Für alle, die es nicht glauben: So sieht ein Bescheid über 35% Kranken- und Pflegebeitrag aus

Bis zu 43 Prozent des Einkommens nur für die Kranken- und Pflegeversicherung? Viele, die die Begründung unserer Petition „Einkommensabhängige Beiträge für Selbstständige“ lesen, können das gar nicht glauben und denken, wir würden übertreiben.

Damit sich jeder ein eigenes Bild von der Situation machen kann, veröffentlichen wir im Folgenden einen Beitragsbescheid der Techniker Krankenkasse (TK), die uns ein Mitglied zur Verfügung gestellt hat. Ganz ähnliche Bescheide versenden auch die anderen gesetzlichen Krankenversicherungen.

Eingegangen ist der Bescheid für das Jahr 2017 bei unserem Mitglied übrigens am 24.12.2016 – ihr könnt euch vorstellen, wie sich eine solche Weihnachtsbescherung anfühlt …

 

Fein säuberlich vorgerechnet, dass man Beiträge auf Geld bezahlen muss, das man gar nicht verdient hat

Die TK rechnet unserem Mitglied fein säuberlich vor, dass es aus selbstständiger Tätigkeit im Monatsschnitt 1.164,67 Euro verdient hat, die Beiträge aber auch auf 1.066,58 Euro Differenz zur Mindestbemessungsgrundlage (2.231,25 Euro) entrichten muss, die es gar nicht eingenommen hat. Durch die genaue Darstellung möchte die TK Rückfragen vermeiden. Denn auch viele Versicherte können diese Berechnung erst einmal gar nicht glauben.

Zum Vergrößern bitte Abbildung anklicken (Name, Versichertennummer und Barcode haben wir entfernt)

 

Auf Basis der Mindestbemessungsgrenze berechnet die TK einen monatlichen Beitrag von 410,55 Euro. Unser Mitglied profitiert dabei sogar noch davon, dass der Zusatzbeitrag bei der TK mit 1,0 Prozent leicht unter dem Durchschnitt der Krankenkassen von 1,1 Prozent liegt.

410,55 Euro dividiert durch 1.164,67 durchschnittliches Einkommen: Das ergibt in diesem Fall einen Beitragssatz von mehr als 35 Prozent – nur für die Kranken- und Pflegeversicherung!

 

Wenn Altersvorsorge aufgebraucht ist, kann niedrigerer Beitrag von 23,5 Prozent beantragt werden – Arbeitnehmer zahlen 18,4 Prozent

Für Altersvorsorge bleibt da kein Spielraum. Im Gegenteil: Weil das verbleibende Einkommen nicht zum Leben reicht, muss unser Mitglied seine eigentlich fürs Alter gedachten Ersparnisse zur Deckung des Lebensunterhalts einsetzen. Erst wenn die Altersvorsorge fast komplett aufgebraucht ist (es gelten die „Schongrenzen“ wie bei Hartz IV), darf das Mitglied einen Härtefallantrag stellen, um dann nach aufwändiger Prüfung einen Beitrag auf ein ermäßigtes fiktives Mindesteinkommen von 1.487,50 Euro zu bezahlen. Der Beitrag läge dann bei 273,70 Euro oder 23,5 Prozent des Einkommens.

Zum Vergleich: Ein bei der TK versicherter Arbeitnehmer mit 1.164,67 Euro Bruttoeinkommen zahlt – ohne erniedrigende Bedürftigkeitsprüfung und gemeinsam mit seinem Arbeitgeber! – einen Beitrag von nur 214,29 Euro (18,4 Prozent).

 

Die Ungleichbehandlung geht noch weiter

Die Ungleichbehandlung endet hier aber noch nicht. Denn für einen fairen Vergleich müsste man auch noch Unterschiede in der Bemessungsgrundlage berücksichtigen: So ist bei Arbeitnehmern der Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung beitragsfrei. Bei einem korrekten Vergleich würden Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen sogar nur 178,58 Euro Beitrag bezahlen.

Zusätzlich müsste man bei einem fairen Vergleich berücksichtigen, dass Selbstständige – anders als Angestellte – Beiträge auch auf Zinsen, Dividenden und Mieteinnahmen bezahlen müssen, was deren Bemessungsgrundlage zusätzlich erhöht. Wobei sich das Problem ja durch die erzwungene Auflösung der Ersparnisse aus Sicht der Krankenversicherung löst …

Aber man muss das Beispiel gar nicht bis zum Ende durchrechnen, um zu erkennen, dass hier eine massive Ungleichbehandlung vorliegt und die Frage zu beantworten:

Wie wäre es für dich, wenn du zu Heilig Abend so einen Brief von deiner Krankenversicherung erhalten würdest?

Wir freuen uns über deinen Kommentar!


Jetzt mitzeichnen: Mit unserer Petition setzen wir uns für faire Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge ein. Es ist nicht einzusehen, dass Selbstständige deutlich mehr zahlen als Arbeitgeber und -nehmer zusammen. Eine Gesetzesverschärfung zum 1.1.18 macht eine Reform noch dringlicher.


 

5 Kommentare

  1. Jacqueline Spieweg schreibt:

    Durch eine Nachzahlung plus Hochstufung auch die Krankenkasse und eine nicht erstattbare Zahlung von zu viel bezahlten Beiträgen, als im Folgejahr meine Einnahmen eingebrochen sind, waren es bei mir im Jahr 2016 100% von meinen Einnahmen, die ich an Kranken- und Pflegeversicherung zahlen musste. Im Grunde kann ich es mir nicht leisten, weiter Selbständig zu sein. Anstatt hilft vom Saat zu bekommen – und sei es nur, dass er die gesetzlichen Grundlagen schafft, dass die Krankenversicherung nach dem tatsächlichen Einkommen berechnet wird, zwingt er die Selbständigen in die Harz4-Abhänigkeit.

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  2. Beatrice Legien-Flandergan schreibt:

    Wer sich etwas ganz neu aufbaut und mit vielen Schwankungen klar kommen muss wie ich es kenne, muss sogar den Mindestsatz zahlen, auch wenn noch keine oder nur kleine Einnahmen vorhanden sind. Ich habe nie verstanden, dass ich als Angestellte viel weniger hätte zahlen müssen, weil dann nur mein wirkliches Einkommen zählt. Die Krankenkasse gab mir keine Chance auf Veränderung. Ich frage mich, was da schief läuft, mit welchem Grund und Ziel dahinter dieses Ungleichgewicht noch nicht verändert wurde, sondern die Selbstständigen eher mehr als weniger zur Kasse gebeten werden.
    Wieso kann man diese Menschen nicht mehr unterstützen, wo sie viel mehr Einsatz, Nerven und Kampfgeist brauchen als ein Angestellter und mit hohem Risiko leben, um von ihrer Arbeit gut leben zu können? Solche Menschen übernehmen Selbstverantwortung, kümmern sich selbst um Weiterbildung, um Aufträge und sehen zu, wie sie alleine und durch gute Leistung klar kommen. Diese Menschen sind ein sehr wertvoller Teil der Wirtschaft, die sehr flexibel sind, gute und oft sehr spezielle Leistungen erbringen, die gebraucht werden. Das sollte mehr gefördert werden anstatt durch ständig neue oder zu hohe finanzielle Forderungen zur kaum noch tragbaren Last für Selbstständige zu werden.
    Ich kenne einige, die daher oft übers Aufgeben nachdenken, weil sie sich so fühlen, als würden sie mehr für ihre Pflichtbeiträge arbeiten als für sich selbst. Und einige haben den zunehmenden finanziellen Druck nicht mehr ausgehalten und sind ins Angestelltenverhältnis zurückgegangen.
    Hier sehe ich dringend Handlungsbedarf, damit das Selbstständigsein auch bei kleineren Verdiensten handhabbar bleibt und wenn es mehr wird, nicht gleich immense neue Forderungen kommen.

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  3. Hans Helmbrecht schreibt:

    Ich habe in den ersten 10 Jahren meiner Gründung insgesamt mehr Krankenkassenbeiträge abgeführt als Gewinn erzielt, also tatsächlich ausschließlich die Beiträge zur Krankenversicherung verdient. Gründer werden so für Ihre Risikobereitschaft gegenüber Arbeitnehmern oder gegenüber Familienversicherten bestraft.

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  4. Christian Müller schreibt:

    Dank Mindestbemessungsgrenze musste ich auch oft 60% oder auch in einigen Monaten auch mal bis zu über 150% meines Einkommens an Krankenkassenbeiträgen bezahlen.

    Ich bin allerdings nicht selbstständig, sondern Student.
    Sobald eine studentische Krankenversicherung nicht mehr erlaubt ist (z.B. wenn das 14. Fachsemester erreicht wird nachdem man zwei Klausuren unglücklich nicht bestanden hat) gilt auch dort eine Mindestbemessungsgrenze mit ihren fragwürdigen Auswüchsen.

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    1. Christian schreibt:

      Dann war aber so gut wie kein Einkommen vorhanden. Bemessungsgrundlage sind für Stunden in der freiwilligen GKV 991,67 € / Monat, darauf der ermäßigte Beitragssatz in Höhe von 14,0 % zuzüglich des kassenindividuellen Zusatzbeitragssatzes macht um die 140-150 Euro im Monat, dazu kommt der Beitrag für die Pflegeversicherung (25,29 € bzw. 27,77 € für Kinderlose über 23 Jahre). Nachzulesen hier: http://www.studentische-versicherungen.de/krankenversicherung-student/gesetzliche-krankenversicherung/ Das ist bitter, aber noch nen gutes Stück von den Selbständigen in der freiwilligen GKV entfernt… Imho gehören für alle die Mindestbemessungsgrundlagen abgeschafft bzw. zumindest deutlich reduziert…

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