Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Selbstständigen Deutschland e.V.

Bericht von SME-Konferenz in Helsinki: Wie die EU dem Umweltschutz und den Selbstständigen helfen möchte

Winken zum „Fake-Fenster“ hinaus: Ein Gruß aus Helsinki vom VGSD-Delegierten an seinen Verband und seine Mitglieder. Foto: Reinhard Mohr

Ende November hatten wir euch berichtet, dass wir von der EU zu einer Konferenz für SME (kleine und mittlere Unternehmen) zum Thema Nachhaltigkeit nach Helsinki eingeladen wurden und dort von Reinhard Mohr vertreten werden.

Reinhard hatte euch um Anregungen gebeten, insbesondere zur Frage, was jeder einzelne Selbstständige, aber auch  der VGSD als Verband tun kann, um die Umwelt besser zu schützen und den Klimawandel zu bremsen. Hier nun sein Bericht. Gerne könnt ihr per Kommentarfunktion auch Fragen an Reinhard stellen.

 

Reinhard Mohr: Bericht aus Helsinki

Nun, sagen wir‘s mal so: Da kommt ein finnischer Eisbrecher namens „Sisu“ und rammt sich in einen – ziemlich hohen – deutschen Tellerrand hinein. Der bekommt einen kräftigen Riss; und daraus strömt die Nachhaltigkeit in die großen, weiten Ebenen der europäischen Union.

Das klingt ein bisschen irre? Klar ist‘s auch. Deshalb müssen wir jetzt in einem ziemlich langen Artikel darauf eingehen, was ich als Delegierter für den VGSD gegen Ende des Jahres 2019 auf der „SME Assembly 2019“ in Helsinki erfuhr und erlebte. Und was ich im Gepäck an Erkenntnissen aus der finnischen Hauptstadt mitbrachte. Und zwar weiter unten in diesem Artikel jeweils aufgeführt

  1. für alle Selbstständigen/ für alle kleinen und mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland,
  2. für den VGSD und alle seine Mitglieder,
  3. und für mich selber.

 

Der Eisbrecher, „Sisu“ und der deutsche Tellerrand

Der finnische Eisbrecher namens Sisu – ganz wichtig für den Erfolg der Konferenz in Helsinki! Foto: Reinhard Mohr

Während der dreitägigen SME-Assembly wurde sehr oft von einer finnischen „Nationaleigenschaft“ namens „Sisu“ geredet. Ein angeblich unübersetzbarer Terminus, der soviel wie Tatkraft, Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit oder vielleicht auch Sturheit bedeuten soll. Jedenfalls eine Eigenschaft, die ihren Inhaber ein gestecktes Ziel leichter erreichen lässt. Und da unser Tagungszentrum direkt am Hafen Helsinkis lag, machte bald auch die Neuigkeit die Runde, dass ein finnischer Eisbrecher namens „Sisu“ unweit unserer Konferenz festgemacht habe – durchaus ein gutes Omen!

Der „deutsche Tellerrand“ bestand für mich und für den VGSD darin, dass die Europäische Union die Einladung nach Helsinki unter das Motto „Sustainability“ – also Nachhaltigkeit – gestellt hatte. Ich schrieb daher im Vorfeld auf der VGSD-Website einen Artikel über die „SME Assembly 2019“ und bat die Mitglieder, mir per Kommentarfunktion ihren Auftrag und ihre Ideen mitzugeben. Vielen Dank – das klappte toll! Ich erhielt viele, viele Anregungen – vom app-gesteuerten smarten Heizkörperventil bis hin zum Förderprogramm zur CO2-Reduzierung. Tolles Feedback! Aber sowohl ich als VGSD-Delegierter, als auch alle meine Kommentatoren und Ideengeber blieben irgendwie doch dem praktisch-deutschen Denken verhaftet. So richtig schaffte ich es nicht, meinen Blick in Sachen Nachhaltigkeit über meinen eigenen Tellerrand hinaus zu erheben – das passierte erst in Helsinki.

Nachhaltigkeit ist mehr als eine Sparglühbirne

In Helsinki krachte die „Sisu“ mit voller Fahrt in meinen Tellerrand hinein – im Klartext: Wir alle hatten kräftig missverstanden, was die Veranstalter der „SME Assembly 2019“ unter „Sustainability“ verstanden. In deutscher Gründlichkeit hatte ich angenommen, dass es bei der Nachhaltigkeit um praktische, konkrete Maßnahmen gehe. Etwa, wie Selbstständige ihren Kohlendioxid-Ausstoß senken und damit die Umwelt schonen können. Mehr oder weniger waren unsere Gedanken lediglich um die Punkte gekreist „Sparglühbirne oder doch schon LED-Leuchte?“.

Was die EU-Organisatoren und die finnischen Veranstalter aber in Helsinki boten, war sozusagen das große Ganze – ein „Green Deal“, der im Denken und Handeln schon Meilen weiter ist als unser deutsches umwelttechnisches Klein-klein. In all den vielen, oft begeisternden Vorträgen und Diskussionen ging es niemals mehr um die bloße Frage „Sollen wir was für die Umwelt tun?“ und auch nicht mehr um die Frage „Wie können wir was für die Umwelt tun?“. Sondern ganz konkret um die zwei Punkte:

  1. Wie können wir als Selbstständige/ Unternehmer unser Wissen und unsere Tatkraft nutzen, um die Hebel zu bewegen, die uns die EU an die Hand gibt?
  2. Wie können wir als Selbstständige und Unternehmer dazu beitragen, dass die EU die richtigen Stellschrauben feinjustieren und so die Politik korrekt für die nächsten fünf bis zehn Jahre ausrichten kann?

 

Teil 1 der Ergebnisse aus Helsinki: Die EU besser „nutzen“

Wie können Selbstständige die Möglichkeiten der EU besser nutzen?

Der große Erkenntnisgewinn für uns als Selbstständige – und für alle kleinen und mittelständischen Unternehmen – aus der Konferenz in Helsinki ist:

Die EU ist sowohl bei der Förderung der Nachhaltigkeit, als auch in der Förderung der Selbstständigen sehr viel weiter, als es die Gesellschaft und die Regierung in Deutschland sind!

Die Direktoren der Kommission der Europäischen Union, die in Helsinki persönlich anwesend waren, stellten das EU-Konzept so vor:

  • Die Kommission ist unter ihrer neuen Präsidentin, Ursula von der Leyen, gerade dabei, Nachhaltigkeit zu ihrem Kernthema zu machen.
  • Dazu wird der „Green Deal“ ausgerufen: Umweltschutz und Nachhaltigkeit stehen der wirtschaftlichen Entwicklung keineswegs im Wege – sondern unterstützen diese vielmehr. Damit werden Selbstständige und Unternehmer als DIE Bevölkerungsgruppe definiert, die den Green Deal entscheidend voranbringen wird.
  • Kern des Green Deals ist die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy), die optimalerweise keine zusätzlichen Ressourcen verbraucht und keine Verschmutzung verursacht.

Mir selber als „kleinem Selbstständigen“ und VGSD-Delegierten ging schon in der Keynote das Herz auf: Der Harvard-Professor Daniel Isenberg sprach endlich einmal aus, dass die alleinige Fixierung auf Start-Ups ein Ende haben müsse!

Start-Ups seien

  • nicht nachhaltig,
  • würden keine Arbeitsplätze schaffen,
  • den Steuerzahler durch Förderung viel kosten,
  • würden bei Misserfolg verschwinden,
  • bei Erfolg aber oft verkauft werden und damit nur wenige Menschen reicher machen.

Die Kommission der EU suche aber den langfristigen Erfolg – durch Förderung „ganz normaler kleiner und mittelständischer Unternehmen“. Drei Kernsätze des Isenberg-Vortrags:

  • „I prefer the workhorse to the unicorn!“
  • „Small and medium enterprises are the brain and the backbone of the European economy.“
  • „It‘s much more effective to support small companies than to support start-ups. We need a scale-up-initiative instead of a start-up-initiative.“

Die drei Tage der SME-Konferenz in Helsinki standen dann auch im Zeichen dieser Erkenntnisse: Die EU wollte nicht nur den Input der versammelten rund fünfhundert Selbstständigen einholen. Sondern sie will und sie wird uns in Zukunft auch besser unterstützen – weil sie erkannt hat, dass Selbstständige wichtig und wertvoll für das Gedeihen einer Gesellschaft sind.

 

Wie kann der VGSD die Möglichkeiten der EU besser nutzen?

Nicht digital, aber für den Konferenzerfolg ganz wichtig: Die für jeden offen Pinnwand im „Kommunikations-Eck“. Foto: Reinhard Mohr

Ich selber hatte mich zwar persönlich bei der EU für die Teilnahme an der „SME Assembly 2019“ bewerben müssen. Und war schließlich auch akzeptiert und personalisiert eingeladen worden – vertrat aber diese drei Tage lang in Helsinki natürlich den VGSD. Als wichtige Ergebnisse für den VGSD habe ich daher aus Finnland mitgebracht:

  • Lasst uns auch mal mit einem Auge nach Brüssel schielen – nicht immer nur mit fixem Blick nach Berlin starren!
  • Die EU scheint gerade kleinen und mittleren Unternehmern gegenüber aufgeschlossener zu sein als die deutsche Politiker-Kaste.
  • Die Europäische Union bietet durchaus ein breites Spektrum an Initiativen und an Förderungen. Und es könnte für den VGSD spannend sein, diese Möglichkeiten seinen Mitgliedern zu erschließen.
  • Möglicherweise lassen sich Kontakte nach Brüssel nutzen, um in Berlin einen größeren Hebel ansetzen zu können.

Und: Ja, ich konnte durchaus eine ganze Menge Input in die EU hinein geben. Indem ich den VGSD dort erwähnte, beschrieb und vernetzte. Besonders hilfreich dabei: Ein Bündel unserer kleinen, grünen, handlichen Broschüren. Die steckte ich reihenweise EU-Direktoren, SME-Delegierten und vielen Gesprächspartnern zu – und konnte sehen, wie diese Broschüren zumindest mal schnell durchgeblättert wurden und dann immerhin in Sakkotaschen und Konferenzmappen ein längerfristiges Zuhause fanden.

 

Wie kann ich als Reinhard Mohr/ als einfaches VGSD-Mitglied die Möglichkeiten der EU besser nutzen?

Zumindest bei mir persönlich – und auch bei vielen der anderen Konferenzteilnehmern – entstand der Eindruck: „Ja, die hören zu! Die meinen es ernst! Die sind offen für meine Ideen und meine Sorgen!“ Schon dieser Eindruck alleine gab der Europäischen Union ein deutlich besseres Renommee als meiner heimischen Bundesregierung – wo man sich doch nicht immer des Eindrucks der Polit-Skleriose und der Verkrustung erwehren kann.

Lebhaft und ansprechbar erwiesen sich alle EU-Vertreter in Helsinki! Ja, ich konnte beim abendlichen „Network-Lunch“ einem Direktor der EU-Kommission einfach auf die Schulter klopfen und ein Gespräch mit ihm beginnen – und er hörte interessiert zu und gab mir Antworten! Hätte ich bei einem Berliner Staatssekretär eine ähnliche Offenheit angetroffen?

Eine der Erkenntnisse dieser „Plaudereien“: Die EU hat sich einen „Small Business Act“ gegeben. Der verpflichtet sie dazu, kleine und mittlere Unternehmen gezielt in die Politik zu integrieren und zu fördern. Und – heißa nochmal! – die reden nicht nur darüber; die tun das auch wirklich!

 

Teil 2 der Ergebnisse aus Helsinki: Das Netzwerk nutzen!

Wie können Selbstständige das EU-Netzwerk besser nutzen?

Unbestritten bietet die Europäische Union eine ganze Menge an Unterstützung in finanzieller und organisatorischer Hinsicht. Das Problem – dem ich selber schon viele Male gegenüberstand – ist es, diese Informationen im unübersichtlichen Wust der EU-Webseiten zu finden. Und zu verstehen, was dort eigentlich gemeint ist?

Daher hatte ich stets das Gefühl, dass die EU vielleicht kleine Unternehmen ganz gerne fördern und unterstützen würde – dass aber große Unternehmen davon profitieren, weil diese schlicht und einfach eine eigene Abteilung haben, die solche Informationen und Förderprogramme ausfindig machen und dann „abgreifen“ kann.

Das hat sich mit der SME Assembly 2019 geändert: Denn dort konnte ich ganz einfach EU-Direktoren und EU-Mitarbeiter ansprechen und mir die wichtigsten Infoquellen nennen lassen. Schon das Auffinden der vier hier folgenden Websites war für mich den Besuch in Helsinki wert:

Diese Webseite ist deshalb so wichtig, weil man sich dort sehr schnell einen Ansprechpartner der EU im eigenen Ort oder in der eigenen Region herausfiltern kann. Sozusagen endlich die „EU zum Angreifen“ – kein anonymer Apparat, sondern einen Ansprechpartner aus Fleisch und Blut. Inklusive Telefondurchwahl und persönlicher Mailadresse!

Zusatz-Plus: Wer als kleiner oder mittelgroßer Unternehmer mal ein erstes Projekt mit dem Ausland in Angriff nehmen will, kann auf dieser Webseite genauso schnell aus einer Liste mit bestehenden Kooperationspartnern den passenden herausfiltern.

Warum die EU solche Informationen so gut versteckt, wird weiterhin ein Geheimnis bleiben – aber dieser eine Info-Schatz ist hiermit gehoben: Das COSME-Programm ist speziell für kleine und mittlere Unternehmen zusammengestellt und bietet in den Worten des dort herunterladbaren Flyers:

„COSME is the EU programme for the Competitiveness of Enterprises and SMEs, running from 2014 to 2020, with a budget of €2.3billion. COSME will support SMEs in the following areas:

            Facilitating access to finance

            Supporting internationalisation and access to markets

            Creating an environment favourable to competitiveness

            Encouraging an entrepreneurial culture

COSME is a programme implementing the Small Business Act (SBA) which reflects the Commission’s political will to recognise the central role of SMEs in the EU economy.“

Diese Seite bietet den direkten Einstieg in die Unterstützung für kleine und mittelständische Unternehmer durch die Europäische Union. Wer eine Stunde Zeit hat, dort mal weiterzulesen, findet sehr überraschende Aussagen – z.B. dass die EU ganz ausgesprochen Familienunternehmen helfen will, Unternehmerinnen, Migrantinnen und Migranten, älteren Unternehmern und sogar den Angehörigen der freien Berufe. Ganz sympathisch!

Diese Seite, die eigentlich den Vereinten Nationen zuzurechnen ist, wurde mehrfach von den Rednern und Fachleuten in Helsinki erwähnt und gelobt. Dort kann man herausfinden, wie man als Unternehmen / als Selbstständiger schonender mit den Ressourcen umgehen kann, um dem Ziel einer „circular economy“ näher zu kommen.

 

Wie kann der VGSD das EU-Netzwerk besser nutzen?

Wenn ich all‘ die vielen Informationen und Kontakte, die mir in Helsinki angeboten wurden, richtig „runterkoche“, dann bleiben zwei große Bereiche übrig, in denen der VGSD handfest profitieren kann:

  • Aufbauen internationaler Kontakte durch Erweitern unseres Netzwerks in andere europäische Länder
  • Kontakte zu Expertinnen und Experten in Deutschland und Europa, die man z.B. für unsere Telkos gewinnen könnte – und deren Erfahrung und Know-how dann weiter anzapfbar wären

Konkrete Beispiele für Kooperationsmöglichkeiten mit Expertinnen und Institutionen:

Fachhochschule Kufstein / University of Applied Sciences:

Von dort war als Delegierte die Professorin Karin Steiner nach Helsinki gereist. In Kufstein hat sie als Unterstützung für kleine und mittelständische Unternehmen ein Vernetzungsprojekt ins Leben gerufen unter dem Titel I.KU – Innovationsplattform Kufstein. I.KU soll Unternehmen für die Zukunft fit machen und soll ihnen helfen, als Impulsgeber ihre Region nachhaltig zu entwickeln.

 

RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e.V.:

Juliane Kummer, deutsche (Mit-)Organisatorin der „European Enterprise Promotion Awards“. Sie organisierte nicht nur, sondern konnte auch für ein deutsches Projekt eine der Auszeichnungen mit nach Hause nehmen. Foto: Reinhard Mohr

Juliane Kummer vertrat in Helsinki nicht nur die Institution, die sie hauptamtlich beschäftigt, also das RKW. Sondern sie hatte auch eine EU-Funktion inne: Nämlich als RKW-Mitarbeiterin in Deutschland Unternehmen, Verbände, Startups und Initiativen zu ermitteln, die sie als deutschen Beitrag zum jährlich stattfindenden Europäischen Unternehmensförderpreis vorschlagen kann. In diesem Jahr war sie richtig erfolgreich damit. Denn die von ihr vorgeschlagene Initiative „Startup your Future – Stärkung der unternehmerischen Potenziale Geflüchteter“ aus Brandenburg erhielt einen der begehrten European Enterprise Promotion Awards.

In ihrem Hauptjob verfolgt Juliane Kummer die RKW-Ziele: Die Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen zu steigern durch Informationen, Beratung und Weiterbildung.

 

Mieke Verhaegh, die in den Niederlanden gerne einen VGSD gründen würde

Mieke ist eigentlich Immobilienentwicklerin, die rund um Amsterdam herum sehr aktiv war. Sie erzählte mir bei einem der Netzwerk-Lunches, dass ihrer Ansicht nach in den Niederlanden eine Vereinigung der Selbstständigen fehle. Zudem sei die Förderung der Selbstständigen durch den Staat eher mangelhaft. Sie habe jetzt beschlossen, eine solche Vereinigung ins Leben zu rufen.

Sie war sehr glücklich, als ich ihr in der nächsten Kaffeepause unsere VGSD-Broschüre in die Hand drückte. Da Mieke sehr resolut ist, kann man sich gut vorstellen, dass sie einen niederländischen VGSD hochzieht – und warum sollten wir sie nicht dabei unterstützen? Und uns bei dieser Gelegenheit gleich die Tür in die Niederlande einen Spalt weit aufsperren?

 

ETH Zürich, Institut für Umweltingenieurwissenschaften

Im Rahmen der Website www.resourcepanel.org, die in Helsinki mehrfach für nachhaltige Unternehmensführung und „circular economy“ angeführt wurde, fiel mir Stefanie Hellweg auf. Sie ist Mitglied des Panels, stammt aus Karlsruhe und arbeitet als Professorin an der ETH Zürich – und wäre für uns als VGSD möglicherweise eine wertvolle Ansprech- und Netzwerkpartnerin.

Ihre ETH-Stellenbeschreibung: „Schwerpunkte der augenblicklichen Forschung von Frau Hellweg sind die Modellierung, Bewertung und Verbesserung der Umweltwirkungen technischer Systeme. Insbesondere arbeitet sie an der methodischen Weiterentwicklung von Lebenszyklusanalysen und Entscheidungsunterstützungsinstrumenten für ,Industrial Ecology‘. Neben ihrer Forschung ist Stefanie Hellweg Mitglied verschiedener akademischer Gremien und Beiräte und redaktioneller Beiräten von wissenschaftlichen Zeitschriften. Sie ist Mitglied des Nationalen Forschungsrats des Schweizer Nationalfonds (SNF) und des International Resource Panels von UN Environment.“

 

Wie kann ich als Reinhard Mohr / als einfaches VGSD-Mitglied das EU-Netzwerk besser nutzen?

Wie kann ich als Individuum – also als kleines, einfaches VGSD-Mitglied – von dem riesigen Netzwerk der Europäischen Union profitieren? Nun, eigentlich ganz einfach: Nicht die Augen davor zumachen. Sondern es nutzen, Kontakte knüpfen und Ressourcen anzapfen.

Und dann trifft man solche Leute wie Lisa Lang, der ich am Flughafen Helsinki begegnete, weil wir beide auf der Suche nach dem Shuttle-Bus zur SME Assembly gescheitert waren. Dann saß ich neben Lisa im Bus, plauderte ganz entspannt mit ihr, wir vernetzten uns, liefen uns auf der Konferenz ständig fröhlich über den Weg. Und erfuhr am letzten Tag, dass Lisa vom US-Magazin Forbes in die Liste „Europe’s Top 50 Women in Tech 2018“ gewählt worden war. Das war spannend!

Oder Tim Lagerpusch – der wirklich so heißt! Und der sich zum Ziel gesetzt hat, von Köln aus ein europaweites Netzwerk aus kleinen und regionalen Unternehmen aufzuziehen. Um unter der Marke „Sugartrends“ die Plattform von Amazon zu attackieren!

Oder Siva Parlar – der in Helsinki einen veganen Döner entwickelt hat, den er von dort aus schon in mehrere europäische Länder exportiert. Wobei dieser „Vöner“ – weil man sozusagen zwischen Gras und Gaumen das Rind einspart – extrem umweltfreundlich ist.

Oder Jamie Crummie, der mit seiner App „TooGoodToGo“ dafür sorgen will, dass auf unserer Welt nicht mehr in jeder Sekunde 50 Tonnen (!) Lebensmittel weggeworfen werden. Tipp: App sofort runterladen, installieren – und der Menschheit und der Natur was Gutes damit tun …

 

Teil 3 der Ergebnisse aus Helsinki: Ganz praktische Ergebnisse

Für Selbstständige: Ganz praktische Ideen aus Helsinki

„Graphic Recording“, die live während einer Konferenzsession entstand – und die Session nicht nur sauber organisierte, sondern auch noch die Ergebnisse sofort auf„zeichnete“. Foto: Reinhard Mohr

Nachdem der finnische Eisbrecher Sisu meinen deutschen Tellerrand der Horizontbeschränkung kräftig gerammt hatte, kann ich aus Helsinki zwei ganz handfeste praktische Empfehlungen aus der Tasche ziehen:

Zum einen: Auch als kleiner Selbstständiger mal an die EU denken – wenn es darum geht, ein Projekt zu finanzieren, Ideen zu finden oder das eigene Tätigkeitsgebiet auszuweiten. Erstaunlicherweise gibt sich die Europäische Union meiner Ansicht nach sehr viel offener, als es z.B. die sture deutsche Förderbürokratie tut.

Zum anderen: Wer eine gute Idee hat, oder ein tolles Projekt unterstützt, oder eine nützliche unternehmerische Methode entwickelt, der sollte auch mal einen Blick auf die „European Enterprise Promotion Awards“ werfen. Damit unterstützt die EU unternehmerische Bemühungen, die der Allgemeinheit zugute kommen. Jährlich werden Preise vergeben – die Preisverleihung in Helsinki war einer der Höhepunkte der Konferenz und auch ein Highlight für soziales Engagement.

In Deutschland werden diese Awards als Europäischer Unternehmensförderpreis von Juliane Kummer und ihrem Team in Eschborn koordiniert. Alle sind sehr gut ansprechbar und freuen sich über neue Ideen und Bewerbungen; angesiedelt sind sie beim „RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e.V.“.

Vielleicht wäre ja die Entstehung des VGSD selber ein solches Projekt, für das wir einen European Enterprise Promotion Award einheimsen können? Das wär‘ doch toll …

 

Für den VGSD: Ganz praktische Ideen aus Helsinki

Erstaunlicherweise haben wir als VGSD uns genau in diesem Jahr schon in die Richtung bewegt, aus der auch meine praktischen Ideen-Mitbringsel aus Helsinki kommen: Wir haben auf unserer Mitgliederversammlung erstmals unsere Diskussionen im Barcamp-Format geführt, wir haben einen Online-Vorab-Bericht des Vorstands zur Mitglieder-Information eingesetzt, und wir haben mit einer „Wall of Fame“ und einer „Zettel-Organisation“ auf einem Infoboard gute Erfahrungen gesammelt.

Ganz praktisch habe ich in Helsinki erlebt, wie man auch auf großen Konferenzen einen sehr guten Input und ein Feedback der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermöglichen kann:

  • Immer wieder wurde selbst das Plenum im großen Konferenzraum in spontane Kleingruppen unterteilt: „Besprecht jetzt mal die Idee X mit einer Gruppe, die ihr mit den Personen links und rechts und in der Reihe vor und hinter euch bildet. In fünf Minuten könnt ihr dann die Ergebnisse kurz vorstellen …“. Selbst wenn dadurch nur ein Querschnitt der anwesenden Meinungen und Ideen die Konferenzleitung erreichte – ich war stets beeindruckt von der Vielzahl der guten Ideen, die es so ins Konferenz-Resümmee schafften.
  • Graphic Recording für das Ergebnis eines Treffens von 500 Teilnehmern im Forum – fünf Minuten nach Sitzungsende in jedem Konferenzsaal „on display“. Foto: Reinhard Mohr

    Eine ganz wichtige Rolle dabei spielten die „Graphic Recordings“: In jeder größeren Session oder Workgroup war ein Designer oder Graphiker dabei. Der zeichnete live – oft auf der Präsentationswand eingeblendet – was gerade diskutiert und erarbeitet wurde. Sofort nach dem Ende der Session stand damit ein graphisches Protokoll zur Verfügung, das digital im und vorm Konferenzsaal angezeigt wurde, und dass sich als Datei dann einfach herunterladen ließ.

  • Eine „Info- und Gesprächsecke“ erwies sich als überaus fruchtbar: An großen Pinnwänden konnte jeder eigene Notizen anpinnen. Intelligent angeordnet von den Konferenz-Organisatoren kristallisierten sich so nach einigen Stunden durchaus Meinungs- und Dikussionsschwerpunkte heraus. Und vor diesen Pinnwänden waren Tische und Sitzgelegenheiten in ausreichender Zahl vorhanden, um spontane Kleingruppen zusammenzubringen, oder um sich zu Zweiergesprächen verabreden zu können.
  • Überwölbt wurde die gesamte Konferenzorganisation von der App, die leider erst ganz kurz vor Konferenzbeginn erhältlich war – die dann aber die gesamte Info- und Veranstaltungsplanung erleichterte. Man konnte seinen individuellen Konferenzplan zusammenstellen; und die vielen Querverbindungen ermöglichten Infos zu den Rednern und Fachleuten oder eine schnelle Kontaktaufnahme zu jedem einzelnen der anderen Konferenzteilnehmer.
  • Das erste digitale Produkt, das besser ist als eine gedruckte Visitenkarte: „Tap-Connect-Badge“ – einfach aneinanderhauen, und schon ist man vernetzt! Foto: Reinhard Mohr

    Zusätzlich kam eine neue Technik zum Einsatz, die ich erst sehr misstrauisch beäugte – die mich aber schon nach einer Stunde völlig begeisterte: Ein „Tap-Connect-Badge“ einer Firma namens „Blendology“. Jeder Teilnehmer bekam beim ersten Registrieren ein Umhänge-Schildchen ausgehändigt mit dem eigenen Namen und der Funktion – aber mit etwas mehr Innenleben: Diese Badges ähnelten kleinen und leichten E-Book-Readern, die auch während der drei Konferenztage nicht aufgeladen zu werden brauchten. Stieß man aber seinen eigenen Badge ganz einfach mit dem Badge eines anderen Teilnehmers aneinander, so hatte man damit seine Informationen ausgetauscht! Für mich das erste System, das wirklich besser ist als eine gedruckte Visitenkarte. Denn man „connected“ jetzt wirklich leicht, schnell und ohne große Hemmschwelle – und kommt so wirklich mit einer Vielzahl an Menschen aus aller Herren (und Damen) Länder in Kontakt. Der Clou: Man kann nicht nur selber bestimmen, welche Informationen man preis gibt. Sondern man kann sich auf einer geschützten Website in den eigenen Account einloggen – und kann während und auch nach der Konferenz in einer persönlichen Timeline sehen, wen man wann „tap-connected“ hat. Man kontaktet viele Menschen, behält sie besser in Erinnerung – und kann jederzeit nach der Konferenz nochmal ganz leicht nachfragen und nachhaken. Ein wahrhaft digitaler Beitrag zur Völkerverständigung! Jedenfalls eine Empfehlung wert für vielleicht künftige größere VGSD-Veranstaltungen!

 

Für mich als Reinhard Mohr / als einfaches VGSD-Mitglied: Ganz praktische Ideen aus Helsinki

Was noch in diesem Artikel fehlt: Der langen Rede kurzer Sinn! Was hat mir persönlich der Besuch der SME Assembly in Helsinki gebracht? Wie kann ich als individuelles VGSD-Mitglied davon profitieren – und zwar zugunsten aller VGSD-Mitglieder?

Die Antwort:

  • Die Europäische Union hat mit dieser Veranstaltung, mit den Workgroups und den Rednern bewiesen, dass sie Potenzial hat für uns kleine Selbständige.
  • Ich habe viele interessante Leute kennengelernt, von denen ich eine Menge lernen konnte – was ich gerne an andere VGSD-Mitglieder weitergebe.
  • Sisu, Helsinki und ein Eisbrecher haben mir geholfen, über meinen sowohl deutschen, als auch persönlichen Tellerrand hinauszublicken.
  • Und, ja, ich würde gerne jederzeit wieder eine SME Assembly der Europäischen Union besuchen!

 

Text und Bilder: Reinhard Mohr

Galerie

Das erste digitale Produkt, das besser ist als eine gedruckte Visitenkarte: „Tap-Connect-Badge“ – einfach aneinanderhauen, und schon ist man vernetzt!; Foto: Reinhard Mohr
Nicht digital, aber für den Konferenzerfolg ganz wichtig: Die für jeden offen Pinnwand im „Kommunikations-Eck“. Foto: Reinhard Mohr
Graphic Recording für das Ergebnis eines Treffens von 500 Teilnehmern im Forum – fünf Minuten nach Sitzungsende in jedem Konferenzsaal „on display“. Foto: Reinhard Mohr
„Graphic Recording“, die live während einer Konferenzsession entstand – und die Session nicht nur sauber organisierte, sondern auch noch die Ergebnisse sofort auf„zeichnete“. Foto: Reinhard Mohr
Juliane Kummer, deutsche (Mit-)Organisatorin der „European Enterprise Promotion Awards“. Sie organisierte nicht nur, sondern konnte auch für ein deutsches Projekt eine der Auszeichnungen mit nach Hause nehmen. Foto: Reinhard Mohr
Winken zum „Fake-Fenster“ hinaus: Ein Gruß aus Helsinki vom VGSD-Delegierten an seinen Verband und seine Mitglieder.; Foto: Reinhard Mohr
Der finnische Eisbrecher namens Sisu – ganz wichtig für den Erfolg der Konferenz in Helsinki!; Foto: Reinhard Mohr

1 Kommentar

  1. Jens Wagner schreibt:

    Super-Artikel, vielen Dank!

    Das einzige was mich stört ist das Isenberg-Statement „It‘s much more effective to support small companies than to support start-ups. We need a scale-up-initiative instead of a start-up-initiative.“ Denn die aus seiner Sicht förderungswürdigen „small companies“ sind zu einem großen Teil mal aus „start-ups“ hervorgegangen. Hier spielen dann auch die Unterrnehmensgründungen eine große Rolle, die aus dem Hochschulbereich hervorgehen.

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