Interview: Warum zwei Freiberufler-Genossenschaften gemeinsam die Vortragsreihe „Scheinselbstständigkeit – Was lässt sich dagegen tun?“ organisieren

Christa Weidner mit Peter Monien (4freelance, links) und Jürgen Pöhler (Consulting Union, rechts)

Die Freiberufler-Genossenschaften 4freelance und Consulting Union haben sich zusammengetan und eine Vortragstour mit Bonhoff-Preisträgerin Christa Weidner durch sechs Städte organisiert.

Nach dem erfolgreichen Auftakt in Frankfurt Anfang Dezember findet heute abend in München – wieder vor ausverkauftem Haus – die zweite Veranstaltung der Reihe statt.

Vor dem Hintergrund des am 1. April 2017 in Kraft tretenden „Werkvertragsgesetzes“ geht es um die Frage: Wie können IT-Selbstständige und deren Auftraggeber auch zukünftig rechtssicher und erfolgreich zusammenarbeiten?

Im Interview erklären 4freelance-Vorstand Peter Monien und Consulting Union-Vorstand Jürgen Pöhler, welche Auswirkungen die Gesetzesnovelle auf die IT-Branche haben wird, aber auch wie es zu ihrer Zusammenarbeit kam, was ihre Genossenschaften unterscheidet und warum sie den Reinerlös der Veranstaltungen an den VGSD spenden.

 

Christa hat  früher als andere Modelle entwickelt, um rechtssicher agieren zu können

VGSD: Wie kam es denn zur Vortragsreihe und zur Zusammenarbeit mit Christa Weidner?
Peter: Wir sind mit Christa schon länger in Kontakt. Nachdem klar wurde, dass am 1. April 2017 das Werkvertragsgesetz in Kraft tritt, sind wir als freelancernahe Vermittler sehr interessiert daran gewesen, aktiv nach Modellen zu suchen, die es ermöglichen, gesetzeskonform zu agieren. Das ist angesichts der bestehenden Rechtsunsicherheit ja gar nicht so einfach. Wir sind sehr froh, dass Christa schon früh weiter gedacht hat als andere. Was uns an ihren Lösungen besonders anspricht, ist dass der Freelancer mehr als Unternehmer auftritt. Das entspricht unserem Bild des Selbstständigen.

VGSD: Eure erste Veranstaltung in Frankfurt war innerhalb von nur vier Tagen ausgebucht. Wie erklärt ihr Euch das große Interesse?
Jürgen: Viele Freelancer fühlen sich von der Politik im Stich gelassen, weil ihnen niemand sagen kann, wie sie sich rechtssicher betätigen können. Aber auch ihre Kunden sind durch die Diskussion im Vorfeld der Gesetzesänderung verunsichert. Einige setzen verstärkt auf Arbeitnehmerüberlassung. Aber gerade die besonders gefragten und gut ausgelasteten Experten können sich das überhaupt nicht vorstellen, weil es zahlreiche nachteilige Konsequenzen für sie hätte. Deshalb sind auch die Auftraggeber sehr daran interessiert, andere Möglichkeiten rechtssicherer Beauftragung zu finden.

 

Deutschland risikiert einen „brain drain“

VGSD: Wie beurteilt ihr das Werkvertragsgesetz, das am 1. April nächsten Jahres in Kraft treten soll?
Peter: Durch die Veränderungen am Referentenentwurf konnte zwar Schlimmeres verhindert werden, aber trotzdem reduziert das Gesetz eher die Rechtssicherheit als sie zu erhöhen. Es bleibt abzuwarten, welchen Effekt die Klarstellung zum Projektgeschäft hat. Wir haben in den letzten Monaten beobachtet, dass viele Auftraggeber auf Arbeitnehmerüberlassung setzen. Für  viele Freelancer ist das aber keine akzeptable Lösung. Ich kenne Freelancer, die sich konkret überlegen, ob sie auswanden sollen oder solche die gerade den Schritt getan haben. In Länder, die einem Freelancer ermöglichen, als Freiberufler zu agieren und nicht als „ungewollter Angestellter“.  So riskiert Deutschland einen „brain drain“ und verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Denn oft sind zukunftsweisende Projekte nur mit Freelancern zu bewältigen.

 

Meiste Politiker verstehen nicht die Bedeutung von Experten  für Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft

VGSD: Ihr spendet den Reinerlös der Veranstaltungsreihe an den VGSD. Darüber freuen wir uns sehr. Was hat Euch dazu bewogen?
Peter: Wir sehen den VGSD als stärksten Verband, der unsere Stimme einbringt und in unserem Sinne etwas bewegt. Wir sind als Freelancer bisher zu wenig organisiert. Wir brauchen eine Vertretung und müssen uns in den entsprechenden Gremien Gehör verschaffen. Das Schlimme ist, dass die meisten Politiker die wichtige Rolle der Experten für Unternehmen und ihre Wettbewerbsfähigkeit überhaupt nicht verstehen.
Natürlich müssen wir für eine faire Lösung sorgen auch für prekär Beschäftigte. Wir sind umgekehrt gerne bereit, nachzuweisen, dass wir verantwortlich vorsorgen.

 

Stärken der verschiedenen Freelancer-Genossenschaften

VGSD: Ihr seid beide im Vorstand einer Freelancer-Genossenschaft. Welche Vorteile bringt eine solche Genossenschaft ihren Mitgliedern?
Peter: Nun, wir vermitteln zu sehr günstigen Konditionen. Der Auftraggeber bekommt mehr Leistung für das gleiche Geld und beim Auftragnehmer kommt ebenfalls mehr an. Beide profitieren also. Wichtig ist unseren Mitgliedern auch der Austausch untereinander. Von der Verrechnung der Reisekosten bis hin zu Diskussionen über den Umgang mit Kunden und Vermittlern. Viele von uns agieren ja als „einsame Wölfe“ und brauchen diesen Austausch. Wir bieten unseren Mitgliedern, eine preisgünstige Betriebshaftpflicht- und Vermögensschadenversicherung. Freelancer sind zugleich unsere Kunden als auch unsere Eigentümer. Deshalb steht der Freelancer im Fokus und nicht nur der Auftraggeber. Nicht zuletzt, weil wir davon überzeugt sind, dass fair bezahlte und behandelte Freelancer auch ein Gewinn für ihre Auftraggeber sind.
Jürgen: Während 4freelance erfolgreich auf Größe setzt, fokussieren wir uns regional und branchenmäßig auf den Frankfurter Raum sowie die Finanzdienstleistungsbranche. Da sind wir richtig stark und generieren für die Mitglieder viele Aufträge. Wie bei 4freelance auch haben wir bei der Consulting Union ein Incentive-System, das die Empfehlung anderer Netzwerkpartner belohnt.

VGSD: Wer darf bei Euch Mitglied werden und was kostet das?
Peter: Mitglied werden dürfen alle Freelancer, GmbH-Alleingesellschafter und auch gleichberechtigte Partner in Mehrpersonen-GmbHs, Partnergesellschaften usw. Man muss mindestens einen, maximal zehn Genossenschaftsanteile à 100 Euro kaufen. Hinzu kommt eine Aufnahmegebühr von 50 Euro, die wir ins Marketing investieren. Wir bewegen uns gerade auf die Schwelle von 500 Genossen zu.

 

Gemeinsam erreichen, dass Freelancer frei und unbürokratisch mit ihren Auftraggebern zusammenarbeiten können

VGSD: Eigentlich seid ihr ja Wettbewerber? Warum arbeitet ihr trotzdem zusammen und in welcher Form?
Jürgen: Ja, am Markt sind wir Wettbewerber. Wir arbeiten aber auf zwei Ebenen zusammen. Wenn wir zum Beispiel Spezialisten suchen und diese nicht aus dem eigenen Netzwerk besetzen können, fragen wir den anderen und teilen den Profit auf faire Weise. Der Kunde zahlt dadurch nicht mehr, der Freiberufler erhält nicht weniger Geld. Der zweite Grund für die Zusammenarbeit: Angesichts der politischen Wetterlage tauschen wir uns über Gesetzgebung und Trends unter den Auftraggebern aus. Gemeinsam wollen wir erreichen, dass Freelancer frei und unbürokratisch mit ihren Auftraggebern zusammenarbeiten können.

VGSD: Bringt eine solche Genossenschaft auch Vorteile in Hinblick auf sozialversicherungsrechtliche Gefahren wie Scheinselbstständigkeit oder arbeitnehmerähnliche Selbstständigkeit?
Jürgen: Unsere Mitglieder sind in Hinblick auf Scheinselbstständigkeit sicherlich deutlich besser informiert. Sie diskutieren untereinander, verhalten sich anders und sichern sich so besser ab als der durchschnittliche Freelancer. Die Eigenschaft als Genosse schützt per se aber nicht. Anders ist es in Bezug auf arbeitnehmerähnliche Selbstständigkeit: Nach Einschätzung des von 4freelance beaufragten, auf das Thema spezialisierten Rechtsanwalts besteht hier tatsächlich ein Schutz, wenn man als mitarbeitender Gesellschafter gewertet wird.

VGSD: Danke für das Gespräch und viel Erfol für die weiteren Veranstaltungen!

 

Hier die weiteren Termine der Vortragsreihe – am besten sichert ihr Euch bei Interesse frühzeitig einen Platz (die Veranstaltung in Frankfurt und München waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft):

VGSD-Mitglieder erhalten ermäßigten Eintritt. Den Reinerlös spenden die Veranstalter an den VGSD!

1 Kommentar

  1. Thomas Kimmich schreibt:

    „dass viele Auftraggeber auf Arbeitnehmerüberlassung setzen. Für viele Freelancer ist das aber keine akzeptable Lösung. “
    So habe ich das auch erfahren. Wobei ich die Formulierung als freundlichen Euphemismus empfinde.
    Arbeitnehmerüberlassung habe ich als schlechteste aller Beschäftigungsarten empfunden ( wenn auch besser als gar kein Job):
    – wenig Geld
    – keine Karierre ( man ist Hilfskraft in der Firma – und bleibt das)
    – keiner ist zuständig ( Vermittler will dass man dort bleibt, Ausleiher fühlt sich nicht zuständig )
    Wohingegen der Verleiher weiterhin horrende Summen verdient.

    Im Klartext: als Leiharbeitnehmer war ich niedrig bezahlte Hilfskraft 3 Klasse mit Knebel Vertrag.

    Wer so etwas als Lösung der Freiberufler Thematik in der IT vorschlägt hat einfach keine Ahnung.

    Und fördert abkassierende Unternehmer statt Leistungsträger.

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