Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Wildes Leben in der Großstadt – Eine Führung zur Stadtökologie in Berlin

Begrünte Baulücken im Zentrum von Berlin nehmen immer mehr ab. Foto: Elke Koepping

Berlin ist die grünste und artenreichste Hauptstadt Europas – so wurde die Führung „Stadtökologie“ der Berliner Regionalgruppe angekündigt. Einige der 15 Teilnehmenden, die sich am Samstag, dem 17. Oktober 2020, am Treffpunkt an der Nikolaikirche einfanden, waren möglicherweise dennoch skeptisch: Wie viel Wildlife lässt sich im dicht bebauten innerstädtischen Bezirk Mitte wirklich erleben?

 

Wenige Tiere gesehen, aber trotzdem Stadtnatur erlebt

Um es vorwegzunehmen: Allzu viele Tiere liefen uns nicht vor die Handykamera, und grün ist Berlin vor allem aufgrund seiner ausgedehnten Randbezirke. Dass wir dennoch das Gefühl hatten, ganz in die Berliner Stadtnatur einzutauchen, ist Dr. Beate Witzel zu verdanken.

Dr. Beate Witzel führte mit Humor und Fachwissen durch den Nachmittag.

Die promovierte Zoologin, die als Mitarbeiterin in der Naturwissenschaftlichen Sammlung der Stiftung Stadtmuseum Berlin und als Leiterin der Geologischen Sammlung beschäftigt ist, machte uns auf unzählige Details aufmerksam, die den meisten Berlinerinnen und Berlinern im Alltag entgehen. Dabei machte sie ihrem Namen alle Ehre: auf unnachahmliche Art gelang es ihr, ein Thema wie den Klimawandel in spannende, anschauliche und höchst amüsante Erzählungen zur Stadtgeschichte einzubetten.

Von Riesen über Mammuts zum Klimawandel

So erinnert etwa das Hauszeichen an der Fassade des Gasthauses Zur Rippe im Nikolaiviertel daran, dass in Berlin einst grimmige Riesen ihr Unwesen getrieben haben sollen. Auf deren Existenz verwiesen zumindest Funde riesenhafter Knochen, bei denen es sich, wie sich mit fortgeschrittenerem Wissensstand später herausstellte, um Überreste von Mammuts handelte. Diese Riesen der Eiszeit dienten Frau Dr. Witzel als Überleitung zum Thema Klimawandel, das während der gesamten Führung präsent war.

Wir haben erfahren, dass neben der globalen Erwärmung auch die intensive Bebauung der Innenstadt dazu beiträgt, dass sich das Zentrum von Berlin besonders stark aufheizt. Das lässt zwar wärmeliebende exotische Pflanzen gut gedeihen, macht aber vielen einheimischen Arten zu schaffen, ebenso wie den Menschen, die vor allem unter den immer häufigeren tropischen Sommernächten leiden.

 

Über tierische Verlierer und Gewinner in Berlin

Die glatten Uferkanten der Spree stellen eine tödliche Falle für Wassertiere dar.

Das Leben in der Großstadt ist hart. Wie hart, erklärte uns Dr. Witzel beim Blick auf die Spree. Deren über Kilometer durch glatte Wände zugebaute Ufer haben dramatische Folgen für all die Tiere, die darauf angewiesen sind, am Ufer aus dem Fluss klettern zu können. Vielen Entenküken wird die fehlende Ausstiegsmöglichkeit zum Verhängnis. Aber auch die Berliner Biberpopulation ist deswegen (trotz der seit der Wiedervereinigung der geteilten Stadt vergangenen 30 Jahre) strikt getrennt. Lediglich nachträglich hinzugefügte Bibertreppen bieten eine Chance, dass Ost- und West-Biber einander besuchen können. Auch gerade beim Neubau des Regierungsviertels an der Spree wurden solche Überlegungen in keiner Weise berücksichtigt.

Ein klarer Verlierer des Klimawandels ist der Igel, dessen Winterschlaf in warmen Wintern viel zu oft unterbrochen wird. Wacht ein Igel auf, hat er Hunger, doch seine Nahrung (Insekten) gibt’s erst wieder im Frühjahr. Vielen Igeln droht daher der Hungertod. Tierfreunde und Tierfreundinnen können ihnen mit Katzenfutter (idealerweise Rind) über den Winter helfen.

Keinerlei Hilfe braucht hingegen ein gut etablierter Neuberliner: der Waschbär. Laut der Stadtökologin geht die gesamte Berliner Population auf eine kleine Gruppe Waschbären zurück, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus einer Pelztierfarm entkam. Deren Nachfahren vermehren sich prächtig, mittlerweile sind es mehrere Tausende. Und da Berlin eine tolerante Stadt ist, lässt man die putzigen Problembären bisher weitestgehend in Ruhe. Ähnliches passierte übrigens in der Nähe von Kassel – dort wurden Waschbären ausgesetzt – weshalb Berlin/Brandenburg und Nordhessen die ersten Regionen in Deutschland mit einem Waschbärproblem sind.

 

Aufstieg und Fall des Krebskönigs

Loswerden wird Berlin die Waschbären ohnehin nicht mehr, denn laut Dr. Witzel ist es nahezu unmöglich, eine einmal eingeschleppte Art wieder auszurotten. Wie dramatisch sich ein Neuzugang auf ein komplexes Ökosystem auswirken kann, musste schon Ende des 19. Jahrhunderts ein Berliner Geschäftsmann, genannt „Der Krebskönig“, erfahren. Er handelte mit dem Europäischem Flusskrebs, einer Delikatesse, die es damals in den Berliner Gewässern in Hülle und Fülle gab – bis ein Fischer ein paar Exemplare einer amerikanischen Krebsart im Wasser aussetzte und dem lukrativen Geschäft damit ein jähes Ende bereitete. Denn was damals keiner ahnen konnte: Alle amerikanischen Arten tragen einen Pilz in sich, der für europäische Krebse absolut tödlich ist. Die Folge: Innerhalb kürzester Zeit war der Flusskrebs aus der Spree verschwunden. Der amerikanische Camberkrebs hingegen wächst und gedeiht. Inzwischen ist mit dem amerikanischen Sumpfkrebs, der gelegentlich zu Fuß im Tiergarten anzutreffen ist, ein weiterer Exot in Berlin angekommen. Der amerikanische Sumpfkrebs hingegen wächst und gedeiht und ist gelegentlich auch zu Fuß im Tiergarten anzutreffen.

Er zählt definitiv zu den Ökosystem-Gewinnern in Berlin. Genau wie die durch Handelsschiffe eingeschleppte chinesische Wollhandkrabbe, die sich in der Spree und umliegenden Gewässern außerordentlich wohlfühlt. Da sie in China mittlerweile wesentlich seltener anzutreffen ist und dort als Delikatesse gilt, können sich die Berliner und Brandenburger Fischer über ein erkleckliches Zubrot durch den Export der Tiere in ihre ehemalige Heimat freuen.

 

Die Berliner Vogelwelt – und weniger beliebte Tiere

Als Nächstes kamen Hobby-Ornithologen auf ihre Kosten: Dr. Witzel stellte uns Berlins häufigsten Vogel, den Spatz, vor, erklärte, wie sich der Klimawandel auf Mittelstreckenzieher (Klima-Gewinner) und Langstreckenzieher (Klima-Verlierer) auswirkt und beschrieb, wie die zufällige Ansiedlung eines Habicht-Paares vor einigen Jahren in der Stadt dabei half, die über Jahre zum Problem gewordene Berliner Taubenpopulation unter Kontrolle zu halten.

Mit Informationen über dieses nicht so beliebte Tier endete die Führung durch Berlin.

Das Ende der Tour war allerdings weit weniger populären Tierarten gewidmet, etwa der Ratte – nebenbei bemerkt das einzige Tier, das von uns (außer einer überfahrenen Amsel) während der Tour in freier Wildbahn in Hülle und Fülle gesichtet wurde – und vor allem dem Steinmarder, dem Erzfeind aller Autobesitzer und Autobesitzerinnen. Wir haben gelernt: Der Marder meint es gar nicht böse, im Gegenteil, er schätzt das Kfz seiner Wahl sehr als Schlafplatz. Erst der Geruch eines fremden Marders im „eigenen“ Auto treibt ihn zur Weißglut. Wer seinem Parkplatz und damit dem örtlichen Marder treu bleibt, muss also keinen Marderschaden fürchten. Wer hingegen öfter mal fremdparkt, hat halt das Nachsehen.

 

Fazit: Mit offenen Augen durch die Stadt gehen lohnt sich

Mit diesem guten Rat endete die Tour, die ohnehin einige gute Gründe geliefert hat, das Auto öfter mal stehen zu lassen. Die Teilnehmenden haben dabei nicht nur viel gelernt, sondern hatten vermutlich auch weit mehr Spaß, als es an einem grauen Oktobernachmittag zu erwarten war (zum Glück blieb es trocken). Dass so eine Tour im Freien auch im Hinblick auf die Corona-Regeln eine clevere Lösung für ein Treffen der Berliner Regionalgruppe war, war da beinahe nur ein positiver Nebeneffekt.

Ein großes Dankeschön an Dr. Beate Witzel für diesen ganz anderen Blick auf das wilde Leben in der Großstadt!

 

Text von Eva Gößwein 

Fotos von Elke Koepping

 

 

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