Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Warum bist du selbstständig? – Julia Cremasco, Stress-Expertin: „Freiheit ist für mich unbezahlbar!“

Stress als Inspiration für die Selbstständigkeit, Foto: privat

Warum um alles in der Welt hast du dich selbstständig gemacht? Was beglückt dich in deinem Business, was treibt dich an? Wir suchen deine Geschichte: Warum bist du trotz aller Hindernisse Unternehmerin oder Unternehmer – und willst es auch bleiben? (Hier erfährst du mehr über unsere Aktion.)

Moin,

ich bin Julia Cremasco, die Stress-Expertin – und mein Name ist Programm: Ich arbeite psychotherapeutisch und coachend mit bzw. für Einzelpersonen. Darüber hinaus gehe ich in Unternehmen und halte dort zum Thema „Stress“ Vorträge und Workshops. Hier ist meine Geschichte:

 

„Meine Persönlichkeit schreit nach der selbstständigen Arbeit“

Ich habe erst spät meine jetzige Selbstständigkeit begonnen, nämlich mit 42 Jahren.

Zuvor war ich in unterschiedlichen Branchen und auf unterschiedlichen Hierarchiestufen angestellt tätig. Aber im Grunde ging der Weg in die Selbständigkeit direkt nach dem Abitur unbewusst los: Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Mir war nur eines klar: Studieren nach 13 Jahren Schule – no way. Also musste eine Ausbildung her. Heute bin ich dankbar, dass ich durch alle Bank-Tests gefallen bin. Denn die Bankenlehre war zumindest zu meiner Zeit der klassische Weg, wenn man nicht studieren wollte nach dem Abi. Schließlich bin ich in der Hotellerie gelandet. Der Zusammenprall mit der Realität nach der Seifenblase „Schulzeit“ war heftig: körperlich harte Arbeit, Schichtdienst, Überstunden… Nach dem ersten Ausbildungsmonat wollte ich am liebsten meinen Chef erwürgen.

Nach dem zweiten Monat habe ich das Buch „Wie mache ich mich selbständig?“ gekauft. Mir war zu der Zeit noch nicht bewusst, dass meine Persönlichkeit nach der selbständigen Arbeit schreit. Aber unbewusst spürte ich irgendwie wohl schon, dass es unweigerlich DER Weg für mich sein würde. Und so fing ich an, in der Hotellerie Erfahrungen mit Menschen zu sammeln… später dann in der New Economy, wo ich nebenbei ganz viel über Webauftritte, Netzwerke etc. lernte, und dann in der Wirtschaftsförderung von Neumünster. Immer wieder konnte ich Menschen in Situationen studieren, immer wieder habe ich erlebt, wie Menschen unter Stress reagieren. Auch in meiner Zeit als Jugendhilfsschöffin bin ich in diese Menschenbeobachter-Rolle geschlüpft.

 

Der Stress der anderen …

Mit der Zeit merkte ich zwei Dinge:

  • Es läuft was falsch in der Wirtschaft: Vieles ist menschenunfreundlich und stresst alle Beteiligten immer mehr.
  • Ich war selbst gestresst. So gestresst, dass ich Allergien entwickelt habe.

Letzteres führte mich zu meinem damaligen und leider schon verstorbenen Hausarzt, der mich mit der alles entscheidenden Frage konfrontierte: „Warum bindest du dir den Stress deines Chefs und Geschäftsführers ans Bein?“ Dieser Arzt brachte mich dazu, erstmalig nach Entspannung zu suchen. Von all den Methoden, die ich heute Menschen vermittele, hatte ich keine Ahnung. Im Gegenteil: Vieles war mir äußerst suspekt. Heute bin ich u.a. ausgebildete Yogalehrerin und das auch noch nach den höchsten europäischen Standards. Damals dachte ich nur: „Wenn wir im VHS-Kurs irgendeinen Hokuspokus machen, bin ich sofort weg.“

 

Stress als Inspiration

Long story short: Ich fand meinen Weg, um mit Stress anders umzugehen. Und ich hatte Blut geleckt. Mehr wollte ich wissen über die Zusammenhänge und Hintergründe! Und da erinnerte ich mich auch an meinen versuchten Anlauf doch zu studieren. Damals, zwischen zwei Jobs in der Hotellerie, habe ich tatsächlich ein Studium der Psychologie, Soziologie und Pädagogik begonnen. Der schnöde Mammon hat mich damals dann wieder zu 100 Prozent ins Angestelltenleben zurückgezogen. Doch nun erinnerte ich mich genau daran. Und dieses Mal war der Atem länger. Ich war bereit für einen Marathon. Dieser startete 2006. Nebenberuflich habe ich alles studiert, was mir wichtig war, um zukünftig Menschen im Stress zu helfen. Ich studierte Psychologie, machte eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin und zur Yogalehrerin nach den Richtlinien des Bundes der deutschen Yogalehrenden und der europäischen Yogaunion. Schließlich bereitete ich mich gezielt an einer Privatschule auf die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie vor dem Amtsarzt vor und ließ mich zur Hypnotherapeutin ausbilden. Das alles passierte wie gesagt nebenberuflich.

 

In der anstrengenden Phase vor der Heilpraktiker-Prüfung habe ich sechs Monate lang vor der Arbeit und nach der Arbeit gelernt, in der Regel von 5:30 bis 8 Uhr und dann von 18:30 bis 21 Uhr – jeden verdammten Tag. 2009 war es dann soweit: Ich hatte die Heilpraktiker-Prüfung beim ersten Anlauf geschafft (in Schleswig-Holstein fallen 98 Prozent durch). Dasselbe gilt für die Hypnotherapeuten-Ausbildung. Zwei Jahre später hatte ich meine Prüfung zur Ernährungsberaterin in der Tasche und die Ausbildung zur Yogalehrerin habe ich 2012 abgeschlossen. Immer noch lief all dies in einem Paralleluniversum, immer noch war ich angestellt. Aber ich streckte meine Fühler weiter in Richtung Selbständigkeit aus.

 

Nebenberufliche Praxiseröffnung

Im Februar 2010 habe ich nebenberuflich meine Praxis für Stressbewältigung eröffnet, um abends bzw. an den freien Freitagnachmittagen erste Gehversuche zu machen. Ich glaube es war in 2011, als ich dann Stunden in meinem Angestellten-Job reduziert habe, um mehr in der Praxis arbeiten zu können. Ich entwickelte mich immer mehr in Richtung Selbständigkeit. Und mir war mittlerweile klar: Genau das ist mein Weg. Dieses ganz freie Arbeiten entspricht meinen Werten und meiner Persönlichkeit. Ich bin niemand, der sich gut dauerhaft in ein Team einfügen kann.

 

2013: Endlich selbstständig – zu 100 Prozent

2013 war es dann soweit: Am 1. April war ich zu 100 Prozent selbständig. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich gekündigt und dabei geholfen, meine vielfältigen Aufgaben in der Wirtschaftsförderung auf verschiedene Köpfe zu verteilen. Der Weg in die Selbständigkeit war für mich auch ein Ankommen in der eigenen Persönlichkeit und ein 100prozentiges Annehmen eben jener. Selbst private Schicksalsschläge konnten mich nicht mehr von diesem Weg abbringen. Während ich noch im Jahr 2001 mich in mein Schneckenhaus zurückgezogen habe, als ich beim Platzen der Dotcom-Blase hautnah mit dabei war und meinen Job verlor, konnten im Jahr 2012 der Verlust des eigenen Kindes und im Jahr 2014 das Ende einer völlig vergifteten Beziehung mich nicht aufhalten. Natürlich hatte ich zu Beginn der Selbständigkeit mit Herausforderungen zu kämpfen. Das ging schon los mit der banal klingenden Tatsache, dass es auf einmal keinen Kaffeeklatsch in der gemeinsamen Teeküche mehr gab. Da waren keine Kollegen mehr. Auch wenn es mir vom Verstand her zuvor natürlich klar gewesen war, so war das Erleben dessen schon speziell. Und auch wenn ich zuvor in der Wirtschaftsförderung gelernt hatte, dass Gründer Nerven wie Stahlseile brauchen, so merkte ich auch mit Blick auf dieses Thema, dass diese Stahlseile extrem dick sein müssen. Vieles kann man halt nicht mit dem Verstand erfassen. Es muss erlebt werden!

 

Es geht weiter

Trotz aller Hürden – GoBD, DSGV, Corona – bin ich bis heute selbständig. Warum? Weil ich spüre: Da geht noch was. Es geht weiter. Es entwickelt sich. Ja, Corona hat auch mich zurückgeworfen. Nur wenige Unternehmen konnten sich auf Online-Workshops einlassen, Ähnliches gilt in Teilen für die Teilnehmer der Yogagruppen. Es sind eben doch noch nicht alle Menschen so sehr digitalisiert, wie man es von einem modernen Land vermutet. Und zugleich bin ich all jenen Klienten, Patienten, Unternehmen dankbar, die sich wegen Corona digital einen Schritt weiterentwickelt haben. Nach wie vor gibt mir die Selbständigkeit die Freiheit, die ich persönlich brauche, um mich wohl zu fühlen. Meine heutige Arbeit erfüllt mich und ist für mich sinnvoll. Ja, ich habe kein sicheres Einkommen. Doch Freiheit ist für mich unbezahlbar. Und dieses „zu 100 Prozent zu sich selbst stehen und die eigenen Bedürfnisse zu leben“ ist ein wesentlicher Bestandteil meiner heutigen Arbeit. Denn gerade das Verdrängen, was uns wirklich am Herzen liegt, führt in vielen Fällen zu massivem Stresserleben.

 

„Als Angestellte würde ich mich als Sachbearbeiterin langweilen“

Würde ich zurück müssen in die Welt der Angestellten, würde ich mich sehr wahrscheinlich in einem Büro als Sachbearbeiterin langweilen. Denn mein Lebenslauf entspricht in keiner Weise den gängigen Normen und Vorstellungen. Ohne mich (und meine heilpraktischen KollegInnen) würde meinen Klienten und Patienten der schnelle Therapieplatz häufig fehlen. Gerade bei uns in Schleswig-Holstein wartet man in der Regel sechs bis 24 Monate auf einen Platz beim Therapeuten mit Kassensitz. Könnte man mit einem gebrochenen Bein so lange auf einen Behandlungstermin warte? Nein. Und bei seelischen Themen ist das auch ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist traurig zu sehen, dass wir Heilpraktiker für Psychotherapie zwar die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde erlangen, aber dennoch vom Gesundheitssystem in vielen Bereichen ausgeschlossen werden. Und was noch mehr weh tut, ist die Tatsache, dass manch Mediziner oder psychologischer Psychotherapeut pauschal gegen die Heilpraktiker wettert, als wären wir alle Scharlatane. Ich bin dankbar, dass einige wenige Ärzte dies anders sehen und ich z.B. mit einem renommierten Kardiologen in Hamburg immer wieder zusammenarbeite.

 

Zu viel Bürokratie in der Selbstständigkeit

Damit ich die Selbständigkeit im Allgemeinen und meinen Beruf im Besonderen aus voller Überzeugung empfehlen kann, müsste Folgendes passieren:

  • staatlich anerkannte Ausbildungsstandards für zukünftige Heilpraktiker und Bestandsschutz für die bestehenden
  • Anerkennung der Heilpraktiker als therapeutische Leistungserbringer im Gesundheitswesen
  • Akzeptanz der freiberuflichen, selbständigen Tätigkeit in der Politik
  • Verringerung der bürokratischen Schritte auf dem Weg in die Selbständigkeit (In der Brandeins wurde vor einigen Jahren der Vergleich aufgestellt, wie lange es dauert, sich selbständig zu machen. In Deutschland dauert dies ein Vielfaches länger als in den USA.)

Wie ist es bei dir? Warum liebst du es, selbstständig zu sein? Warum war deine Gründung für dich die richtige Entscheidung? – Wir sind gespannt auf deine Geschichte! 

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