Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Interview: Wie Auftraggeber bisher gut bezahlte Selbstständige in Zeitarbeit drängen

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Vom gut bezahlten Selbstständigen zum Zeitarbeiter: Kürzungen beim Lohn sind absehbar – mit weitreichenden Folgen für die Altersvorsorge.

Frank Maierhofer (55, Name geändert) hat sich aus der schlechten wirtschaftlichen Lage 2009 heraus erfolgreich selbstständig gemacht: „Mit ein bisschen Glück habe ich einen ersten Auftrag erhalten, der mich über Wasser hielt und seit 2010 ging es dann kontinuierlich bergauf.“

Inzwischen ist Frank gefragter IT-Experte. Er berät und unterstützt Unternehmen – vor allem aus der Automobil- und Eisenbahnindustrie. Seine Schwerpunkte sind dabei die Analyse und Verbesserung der Software-Entwicklungsprozesse inklusive der zugrunde liegenden Entwicklungsinfrastruktur. Auch sorgt er für die Qualitätssicherung in Entwicklungsprojekten und unterstützt bei Aufbau und der Aktualisierung des QM-Systems, -Handbuchs usw.

Die Rechtsunsicherheit, die durch die Verwaltungspraxis der Deutschen Rentenversicherung (DRV) auf Auftraggeberseite entstanden ist, hat jetzt dazu geführt, dass er Knall auf Fall seinen Hauptauftraggeber verloren hat. Dabei wurde er vor die Wahl gestellt, entweder einen Zeitarbeits-Vertrag zu unterschreiben oder seine Arbeit von einem Tag auf den anderen zu beenden.

 

Im Gespräch mit Frank Meierhofer

VGSD: Vor wenigen Wochen hat Dein Hauptauftraggeber Dir und den anderen selbstständigen Mitarbeitern gekündigt und Euch vor die Wahl gestellt, künftig per Zeitarbeit für ihn tätig zu sein. Wie ist das vor sich gegangen?

Frank: Ja, das ist richtig. Die aktuelle Beauftragung war gültig bis Ende August und in der Regel wird Anfang August eine neue Bestellung vom Endkunden an den Personaldienstleister gegeben, der mich und andere Selbstständige vermittelt.

Statt dessen wurde ich von dem verantwortlichen Mitarbeiter des Endkunden zu verschiedenen Aspekten meiner laufenden Beauftragung befragt. Das ganze Prozedere zog sich bis fast Mitte August hin, als ich plötzlich vom Personaldienstleister erfuhr, dass der Endkunde eine Beendigung der Beauftragung aller Selbständigen wünscht.

Eine Weiterbeschäftigung im Projekt wäre nur möglich, wenn ich sofort einer Anstellung durch den Personaldienstleister und damit einer Arbeitnehmerüberlassung zustimmen würde. Eine längere Bedenkzeit wurde mir und den anderen Kollegen nicht eingeräumt.

Zwei Tage später wurde ich dann telefonisch informiert, dass meine bisherige Beauftragung mit sofortiger Wirkung beendet wurde. Die Kollegen, die zu diesem Zeitpunkt noch vor Ort waren, mussten die Firma mehr oder weniger sofort verlassen. Es wurde keine Einzelfallprüfung durchgeführt.

 

VGSD: War das nicht Gegenstand der Befragung durch den Mitarbeiter des Endkunden?

Frank: Nein. Die Berater wurden lediglich gefragt, ob sie den Arbeitnehmerüberlassungs-Vertrag unterschreiben oder nicht. Der Endkunde hat klar vorgegeben, dass er nicht mehr mit Selbständigen zusammenarbeiten möchte – unabhängig von der Situation jedes einzelnen Beraters.

Ich habe der Arbeitnehmerüberlassung zwar zugestimmt, habe dann aber die Woche danach genutzt, um nach möglichen Alternativen zu suchen. Leider war es aber so kurzfristig nicht möglich, einen anderen Auftraggeber zu finden.

 

Spätestens bei der Vertragsverlängerung drohen Kürzungen

VGSD: Welche Auswirkungen hat das auf Dein Einkommen? Wer profitiert davon finanziell?

Frank: Ich arbeite jetzt drei Tage die Woche für diesen Kunden, bekomme ein Gehalt wie ein Angestellter, es spielt keine Rolle mehr, wie viele Tage der Monat hat.

Durch die festen Arbeitszeiten verliere ich an zeitlicher Flexibilität. Bisher konnte ich mal mehr, mal weniger arbeiten, je nachdem wie ich durch meine verschiedenen Kunden beansprucht war und wo am meisten Arbeit anfiel.

Das Bruttogehalt ist in etwa so hoch wie ein durchschnittliches Netto-Honorar. Davon geht dann natürlich noch der Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung ab. Das ist zunächst einmal sehr großzügig, denn es fallen ja auch Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung an. Ich denke, man wollte mir den Übergang schmackhaft machen.

Der Endkunde wird mittelfristig einiges einsparen möchten, denke ich. Im Vertrag ist klar formuliert, dass 25% des derzeitigen Bruttogehalts jederzeit und ohne Begründung gestrichen werden können. Sollte der Vertrag verlängert werden, gehe ich davon aus, dass spätestens dann die Kürzung erfolgt. Dann bleibt mir sehr viel weniger Liquidität, um meine als Selbstständiger eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen.

 

Ich kann Betriebsausgaben nicht mehr geltend machen und nicht mehr so gut fürs Alter vorsorgen

VGSD: Welche weiteren finanziellen Auswirkungen hat das für Dich?

Frank: Seit ich selbständig bin, sorge ich mit einer privaten Rentenversicherung fürs Alter vor. Weiterhin habe ich einen Leasing-Vertrag und den teilfinanzierten Dienstwagen, die auf meinen Betrieb laufen. Den Leasingvertrag kann ich vermutlich noch aus den Einnahmen des zweiten Kunden bedienen, was das KFZ-Darlehen angeht bin ich mir nicht sicher.

Zudem waren alle KfZ-Ausgaben bisher Betriebsausgaben, die bei der Steuererklärung auf den privaten und geschäftlichen Anteil aufgrund der gefahrenen Kilometer aufgeteilt wurden. Nun kann ich das nicht mehr so machen. Alle Ausgaben sind als privat anzusehen und nicht mehr als Betriebsausgabe. Da werde ich bei ca. 45.000 gefahrenen Kilometern pro Jahr erheblich drauf zahlen.

Für den Projekteinsatz habe ich mir eine kleine Wohnung vor Ort gemietet, die Miete kann ich nun nicht mehr als Betriebsausgabe geltend machen, sondern muss die Kosten privat tragen. Das wiederum hat zur Folge, dass ich für die Steuererklärung zusätzliche Nachweise für die doppelte Haushaltsführung benötige, was erheblichen zusätzlichen Aufwand bedeutet.

Bei der privaten Rentenversicherung muss ich prüfen, wie lange ich die hohen Beiträge noch bedienen kann und was eine Aussetzung der Beiträge bedeutet – ich fürchte, die Beitragsfreistellung wird letztlich in einer deutlich niedrigeren Rente resultieren, die von den zusätzlichen Zahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung in keiner Weise wett gemacht wird.

Sollte ich dauerhaft in dieser Beschäftigung sein und deutliche Abstriche beim verfügbaren Einkommens hinnehmen müssen, ist natürlich direkt auch die Alterssicherung per Immobilie gefährdet. Im schlimmsten Fall müsste ich verkaufen…

 

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Frank Maierhofer geht es darum, sich in der Arbeit entfalten zu können und auf diese Weise Höchstleistungen zu bringen. Für den Auftraggeber ist nur wichtig, dass er funktioniert. Abbildungen: Pixabay

 

Ich fühlte mich eiskalt erpresst

VGSD: Wie fühlst Du Dich angesichts dieser Entwicklung?

Frank: Als ich dem Personaldienstleister gegenüber saß, fühlte ich mich eiskalt erpresst. Die Wut über so viel Dreistigkeit war bei mir sehr groß. Ich war fast vier Jahre für diesen Kunden tätig und es gab keinerlei Anerkennung der bisher geleisteten Arbeit. Hätte man mir zwei oder drei Monate Zeit gegeben, hätte ich die Chance gehabt einen anderen Auftrag zu finden.

Das Schlimme an der Sache ist, dass andere Personalvermittler die Selbständigen schon gar nicht mehr annehmen. Viele der Großen vermitteln nur noch per Arbeitnehmerüberlassung.

Ich fühle mich der Freiheit beraubt, selbst für mich zu sorgen und die Arbeit so zu gestalten, wie ich es möchte. Ich muss da an das Zitat von Henriette Hanke denken: „Die höchste Lebensqualität liegt nicht darin, es möglichst bequem zu habe, sondern darin, sich am Besten entfalten zu können.“

 

Ich bin nicht mehr motiviert, für diesen Kunden zu arbeiten und werde auf Akquise gehen

VGSD: Welche Auswirkungen hat das auf die Motivation der ehemals selbstständigen Kollegen?

Frank: Einige hatten Glück und waren ohnehin schon auf dem Absprung. Für die kam das gerade zur richtigen Zeit. Für die anderen kann ich nicht sprechen – vielleicht fühlen sich einige ja wohl, nun einen festen Hafen zu haben.

Für mich bedeutet das aber, gefesselt zu sein und gegängelt zu werden. Denn mit dem Arbeitsvertrag erhalte ich ja keine Sicherheit, er ist befristet. Nur mit dem Unterschied, dass ich vorher im Rahmen der Beauftragung ein ordentliches Honorar hatte und das Risiko (das jetzt immer noch da ist) auch finanziell tragen konnte.

Ich bin nicht mehr motiviert, für diesen Kunden zu arbeiten, nachdem ich so behandelt wurde.

 

VGSD: Welche Konsequenzen wirst Du daraus beruflich ziehen?

Frank: Ich werde versuchen, die beratenden Tätigkeiten regional auszuweiten und damit auch einen größeren Kundenkreis zu entwickeln. Ein Geschäftsfeld werde ich dafür ausbauen müssen und andere Tätigkeitsbereiche reduzieren müssen. Dazu muss ich aber mehr Vertrieb machen müssen, was mir sicherlich schwer fallen wird… 😉 Auch hier gilt für mich das obige Zitat von Henriette Hanke.

 

Wenn die Politiker nicht antworten, gehe ich zu ihnen

VGSD: Du hast schon vor diesen Erlebnissen zahlreiche Briefe an Bundestagsabgeordnete geschrieben. Was waren die Reaktionen der Politiker darauf? Wie sehen Deine nächsten Schritte auf dieser Ebene aus?

Frank: Ich habe eine zweistellige Zahl von Briefen geschrieben. Die einzige Politikerin, die mir antwortete, war Lena Strothmann von der CDU. Sie verwies mich auf meinen Wahlkreisabgeordneten, den ich aber selbst schon angeschrieben hatte. Das war’s dann aber auch schon. Sonst erhielt ich keine Antwort. Offenbar haben die MdBs in letzter Zeit so viele Briefe und Mails erhalten, dass sie darauf nicht mehr reagieren.

Ich werde nun versuchen, einen Termin bei meinem Wahlkreisabgeordneten zu bekommen, um mit ihm direkt über die Auswirkungen der aktuellen Gesetzeslage zu sprechen. Bin gespannt…

Beim VGSD bin ich seit kurzem Vereinsmitglied und werde mich in der Arbeitsgruppe engagieren. Ich kann zwar nicht viel Zeit einbringen, aber mir ist es wichtig, aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu bewegen.

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