Überraschendes Aus für den Mikrokreditfonds: Die Bundesregierung wird das niedrigschwellige Förderinstrument für kleine und mittlere Unternehmen nicht verlängern und verweist auf "veränderte Rahmenbedingungen".
Vor wenigen Wochen erreichten uns erste Hinweise auf ein mögliches Aus, inzwischen ist es offiziell: Der Mikrokredit Deutschland wird eingestellt, und zwar sehr zeitnah: "Neue Kredite werden nur noch bis zum 30. Juni 2026 genehmigt und ausgezahlt", heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Damit fällt ein wichtiges Förderinstrument für Gründer/innen, Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmen weg.
Wo Banken die Finanzierung verweigern, gibt der MKF eine Chance
Den Mikrokreditfonds (MKF) Deutschland – ein von der Bundesregierung geschaffener Garantiefonds – gibt es seit 2010. Federführend war dabei das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) war beteiligt.
Der Fonds sichert Mikrokredite bis zu 25.000 Euro ab – und zwar insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen, die nur schwerlich an Bankfinanzierungen kommen. Die Kreditvergabe erfolgt über eine Bank aus eigenen Mitteln auf Empfehlung von bundesweit akkreditierten Mikrofinanzinstituten. Zu seinem Start im Jahr 2010 wurde der Fonds mit einer Kapitaleinlage von 100 Millionen Euro ausgestattet; in den Jahren 2021 bis 2023 kamen weitere rund 90 Millionen Euro hinzu.
"Das federführende BMAS hat in Abstimmung mit dem kooperierenden BMWE entschieden, die Kreditvergabe im Rahmen des Förderprogramms über den 30. Juni 2026 hinaus nicht zu verlängern", heißt es nun in der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage. Neue Kredite werden also nur noch bis zum 30. Juni dieses Jahres genehmigt und ausgezahlt. Der Fonds an sich wird bis mindestens Ende 2030 bestehen bleiben und finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, um die bestehenden Kredite vertragsgemäß abzusichern. Hintergrund ist, dass die Kredite gewöhnlich über einen Zeitraum von viereinhalb Jahren zurückgezahlt werden.
"Der Mikrokredit ist in meinen Augen alternativlos"
Dabei kommt dem Mikrokredit Deutschland eine besondere Rolle zu: Er eröffnet Menschen die Chance auf einen Kredit, die von den Banken oftmals keine Finanzierung erhalten. Das sind zum Beispiel insbesondere Frauen und/oder Menschen mit Migrationshintergrund, die ein Unternehmen gründen wollen und dafür etwas Startkapital brauchen – aber auch junge Unternehmen, Klein- und Kleinstunternehmen insgesamt. Wenn etwa Sicherheiten fehlen oder die Unternehmenshistorie zu kurz ist, das Unternehmen aber wirtschaftlich tragfähig ist, gibt der Mikrokredit Zugang zu Kapital. Er kann schrittweise vergeben werden und lässt sich damit gut für kleine, aufeinander aufbauende Schritte im Business nutzen.
VGSD-Mitglied Nadine Wleklinski ist Unternehmensberaterin für Existenzgründer/innen, die oft aus der Arbeitslosigkeit heraus gründen. Ihrer Ansicht nach ist der Mikrokredit nicht nur aufgrund seiner Flexibilität und Niedrigschwelligkeit ein unverzichtbares Förderinstrument: "Viele dieser Gründer/innen haben zunächst nicht genug Eigenkapital. Für sie ist der Mikrokredit elementar wichtig", sagt sie. "Nicht nur ist der Zugang vergleichsweise unbürokratisch, auch wenn jemand mal keine ganz einwandfreie SCHUFA-Auskunft hat. Der Mikrokredit hat auch eine hohe Haftungsfreistellung, das ist eine weitere Besonderheit. In diesem Sinne ist er in meinen Augen alternativlos."
Regierung verweist auf veränderte Rahmenbedingungen
Wieso also jetzt das überraschende Aus? Der MKF habe über mehr als ein Jahrzehnt hinweg wirksame und erfolgreiche Arbeit geleistet, so die Bundesregierung in ihrer Antwort weiter. Doch insbesondere in den vergangenen zwei Jahren hätten sich die Rahmenbedingungen so sehr verändert, dass man in der Gesamtabwägung auf eine Kreditvergabe über den Juni 2026 hinaus verzichte.
Konkret nennt die Bundesregierung zum Beispiel stark verschärfte rechtliche und regulatorische Vorgaben: "Dadurch hat sich das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach einer einfachen, unbürokratischen Kreditvergabe und den immer strengeren rechtlichen Vorgaben/Prüfungen zunehmend zugespitzt". Zudem mache die nötige Haushaltskonsolidierung es nötig, in der Bundesverwaltung Ressourcen und Personal einzusparen und Aufgaben zu reduzieren. Außerdem verweist die Regierung darauf, dass "die Kreditengagements – insbesondere die steigenden Ausfallquoten – eine ungünstige Tendenz aufweisen" und dass es inzwischen Förderprogramme der Bundesländer mit "erheblich überlappenden Zielgruppen" gebe.
Einstellung des Mikrokredits stößt auf Kritik
Sind andere Förderprogramme wirklich eine Alternative? Beraterin Nadine Wleklinski meint: "Der Verweis auf andere Fördermittel hinkt. Die gibt es zwar, aber die großen Kredite werden über das Hausbankenverfahren durchgeleitet – und die vergeben nicht gerne Kredite an kleine Existenzgründer/innen."
Kritik am Ende des Mikrokredits und den oben genannten Gründen ist auch aus den Reihen der Mikrofinanzinstitute zu hören – die immerhin einen Teil der Risiken strukturell mittragen: So zeige die praktische Erfahrung, dass Zielgruppen wie Existenzgründer/innen, Frauen, Migrant/innen oder Kleinstunternehmen zu solchen Finanzierungsprogrammen häufig keinen Zugang erhalten. Auch sei die pauschale Bewertung einer "zu hohen Ausfallquote" nicht belastbar: Ihr fehle der Referenzrahmen, sprich die Aussagekraft, ob die Ausfallquote beim Mikrokredit höher ist als in anderen Programmen. Auch werde ihr keine konsistente Wirkungsbilanz etwa aus ermöglichten Gründungen, Beschäftigungseffekten und Rückflüssen gegenübergestellt.
Nutzung des Mikrokredits in Zahlen
- Seit Start des MKF (2010) wurden rund 38.000 Kredite vergeben. Ihr Gesamtvolumen: mehr als 400 Millionen Euro
- Alleine zwischen 2015 und 2025 haben Unternehmen mit 70.000 bestehenden Arbeitsplätzen einen Kredit aus dem MKF erhalten.
- Der geplante Zuwachs an Arbeitsplätzen im gleichen Zeitraum beläuft sich auf rund 80.000 Stellen (die genaue Zahl kann die Regierung aufgrund von Unsicherheiten in der Erhebung nicht beziffern)
- Im Jahr 2025 wurden 2.174 Mikrokredite vergeben, die Vorjahre bewegten sich in einer ähnlichen Größenordnung. Im ersten Corona-Jahr 2020 wurden 3.143 Mikrokredite vergeben.
"Wirtschaftspolitisch komplett falsches Signal"
"Für Zehntausende hat der Mikrokreditfonds eine wichtige Brücke gebaut, um Geschäftsideen umzusetzen, einen Betrieb zu stabilisieren und vor allem Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen. Diese Brücke gerade jetzt einzureißen ist wirtschaftspolitisch wirklich ein komplett falsches Signal", kommentiert Katharina Beck, Sprecherin für Finanzpolitik der grünen Bundestagsfraktion, in einer Pressemitteilung. Sie hatte die Kleine Anfrage zum Mikrokredit initiiert.
"Wie sich die Bundesregierung immer wieder ausschließlich auf wenige Großunternehmen fokussiert und die Breite der über drei Millionen kleinen und mittleren Unternehmen im Stich lässt, ist wirklich ein absolutes Unding. Sie verstärkt mit ihrer Wirtschaftspolitik den Frust in der Breite der Unternehmerschaft durch stets neue Fehlentscheidungen. Das ist schlecht für den Wirtschaftsstandort Deutschland."
Hast du den Mikrokredit selbst in Anspruch genommen oder Menschen auf dem Weg dorthin begleitet? Wie bewertest du das Ende des Förderinstruments? Wir freuen uns auf deinen Kommentar.
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