Zwölf Thesen: Was wir von der US-Wahl lernen können

Auch wenn das Ergebnis der US-Wahl mit Selbstständigkeit in Deutschland zunächst einmal überhaupt nichts zu tun hat, ist es mir (Andreas Lutz) ein Bedürfnis, einige ganz persönliche Gedanken dazu aufzuschreiben. Ich hoffe, das ist ok für Euch.

 

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Donald Trumpf bei seiner Siegesrede

Nun ist Donald Trump tatsächlich zum Präsidenten gewählt worden. Ich fühle mich wie am Morgen nach dem Brexit. Dass Hillary Clinton gewinnt, hatte ich zu keinem Zeitpunkt als sicher angesehen, aber gehofft und für wahrscheinlich gehalten.

Donald Trump ist für mich ein „Bully“ – wie Amerikaner sagen – jemand, der gefühlt schon auf dem Schulhof andere drangsaliert und eingeschüchtert hat. Mit dieser Verhaltensweise hat er Erfolg gehabt und ich fürchte, dass er sie gegenüber anderen Politikern, Bevölkerungsgruppen und Regierungen anwenden wird.

Dieser Wahlentscheidung etwas Gutes abzugewinnen fällt mir dementsprechend schwer. Gut wäre allerdings, wenn die Wahl von uns, unseren Politikern und den Medien als Weckruf ernst genommen würde.

Dazu folgende zwölf Thesen. Ich freue mich auf Eure Meinungen, Eure Kommentare dazu (siehe unten).

  1. Von unserer Politik zutiefst Frustierte, sich abgehängt und im Stich gelassen Fühlende gibt es auch bei uns in Deutschland. Wir sind gegen eine Entwicklung wie in den USA nicht immun.
  2. Die (demokratischen) Politiker müssen ehrlich und direkt mit den Menschen über ihre Sorgen und Ängste sprechen, diese ernst nehmen und zuhören. Das tun viele Politiker. Manchmal fehlt aber die Zeit und manchmal auch die Bereitschaft.
  3. Ich wünsche mir echten Dialog, bei dem man das Gefühl hat, dass das Gegenüber einen zuhört, zu verstehen sucht, was man meint, und argumentativ von der eigenen Position zu überzeugen sucht.
  4. Wenn Argumente und Berichte von Einzelschicksalen mit Textbausteinen und dem Verweis auf Zuständigkeiten weggeschoben werden, erzeugt das Frust.
  5. Sorgen und Ängste in der Bevölkerung zusätzlich anzuheizen, wie wir es meines Erachtens gerade beim Thema Altersvorsorge erleben (davor zum Beispiel beim Thema Sozialmissbrauch), das rächt sich.
  6. Menschen mit abweichenden, politisch nicht korrekt vorgebrachten Meinungen sollten nicht gleich zu einem Scherbengericht und zur Ausgrenzung führen. Das heißt nicht, dass man solchen Menschen nach dem Mund redet und ihnen nicht klar widerspricht, sondern dass man die dahinter stehenden Ängste und Sorgen ernst nimmt, prüft, ob sie faktenbasiert sind und den Betroffenen einen gedanklichen Weg aus ihrem Gedankengebäude aufzeigt.
  7. Wir und damit meine ich insbesondere auch Politiker und die Medien, sollten aufhören, pauschale Urteile über ganze Bevölkerungsgruppen zu fällen, etwa über „die Hartz IV-Empfänger“ oder auch „die Solo-Selbstständigen“. Das sind genauso Vorurteile wie wenn man pauschal über „die Frauen“, „die Ausländer“ oder „die Schwulen“ spricht. Die Wirklichkeit ist viel komplizierter. Mit Pauschalurteilen verstellt man sich den Blick auf die wirklichen Ursachen von Problemen und wir den Betroffenen nicht gerecht.
  8. Ich würde mir wünschen, dass es in der Politik wieder stärker darum geht, mittel- und längerfristige Überzeugungen, Zielvorstellungen und Lösungen zu entwickeln – statt hektischer PR-Maßnahmen und Gesetze, die nur kurzfristige Effekte bringen oder von denen nur kleine Teilzielgruppen profitieren. Letztlich durchschauen die Wähler solche Scheinlösungen und PR-Luftnummern doch!
  9. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass Menschen dauerhaft „abgehängt“ und mit Hartz IV „ruhig gestellt“ werden. Wir müssen uns für die Integration jedes Einzelnen einsetzen und damit meine ich auch unsere eigene Bevölkerung. Jeder muss die Möglichkeit bekommen, etwas beizutragen und Selbstwert zu entwickeln. Wir dürfen Menschen nicht leichtfertig aufgeben oder abschreiben.
  10. Bildung ist der entscheidende Faktor für die Teilhabe an der Gesellschaft, damit Menschen nicht abgehängt werden und politischen Populismus durchschauen. Der Zugang zu Schule und Ausbildung hängt bei uns viel zu stark von der Herkunft ab, Talente werden auf diese Weise verschwendet.
  11. Die Medien sind um politische Korrektheit, aber auch um eine ausgewogene Berichterstattung bemüht. Aufgrund der in vielen Bereichen extrem schlechten Bezahlung von Journalisten, die mit der Krise der Geschäftsmodelle der Verlage einhergeht, ist zu wenig Zeit für eingehende Recherchen. Allzu oft werden die Deutungen von politisch oder finanziell einflussreichen Gruppen übernommen, ohne ausreichend hinterfragt zu werden.
  12. Wir brauchen ein gewisses Maß an Solidarität zwischen denen die gut verdienen und denen die schlecht verdienen. Und zwar in beide Richtungen. Wenn jemand Pech gehabt hat oder schlechte Voraussetzungen, verdient er unsere Unterstützung und eine zweite Chance. Wenn jemand erfolgreich ist und viel Steuern bezahlt, sollte dies anerkannt werden und seine Freude an der Leistung bewahrt werden. Beide Seiten haben berechtigte Interessen und sollten fair behandelt werden. Ich glaube wir haben in Deutschland insgesamt ein hohes Maß an Solidarität. Das sollten wir uns bewahren, auch die Ausgewogenheit in beide Richtungen.

Was denkt ihr? Welche Schlussfolgerungen sollten wir aus der Wahl von Trump in Bezug auf unser eigenes politisches System ziehen?

4 Kommentare

  1. Franz Kampmann schreibt:

    Lieber Andreas Lutz,
    vielen Dank für deine Einschätzung. In den ersten 4 Punkten sprichst du genau das an, was ich im Umgang mit Behörden und Politikern zum Thema „Ungerechte Mindestbeiträge“ erfahren habe. Textbausteine auf dezidierte Argumentationen, Rückzug auf ungerechte gesetzliche Regelungen / auf BGH-Urteile verhindern bislang jegliche Veränderung. Sie erzeugen Frust – und bei einigen das starke Bedürfnis, ein demokratisch legitimiertes „Establishment“ auszuwechseln.

    Leider fehlt mir in deinen weiteren Punkten die explizite Erwähnung der ungerechten PKV-Beiträge für Geringverdienende unter uns. Immerhin ist dies bei unseren Mitgliedern mit über 1.300 Votes das wichtigste Anliegen. Ich glaub nicht, dass die vorgesehene TELKO am 15.11. (Tarifoptimierungen KV) der richtige Ansatz für diese Zielgruppe ist, weil die Ungerechtigkeit dadurch nicht aufgehoben werden kann.

    Lass uns von dem Drama in den USA lernen (lt Volker Pispers dort: „Kapitalismus im Endstadium“, d.h. völlig unsolidarische Gesellschaft): Wir müssen uns für soziale Gerechtigkeit und Solidarität der Reichen mit Geringverdienenden einsetzen (vgl. deine These 12), sonst werden bei unserer nächsten Bundestagswahl wieder mehr und mehr „Strafmandate“ ausgesprochen zugunsten der Populisten in AfD und Pegida. – Mehr Solidarität kann aber nur gelingen, wenn die „starken Schultern“ mehr tragen – aber genau das Gegenteil ist auch hierzulande der Trend. Um dem entgegen zu wirken, brauchen mutige Politiker unsere Unterstützung, die Unterstützung des VGSD!

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    1. Andreas Lutz schreibt:

      Hallo Franz,
      danke für Deinen Kommentar. Bei den zwölf Thesen ging es mir um die geistige „Verarbeitung“ der Trump-Wahl, nicht um konkrete VGSD-Themen.
      Die Krankenversicherungsmindestbeiträge sind neben Rentenpflicht und Scheinselbstständigkeit aktuell und sicher noch für einige Zeit die zentralen Themen unserer Lobby-Arbeit. Und sind natürlich nicht durch eine Telko zu lösen.
      lg Andreas

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  3. Jennifer Six schreibt:

    Lieber Andreas,

    ich bin bei vielem ganz deiner Meinung und habe ebenfalls einen Beitrag zur aktuellen (Gefühls-)Lage nach der Trump-Wahl, nach dem BREXIT und nach einem spürbaren Rechtsruck in der Mitte der Gesellschaft geschrieben. Gerne vorbeischauen und kommentieren! http://bit.ly/2gK0BHQ

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