Im Rentenalter hohe Krankenversicherungsbeiträge für zuvor Selbstständige?

pixabay_GesundheitskarteTagesspiegel-Redakteur Harald Martenstein beschreibt in seiner ZEIT-Kolumne den Fall von Frau H. Sie hat 40 Jahre lang als Angestellte in die Rentenversicherung einbezahlt, rund 490 Euro monatlich. Gegen Ende ihres Berufslebens hat sie sich selbstständig gemacht und war einige Jahre privat krankenversichert.

Sie erhält eine Rente von 600 Euro zugesprochen – und ein Schreiben der Krankenkasse: Nach § 5 Abs. 1 Nr. 11 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch sei in ihrem Fall eine (kostengünstige) Pflichtversicherung in der Krankenversicherung der Rentner nicht möglich, weil sie nicht die Bedingung erfüllt „seit der erstmaligen Aufnahme einer Erwerbstätigkeit bis zur Stellung des Rentenantrages mindestens neun Zehntel der zweiten Hälfte des Zeitraumes Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse“ gewesen zu sein. Die Konsequenz: 175 Euro oder 30 Prozent ihrer Mini-Rente gehen künftig an die Krankenkasse.

Martenstein kommentiert:

„Das muss man sich drei Mal schön langsam durchlesen. (…) Aus einer Rente, von der man mit großer Mühe leben kann, wird durch einen staatlichen Hoheitsakt eine Rente, die dazu nicht reicht. (…) Big Brother produziert die Altersarmut, für deren Bekämpfung er sich hinterher feiern lässt.“

Frau H. hat das Glück, dass sie einen Partner mit offenbar besserer Altersvorsorge hat. Ansonsten würde sie heute wohl auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein. Sie würde dann von DRV und BMAS als Beispiel dafür herangezogen, dass ehemals Selbstständige im Alter überdurchschnittlich häufig auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Dass der Grund nicht mangelnde Vorsorge sondern eine Ungleichbehandlung bei der Krankenversicherung ist, wird dabei aber verschwiegen werden.

 


Jetzt mitzeichnen: Mit unserer Petition setzen wir uns für faire Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge ein. Es ist nicht einzusehen, dass Selbstständige deutlich mehr zahlen als Arbeitgeber und -nehmer zusammen. Eine Gesetzesverschärfung zum 1.1.18 macht eine Reform noch dringlicher.


 

15 Kommentare

  1. Andreas Lutz schreibt:

    Grundsätzlich ist ja bekannt, dass privat Krankenversicherte Geld sparen, das sie ansparen sollten um die höheren Kosten der privaten Krankenversicherung im Alter auszugleichen. Das kann man in diesem Fall mit Recht entgegenhalten.
    Aber eine Beschäftigung mit dem Thema lohnt sich sicherlich. Denn wer weiß schon, wie das mit der Rentenversicherung im Alter genau funktioniert.
    Zu Hinterfragen ist vor allem auch, welche Bemessungsgrundlage für eine gesetzliche Krankenversicherung als Rentner gilt, ob hier etwa private Renten dann wieder verbeitragt werden. Hier liegt meines Wissens tatsächlich etwas im Argen.

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    1. Oliver X schreibt:

      Da liegt in der Tat was im Argen. Das Grundproblem ist auch hier wieder ein harter Schnitt infolge eines Kriteriums. Dummfug! Warum macht man das nicht kontinuierlich, analog dem was passiert ist? 86% Angestellter gewesen, bedeutet dann 86% der Anteile eines Angestellten und der Rest so wie ein Selbständiger. So ist das doch nur ein potenzieller Punkt fur Imgerechtigkeiten.

      Konkret ist es naturlich auch ein schwerer Fehler der Frau gewesen, das sichere Boot zu verlassen.

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  2. Sinah Altmann schreibt:

    Ist denn bekannt, dass ich bei Rentenantragsstellung bei der Rentenversicherungsanstalt einen Extraantrag zur Bezuschussung der Krankenkasse stellen kann?

    Das federt einiges ab.

    Wir haben allerdings 3 Beratungstermine gebraucht, bis wir jemanden gefunden hatten, der den Antrag parat hatte…

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    1. Andreas Lutz schreibt:

      Wie heißt das Formular denn genau, oft haben die auch Abkürzungen wie V270…

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  3. Sinah Altmann schreibt:

    Im Rentenantrag ist unter Punkt 12.4 anzukreuzen: „ja“ (da geht’s um die Beantragung des Zuschusses); ergänzend R810 bei gesetzlich Versicherten oder freiwillig gesetzlich Versicherten bze. R821 bei privater Krankenversicherung.

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  4. Hendrik Schäfer schreibt:

    . Bei genauerem Lesen geht m.E. hervor, dass die Frau gegen Ende ihrer aktiven Erwerbszeit privat krankenversichert war. Darum die Rechnung der Sozialkasse und die Entscheidung, dass sie in der Rente nicht gesetzlich versichert sein kann. Ich denke, dass hätte sie wissen sollen, so hart das klingt. Wer nach dem 55. Geburtstag noch privat versichert ist, hat keine Chance zurück in die gesetzliche zu kommen auch nicht als Rentner und / oder bei sehr geringen Einkünften.

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  5. K. Kuhn schreibt:

    Wie seht ihr das Thema Altersrückstellung der PKV ? Da die Frau ja anscheinend kurz vor der Rente nur einige Jahre selbstständig war, wurde ja auch keine grosse Rückstellung mehr gebildet oder sehe ich das falsch ?

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    1. Andreas Lutz schreibt:

      Hallo,
      wir wissen aus dem Beitrag nicht genau, wie lange die Frau privat krankenversichert war. Lang genug, um nicht in die Rentenversicherung der Rentner zu dürfen, zu kurz, als dass sich das mit der PKV gelohnt hätte. Es ist hier nicht auszuschließen, dass ein Beratungsfehler vorliegt, denn es wäre wahrscheinlich besser gewesen, in der GKV zu verbleiben. Das Ganze zeigt einfach, dass es hier zu erheblichen Härten kommen kann, wenn man nicht sehr gut informiert ist. Wir werden uns beim VGSD aus disem Grund verstärkt mit dem Thema „Krankenversicherung im Alter“ auseinandersetzen. Am Do., 24.11.16, veranstalten wir dazu eine Experten-Telko.
      lg Andreas

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  6. EasyWISA schreibt:

    Typischer Fall von ‚dumm gelaufen‘ würde ich sagen. Warum die Frau in dem hohen Alter in die private gewechselt ist, erschließt sich mir nicht. Ich (36) bin leider mit 29 in die private gewechselt und würde schon seit Jahren gerne zurück in die gesetzliche. Dies ist nicht möglich, da ich die notwendigen Voraussetzungen nicht erfülle und auch nicht vorhabe, ein paar Monate/Jahre deswegen auf arbeitslos zu machen oder aber in eine schlecht bezahlte Festanstellung zu wechseln. Im Moment kann ich mir die Beiträge problemlos leisten. Wie das später aussieht, weiß ich nicht, da ich meine zukünftigen Beiträge und Einkommenssituation nicht kenne.

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  7. Martin schreibt:

    Ich bin verwundert über diese „Regel“: … sie nicht die Bedingung erfüllt „seit der erstmaligen Aufnahme einer Erwerbstätigkeit bis zur Stellung des Rentenantrages mindestens neun Zehntel der zweiten Hälfte des Zeitraumes Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse“ gewesen zu sein …“

    Wird man bei Verstoß gegen diese Bedingung auch aus der gesetzlichen Versicherung geworfen, wenn man zum Zeitpunkt des Rentenantrags wieder gesetzlich versichert ist, aber in der Vergangenheit eben lange privat versichert war?

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    1. Andreas Lutz schreibt:

      Hallo Martin,
      ja, von dem was ich weiß fürchte ich schon. Aber vielleicht weiß es ja jemand hier noch besser.
      Wir werden uns wie schon erwähnt beim VGSD verstärkt mit dem Thema „Krankenversicherung im Alter“ auseinandersetzen. Am Do., 24.11.16, veranstalten wir dazu eine Experten-Telko – und da werden wir diese Frage natürlich stellen, ich veranlasse gleich mal, dass sie dort noch im Fragekatalog ergänzt wird.
      Bei den privat Versicherten ist ja die Sorge, wie sich die Beiträge entwickeln. Bei den gesetzlichen muss man fürchten, dass die Bemessungsgrundlage immer weiter ausgedehnt wird bzw. ist das schon absehbar. Also ein wichtiges Thema!
      lg Andreas

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      1. Martin schreibt:

        Hallo Andreas,
        Danke für die weitere Verfolgung der Frage. Um es noch einmal anders zu formulieren: Ich bin bisher davon ausgegangen,
        1. dass ich in jedem Fall als Rentner gesetzlich versichert werden kann, wenn ich zum Zeitpunkt der Rentenantragsstellung das Recht auf die gesetzliche Versicherung wieder erworben habe, egal wie lange ich vorher privat versichert war
        2. ich dieses Recht erwerbe, indem ich vor dem 55. Lebensjahr in die gesetzliche Versicherung zurückwechsele
        3. ich zurückwechseln darf, wenn ich entsprechend geringe Einkünfte vor dem 55. Lebensjahr habe
        4. ich diese geringen Einküfte dann für mindestens 12 Monate haben muss, da sonst das Recht auf die gesetzliche Versicherung wieder verfällt

        Es wäre wirklich sehr hilfreich für mich und wohl auch manch andere, wenn dies geklärt werden könnte.
        Ganz herzlichen Dank!

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  8. Marco G schreibt:

    Vor lauter gefährlichem Halbwissen wird einem hier ja schwindelig.
    Was ist denn hier die grundsätzliche Fragestellung? Wied er Gesetzgeber die Angelegenheit sieht und ob die gesetzliche Regelung unfair ist? (ja und wird im Alltag öfter falsch als richtig gehandhabt)
    Ob die Dame schlecht beraten war? (mit Sicherheit, so viel vorab)
    Oder einfach nur mal wieder grundsätzliche Polemik gegen die private Krankenvollversicherung.

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    1. Andreas Lutz schreibt:

      Hallo Marco,
      sachliche Beiträge sind immer willkommen.
      Die Grundfrage, die viele Selbstständige beschäftigt ist: „Kann ich mir meine private bzw. gesetzliche Krankenversicherung im Alter noch leisten?“
      Unter http://www.vgsd.de/?p=13004 haben wir die Fragestellung für unsere Telko noch einmal runter gebrochen.
      Gerne kannst Du auch vorab Deine Meinung dazu hier schreiben.
      Andreas

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