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Lesetipp Selbstständige würden gerne mehr arbeiten, der Staat verhindert es Ins Homeoffice verbannt, zu Teilzeit und Frühruhestand verdammt

Seltener krank melden, mehr arbeiten: Auf dem CDU-Parteitag werden viele Anträge beraten, die die Wirtschaft voranbringen sollen. Leider übersieht die CDU eine Gruppe, die gerne mehr arbeiten würde, der dies aber vom Staat unmöglich gemacht wird.

Welche Rolle spielte der Staat beim Rückgang der Arbeitszeit von Selbstständigen (grüne Linie)?

Jürgen* (56) hat viele Jahre lang 60 Stunden in der Woche gearbeitet und ist durch ganz Deutschland gereist, um die Abläufe in großen Versicherungsunternehmen und Banken zu digitalisieren. Seit neun Monaten ist er nun zur Teilzeit verdammt. Die besteht darin, in seinem Homeoffice zu sitzen, lange Fragebögen von Personalagenturen auszufüllen, um dann immer wieder zu hören, dass sein Know-how zwar dringend benötigt wird, aber er als solo-selbstständiger Experte nicht vermittelbar ist. 

Auftraggeber und Auftragnehmer würden gerne zusammenarbeiten, aber ...

Eigentlich würde der Auftraggeber sehr gerne mit Jürgen zusammenarbeiten: Er spricht Deutsch, kennt sich mit Versicherungs- und Bankprodukten und ihren vielfältigen Reglementierung bestens aus, versteht auf Anhieb wo der Hase im Pfeffer liegt. Aber die Deutsche Rentenversicherung (DRV) macht die Zusammenarbeit de facto unmöglich:

Bei Beauftragung von Solo-Selbstständigen und sogar Selbstständigen mit einigen Mitarbeitenden drohen dem Auftraggeber bei der nächsten Betriebsprüfung (findet alle vier Jahre statt) deren Einordnung als scheinselbstständig und damit hohe Nachzahlungen und sogar Gefängnisstrafen, weil die Selbstständigen im Nachhinein zu sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten umklassifiziert werden uns somit von deren Auftrag- bzw. jetzt Arbeitgeber Sozialversicherungsbeiträge hinterzogen hat.

Die Folge: Jürgen ist zum Nichtstun verdammt. Der Personalberater fragt ihn sogar, ob er nicht vielleicht lieber von Portugal aus arbeiten möchte, die Vermittlung an eine ausländische GmbH wäre kein Problem. Anfangs hat er das abgelehnt. Inzwischen denkt Jürgen jedoch ernsthaft über eine Gründung im Ausland nach.

Immer mehr Bürokratie, immer teurere Projekte

Torsten* feierte gerade seinen 60. Geburtstag. Sein Auftraggeber, ein Ministerium in Norddeutschland, musste sich viele Jahre keine Sorgen um Scheinselbstständigkeit machen. Die Beamten verließen sich darauf, dass die Kolleg/innen von der Deutschen Rentenversicherung – die als Prüfinstanz das Statusfeststellungsverfahren durchführt – bei ihnen nicht ganz so streng nachschauen wie bei bei privaten Unternehmen. Dazu hatten sie auch einigen Grund.

Nach einer Schulung der Rechtsabteilung über die jüngsten Entwicklungen war man sich beim Auftraggeber dann nicht mehr ganz so sicher. Von einem Tag auf den anderen wurden Torsten und alle seine Kollegen (tatsächlich ausschließlich Männer) ins Homeoffice verbannt. Meetings nur noch online. Der Kontakt mit Mitarbeiter/innen des Ministeriums: stark eingeschränkt. Die Rechtsabteilung entwickelt seitdem immer neue Regeln, um das Risiko einer Scheinselbstständigkeit für das Ministerium zu reduzieren – mit jeder wird die Zusammenarbeit noch umständlicher und bürokratischer.

Die Projekte dauern immer länger, die Kosten betragen inzwischen ein Vielfaches gegenüber vergleichbaren Projekten, an denen Torsten früher bei privaten Auftraggebern beteiligt war. Für das Ministerium kein Problem: Geld scheint – zumindest in diesem Bundesland – keine Rolle zu spielen. Bei privaten Auftraggebern sieht es dagegen anders aus. Sie stehen im Wettbewerb – und verlieren durch die unmöglich gemachte Zusammenarbeit mit Dienstleistern massiv an Wettbewerbsfähigkeit.

Dann kam der Zoll und verhörte die potenziellen "Schwarzarbeiter"

Doch alle bürokratischen Regeln und Vorsichtsmaßnahmen der Rechtsabteilung nutzten nichts. Zwar kam nicht die Deutsche Rentenversicherung, aber dafür der der Zoll. Der ist für die Kontrolle von Schwarzarbeit zuständig und – auch wenn Torsten sein Einkommen natürlich versteuert – betrachtet der Zoll Scheinselbstständigkeit als Schwarzarbeit.

Der Zoll lud eine zweistellige Zahl von Auftragnehmern des Ministeriums zum Verhör - teils mehrere Stunden lang. Die Verunsicherung des auftraggebenden Ministeriums nahm weiter zu. Weil Torsten am längsten im Projekt tätig war, wurde in der Folge beschlossen, sich von ihm zu trennen. Der Vertrag endet in wenigen Wochen. Damit geht der erfahrenste externe Mitarbeiter. 

Leiharbeit oder eine befristete Anstellung als Lösung?

Torsten aktivierte daraufhin sein Profil auf LinkedIn und in anderen Stellenbörsen. Er erhielt sofort mehrere Angebote – jeden Tag, aber nur noch im Rahmen von Leiharbeit oder als befristete Anstellung, in jedem Fall mit einem deutlich niedrigeren Verdienst. Weil er noch eine Wohnung abzahlen muss, erwog er eine Anstellung anzunehmen, entgegen seiner innersten Überzeugungen. 

In ihm rumorte es über Wochen: Als junger Mann wollte er eine Anstellung, aber eckte als Mitarbeiter mit eigenen Ideen immer wieder an, hatte deshalb Schwierigkeiten eine Stelle zu finden. Durch Zufall kam er in die Rolle des Selbstständigen und fühlte sich plötzlich wie ein Fisch im Wasser. Er stellte sein Leben, seine Altersvorsorge komplett um. 

Jahrzehntelang hat Torsten seitdem mit viel Freude und sehr erfolgreich selbstständig gearbeitet. Doch der Staat versagt seit Jahren dabei, die Rechtsunsicherheit rund ums Thema Scheinselbstständigkeit aufzulösen. Inzwischen empfindet Torsten die Situation de facto als Verbot seiner Selbstständigkeit).

Die Prüfpraxis der DRV hat Torsten zunächst ins Homeoffice verbannt, die Kommunikation mit den Kollegen, – selbst online – stark eingeschränkt, ihn sozial isoliert. Und nun will der Staat ihn zwangsweise zum Angestellten machen. Über Wochen konnte Torsten im Gespräch mit Freunden und Familie über kein anderes Thema als diesen inneren Konflikt sprechen – den Versuch, sich mit einer Zukunft als Angestellter abzufinden. 

Sein Steuerberater hatte einen anderen Rat

Dann sprach er mit seinem Steuerberater. Torsten hat wie die große Mehrheit der Selbstständigen gut für sein Alter vorgesorgt. "Wenn der Staat dich nicht mehr arbeiten lässt, kannst du auch jetzt, mit 60 schon in Rente gehen," beruhigte ihn der Steuerberater. "Du hast ungefähr doppelt so viel an Ersparnissen, wie nötig wäre, um deinen bisherigen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, bis zu deinem Lebensende. Und wahrscheinlich würdest du noch einiges vererben."

Nicht mehr gebraucht werden? Zur Frührente verdammt!? – Inzwischen hat sich Torsten an diese Aussicht gewöhnt. Selbst wenn er doch noch einen Auftrag bekommen sollte, will er 2026 nicht mehr arbeiten. "Dann zahle ich doch einfach nur mehr Steuern." Torsten macht jetzt Pläne für längere Reisen, reaktiviert frühere Freundschaften und  Hobbies, hat jetzt ein Haustier. Und eine Vielzahl von Studien zeigt: Wenn man sich erst mal an das Rentnerleben gewöhnt hat, ist eine Rückkehr ins Arbeitsleben unwahrscheinlich.

Geschichten wie die von Jürgen und Torsten hören wir von vielen Mitgliedern. Sie würden sehr gerne selbstständig weiterarbeiten, haben das nötige Know-how, lieben ihre Arbeit und sind gewohnt, viel wegzuschaffen. Aber man lässt sie nicht mehr. 

Durchschnittliche Arbeitszeit von 2.257 auf 1.741 Stunden pro Jahr gesunken – der Staat will es so

Das spiegelt sich in der Entwicklung der Arbeitszeit pro Selbstständigem wieder, die das zur Bundesagentur für Arbeit gehörige IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) misst. Im Jahr 2000 betrug die Jahresarbeitszeit von Selbstständigen noch 2.257 Stunden, 66 Prozent mehr als die durchschnittlich 1.360 Stunden von Arbeitnehmer/innen. Selbstständige sind hochmotiviert.Auch heute arbeiten Selbstständige im Schnitt noch immer deutlich mehr als Angestellte, aber nur noch 1.741 Stunden, Angestellte 1.264 Stunden.

Der Rückgang der Jahresarbeitszeit bei Angestellten beträgt sieben Prozent. Der bei Selbstständigen 23 Prozent. Die Folge: Selbstständige leisten heute 2,7 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr weniger als noch im Jahr 2000. Angestellte arbeiten 5,3 Milliarden Stunden mehr, was großenteils durch Zuwanderung zu erklären ist. Wie die Beispiele oben zeigen, ist der Rückgang bei den Selbstständigen häufig ungewollt, sondern vom Staat erzwungen.

Wenn Politiker/innen ihren Fokus weiterhin alleine auf die Erhöhung des Arbeitsvolumens von Angestellten richten, übersehen sie dann nicht etwas Wesentliches? Wäre es nicht angebracht, auch über Maßnahmen nachzudenken, die es Selbstständigen ermöglichen, wieder mehr zu arbeiten? Und das in Deutschland, nicht im Ausland? Vielleicht sogar vor Ort, bei ihren Auftraggebern, was die Kommunikation vereinfachen und die Digitalisierung von Wirtschaft und Staat beschleunigen würde? Auch mit über 60?

Wir würden uns über entsprechende Anträge (nicht nur) auf dem CDU-Parteitag sehr freuen!

*) Jürgen und Torsten sind Mitglieder des VGSD und haben uns ihre Geschichten geschildert. Wir haben ihre Namen geändert, um ihre Anonymität zu wahren. 

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