Was gesetzlich Versicherte noch 2017 tun sollten, um überhöhte Beiträge zu vermeiden

Update (19.12.2017): „Ausgaben vorziehen und Einnahmen aufschieben“ – so könne man zum Jahresende richtig Steuern sparen, ist zurzeit in vielen Medien zu lesen (z.B. in der SZ). Tatsächlich lässt sich mit diesem und anderen Tipps zu versteuerndes Einkommen ins Jahr 2018 verschieben.

Völlig falsch kann dieser Rat aber für Selbstständige sein, die gesetzlich kranken- und pflegeversichert sind, unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze von zurzeit 4.350 Euro verdienen und einkommensabhängig verbeitragt werden.

Sie sollten u.U. genau das Gegenteil tun: Offene Rechnungen möglichst noch dieses Jahr eintreiben und Ausgaben auf 2018 verschieben. Die resultierenden höheren Gewinne führen 2017 unter oben genannten Umständen zu keiner Beitragsmehrbelastung, fallen sie dagegen 2018 an, werden darauf rund 18,5 Prozent Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge erhoben.

Die zugrundeliegenden Zusammenhänge sind nicht nicht ganz einfach nachzuvollziehen. Deshalb haben wir den folgenden Beitrag mit einem Video ergänzt und sogar noch ein zweites YouTube-Video zum Thema veröffentlicht.

 

Gesetzlich Versicherte mit Einkommen unter Bemessungsgrenze müssen dieses Jahr noch aktiv werden

In einem YouTube-Video (siehe unten) erläutern wir die Zusammenhänge. (Andreas hatte übrigens dunkelblauen Anzug an, warum er im Video pink leuchtet, wissen wir nicht…)

(27.09.17) Gesetzlich Versicherte, aufgepasst: Wenn ihr unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze verdient (zurzeit 4.350 Euro/Monat), könnt ihr bei Beachtung der folgenden Hinweisen Beiträge sparen, die ihr sonst zu viel bezahlen würdet.

Mit Tipp 1 wenden wir uns dabei an alle, die einkommensabhängig Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge bezahlen, also oberhalb der für sie zutreffenden Mindestbemessungsgrenze verdienen.

Für die meisten Selbstständigen beträgt diese aktuell 2.231,25 Euro, bei in geringem Umfang nebenberuflich Selbstständigen liegt sie bei 911,75 Euro/Monat.

Der 2. Tipp richtet sich an alle, die unterhalb dieser Bemessungsgrenze verdienen – inklusive all derer, die sogar weniger als 425 Euro verdienen und familienversichert sind.

 

1. Tipp: Einnahmen in 2017 realisieren

Bisher ist es so, dass nach Gründung und Vorlage des ersten Steuerbescheids als Selbstständiger die Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge für die Zukunft verbindlich festgelegt werden, bis zum Erhalt des nächsten Steuerbescheids.

Das ändert sich jedoch ab dem 1.1.18. Dann werden künftige Beiträge nur noch vorläufig festgelegt. Jedes mal, wenn dann ein neuer Steuerbescheid vorliegt, werden die Beiträge mit Wirkung für die Zukunft neu vorläufig festgelegt und für das Jahr, auf das sich der Steuerbescheid bezieht (frühestens aber 2018) verbindlich berechnet. Das kann zu Nachzahlungen oder Erstattungen führen.

Man sollte sich hier aber nicht zu früh freuen: Wer unterhalb der Mindestbemessungsgrenze verdient, also die Mindestbeiträge bezahlt, erhält keine Rückerstattung, auch wenn er tatsächlich weniger verdient hat. Für ein höheres Einkommen muss er aber sehr wohl Beiträge nachzahlen.

 

Was kann ich 2017 noch tun?

Bis zum Jahresende bleiben nur noch wenige Wochen. Man sollte Rechnungen, die man für 2017 noch stellen kann, frühzeitig versenden und mit den Kunden eine Bezahlung auch noch in diesem Jahr vereinbaren. Umgekehrt sollte man Ausgaben, die man aufschieben kann, eher auf das 2018 verschieben. Dabei hilft, das zum 1.1.2018 die Betragsgrenze für GWG von 410 auf 800 Euro angehoben wird, also geringwertige Wirtschaftsgüter bis zu diesem Nettoanschaffungswert (entspricht brutto 952 Euro) im gleichen Jahr geltend gemacht werden können. Das Aufschieben von teureren Anschaffungen, die über mehrere Jahre abgeschrieben werden müssen, bringt dagegen nichts oder wenig, da die Abschreibungen ja monatsgenau dem jeweiligen Jahr zugeordnet werden).

 

Damit ihr unseren Tipp besser nachzuvollziehen könnt, erläutern wir ihn in diesem Video. In unserem YouTube-Kanal (bitte abonnieren!) findet ihr zahlreiche weitere Videos zum Thema Krankenversicherungsbeiträge.

 

Was bringt das? – Für die meisten Selbstständigen ist der Zeitpunkt des Zahlungseingangs bzw. –ausgangs für die Berechnung des Gewinns und damit der Kassenbeiträge entscheidend. Mit den erwähnten Maßnahmen sorgen wir dafür, dass das, was wir im Jahr 2017 erarbeitet haben, auch in diesem Jahr zu einem Gewinn führt – und nicht nächstes Jahr.

Das ist sinnvoll, weil für 2017 die Beiträge aufgrund des zuletzt abgegebenen Steuerbescheids schon feststehen. Höhere Einkünfte in 2017 führen zwar nach Abgabe des Steuerbescheids für das Jahr 2017 in späteren Jahren zu höheren Vorauszahlungen – aber es sind dann eben nur noch Vorauszahlungen – ohne Einfluss auf die tatsächlich am Ende zu bezahlenden Beiträge.

 

Beispiel: Spätere Zahlung kostet 2.200 Euro mehr Beiträge

Ab 1.1.2018 macht es aber sehr wohl einen Unterschied, ob ich 1.000 Euro weniger verdiene oder nicht. Denn nach Vorlage des Steuerbescheids für 2018 wird seitens der Kasse „spitz“ abgerechnet. 1.000 Euro mehr führen also zu ca. 185 Euro (18,5%) höheren Beiträgen – natürlich zusätzlich zu Steuern und ggf. anderen Sozialversicherungsbeiträgen.

Beispiel: Ihr habt monatelang an einem Auftrag über 12.000 Euro gearbeitet, schließt den Auftrag im November ab, stellt die Rechnung – der Kunde zahlt aber erst im Januar. Euer Gewinn fällt dieses Jahr 12.000 Euro niedriger aus, das sind 1.000 Euro weniger pro Monat. Auf eure Beiträge in 2017 wirkt sich das nicht aus, sie stehen auf Basis eures Einkommens aus früheren Jahren fest. Dafür ist euer Gewinn 2018 12.000 Euro höher. Darauf zahlt ihr bei der endgültigen Feststellung eurer Beiträge ca. 2.200 Euro zusätzliche Beiträge, nur weil der Kunde einige Tage oder Wochen zu spät überwiesen hat. Hier lohnt es sich also wirklich, mit dem Kunden zu sprechen. Wenn ein größerer Auftrag nicht ganz abgeschlossen ist, empfiehlt es sich, eine Teilzahlung für 2017 zu vereinbaren.

Das Jahr 2017 wird quasi als Bemessungsgrundlage für Beiträge übersprungen. Das Einkommen früherer Jahre wirkt sich auf die Höhe der Beiträge im Jahr 2017 aus. Das Einkommen in 2017 auf künftige Jahre aber nur noch in Form der vorläufigen Beitragshöhe.

Mit unserem Trick könnt ihr Nachteile vermeiden. Vorteile herauszuholen dürfte dagegen schwierig sein, denn welcher Kunde ist schon bereit, für 2018 zu erbringende Leistungen schon 2017 zu zahlen?

Ihr braucht auch keine Sorge zu haben, dass dies nun am Ende jeden Jahres zu beachten ist, denn die Umstellung und ihr Effekt sind einmalig – es sei denn, die Regierung besinnt sich und kehrt zur bisherigen Regelung zurück…

 

2. Tipp: Betragsgrenzen im Auge behalten, ggf. Einkommen verstetigen

Wer als Familienversicherter in einem Jahr knapp über 425 Euro durchschnittlichen monatlichen Gewinn kommt, muss aufgrund der rückwirkenden Bemessung künftig damit rechnen, rückwirkend für diesen Zeitraum fast 200 Euro/Monat Beiträge nachzahlen zu müssen. Das sind 43% des Einkommens. Ähnlich geht es allen, die als „nebenberuflich Selbstständige“ in sehr geringem Umfang selbstständig tätig sind und jetzt schon knapp 200 Euro/Monat Beiträge bezahlen. Wenn sie die Grenze zur so genannten hauptberuflichen Selbstständigkeit um wenige Euro überschreiten, verdoppelt sich ihr Beitrag auf mehr als 400 Euro/Monat, auch hier können bis zu 43% des Einkommens nachträglich an die Krankenversicherung gehen.

Deshalb ist es für diese Gruppen ab dem Jahr 2018 noch viel wichtiger als bisher, die zeitlichen und Betragsgrenzen genau im Auge zu behalten und eindeutig darunter zu bleiben.

Zugleich sollte man versuchen, die Betragsgrenze auch weitgehend auszuschöpfen, sonst zahlt man höhere Beiträge als nötig und fair. Auch hier könnte es also sinnvoll sein, zum Jahresende Zahlungen vorzuziehen oder zu verzögern.

 

So vermeiden „hauptberuflich Selbstständige“ zu hohe Beiträge

Die Empfehlung, das Einkommen etwas zu verstetigen, gilt auch für hauptberuflich Selbstständige, die aktuell Mindestbeiträge auf ein Einkommen von 2.231,25 Euro bzw. ermäßigt 1487,50 Euro bezahlen, unter Umständen aber auch über diesen Betrag hinauskommen. Das Überschreiten der Betragsgrenze führt hier zwar nicht zu einem Sprung bei den Beiträgen, aber zu vermeidbaren Mehrbeiträgen. Da sie ohnehin immer  den Mindestbeitrag bezahlen, sollten sie das damit verbeitragte Mindesteinkommen möglichst ausschöpfen.

Beispiel: Wer in einen Jahr 500 Euro unter der Mindestbemessungsgrenze liegt, im nächsten 500 Euro darüber, bezahlt unter dem Strich auf 12 x 500 = 6.000 Euro zusätzlich Beiträge in Höhe von 1.110 Euro. Diese könnte er sich sparen, wenn er seinen Gewinn gleichmäßiger vereinnahmen würde. Dies ist möglich durch z.B. frühere oder spätere Rechnungsstellung oder entsprechende Zahlungsvereinbarungen.

Wichtig: Bei den beschriebenen Formen der Gestaltung geht es nicht darum, dass wir als Selbstständige uns Vorteile verschaffen. Wir zahlen immer mindestens Arbeitgeber- und -nehmerbeitrag. Vielmehr wollen wir damit  Nachteile aufgrund der hohen Mindestbeiträge halbwegs in Grenzen halten. Ohne hohe Mindestbeiträge könnten wir uns diese Verrenkungen, die ja auch mit einigem Aufwand verbunden sind, ersparen. Deshalb fordern wir im Rahmen unserer Petition „Faire Beiträge“ ein Abschaffung dieser und anderer Ungleichbehandlungen.

 

Disclaimer: Alle Angaben in diesem Beitrag sind wie immer ohne Gewähr. Bitte informiere dich vor wichtigen Entscheidungen unabhängig bei deiner Krankenkasse, deinem Steuerberater oder Rechtsanwalt.

8 Kommentare

  1. Marco Teschner schreibt:

    Bisher haben die Krankenkassen mir immer einen vorläufigen Beitragsbescheid geschickt und im Folgejahr über den Steuerbescheid den Beitrag endgültig festgesetzt. Dabei kam es regelmäßig zu Nachforderungen.

    Wer hat denn jetzt Recht? Hier steht geschrieben, dass keine Nachforderungen für das vergangene Jahr gestellt werden. Die Praxis spricht allerdings eine andere Sprache.

    Antworten
  2. Karl-Heinz Meinecke schreibt:

    Ich habe die Erfahrung überhaupt nicht gemacht, Herr Teschner, ich bekam immer, am Anfang des Jahres, einen Fragebogen, der mit der letzten, verfügbaren, Steuererklärung/Steuerbescheid, gemeinsam übermittelt wurde, daraus ergab sich dann der neue Beitrag.

    Antworten
  3. F. Maier schreibt:

    Ich bin als Vollzeit-Selbständiger „freiwilliges“ Mitglied einer GKV (AOK). Bei mir wurden die Beiträge immer anhand des letzten Steuerbescheides festgelegt. Nachforderungen oder Erstattungen gab es nicht.

    Infos findet man u.A. auch beim GKV Spitzenverband: https://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/kv_grundprinzipien/finanzierung/beitragsbemessung/beitragsbemessung.jsp

    Wenn ich die Ausführungen des VGSD richtig verstehe, dann geht man hier davon aus, dass die Einkünfte des Jahres 2017 bei der endgültigen Abrechnung der GKV-Beiträge (2018) auf Grund der neuen Regelungen keine Rolle spielen werden.

    Wie sicher ist denn diese Annahme?
    Gibt es dafür von irgendeiner wesentlichen Seite eine Bestätigung?

    Antworten
  4. Rene schreibt:

    Wer Fragen zur Beitragsberechnung, den Neuregelungen etc. hat kann sich auch an die UPD – unabhängige Patientenberatung Deutschland – https://www.patientenberatung.de/de wenden. Ich habe dort in der Vergangenheit mehrfach mit sehr kompetenten Beratern vollkommen kostenlos sprechen können.

    Dort rechnet man im Laufe des Dezember 2017 mit einer Neufassung der „Grund­sätze für die Beitrags­be­mes­sung frei­wil­liger Mitglieder“ des GKV-Spitzenverbandes.

    Antworten
  5. Emanuel schreibt:

    Ich finde die Bedenken von F. Maier berechtigt. Warum sollten GKV darauf verzichten, die Einkommensteuerbescheide für dieses Jahr bei der Bemessung außen vor zu lassen und bis 2019 warten, um anhand der Bescheide zu 2018 rückwirkend Beiträge zu fordern / erstatten? Es ist m.E. gefährlich zu mutmaßen, die Einkommen eines ganzen Jahres würden einfach ignoriert.

    Antworten
  6. Rene schreibt:

    @Emanuel:
    Mein aktueller Stand ist, dass die Bescheide für die Jahre vor 2018, die nach dem 01.01.2018 ergehen, „nur“ für die Berechnung des vorläufigen Beitrages herangezogen werden. Mit der „Taktik“ noch in 2017 hohen Einnahmen zu erzielen kommt es dann evtl. nach Erhalt des Bescheides für 2017 zu höheren Vorauszahlungen, aber später zur „spitzen“ Abrechnung (Nachzahlung/Erstattung) nach Vorlage des Steuerbescheides für 2018.

    Wer keine so hohen Einkünfte hat und nahe der Mindestbeitragsgrenze arbeitet, der sollte genau rechnen. Das Vorziehen von Einnahmen macht meiner Meinung nach nur Sinn, wenn man dadurch 2018 nicht unter die Mindestbeitragsgrenze fällt. Allerdings ist die Berechnung mit einem Blick in die Glaskugel verbunden. Wer kennt schon heute seine genauen Einkünfte für 2018.

    Ausserdem haben wir ja noch ein wenig Hoffnung, dass der Mindestbeitrag in der GKV – auch durch die Aktionen des VGSD – demnächst auf einen vernünftigen Wert gesenkt wird.

    Antworten
  7. San Bo schreibt:

    Neben den hier genannten Vermutungen, ob die GKV wirklich 2017 ignorieren wird, denke ich, dass es wert wäre, noch die mögliche höhere Steuerlast zu berücksichtigen, die ja in der Region knapp unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze nicht gerade gering ist.

    Hat das jemand schon mal grob kalkuliert?

    Antworten
  8. Ralph schreibt:

    Das Vorgehen lohnt(e) sich nur für Gutverdiener (50-60T€ brutto) aufwärts, bei denen der Steuersatz nur noch geringfügig steigt. Bei Schwachverdienern wird der zu erwartende Vorteil bei den KV-Beiträgen durch den dann stärker steigenden Steuersatz (und die höhere Gewerbesteuer) wieder aufgefressen. Hier ergibt sich ggf. sogar ein Vorteil, die Einnahmen nach 2018 zu verlagern, denn die gezahlten KV-Beiträge werden ja steuerlich wieder berücksichtigt. Das Ganze gilt natürlich nur, wenn die Einnahmen in 2017 und 2018 nahezu gleich sein. Aber wer weiss das schon vorher.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.