Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

Verband der Gründer und
Selbstständigen Deutschland e.V.

Warum bist du selbstständig? – Barbara Kenner, Hotelière: „Ich genieße es, eigene Entscheidungen zu treffen“

Barbara Kenner leitet seit 20 Jahren ihr eigenes Bio-Hotel, Foto: privat

Warum um alles in der Welt hast du dich selbstständig gemacht? Was beglückt dich in deinem Business, was treibt dich an? Warum bist du trotz aller Hindernisse Unternehmerin oder Unternehmer – und willst es auch bleiben?

Das wollten wir von dir wissen und haben auf unseren Aufruf hin mehr als 60 spannende Geschichten erhalten. Viele davon werden wir vorstellen. Heute erzählt Hotelière Barbara Kenner von ihrem Leben als Selbstständige.

 

Ich heiße Barbara Kenner, von Beruf bin ich Hotelière. Ich habe meine Selbstständigkeit begonnen, als ich 23 Jahre alt war. Damals habe ich einen biologischen Partyservice gegründet, den ich zwölf Jahre lang betrieben habe, um dann im Jahr 2000 ein eigener Bio-Hotel aufzumachen.

 

Ich lebte in einer kleinen Kommune und wir wollten die Welt verändern

Mir war es immer wichtig, selbstbestimmt und nachhaltig zu arbeiten. Als ich mich selbständig gemacht habe, lebte ich in einer kleinen Kommune mit anderen zusammen. Wir wollten die Welt verändern. Tagsüber angestellt zu arbeiten und abends ehrenamtlich – das war für mich nie eine Option. Ich will in meinem Alltag faire Arbeitsbedingungen mit anderen teilen und Betriebe motivieren, selbst nachhaltig und fair zu agieren.

Ein Teil meiner Motivation stammt aus dem Gorleben-Protest, wir sind Einheimische – und Gorleben hat die ganze Region und damit auch mein Leben verändert. Irgendwann wollte ich nicht immer nur „Nein“ rufen, sondern, ähnlich wie sehr viele Menschen hier in der Region, Gegenentwürfe aufbauen.

 

Die Küche ist Barbaras Reich

Zu Beginn habe ich in unserer kleinen Kommune Landwirtschaft gemacht, aber relativ schnell begriffen, dass ich Landwirtschaft zwar mag, aber es nicht meine Lieblingsarbeit ist. Ich muss etwas tun, wofür ich brenne, andernfalls werde ich zur Vollbremsung. Deshalb habe ich einen Hofladen aufgebaut, der mir viel Freude bereitete. Die Küche ist mir versehentlich über den Weg gelaufen. Nach meinem abgebrochenen Sprachstudium und mehreren großen Reisen war in der Kommune die Möglichkeit, aus unseren eigenen Produkten Neues zu schaffen. Ich koche sehr gerne und bin da fantasievoll und glücklich, wenn ich neue Zusammenstellungen erfinde.

Die Angebote meines Partyservices waren super lecker, ich hatte sehr zufriedene Kunden, aber er war nicht sonderlich erfolgreich. Deshalb arbeitete ich weiterhin im Hofladen, leitete nebenbei die Küche eines Tagungshauses und wechselte irgendwann in eine Großkommune mit 50 Erwachsenen, wo ich auch wieder in der Küche war.

 

Nach 14 Jahren unser eigenes Bio-Hotel

Nach 14 Jahren Kommune kam für mich aber die Zeit der Veränderung, ich stieg aus und gründete mit meinem Mann unser Bio-Hotel.

Wir wollten ein Unternehmen gründen, das Nachhaltigkeit zum Anfassen bietet – und das ist uns auch gelungen. Unsere Gäste können einfach vorbeikommen und Urlaub machen, unbeschwert von Gewissensbissen, wir kümmern uns um die Nachhaltigkeit, kaufen Bio-Produkte und regional ein, renovieren ökologisch und baubiologisch nachhaltig und sind klimaneutral.

 

Schulden und kein Umsatz – eine lehrreiche Zeit

Schon zu Beginn hatten wir damit zu kämpfen, dass unser Architekt unfähig war und wir 70 Prozent Baukostenerhöhung hatten. Nur dank sehr schneller Annahme seitens der Gäste und guter Pressearbeit konnten wir diese Zeit durchhalten. Der zweite Schlag war die Elbflut. Wir waren endlich im Aufstieg begriffen, da hat uns die Flut 150.000 Euro Umsatz gekostet. Und in unserer Branche kann das nicht einfach wieder eingespart werden: Wir haben das Personal, können es nicht einfach entlassen und oftmals auch nicht reduzieren, denn die Räume wollen gepflegt werden, egal, ob sich zehn oder 20 Menschen dort aufhalten. Und auch beim Kochen machte es im Personal wenig Unterschied, ob wir 20 oder 50 Gäste haben, aber in der Kalkulation. Danach haben wir eine Weile arg in Schulden verbracht. Eine für mich sehr lehrreiche Zeit. Wenn du deine Rechnungen nicht bezahlen kannst, nicht mehr schlafen kannst und dann noch immer wieder mit der moralischen und durchaus gerechtfertigten Empörung der Menschen konfrontiert bist, deren Rechnungen du nicht zahlen konntest, ist das sehr hart.

In der Zeit war der Betrieb ein emotionaler Spagat – auf der einen Seite kaum in der Lage, meinen Lebensunterhalt zu zahlen, auf der anderen Seite mit Preisen dekoriert, hoch gelobt für unser Engagement, das war schwer. Gleichzeitig hat es mich aber auch gehalten. Die vielen Gäste, die uns und unser Tun schätzen, denen wir als Inspiration dienen – das ist voll aufgegangen. Allerdings haben viele Menschen, deren Motivation Idealen entspringt, das Problem, dass sie kaum ihren Lebensunterhalt erwirtschaften können. Nachhaltiges Wirtschaften ist so viel teurer und wird staatlicherseits nicht systemisch gefördert, sondern immer nur punktuell.

 

Der große gesellschaftliche Erfolg trägt mich

Trotz alledem genieße ich die Selbständigkeit immer noch sehr. Ich genieße es, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, kreativ sein zu dürfen, neue Pläne zu machen, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Ich finde es wunderbar, meinen Tag eigenverantwortlich einzuteilen und mache zum Beispiel gerne Mittagspause. Es ist mir wichtig, für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da sein zu können, sie in ihrer Arbeit bei uns zu begleiten, aber auch teilweise in ihrem Leben. Ich habe viele in ihren Krankheitsgeschichten im Krankenhaus begleitet und unsere beiden aserbaidschanischen Azubis vor der Abschiebung bewahrt. Mittlerweile haben übrigens beide einen deutschen Pass und sind auf dem Wege, meine Rente mitzufinanzieren.

Wir sind als Best Practice Beispiel in mindestens 25 Publikationen erschienen, ich habe immer wieder Vorträge gehalten über Nachhaltigkeit im Tourismus, in der Küche, in der Mobilität vor Ort, über Biodiversität und Tourismus. Viele Kollegen haben uns besucht und sich von uns beraten lassen, um Nachhaltigkeit in ihren eigenen Häusern zu integrieren.

Unsere Gäste sind hoch begeistert und tragen uns auch durch Krisen, wie die derzeitige. Wir haben während des ersten Lockdowns über ein Crowdfunding genügend Geld eingesammelt, um ein Kochbuch zu schreiben, Gäste haben investiert, damit wir unseren nächsten Schritt, den Ausbau von Baumhäusern, realisieren können. Gäste haben uns privat Darlehen angeboten, um Corona abzufedern. Und immer wieder erreichen mich Geschichten von Menschen, die Teile ihres Lebens stark verändert haben aufgrund der Erfahrungen, die sie bei uns im Hotel gemacht haben. Das trägt und freut mich unglaublich. Unser politisches Ziel haben wir gut erreicht.

 

Kleine Selbstständige werden furchtbar behandelt

Wenn Ihr mich fragt, was passieren muss, damit ich Selbständigkeit aus vollem Herzen empfehlen kann, dann ist das viel! Unsere Gesellschaft behandelt kleine Selbständige furchtbar. Wir sind die unsichtbaren Motoren der Wirtschaft, auf die kaum Rücksicht genommen wird. Das fängt schon damit an, dass wir einem ständigen Missbrauchsverdacht unterliegen. Wir haben im Laufe unserer Karriere so viele Dinge gemacht, weil wir sie wichtig fanden und keine Förderung dafür erhalten, weil wir kein Verein, sondern eine Firma sind, also per se nur darauf aus, Geld zu machen. Wenn die Gemeinwohlökonomie stärker als Bewertungskriterium für Firmen genommen würde, könnten wir da besser spezifizieren statt diesen Generalverdacht weiter zu verfolgen.

Wir müssen ständig Regularien erfüllen, die eigentlich für große Firmen erfunden werden, wie zum Beispiel bei der Abfallentsorgung: Wir könnten wunderbar unsere Bio-Essensreste an die Schweine in der Nachbarschaft verfüttern, müssen aber die teure Entsorgung bezahlen oder unsere Reste auf 100 Grad Celsius erhitzen, um Keime abzutöten. Das Ganze geht auf Erfahrungen zurück, die mit einer zentralen Entsorgung von Lebensmittelresten gemacht wurden, in die auch Reste aus Krankenhäusern einflossen.

 

Wir fordern eine Anerkennung der Nachhaltigkeit

Dann müssten die finanziellen Bedingungen für kleine Betriebe grundsätzlich geändert werden. Unser Gewerbesteuerfreibetrag liegt bei 24.000 Euro – und Tilgung von Krediten muss aus dem Gewinn erfolgen. Die Gewerbesteuer liegt bei 50 Prozent. Dadurch zahlen wir als kleiner, über Kredite finanzierter Betrieb unsere Kredite doppelt ab. Das führt zu einer extremen Schieflage zwischen Betrieben, die mit viel Elan und wenig Kapital gegründet wurden, und anderen, die das Kapital zum Beispiel ererbt haben.

Wir brauchen dringend eine systemische Anerkennung der Nachhaltigkeit. Wenn wir zum Beispiel die Mehrwertsteuer nach nachhaltigen und sozialen Kriterien gestalten würden, könnten Betriebe, die klimaneutral arbeiten, weniger Steuern zahlen, denn sie kosten die Gemeinschaft ja auch weniger. Derzeit ist das aber mein Privatspaß. Ich zahle die teuren Maßnahmen und 19 Prozent, während McDonalds 7 Prozent Mehrwertsteuer zahlt, weil es Essen zum Mitnehmen ist… In Teilen Süddeutschlands und Österreichs wird die Gemeinwohlökonomie schon als Handlungsempfehlung zur Vergabe von Aufträgen genutzt, aber EU-Vorgaben sind immer noch hauptsächlich die Vergabe an den billigsten Anbieter.

 

Es wird Zeit, dass Deutschland seine Selbstständigen mehr schätzt

Ich möchte auch eine gesellschaftliche Diskussion. Selbstständige werden häufig als raffgierig, reich und unsolidarisch hingestellt. Wie oft habe ich Sätze wie diesen gehört – „Der Handwerker hat 70 Euro die Stunde berechnet, so viel will ich auch mal verdienen!“. Da ist so wenig Verständnis für die andere Seite vorhanden. Dass der Handwerker damit seine Maschinen abzahlt, seine Hallen und Verwaltungskosten, das wird völlig vergessen.

Oder meine Freundin, die gesagt hat, „Da kostet die Kugel Bio-Eis 1,50 Euro, da gehe ich nicht mehr hin“, das ist ihr zu teuer, während sie selbst einen deutlich höheren Stundensatz verdient, als jede an diesem Eis beteiligte Person. Wenn wir freiwillige Aufklärung zum Thema machen, auf eigene Kosten und ohne Förderung, dann höre ich immer wieder „Die machen das doch auch nur wegen ihres Hotels und verdienen sich eine goldene Nase daran“: Es wird Zeit, dass Deutschland seine Selbständigen mehr schätzt.

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  1. Antworten
    Weitere anzeigen