Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Interview: 275 Millionen Zeitarbeits-Umsatz mit vormals Selbstständigen

Thomas Ball ist bei Lünendonk für das Thema Zeitarbeit verantwortlich, Foto: Lünendonk

Die Lünendonk-Liste 2019 mit den Geschäftszahlen des Jahres 2018 der Zeitarbeitsunternehmen hat es bestätigt: In großer Zahl finden sich bisher selbstständige IT-Experten und Ingenieure plötzlich in Zeitarbeit wieder (Bericht). Ursache ist die durch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) entstandene Rechtsunsicherheit.

Wir haben dazu mit Thomas Ball gesprochen. Er ist verantwortlicher Senior Consultant für den Zeitarbeits- und Personaldienstleistungsmarkt bei dem Research-Unternehmen Lünendonk & Hossenfelder.

Vor allem wollten wir wissen, was ihn so sicher macht, dass eine Wanderungsbewegung zur Zeitarbeit zulasten der Freelancer-Vermittlung stattfindet und dass das AÜG dafür die Ursache ist.

 

Starkes Umsatzwachstum mit Hochqualifizierten in Zeitarbeit

Wie hoch ist der Umsatz, der 2018 mit IT-Experten und Ingenieuren in der Zeitarbeit erzielt wurde?

Absolut liegt der Umsatz mit ANÜ von bisher Selbstständigen bzw. Freelancern bei 275 Millionen Euro (darunter fallen auch Ingenieure; aber auch im geringeren Maße Facharbeiter und Helfer). Der Wert bezieht sich auf alle Studienteilnehmer, die hierzu Angaben gemacht haben. Einen Vergleich zum Vorjahr haben wir nicht, deshalb ist das nur schwer zu quantifizieren. Der Anteil der bisher Selbstständigen ist in Summe noch relativ klein (2,3 Prozent) verglichen mit dem gesamten Umsatz aller Studienteilnehmer, der bei 12,1 Milliarden Euro liegt.

Handelt es sich bei den berichteten Umsätzen um Provisionsumsätze oder um den Gesamtumsatz inklusive dem Arbeitsentgelt?

Letzteres: Die Umsätze in der ANÜ umfassen das Gehalt der Mitarbeiter, die Sozialversicherungsabgaben, die Marge der Dienstleister und auch Ablösezahlungen, die die Dienstleister vom Endkunden erhalten, wenn diese Mitarbeiter als Festangestellte übernehmen.

Erfassen Sie in der Lünendonk-Liste „Zeitarbeit“ nur die Zeitarbeits-Umsätze der Unternehmen oder auch die aus der Vermittlung von Selbstständigen? 

Wir erfassen Gesamtumsätze der einbezogenen Gesellschaften und Unternehmensgruppen, sofern der Anteil an Arbeitnehmerüberlassung über 50 Prozent liegt. Manche Unternehmen berichten freiwillig nur die ANÜ-Umsätze. Der durchschnittliche Anteil an Nicht-ANÜ-Umsätzen liegt bei 10 Prozent über alle Studienteilnehmer.

Hierin enthalten sind sowohl die klassische Personalvermittlung als auch Umsätze aus der Vermittlung von Selbstständigen. Die Art der Umsatzberichterstattung geben wir nicht vor. Wir folgen den Regeln der Veröffentlichung von Jahresabschlüssen im Bundesanzeiger nach dem HGB bzw. sprechen die Unternehmen bei vom HGB abweichenden Umsätzen hierauf an.

Die Vermittlung der Selbstständigen erfolgt in der Regel durch andere Gesellschaften respektive juristische Personen, die nicht im Rahmen der Zeitarbeitsstudie erfasst und beobachtet werden.

 

Gesamteffekt erst im Juli nachweisbar

Unsere Vermutung ist, dass das Wachstum mit IT-Experten im Bereich der Zeitarbeit durch Rückgänge bei der Vermittlung von Selbstständigen überkompensiert wird. Können Sie das bestätigen?

Der Umsatzanstieg bedingt durch die Selbstständigen beruht im Wesentlichen darauf, dass diese nun statt über Werkverträge durch klassische Verträge nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz im Kundeneinsatz sind. Dies ist eine Wanderungsbewegung zugunsten der Zeitarbeitsunternehmen und zulasten der Freelancer-Vermittler. Von daher liegt ihre Vermutung durchaus nahe. Wir können sie aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bestätigen.

Im Juli veröffentlichen wir eine getrennte Studie, bei der es um die Umsatzentwicklung im Bereich der Vermittlung von Selbstständigen geht. Bei den dafür befragten Unternehmen gibt es nur eine kleine Schnittmenge mit den befragten Zeitarbeits-Unternehmen. Beispiel: Für die Zeitarbeitsstudie befragen wir Randstad, für die Freelancer-Studie GULP. Auch die Fragebögen unterscheiden sich, so dass man nicht alles 1:1 miteinander vergleichen kann. Bisher handelte es sich ja um sehr unterschiedliche Märkte.

 

Viele Fakten sprechen dafür, dass Selbstständigkeit in Zeitarbeit umgewandelt wird

Was macht sie so sicher, dass die Zeitarbeits-Umsätze mit ehemals selbstständigen IT-Experten und Ingenieure stark gewachsen sind?

Dafür sprechen eine ganze Reihe von Fakten: So haben mir einzelne Unternehmen von einer Vervielfachung des Umsatzes im Zeitarbeits-Segment berichtet. Wir haben bei in diesem Bereich tätigen Agenturen ein starkes Wachstum in den obersten Entgeltgruppen 8 und 9 der Zeitarbeitsverträge beobachtet. In der Gruppe „9“ sind Mitarbeiter mit Hochschulabschluss. Auch bei der Frage nach der Art der Tätigkeit haben sich diese Entwicklungen deutlich gezeigt. Und auch die Ursachen für Verlagerung sind eindeutig. Wo die Unternehmen „Regulatorik“ als Problem angegeben haben, haben wir für die Studie genauer nachgefragt und die Antwort erhalten, dass das AÜG der maßgebliche Auslöser für die Umsatzverschiebungen sind.

Stimmt es, dass Zeitarbeit im Vergleich zur Vermittlung von Selbstständigen deutlich höhere Margen hat?

Sowohl Zeitarbeit als auch Vermittlung und Steuerung von Freelancern ist in der Masse ein margenschwaches Geschäft mit marktüblichen EBIT-Umsatzrenditen zwischen 2 und 6 Prozent. Unter den analysierten Freelancer-Vermittlern gibt es aber mehrere Anbieter, die zum Teil deutlich über diesem Korridor liegen.

Ein direkter Vergleich ist nicht möglich: Lünendonk fragt traditionell in Margenkorridoren ab (z.B.: über 2,0 bis 3,0 Prozent), die je nach Studie variieren. Es ist daher nicht möglich Mittelwerte zu bilden und diese einander gegenüberzustellen.

4 Kommentare

  1. Anna Hüttenbach schreibt:

    Wir Freiberufler bekommen zunehmend ANÜ-Anfragen von Agenturen, die sonst Freiberufler Projekte vermitteln. Es ist eine sehr ärgerliche Tendenz im Moment auf dem Freiberuflermarkt. Den Agenturen sollen sich auch bewusst sein, dass es langfristig nicht deren Interesse sein kann, hochqualifizierte Freiberufler als ANÜ zu verkaufen und schließlich verdienen Agenturen jede Stunde gutes Geld bei einem eingesetzten Freiberufler. Schlimmer ist noch für alle Beteiligten, wenn hochqualifizierte Freiberufler langsam aus dem Markt verschwinden. Für solche Leute ist es auch leicht, eine anständige Festanstellung zu finden. Sie sind aus einer guten Stelle auf den Freiberuflermarkt gekommen, weil es für sie besser waren. Wenn jetzt Freiberufler sich zum AÜN- Markt drängen lassen, dann könnten alle Unternehmungen deren hochqualifizierte Fachkräfte entlassen und dann sich von den AÜN- Markt bedienen.
    Hiermit möchte ich alle zum Nachdenken animieren. Es ist letztendlich für einen Freiberufler besser, lieber ein bisschen zu warten oder einen Auftrag weniger zu haben als den Freiberufler- Markt kaputt zu machen oder kaputt machen lassen.
    Viele Grüße,
    Anna

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  2. Nils schreibt:

    Ich denke man sollte sich hier auch nicht vormachen dass Personaldienstleister und Freelancer hier in einem Boot sitzen, ich sehe im Gegenteil eher oft einen Interessenkonflikt (der auch mit der Intransparenz der Personalanbieter zu tun hat) – für den Personalanbieter scheint es bei der Marge keinen Unterschied zu machen ob es ANÜ oder Freiberuflich ist, für den Freelancer liegen hier Welten dazwischen.

    Hinzu kommt noch dass durch die unsichere Rechtslage Freelancer weniger Aufträge direkt mit Kunden abschließen können was wiederum dazu führt dass die Personaldienstleister mehr verdienen. Mir ist auch noch aufgefallen dass sich die Stundensätze gerade bei den größeren Anbietern eher nach unten bewegen, ich glaube allerdings nicht dass dies auch auf Seite der Endkunden der Fall ist sondern hier die Margen optimiert werden und die Anbieter bis auf Ausnahmen nicht transparent sind, allerdings habe ich schon von Fällen gehört in denen über 40% auf den Preis draufgeschlagen wurden.

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    1. oskar schreibt:

      Wie in jedem Geschäft versuchen Dienstleister günstig einzukaufen und gut zu verkaufen. Allerdings ist ein hoher Bestand von angestellten Mitarbeitern ein Kostenfaktor, den man sich bei Änderungen des Geschäfts entsprechend managen muss. Ähnlich wie in Landwirtschaft zwingen die Regularien zur industriellen Größe, mit den entsprechenden Effekten. Wirtschaftlich haben Freiberufler für Dienstleister einige Vorteile. Freiberufler scheiden mit dem Vertrag aus, orientieren sich selbst am Markt und verursachen im Regelfall keine Nachhaltigkeitskosten. Nachhaltigkeitskosten wie Weiterbildung, Motivation, Firmenbindung, Reisebereitschaft etc. Wenn Dienstleister ihre Mitarbeiter ausbilden, können diese trotzdem sehr schnell zu Mitbewerber oder zum Endkunden wechseln. Ganz zu schweigen von der Selbstmotivation der Freiberufler. Vielleicht trifft diese Metapher: Freiberufler sind die Bio-, Klein- und Bergbauern der Beratungsindustrie. Hoffentlich stellen uns neben der FDP auch bald mal die Grünen und die Union unter „Artenschutz“ ;-). Wir hingegen benötigen nur Rechtssicherheit und keine Subventionen. Auftraggeber und Dienstleister reagieren auf die Regularien, die Groko hat dies alles verbockt. In Indien und China war bzw. ist die Fluktuation in der Branche sehr hoch.

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    2. JK schreibt:

      Als Zeitarbeitsfirma für Ärzte übernehmen wir auch die typischen Arbeitgeberrisiken, die „eingepreist“ sein müssen. Fas erfordert Faktoren von mind. 1,7, um betriebswirtschaftlich Sinn zu machen. Anders ausgedrückt: Aufschläge für ANÜ von 70% sind völlig normal und marktüblich, bei einer Umsatzrendite von etwa 7%. Alle unsere Arbeitnehmer erzielen trotzdem ein höheres Einkommen als in der (und Schein?-)Selbständigkeit, bei besserer Perspektive und zu Konditionen, die denen der Freiberuflichkeit entsprechen: Niemand muss arbeiten, wo er das nicht möchte oder wann er nicht möchte. So, what?!

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