Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Selbstständigen Deutschland e.V.

Jana Riediger, Sprecherin der IKiD über ihr Engagement in der Coronakrise und eine starke Vernetzung

Jana Riediger war bereits zu Beginn der IKiD, Mitte März, dabei und hat zahlreiche Aktionen begleitet. Foto: Jana Riediger

Im Zuge unserer Interviewstrecke mit Akteuren, die in der aktuellen Pandemie für die Interessen Selbstständiger eintreten, haben wir Jana Riediger interviewt. Sie hat zahlreiche Aktionen, wie zum Beispiel die Demos unter dem Motto #OhneUnsWirdsStill in der Krise begleitet und wirkt als Sprecherin bei der IKiD, der Initiative Kulturschaffender in Deutschland, mit. Der VGSD ist in reger Zusammenarbeit mit der IKiD. Gemeinsam mit weiteren Verbänden besuchten wir unter anderem die Demo in Berlin.

 

VGSD: Was machst du außerhalb von Krisenzeiten beruflich?
Jana: Ich bin selbstständige darstellende Künstlerin und arbeite unter anderem mit dem Ensemble „Die Flugträumer“ aus Berlin zusammen. Wir sind vorwiegend im Bereich Artistik, also Jonglage, Akrobatik, Luftartistik, Walkact und Feuershows tätig. Ich selbst kümmere mich im Ensemble um das Marketing, digitales Design und stehe meistens bei Feuershows sowie als Stelzenläuferin auf der Bühne.

 

VGSD: Welche Erfahrungen hast du in der Coronakrise gemacht?

Jana: Wir haben den kompletten Stillstand der Veranstaltungsbranche erlebt. Unser Kalender für 2020 war bis in den Herbst hinein gut gefüllt mit Großveranstaltungen, Stadtfesten, Firmenveranstaltungen und Themenmärkten. Bereits Anfang März wurden erste Buchungen storniert. Laufende Angebotsverhandlungen haben sich verzögert, da niemand wusste, was passieren wird. Niemand wollte verbindliche Buchungen eingehen. Mit dem 18. März häuften sich dann massiv die Absagen und machten schnell deutlich, dass wir in den nächsten Monaten keinerlei Einkommen haben werden.

 

Schlechte Aussichten für den Winter

VGSD: Wie ist der Stand heute und welche Prognose gibt es für das restliche Jahr 2020?

Jana: Veranstaltungstechnisch finden nur einige wenige Termine statt, zum Beispiel ganz vereinzelt Benefizveranstaltungen in Berlin oder Sonderveranstaltungen in Zusammenarbeit mit langjährigen Partnern. Das sind aber alles eher Ausnahmen. Es handelt sich dabei um höchstens einen bis zwei Termine pro Monat. Zudem rechnen sich diese Veranstaltungen wirtschaftlich nicht und wir verdienen dabei nur etwa 30 Prozent unseres sonstigen Honorars.

Für den Winter wird die Aussicht noch schlechter, da es dann weniger Open-Air-Veranstaltungen geben wird. Die bisher seltenen und sehr kleinen Veranstaltungen waren oft deshalb möglich, weil sie draußen stattfanden. Außerdem zeichnet sich jetzt schon bei den eventuell stattfindenden Winter-Events und Weihnachtsmärkten ab, dass es voraussichtlich kein flächendeckendes Kulturprogramm geben wird.

 

Unterschiedliche Arbeits-, Alltags- und Lebensrealitäten zusammenbringen

 

Die IKiD hat es sich zum Ziel gemacht, Selbstständige unterschiedlichster Branchen während der Krise zusammenzubringen. Foto: IKiD

VGSD: Stell bitte die IKiD vor.

Jana: Die IKiD ist eine bundesweite Initiative betroffener Selbstständiger und Freischaffender verschiedenster Branchen, vorrangig jedoch der Kultur- und Veranstaltungswirtschaft. Die IKiD bildete sich im März als Informationsnetzwerk innerhalb der sozialen Medien. Zielsetzung war der Erfahrungs- und Informationsaustausch rund um die Lage zu den bundesweit geplanten Soforthilfen. Als Ende März durch den Direktkontakt mit Politikern auf Landes- und Bundesebene klar wurde, dass es Unklarheiten zur Nutzung der Gelder für Selbstständige gibt und es bundesweit für die Betroffenen zu Problemen durch die Änderung der Richtlinien kommen wird, haben wir den nicht eingetragenen Verein mit Unterstützung von Ars vivendi gegründet. Von da an forcierten wir intensiv den direkten Austausch mit Medien, Politik und weiteren Verbänden.

Ars vivendi ist ein eingetragener Verein, der historisches Kulturgut und Handwerk erhalten möchte. Da wir die Unterschriften für unsere Petition zur praxisorientierten Anpassung der Hilfsmaßnahmen an die Lebensrealität der Selbstständigen, rechtskonform und nicht über eine Online-Plattform sammeln wollten, gründete sich aus dem losen Netzwerk eine rechtskonforme Initiative. Bei diesem Schritt hat uns Ars vivendi unterstützt und beraten.

Unsere Zielsetzung dabei war, die gefühlte Lücke, die sich aus der Schnittmenge von betroffenen Kulturschaffenden und ihrem besonderen Erwerbsstatus (selbstständig oder freischaffend) ergeben hat, zu schließen. Die Veranstaltungs- und die Kulturbranche haben sogar unter den Selbstständigen oft eine ganz eigene Arbeits-, Alltags- und Lebensrealität. In den einzelnen Berufsverbänden fühlten sich die Betroffenen auch nur teilweise vertreten, da diese natürlich jeden Erwerbsstatus berücksichtigen.

 

Der Versuch, Informationen zusammenzuhalten, auszuwerten und aufzubereiten

VGSD: Wie bist du selbst zur IKiD gekommen?

Jana: Ich war von Anfang an dabei, das war am 11. März. Ich wurde von befreundeten Musikern einer Whats-App-Gruppe hinzugefügt und habe mich am Informationsaustausch über die sozialen Medien beteiligt. Das war eine bunte Mischung von bundesweit aktiven, freischaffenden Künstlern – man kennt sich untereinander von diversen Veranstaltungen und hat so auch ganz schnell seine eigenen Telefonkontakte eingeladen. Es war irgendwie jedem klar, dass der Austausch untereinander in den nächsten Tagen sehr wichtig sein wird. Das war auch die Zeit, in der wir – zu Beginn ein loser Zusammenschluss von selbst Betroffenen, die sich informieren und aktiv werden wollten – die ersten Landes- und Bundestagsabgeordneten mit spezifischen Fragen zu den Soforthilfen kontaktiert haben. Da sind wir also relativ schnell in die „politische Arbeit“ gestolpert.

 

„Den Überblick behalten“

VGSD: Was genau machst du bei der IKiD?
Jana: Ich versuche, den Überblick bei der IKiD zu behalten. Inzwischen ist die Thematik sehr umfangreich und komplex. In jedem Bundesland gibt es eigene Regelungen, Hilfsmaßnahmen und Stipendien. Wir sind im Austausch mit verschiedenen Initiativen, einzelnen Betroffenen, Medien, Verbänden und natürlich unseren eigenen aktiven Mitgliedern.

Da Oliver Golumbiewski und ich recht früh als Sprecher und Ansprechpartner auf Bundesebene agiert haben, versuchen wir, alle diese Informationen zusammenzuführen und gemeinsam mit dem Team auszuwerten und aufzubereiten. Welche Informationen sind wichtig für die Betroffenen? Wo gab es relevante Änderungen seitens der Politik? Wie agieren die Medien? Welche Aktionen sind geplant? Was passiert bei den Verbänden und Initiativen? Und natürlich auch, wie wir anhand dieser ganzen Informationen neue Strategien und Ideen entwickeln.

 

VGSD: Wie viele aktive Mitglieder zählt die Initiative momentan?

Jana: Aktuell sind es circa zehn aktive Mitglieder im Organisationsteam. Mit der Zeit sind es natürlich weniger geworden. Das liegt zum Beispiel auch daran, dass sich einige während der Krise beruflich umorientiert haben und anderweitig geschäftlich aufgestellt haben, beziehungsweise ihre Selbstständigkeit aufgeben mussten. Die Zeit für das ehrenamtliche Engagement war nicht mehr bei allen verfügbar.

 

„In einer Nacht- und Nebelaktion das Positionspapier verfasst“

VGSD: Was habt ihr in der Krise unternommen?

Jana: Nach den ersten zahlreichen E-Mails an Direktkontakte der Politik haben wir in einer wortwörtlichen „Nacht- und Nebelaktion“ im April unser erstes Positionspapier verfasst. Darin haben wir die bis dahin aufgefallenen Probleme und Diskrepanzen mit den Soforthilfen aus Sicht der betroffenen Solo-Selbstständigen aufgezeigt. Die sehr genaue Recherche der vergangenen Tage hatte dafür gesorgt, dass dieses Dokument wirklich sachlich fundiert war. Ich bin immer noch unglaublich dankbar für jeden einzelnen, der diese spontane Arbeit möglich gemacht hat! Innerhalb von drei Tagen wurde das Positionspapier verfasst, eine Arbeitsstruktur für ein bundesweites Team entwickelt und unsere Homepage ins Leben gerufen. Damit haben wir auch unsere eigene, plattformunabhängige Petition gestartet, die mit über 10.000 Unterschriften innerhalb weniger Tage sehr erfolgreich wurde.

Das Positionspapier wurde zwölf Tage später an sämtliche Fraktionsgeschäftsstellen auf Landes- und Bundesebene gesandt – über 160 direkte Adressen aus der Politik. Unsere Pressemeldung ging über gesammelte Presseverteiler an circa 2000 Medienkontakte und Redaktionen. Die Resonanz war enorm. Hunderte Verbände wurden von uns kontaktiert oder waren selbst auf uns aufmerksam geworden. So auch der VGSD. Es hat sich eine tolle Zusammenarbeit mit einem großen Netzwerk entwickelt. Da war auch für mich viel Neues dabei: Interviews geben, zahlreiche Videokonferenzen, Übergabe der Petition ans Wirtschaftsministerium, die Vereinsarbeit an sich. Da habe ich gemerkt, dass man plötzlich in völlig neue Aufgabengebiete hineinwächst. Das war und ist sehr spannend und hat dieser schwierigen beruflichen Zeit auch einen Sinn gegeben. Ich habe eigentlich ununterbrochen gearbeitet, mehr als in der letzten Saison in meinem eigentlichen Beruf und der ist schon sehr zeitintensiv. Das gilt übrigens auch für das gesamte Orga-Team.

Ende April haben wir uns aufgrund der politischen Entwicklungen entschieden, die Grundsicherung als Teil der Soforthilfemaßnahmen eingehend zu betrachten. Allein die Recherche dafür hat drei Wochen in Anspruch genommen. Es war eine noch umfangreichere Arbeit als das erste Positionspapier. Sich mit der Thematik Arbeitslosengeld dermaßen differenziert auseinanderzusetzen, war eine sehr intensive Erfahrung. Wir haben auch hier wieder viel Unterstützung von befreundeten Lektoren, Beratern und Politikern erhalten, die uns enorm geholfen haben, diese umfangreiche Arbeit zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Auch diese Betrachtung ging Ende Mai an sämtliche bereits vorhandene Adressen der Politik. Im Juni folgte auf Initiative des VGSD die offizielle Bundestagspetition und wir verlegten unseren Fokus gemeinsam mit anderen Unterstützern, wie dem Petentennetzwerk, auf das Erreichen des Quorums. Zeitgleich haben wir gemeinsam mit dem Dachverband freier Würzburger Kulturträger, der Initiative „Ohne Kunst wird’s still“ und dem VGSD die erfolgreiche Dresdener Aktion „Stumme Künstler“ nach Berlin geholt.

 

„Politiker auf der Landesebene haben das Problem sehr schnell verstanden“

VGSD: Waren eure Aktionen und euer Engagement erfolgreich?

Jana: Ich glaube schon, dass die Arbeit von allen Initiativen, Verbänden und die diversen Aktionen sehr erfolgreich waren. Das sieht man zum Beispiel daran, dass in Nordrhein-Westfalen die Soforthilfe doch noch für einen Unternehmerlohn freigegeben wurde und pro Monat 1000 Euro davon für den Lebensunterhalt verwendet werden dürfen. Auch in Hamburg wurde ein Betrag für den Lebensunterhalt freigegeben. Vor allem auf Landesregierungsebene haben die Politiker das Problem der mangelhaften Ausgestaltung der Soforthilfen sehr schnell verstanden.

Sie versuchen immer noch, die Politiker auf Bundesebene zu einer bundesweiten Anpassung der Richtlinien zu bewegen – leider nur mäßig erfolgreich. Warum sich die Bundespolitik so unflexibel und kritikresistent gibt, kann ich mir nicht erklären. Sogar der wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums fordert eine Nachbesserung der Hilfen, ​indem ​für einen gewissen Einkommensersatz gesorgt werden sollte und dies unabhängig von der Grundsicherung. Während der heißen Phase der Bundestagespetition des VGSD wendete sich selbst der Bundesrat mit diesem Anliegen offiziell an die Bundesregierung.

Ich denke, der Prozess des Verstehens der Situation läuft noch und es gibt weiterhin einzelne Fraktionsmitglieder, die aufgrund ihres Arbeits- und Wirkungskreises einfach noch keinerlei Berührung damit hatten. Es gibt die unterschiedlichsten Abteilungen und Bereiche und nicht jeder kann alles im Blick behalten. Momentan kommen sowohl Medien als auch Politik inzwischen selbst auf uns zu und fragen diesbezüglich nach. Sie zeigen sich dabei offen und interessiert für die reale Situation bezüglich der Nicht-Wirksamkeit der Soforthilfen.

 

Gemeinsame Aktionen mit anderen Verbänden und Initiativen

VGSD: Wie viele Demos habt ihr im Rahmen der Aktion „Stumme Künstler“ bisher durchgeführt?

Jana: Bisher haben wir vier Demos zusammen organisiert: in Berlin, Köln, Augsburg und Würzburg. Dabei haben wir versucht, das gemeinsame, breite Bündnis mit den anderen Verbänden und Aktionen hervorzuheben. Mit dabei waren der VGSD, die Initiative „Stumme Künstler“, der Dachverband freier Würzburger Kulturträger und wir, die IKiD, natürlich. Beispielsweise stammt der Hashtag „OhneUnsWirdsStill“ ursprünglich von der Initiative „OhneKunstWirdsStill“. Daran hat Danny Wohlrab federführend mitgewirkt. Wir haben uns gemeinsam auf diesen Hashtag geeinigt und ihn auf alle Selbstständigen erweitert. Denn es trifft alle, die durch die Soforthilfe keine ausreichende Unterstützung erhalten haben, egal ob Künstler oder Ladenbesitzer.

 

VGSD: Wie sah es dabei mit den Teilnehmern aus: Hattest du den Eindruck, ihr gewinnt immer mehr Reichweite oder ist die Reichweite stagniert?

Jana: Die Teilnehmerzahl war je nach Ort teilweise durch äußere Umstände begrenzt. Beispielsweise fand die Demonstration in Würzburg auf der Hafentreppe statt und war daher nicht nur durch das Hafenbecken, sondern auch zu den Seiten begrenzt. Dadurch wurde dort weniger Laufpublikum auf die Aktion aufmerksam als zum Beispiel in Berlin. Es war also eher eine Art Kundgebung. Allerdings hat die Reichweite in den Sozialen Medien im Anschluss enorm zugenommen. Der Bekanntheitsgrad der Aktion ist gestiegen und auch die Bundestagspetition hatte in den darauffolgenden Tagen eine wachsende Anzahl an Unterzeichnern.

 

„Ich sehe ein großes Potenzial, Themen anzupacken, die alle Selbstständigen betreffen“

VGSD: Was ziehst du für ein Fazit aus der Krise und der Reaktion der Politik darauf?

Jana: Mein Fazit ist momentan, dass wir auf jeden Fall erreicht haben, was vor der Krise noch unerreichbar war: eine starke Vernetzung. Es gibt und gab für die Betroffenen keine gemeinsame Lobby. Das liegt einfach daran, dass Berufsalltag und die spezifischen Interessen Selbstständiger aus unterschiedlichen Branchen so verschieden sind. Es war bisher meist nicht möglich, einen gemeinsamen Nenner zu finden oder die Belange waren zu spezifisch. Aber so divers die Interessen auch sind, wir haben zum ersten Mal ein funktionierendes, Verbände übergreifendes Netzwerk geschaffen.

Es bildeten sich viele Initiativen und über die Zeit sind wir alle zusammen gewachsen. Ich sehe da ein großes Potenzial, Themen anzupacken, die vorher noch nicht so stark im allgemeinen Bewusstsein verankert waren, die aber alle Selbstständigen betreffen. Zum Beispiel das Thema Altersvorsorge, dass für alle Freiberufler essentiell wichtig ist. Durch aktive Mitarbeit und politisches Interesse können wir Probleme effizient angehen – auch wenn das sehr lange dauert, da politische Mühlen sehr langsam mahlen.

 

VGSD: Gibt es noch etwas, dass du gerne sagen würdest?

Jana: Ja klar, ich kann es nicht oft genug sagen: Ich bin unglaublich dankbar für alle, die die letzten Monate Zeit und Initiative für unser Anliegen gezeigt haben. Egal, ob bei uns in der IKiD oder weiteren Verbänden und Interessensgemeinschaften.

Eine kleine negative Anmerkung zum Schluss kann ich mir jedoch nicht verkneifen. Wir haben in Deutschland das Privileg, in einer Demokratie zu leben. Wenn dann nach Wirtschaftsminister- und Kulturministerkonferenz selbst ​der wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums und sogar der Bundesrat Änderungen und Anpassungen der Soforthilfen auf Bundesebene fordern, ist mir unbegreiflich, warum bisher auf der Bundesebene eine derartige Ignoranz bezüglich der Kritik herrschen darf!

Aber ich bin auch dankbar für die vielen kleinen, positiven Resonanzen aus der Politik, denn die gibt es! Und damit arbeiten wir weiter, im besten Fall auch über die Zeit der Krise hinaus.

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