Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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Nicht gut genug: Werkvertragsgesetz lässt Projektmanager weiterhin in der Luft hängen

Gastbeitrag von Peter Monien

 

Peter MonienDas Schlimmste wurde verhindert und die Kriterien des ersten Gesetzesentwurfs des §611a BGB wurden entfernt. An Stelle dieser ist ein „Best of BAG“ getreten, welches grob gesagt den heutigen Status festschreibt.

Auf der einen Seite können wir zwar zufrieden sein. Auf der anderen Seite schafft das zu erwartende neue Gesetz immer noch nicht das, was wir am dringendsten brauchen: Rechtssicherheit. Die neue ab 1.1.2017 zu erwartende neue Gesetzeslage geht weiterhin an der Projektrealität in der IT Branche vorbei.

In meinem Artikel „Scheinselbstständigkeitsbeurteilung für Java Developer nach Frau Nahles“ habe ich den ursprünglichen Kriterienkatalog den typischen Aufgaben und Arbeitsbedingungen eines Java-Entwicklers gegenübergestellt. Im folgenden Beitrag vergleiche ich den neuen „entschärften“ Gesetzesentwurfes mit dem Berufsbild des freiberuflichen Projektmanagers. Dabei zeigt sich, dass auch die aktuelle Rechtslage leider an der Arbeitswirklichkeit vorbei geht.

 

Aufgabe und Arbeitsumfeld von Projektmanagern: Ein Beispiel

Um effektiv und effizient arbeiten zu können, muss ein Projektmanager eng mit allen Beteiligten zusammenarbeiten. Die vom BAG angelegten Kriterien (weisungsgebundene, fremdbestimmte Arbeit in Inhalt, Durchführung, Zeit, Dauer und Ort der Tätigkeit) greifen fälschlicherweise praktisch alle für ihn. Er ist meist zu 100% in der Zeit, der Dauer und dem Ort festgelegt. Inhalt und Durchführung werden ebenfalls sehr stark vorgegeben. Hier die Detailbetrachtung:

Ein Projektmanager leitet für eine Bank ein Projekt im Derivate-Bereich. Die Bank kann damit Ihre Anlagestrategien verbessern und wird dadurch Gewinne in mindestens siebenstelliger Höhe erzielen. Um für diese Position geeignet zu sein, muss der Freelancer ein sehr erfahrener Projektleiter sein und auch etwas von Derivaten verstehen. Projektdauer: sechs Monate (full-time).

Merkmal „Zeit und Dauer“: Es ist ein anspruchsvolles Projekt und der Kunde braucht den Freelancer Vollzeit im Projekt. Herausforderungen müssen sofort angegangen werden, um nicht zu Verzögerungen zu führen. Deswegen muss der Projektmanager jederzeit ansprechbar sein. Er kann neben diesem Projekt kein anderes annehmen.

Tagessatz: 1.000 Euro. Zu erwartender Verdienst für das Halbjahresprojekt: ca. 110.000 Euro.

Schutzbedürftigkeit“: Der Projektmanager ist nicht schutzbedürftig. Er gehört offensichtlich nicht zu den prekären Selbstständigen, für die die Gesetzesnovellierung nach offiziellen Angaben eine Verbesserung erreichen will.  Er ist freiberuflicher Spezialist und hat sich das so ausgesucht. Er verdient wesentlich mehr als wenn er Angestellter wäre. Er kann sich eine gute Altersvorsorge leisten. Er kann länger Urlaub machen. Er kann sich seine Weiterbildungen selber aussuchen und bezahlen. Gefällt es ihm bei einem Auftraggeber nicht, muss er dort nie wieder arbeiten.

 

Nähere Ausgestaltung der Arbeit des Projektmanagers

Der Projektmanager bekommt aufgrund der bei der Bank herrschenden sehr hohen Sicherheitsstandards ein Notebook der Bank gestellt. Selbst wenn es der Derivate-Abteilung erlaubt wäre, ein Fremdgerät einzubinden, würden sie dieses nie zulassen. Schließlich sind die Arbeiten des Freelancers wettbewerbsrelevant. Außerdem wird ihm mit dem Notebok die Palette an Programmen vorgeschrieben, die er im Projekt zu nutzen hat.

Merkmal „Durchführung“: Der Freelancer ist damit in der Durchführung stark fremdbestimmt und weisungsgebunden. Er nutzt das Arbeitsgerät des Kunden und bekommt praktisch alle wichtigen Mittel vorgeschrieben.

Da der Bereichsleiter sehr daran interessiert ist, die neue Software möglichst bald einzusetzen, hat er zweiwöchentliche Meetings angesetzt, um sich vom Vorankommen zu überzeugen. Dazu ist wöchentlich ein standardisierter Projekt-Statusreport auszufüllen. Da das Team aufgrund der Aufgabenstellung sehr interdisziplinär besetzt ist und ständig Abstimmungen erfolgen müssen, hat der Entwicklungsleiter eine agile Vorgehensweise gewählt. Diese beinhaltet tägliche kurze Treffen des ganzen Projektteams und wöchentliche Review Meetings.

Er muss viele zeitlich und umfangsmäßig festgelegte Treffen mit vom Kunden vorgegebenen Standarddokumenten vorbereiten und festhalten. Damit wird ein großer Teil seiner Arbeit vorgegeben. Nur dazwischen kann er „frei agieren“, um die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Diese Freiheit ist aber sehr eingeschränkt, schließlich wird diese sehr stark durch die jeweilige Projektsituation bestimmt, die nun wiederrum stark direkt oder indirekt vom Kunden bestimmt wird.

 

Ohne enge Abstimmung geht es nicht

Der Projektmanager muss den noch notwendigen Input der Fachabteilung zeitnah einholen. Er muss sich ständig vergewissern, dass alle Lieferungen zeitlich im Rahmen sind und deren Abhängigkeiten bedenken. Dabei muss er besonders die Aufgaben auf dem kritischen Pfad beachten, deren Verschiebung auch eine Verschiebung des gesamten Projekts zur Folge hätten. Und natürlich noch, dass keine der Aufgaben sich so verzögert, dass Sie den kritischen Pfad neu definiert. Er muss kritische (störende) Themen rechtzeitig genug eskalieren, um dem Projektteam zu ermöglichen, seine Leistung zu bringen.  Lassen diese sich nicht lösen, muss er alternative Lösungswege finden.

Der Projektleiter muss für das Projektteam und die anderen Projektbeteiligten gut erreichbar sein, um schnell Klärungen herbeiführen zu können. Dafür ist es unabdingbar, dass er zur gleichen Zeit wie diese arbeitet. Wer schon mal in einem geteilten Projektteam in Deutschland und der US-Westküste gearbeitet hat, weiß genau was das für Schwierigkeiten verursacht.

Und dann beginnt es schwierig zu werden. Der Projektleiter muss lernen, die Aussagen der einzelnen Projektmitglieder, die er alle vorher noch nie gesehen hat, abzuschätzen. Hält der Entwickler was er verspricht? Schätzt er den Aufwand richtig ein? Oder liegt er weit über der von ihm veranschlagten Arbeitszeit für das Arbeitspaket?

 

Und dann beginnt es schwierig zu werden

Auch die interne Politik im Haus des Auftraggebers muss bedacht werden. Wer kann mit wem und mit wem nicht? Wer gewinnt und verliert mit dem Einsatz der neuen Software? Kann das eine Referat nicht unterstützen oder will es nur nicht? Oder ist das Projekt für dieses Referat einfach nur nicht wichtig genug? Ein Projektmitglied wird krank. Einer der Entwickler soll zwei Wochen früher für ein anderes Projekt abgezogen werden. Was tun?

Die Aufgaben des Projektmanagers bestehen zu über 80% aus Kommunikation. Eines seiner wichtigsten Ziele ist es, das Vertrauen seines Teams zu gewinnen. Nur dann werden ihm gegenüber Probleme thematisiert; auch gerade solche, bei denen sich nie jemand getraut hatte, sie dem Abteilungsleiter selber zu sagen. Eine Aufgabe, die um vieles einfacher ist, wenn Sie vor-Ort ausgeführt wird, bei dem Kunden. Ein halbstündiges Treffen in der Cafeteria ist oft produktiver als ein ganzer Tage Nachdenken und Arbeiten. Hier können Probleme in einer lockeren Atmosphäre angesprochen und gelöst werden. Auch ein ad-hoc Eskalationsbesuch bei Bereichsleiter ist schwierig, wenn der Freelancer 500 km entfernt im Home-Office sitzt. Denn Mail und Anrufe kann der recht gut ignorieren.

 

Merkmal „Zeit und Ort“: Ein Projektleiter erledigt seine Arbeit mit den Projektmitgliedern. Seine hauptsächliche Arbeit ist Kommunikation und ein großer Teil davon persönliche Kommunikation. Es ist wichtig, dass er stets erreichbar ist. Wie oben beschrieben, ist es für einen Projektleiter sehr wichtig, dass der Projektleiter vor Ort ist. Umso besser und schneller kann er das für das Projekt sehr wichtige Vertrauen verdienen und schneller und besser auf Herausforderungen reagieren. Er ist dadurch in Zeit und Ort zu nahezu 100% fremdbestimmt.

 

Freie Projektmanager: Für die Auftraggeber unverzichtbar

Bei den schlankgeschrumpften Organisationen der Unternehmen ist es nicht verwunderlich, dass für ein wichtiges Projekt oft kein ausreichend erfahrener Projektmanager zur Verfügung steht. Ein interner Projektmanager, der schon mal ein ähnliches Projekt gemacht hat, ist auch selten verfügbar.

Einen neuen Projektmanager für das Projekt anzustellen macht keinen Sinn. Die speziellen Erfahrungen werden nur für die Projektlaufzeit benötigt. Außerdem kann das Unternehmen nicht so lange warten, bis das Unternehmen einen Spezialisten gefunden oder abgeworben hat. Schließlich ist das Ergebnis des Projekts zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens unverzichtbar. Ein späterer Start bedeutet also auch, dass das Unternehmen erst später oder gar nicht zusätzliche Gewinne erzielt.

Ein externer Projektmanager kann kurzfristig zur Verfügung stehen. Er hat die Erfahrung, die benötigt wird. Deswegen greifen Unternehmen gerne auf diese zurück.

Externe Projektmanager haben für die Durchführung von Projekten eine hohe Bedeutung. Sie können dafür sorgen, dass das Projekt zeitnah gestartet werden kann. Sie leiten bereits seit vielen Jahren Projekte und wissen, wo die Stolperfallen sind. Mit einem Projektmanagement Profi steigen die Chancen, das Projekt wie geplant durchführen zu können.  Das ist gut investiertes Geld, da mit einem gescheiterten Projekt oft viele Millionen Euro in den Sand gesetzt werden.

 

Fazit: Schönes Beispiel wie heutige Kriterien in die Irre führen

Die Aufgabe eines Projektmanagers ist ein schönes Beispiel dafür, wie die heute genutzten Kriterien für hochqualifizierte Freiberufler in die Irre führen können. Beurteilt die DRV die Tätigkeit des externen Projektmanagers bei seinem Kunden, gibt es aufgrund der oben dargelegten Abhängigkeiten „gute bis sehr gute“ Chancen, dass diese als „scheinselbstständig“ deklariert wird. Bei steigender Projektlaufzeit steigt zusätzlich das Risiko.

Dabei wäre das politische Ziel der Verhinderung von prekärer scheinselbstständiger Arbeit für den hochqualifizierten Bereich sehr einfach durch nur zwei Kriterien zu erreichen:

  • Ausreichend hoher netto Stundensatz
  • Nachweis einer eigenen ausreichenden Altersversorgung

Damit wäre auch sicher gestellt, dass die Selbstständigen dem Staat später nicht auf der Tasche liegen.

Warum also werden nicht einfach – wie auch vom VGSD vorgeschlagen – nur diese beiden Kriterien genommen, um die Grenze nach oben festzulegen? Warum werden viele Existenzen von Selbstständigen aufs Spiel gesetzt und strategisch wichtige Projekte durch die Unsicherheit verzögert oder eingestellt?

 

Über Peter Monien

Peter Monien ist Vorstand von 4freelance, einem Freelancer-Vermittler auf genossenschaftlicher Basis. Mit einem Vermittlungssatz von zehn Prozent für Mitglieder und 12,5 Prozent für Nichtmitglieder, seinem Open Book Ansatz und dem öffentlich einsehbaren fairen Rahmenvertrag entwickelt 4freelance eine Alternative zu den kommerziellen Anbietern am Markt.

 

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