Vom Lehramt in Deutschland zur Selbstständigkeit in Zypern: Alice Moustier nutzt ihre eigene Hochbegabung und Hochsensibilität, um anderen neurodivergenten Menschen zu helfen und Unternehmen zu zeigen, wie sie diese besser verstehen und fördern können.
Smalltalk-Training, FKK-Coaching und alles dazwischen
Langweilig wird es Alice Moustier garantiert nicht: Ob Vorträge, Smalltalk-Trainings oder Unternehmensberatung – die deutsch-französische Trainerin und Autorin bietet ihren Kund/innen ein vielfältiges Angebot. Bereits im Jahr 2016 schaffte sie es mit einer besonders ungewöhnlichen Geschäftsidee sogar ins Finale des deutschlandweiten Businessplan-Wettbewerbs "Start2grow". Ihr Einfall: ein Seminarhaus, in dem sämtliche Trainings nackt stattfinden sollen. Auf diese Weise, so Alices Überlegung, könnten die Teilnehmenden alle Oberflächlichkeiten vergessen und sich ganz auf die Kommunikation miteinander konzentrieren.
Endgültig realisiert wurde das Seminarhaus-Projekt bis heute allerdings nicht, auch wenn Alice immer noch einige Kund/innen hat, die für ein FKK-Coaching extra zu ihr kommen: "Vielleicht sind die meisten Menschen einfach noch nicht bereit dafür", mutmaßt sie im gemeinsamen Gespräch mit einem Lächeln. Als Rückschlag sieht die Unternehmerin das allerdings nicht, sondern vielmehr als Motivation sich stets weiterzuentwickeln und neue Ideen zu erarbeiten.
Genau dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und ihre positive Einstellung zum Leben will sie auch ihren Kund/innen mit auf den Weg geben – sie sind zum Großteil neurodivergent, ebenso wie Alice selbst: "Denn egal ob ADHS, Autismus, Hochbegabung oder Hochsensibilität, das Anderssein kann schnell zu Lähmungen und Anpassungsversuchen führen, die uns vom Erfolg abhalten", erklärt sie.
Was hinter dem Begriff der "Neurodivergenz" steckt
Neurodivergenz ist kein medizinischer Diagnosebegriff, sondern ein wertneutral gefasstes Konzept. Mit diesem wird die Tatsache beschrieben, dass die neurologische Entwicklung und Funktionsweise einiger Menschen anders funktioniert, als die Gesellschaft es erwartet. Zum Beispiel verarbeiten einige Menschen im neurodivergenten Spektrum Informationen anders, nehmen sie ungefilterter wahr und können auf verschiedene Reize, soziale Situationen und Emotionen anders reagieren als nicht-neurodivergente Menschen.
Neurodivergenz ist zudem ein Sammelbegriff für verschiedene Erscheinungsformen, darunter:
- Autismus
- Hochbegabung
- ADHS
- Dyslexie
- Dyspraxie
- Tourette
Alice Moustier ist selbst neurodivergent: Sie hat Autismus, ist hochbegabt und hat viele ADHS-Anteile. Im gemeinsamen Gespräch erklärt sie, dass neurodivergente Menschen im klassischen Angestelltenverhältnis oft an persönliche Grenzen stoßen – etwa durch eine hohe und dauerhafte Reizbelastung in Großraumbüros oder durch unvorhersehbare Meetings. Aber auch soziale Interaktionen mit einem großen Kollegium oder Kund/innenstamm können immense Kraft kosten. Aus eigener Erfahrung weiß sie zudem, dass oft schon eine ehrliche und direkte Art, die unter anderem Ausdruck ihres Autismus und Hochbegabung ist, zu Ablehnung und Konflikten am Arbeitsplatz führen können.
Ihr Einsatz für eine inklusivere Arbeitswelt
Alice berät und unterstützt Menschen, die hart dafür kämpfen müssen, den gesellschaftlichen Normen und Erwartungen zu entsprechen. Deshalb beschreibt sie ihre Tätigkeit selbst auch als Soziale Arbeit. Schließlich ist ihr Ziel nicht nur, neurodivergente Menschen in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen, sondern insgesamt für eine inklusivere Arbeitswelt zu kämpfen.
Dazu bietet sie unter anderem verschiedene Trainings und Workshops an, in denen sie ihren Auftraggeber/innen dabei hilft, deren Unternehmen klar zu präsentieren, souverän Kund/innen zu gewinnen und verstanden zu werden. Bei all ihren Angeboten steht für die Unternehmerin stets im Vordergrund, dass ihre Kund/innen lernen, zu sich und ihrer Neurodivergenz zu stehen. Ganz nach dem Motto: "Jetzt erst recht!". Aber auch Unternehmen hilft Alice dabei, zu wachsen und eine innovativere und inklusivere Organisation zu schaffen, in der die Entwicklung des Einzelnen, ob neurodivergent oder nicht, gefördert wird.
Mit ihrer Arbeit will Alice dafür sensibilisieren, dass bestimmte neurodiverse Ausprägungen, etwa Hochbegabung, Autismus oder ADHS, oft zu spät oder gar nicht erkannt und häufig sogar fälschlicherweise für psychische Erkrankungen gehalten werden. Das kann für Betroffene schnell zu Stigmatisierung und Isolation führen – ein Prozess, dem Alice mit ihrer Unterstützung- und Aufklärungsarbeit aktiv entgegentreten will. Schließlich weiß sie aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie es sich anfühlen kann, missverstanden zu werden und sich verstellen zu müssen, um dazuzugehören.
Raus aus dem Alltag, rein ins Netzwerktreffen: erfrischt, inspiriert, erfolgreich.
Barcamp & Networking 2026 in Nürnberg
24% Preisvorteil sichern
Nur für Vereinsmitglieder
Alices Weg zu sich selbst
Nach der Schule entschied sich die heute 39-jährige zunächst für ein Lehramtsstudium der Mathematik und Physik. Parallel dazu sammelte sie praktische Erfahrungen in verschiedenen Bereichen. Meistens fühlte sie sich dabei aber von ihren Kolleg/innen missverstanden: "Ich habe schon früh gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen und nicht immer das zu machen, was andere von mir wollen. Doch das kam nicht bei allen gut an", erklärt Alice. Vor allem ihre Ehrlichkeit und Direktheit führten dabei im kollegialen Umfeld regelmäßig zu Unmut, wie sie selbst erzählt. Mit 20 Jahren erlitt Alice schließlich einen Schlaganfall – nach eigener Einschätzung aufgrund des Dauerstresses, dem sie in der Schulzeit durch die ständig angeforderte Anpassung an soziale Normen, die sie nicht verstehen konnte, ausgesetzt war.
Erst als sie schließlich Lehrerin an einer privaten Hochbegabtenschule wurde, erkannte sie sich selbst in ihren Schüler/innen wieder und verstand, was ihr die Schulzeit so schwer gemacht hatte: die Hochbegabung. Im Alter von 27 Jahren ließ sie sich also testen. Wenige Jahre später folgte die Diagnose Autismus. Für Alice ist das schließlich der Anstoß, ihre Arbeitsweise endgültig an ihre Neurodivergenz anzupassen, sich selbstständig zu machen und endlich den Nachholbedarf zum Thema aufzuholen.
Gerade auch durch die Tatsache, dass ihre Schwester eine geistige Behinderung hat, hat sie schon von Kind an gelernt, dass jeder Mensch anders funktioniert und andere Herangehensweisen braucht, um gut und effektiv arbeiten zu können.
Welche Vorteile die Selbstständigkeit für neurodivergente Menschen bietet
Neurodivergente Menschen verfügen oftmals über starke Kompetenzen – darunter ein außergewöhnliches Gedächtnis, starkes logisches Denken und Detailgenauigkeit. Selbstständigkeit kann für neurodivergente Menschen ein guter Weg sein, um ihre Stärken und Kompetenzen zu nutzen und weiter auszubauen, und zwar in einem Rahmen, den sie selbst gestalten und an ihre Bedürfnisse anpassen können. Etwa durch die damit einhergehende Autonomie, Flexibilität und weniger sozial-performative Anforderungen.
Alices Selbstständigkeit ermöglicht ihr heute Freiheiten, die sie so im Angestelltenverhältnis nie erlebt hat: "Freiheit ist für mich, mir den Tag selbst zu gestalten und auch Kund/innen zu suchen, die ich will und eben nicht nur diejenigen zu nehmen, die ein Chef vorschlägt." Sie hat Strategien für sich selbst entwickelt, die ihr helfen, mit ihrer Neurodivergenz im Berufsalltag gut zu funktionieren. Mit regelmäßigen Pausen sorgt sie für Entlastung; mit ToDo-Listen ordnet sie die vielen Themen in ihrem Kopf – das hilft ihr gegen Konzentrationsschwierigkeiten.
Verstecken muss sich Alice Moustier nicht mehr, im Gegenteil: Heute geht sie selbstbewusst mit ihrer Neurodivergenz an die Öffentlichkeit und leistet damit ihren Beitrag dazu, dass andere Betroffene von der Gesellschaft in ihrem Tun wahr- und vor allem ernstgenommen werden.
Auch bei uns hat sie bereits einen Experten-Talk zum "Thema Neurodivergent & selbstständig - So setzt du deine Ideen trotz (oder wegen) ADHS, Autismus & Hochbegabung effektiv um" gehalten. Du hast Interesse? Als Vereinsmitglied kannst du dir den Talk-Mittschnitt kostenlos ansehen!
Empfehle uns Selbstständige, die einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leistet!
Wir danken Alice Moustier für das ihre Offenheit bei unserem Gespräch – und für ihren Beitrag dazu, unsere Gesellschaft inklusiver zu gestalten.
Gibt es in deiner Nachbarschaft oder deinem Bekanntenkreis ähnliche "Everyday Entrepreneurs", die sich selbstständig gemacht haben, um auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaft und Gesellschaft leisten zu können? Dann empfiehl uns die Person gerne weiter, wir freuen uns darauf, ihre Geschichte erzählen zu können!
Du möchtest Kommentare bearbeiten, voten und über Antworten benachrichtigt werden?
Jetzt kostenlos Community-Mitglied werden