Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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VGSD zu Anhörung über „Click- und Crowdworking“ in NRW-Landtag geladen

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Hendrik Schäfer – hier bei einem Statement für ZDF heute

Erstmals wurden VGSD-Vertreter zu einer Anhörung eingeladen – nämlich als Sachverständige in den Landtag von NRW, um dort am 18. April 2016 Fragen von Landtagsabgeordneten zum Thema „Chancen und Risiken des digitalen Arbeitswandels – Click- und Crowdworking“ zu beantworten. Initiiert wurde die Anhörung auf Antrag der Fraktion der Piraten. Sie fand vor dem Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales statt (weitere Infos zum Vorgang).

Als Sachverständige sprachen vor dem Ausschuss:

  • Zwei Vertreter von Gewerkschaftsseite (RA Christel Riedel für ver.di und Robert Fuß für die IG Metall),
  • der Arbeitsmarktforscher und Assistenzprofessor der Universtiät Freiburg PD Dr. Alexander Spermann,
  • Frau Lucia Falkenberg von eco, dem Verband der Internetwirtschaft.
  • Der VGSD wurde durch Hendrik Schäfer, einen der drei Sprecher der Arbeitsgruppe „Scheinselbstständigkeit“ vertreten (zugleich Autor des folgenden Berichts).

Insgesamt hatte man elf Experten eingeladen, fünf waren anwesend. Wer als Verband also über engagierte Mitglieder verfügt, die bereit sind solche Aufgaben zu übernehmen, hat gute Chancen gehört zu werden. So sorgen wir auch für eine Balance zu den Gewerkschaften, die bei solchen Anhörungen immer präsent sind. (Also macht mit und meldet Euch bei Interesse!)

 

Beispiel Softwareentwicklung: Bedarf nach Hochqualifizierten nimmt zu, nicht ab

Die Fragen, die die Abgeordneten in der ca. 90-minütigen Besprechung stellten, erstreckten sich über alle Themenbereiche, die uns Selbstständige betreffen, gingen also über Click- und Crowdworking im engeren Sinne hinaus: Es ging um die Höhe des Einkommens von Soloselbstständigen, die soziale Absicherung in Form der Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, aber auch um Themen wie den Arbeitsschutz oder die Überwachung der Leistung der Mitarbeiter.

Die ersten Fragen wurden direkt an den VGSD-Vertreter gestellt. Hendrik antwortete zunächst auf die Frage, ob die Softwareentwicklung demnächst in viele kleine Teile zerlegt wird, um dann an verschiedene schlecht bezahlte Crowdworker aufgeteilt zu werden. Da er selbst als Entwickler tätig ist, konnte er glaubhaft vermitteln, das das nicht so ohne weiteres möglich ist und er sich deshalb keine Sorgen um seinen Job macht.

Ein erfahrener Softwareentwickler programmiert nicht nur, sondern es geht auch darum, die Anforderungen der Fachabteilung zu verstehen und umzusetzen. Es ist mit großem Mehraufwand verbunden, die Anforderung so genau zu dokumentieren, dass sie auf mehrere Dritte delegiert werden können. Das lohnt sich nur bei relativ großen Projekten.

Die Arbeiten werden dann typischerweise auch nicht an Crowdworker im Inland vergeben, sondern an qualifzierte Entwickler im Ausland – near shore (z.B. nach Osteuropa) oder far shore (z.B. nach Indien). Die Dokumentation der Anforderungen und Betreuung der ausländischen Entwickler ist wiederum selbst eine hoch qualifizierte Projektmanagement-Tätigkeit.

Die Vergabe der Tätigkeiten ins Ausland führt seiner Erfahrung nach also nicht zu einer Zunahme niedrig bezahlter Tätigkeiten im Inland, sondern zu wachsendem Bedarf nach hoch qualifizierten (und entsprechend gut bezahlten) Experten.

Unabhängig davon gibt es natürlich andere Bereiche, z.B. bei der Erstellung von Texten für Onlineshops, in denen Microtasking von spezialisierten Projektanbietern als Dienstleistung angeboten wird. Bei dem dabei von den deutschen Mitarbeitern erzielten Einkommen handelt es sich häufig eher um einen Neben- und nicht Haupterwerb, weshalb solche Arbeiten zu einem hohen Anteil von Studenten oder auch neben der Familienarbeit erledigt werden.

 

Click- und Crowdworking, Soloselbstständigkeit und Scheinselbstständigkeit – bitte nicht vermischen

In der folgenden Diskussion wurde anstelle von Crowdworking häufig über Soloselbstständigkeit gesprochen. Hendrik Schäfer und Lucia Falkenberg, beide soloselbstständig, verteidigen diese Form der Selbstständigkeit und warnten vor einer Gleichsetzung mit Clickworking.

Lucia Falkenberg wies darauf hin, dass sie nur durch die Selbstständigkeit überhaupt eine Möglichkeit sieht, Familie und qualifizierte Arbeit zu vereinbaren. Hendrik ergänzte, dass es sich bei den Soloselbständigen um eine sehr breite und heterogene Gruppe von Menschen handelt. IT-Experten, Unternehmensberatern und andere Berufsgruppen, die aufgrund ihrer Qualifikation gut verdienen, sorgen oft deutlich besser vor als Angestellte mit gleicher Tätigkeit.

Das Thema Einkommenshöhe wurde sehr kontrovers diskutiert. Die Gewerkschaftsvertreter verwiesen auf Erfahrungsberichte aus den USA, wo Erwerbstätige ihre Dienstleistungen für teilweise nur 2 $ pro Stunde anbieten. Auch werde in den USA die Leistung genau überwacht, etwa mit Kameras oder durch regelmäßige Anfertigung von Screenshots. Deshalb würden auch in Deutschland Regelungen zum Schutz vor solcher Überwachung und Mindesthonorare benötigt. Hendrik Schäfer ergänzte, dass ihm aus seinem Umfeld derartige Arbeitsbedingungen bisher nicht bekannt sind.

Ein weiterer Punkt zu dem sich eine Diskussion entzündete: Hendrik wies darauf hin, dass jemand der nur einen Auftraggeber hat, sehr wohl selbstständig sein könne und nicht automatisch scheinselbstständig ist. Dies führte zunächst zu Widerspruch, weil nicht allgemein bekannt. SGB XI, § 2 spricht jedoch in solchen Fällen von arbeitnehmerähnlichen Selbstständigen, also Selbstständigen mit nur einem Auftraggeber, die dann rentenversicherungspflichtig sind.

 

Bildung bestimmt die Höhe des Einkommens und damit die Chancen

Im Verlauf des Gesprächs entwickelte sich zunehmender Konsens bei den Sachverständigen (wohl auch bei einem Teil der Landtagsabgeordneten), dass wohl maßgeblich vom Einkommen abhängig ist, ob jemand schutzbedürftig ist oder nicht. Dabei müsse, so das gemeinsame Verständnis, in der Diskussion stärker berücksichtigt werden, ob es sich um einen Neben- oder Zuverdienst handelt, bei dem der Selbstständige über weitere Einnahmequellen verfügt, oder um den Hauptverdienst, von dem er die Lebenshaltungskosten tragen muss.

Leider wurde das Thema Bildung bei der Anhörung nur kurz angesprochen. Hendrik: „Menschen mit guter Bildung haben eine bessere Chance auf ein gutes Einkommen, das sollte uns allen klar sein. Selbstständige haben sehr viel Anreize Expertenwissen aufzubauen und werden dafür, dass Sie es in Unternehmen einbringen, gut bezahlt. An dieser Stelle ist die Politik wieder gefragt, den Menschen den Wert von Bildung zu vermitteln und ihnen passende Bildungsangebote zu geben. Das ist die entscheidende Voraussetzung, um bei der Digitalisierung als Gewinner hervorzugehen.“

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