels (NEPS) und untersucht quasi die Lebensläufe von heute 30- bis 72-Jährigen (Geburtsjahrgänge 1944 bis 1986).

Selbstständige Männer, die in den 40er und 50er Jahren geboren wurden, wiesen sechs bis acht und selbstständige Frauen – bedingt durch Zeiten der Kindererziehung – acht bis neun unterschiedliche Erwerbsepisoden (einschließlich Ausbildungszeiten) auf. Die Zahl der Erwerbsepisoden pro Person hat im Zeitablauf zugenommen.

80% der untersuchten Selbstständigen haben die Selbstständigkeit bis zum 44. Lebensjahr aufgenommen. Ebenso viele waren nur einmal selbstständig, jeder fünfte jedoch mehrfach (meist zweimal). Auch die Anzahl der selbstständigen Erwerbsepisoden hat im Zeitverlauf zugenommen.

 

Muster bei der Reihenfolge erkennbar – immer mehr hybride Formen

Keine Erwerbsbiographie gleicht dabei der anderen. Bei der Reihenfolge können jedoch einige Muster identifiziert werden. Der mit Abstand häufigste Verlauf führte über die Ausbildung und eine abhängige Beschäftigung zur Selbstständigkeit.

Für viele ist die Selbstständigkeit nur eine Lebensphase. Auf die Selbstständigkeit folgt häufig eine abhängige Beschäftigung, die typischerweise bis zum Ende des beobachteten Zeitraums fortgeführt wurde.

Auffällig ist, dass die jüngeren Geburtsjahrgänge mit einem Anteil von rund 50% die Selbstständigkeit häufiger in Teilzeit ausüben, also parallel zu einer abhängigen Beschäftigung oder einem anderen Erwerbsstatus.

 

Studie

 

1 Kommentar

  1. Andre schreibt:

    Dass so viele Selbständige wieder aufgeben liegt zum Einen an fehlendem Wissen (unrealistische Kalkulation, Selbsteinschätzung), zum Anderen an einer gründerfeindlichen Bürokratie. In einer wirklich kreativen und produktiven Wirschaft ist es wichtig, dass neue Ideen sofort und mit Elan ausprobiert werden können. Scheitern und Neustart inklusive. In einem Land, wo Scheitern ein Stigma ist und die „Wirtschaft“ gern als Bösewicht dargestellt wird, ist kaum zu erwarten, dass sich dieser Geist einmal bis in die Lehrpläne der Schulen durchsetzen wird. Es ist ein Mentalitätsproblem.

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