Selbstständige Frauen verdienen 44 Prozent weniger als selbstständige Männer / KV-Beiträge als wichtiger Grund

Viele Frauen machen sich nach der Geburt eines Kindes selbstständig – und bekommen angesichts der Abgabenbelastung einen Schock. Bild: fizkes – Fotolia

Viele Frauen machen sich nach der Geburt eines Kindes selbstständig – und bekommen angesichts der Abgabenbelastung einen Schock. Bild: fizkes – Fotolia

Die im April 2017 erschienene Studie „(Solo)-Selbstständigkeit als gleichstellungspolitische Herausforderung“ gehört zu den wenigen Untersuchungen, die die Einkommensverhältnisse selbstständiger Frauen näher beleuchten. Anders als bei den abhängigen Beschäftigungsverhältnissen hat die Wissenschaft geschlechtsspezifische Einkommensdifferenzen und andere Ungleichheiten bei Selbstständigen bisher kaum erforscht.

 

VGSD-Mitglied wertete Studie aus

Bianca Gabbey ist VGSD-Mitglied und wurde im Rahmen der Initiative „FrauenUnternehmen” des Bundeswirtschaftsministeriums als Vorbild-Unternehmerin ausgewählt. Bei der Vorbereitung auf eine Diskussionsrunde im Rahmen der Hofgespräche mit Wirtschaftsministerin Zypries hat sie sich intensiv mit den Ergebnissen der Studie beschäftigt. Eine zentrale Aussage der Studie lautet, dass die Einkommenslücke zwischen selbstständigen Männern und Frauen wesentlich höher ist als der so genannte Gender-Pay-Gap bei abhängig Beschäftigten: Die Einkommen selbstständiger Frauen liegen im Durchschnitt um ca. 44 Prozent unter den Einkommen selbstständiger Männer. Die Zahl haben die Autorinnen der Studie anhand der Einkommensteuerstatistik ermittelt. Berücksichtigt haben sie das „Jahresbruttoeinkommen“, damit dürften die Einkünfte aus selbstständiger Arbeit gemeint sein. Übrigens: Bei Angestellten beträgt die Einkommenslücke aktuell 21 Prozent.

Zugleich haben Frauen einen erheblichen Anteil an der Zunahme der Anzahl der beruflich Selbstständigen von 2,6 auf fast 4,2 Millionen in den vergangenen gut 20 Jahren. Die Zahl selbstständiger Frauen wuchs um 88 Prozent, die Männer brachten es auf 49 Prozent Zuwachs.

 

Hohe Abgabenlast bei geringem Einkommen

Ein großer Teil der Solo-Selbstständigen erzielt der Studie zufolge niedrige Einkünfte. Das gilt besonders für selbstständige Frauen. Viele erzielen Nettoeinkünfte, die denen von Beschäftigten im Niedriglohnsektor entsprechen. Außerdem arbeiten sie pro Woche durchschnittlich neun Stunden weniger als männliche Unternehmer. Das geringe Nettoeinkommen von Selbstständigen kann auf die überproportionale Belastung von Geringverdienern durch Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung zurückgeführt werden – auf diese Ungerechtigkeit weist der VGSD seit Jahren immer wieder hin. Aktuell läuft eine Petition zum Thema.

Die geringere Arbeitszeit der selbstständig arbeitenden Frauen begründet die Studie mit der Verantwortung, die Frauen für Kinder und Familie tragen. Diese ist oft der Grund, sich für eine selbstständige Tätigkeit in Teilzeit zu entscheiden. Des Weiteren wird der Rückschluss gezogen, dass sich das Arbeitszeitverhältnis umkehrt, wenn der Mann die Hauptverantwortung für Kinder und Haushalt übernimmt. Ein Partner, so hält die Studie fest, ist in der Regel in einem Teilzeit- bzw. in einem prekären Beschäftigungsverhältnis tätig.

 

Gründerinnen setzen auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Ein Grund, sich für die Selbstständigkeit zu entscheiden, ist die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. So gründen viele Frauen nach der Geburt Ihres Kindes, um Familie und Beruf flexibler koordinieren zu können. Allerdings unterliegt ihr Einkommen einer Steuer- und Abgabenbelastung von bis zu 60 Prozent. Steuern und insbesondere die Krankenversicherungsbeiträge machen es für Kleinstunternehmer und Kleinstunternehmerinnen oft unmöglich, die finanziellen Mittel für die Altersvorsorge aufzubringen. Und das hat Auswirkungen auf die Altersvorsorge und die zukünftige finanzielle Sicherheit. Aufgrund mangelnder finanzieller Kapazitäten können viele selbstständige Frauen nicht ausreichend für die Rente vorsorgen. So sind insbesondere Frauen im Rentenalter finanziell vom Partner oder von staatlicher Unterstützung abhängig.

Aus Sicht des VGSD ist die in der Studie geforderte Senkung der Mindestbeiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung überfällig. Damit erhielten auch GeringverdienerInnen finanziellen Spielraum, fürs Alter vorzusorgen. Kritisch sehen wir allerdings Passagen wie die folgende:

Im öffentlichen Diskurs muss die Stabilisierung der GRV [gesetzliche Rentenversicherung, Red.] durch Einzahlung aller deutlich gemacht werden (Stichwort: gesellschaftliche Verantwortung). Es geht hier darum, Regelungen zu finden, die eine Auftraggeberbeteiligung an der Sozialversicherung ermöglichen.

Denn: Die Pflichtmitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung lehnt der VGSD ab, die Beteiligung der Auftraggeber halten wir für gut gemeint, letztlich aber kontraproduktiv.

Wie lässt sich die wirtschaftliche Lage selbstständiger Frauen verbessern? Bitte hinterlasse einen Kommentar!

3 Kommentare

  1. Irene Gronegger schreibt:

    Viele solo-selbstständige Frauen sind in kreativen Berufen tätig und in der KSK pflichtversichert, wo schon jetzt niedrigere Mindest-Beiträge gelten.

    Zum Thema KSK ist der VGSD bisher mit abstrusen Vorschlägen aufgefallen, siehe ein früherer Thread. Ich schätze, ihr habt hier noch einen gewissen Diskussionsbedarf mit eurem Partner Webgrrls – dort sind ja viele in der KSK versichert und möchten das auch bleiben.

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  2. Eva-Catrin Reinhardt schreibt:

    Die wirtschaftliche Lage von selbstständigen Frauen ließe sich verbessern durch
    – einfacheren Zugang zu Gründungs- und Wachstumskapital statt zeitaufwändigen Beratungsprogrammen
    – Aufbau eines Mentorennetzwerkes
    – Zugang zu profitablen Verdienstmöglichkeiten
    – aktive Filz- und Korruptionsbekämpfung (da, wo es um hohe Profite und Margen geht, gehen Auftragsvergaben etc. oft nur über Kungeleien)
    – Ermutigung von Frauen sich auch in Märkte vorzuwagen, die von Männern besetzt sind, aber hochattraktiv sind
    – Finanzbildung für Frauen
    – Selbstbehauptungstraining für Frauen
    Herzliche Grüße aus Berlin

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  3. B. Schönhammer schreibt:

    Sie fragen: „Wie lässt sich die wirtschaftliche Lage selbstständiger Frauen verbessern?“

    Warum muß nur die Lage der Frauen verbessert werden? (Nun neuerdings kommen noch die LGBT dazu.) Statt einzelne soziale Gruppen mit fragwürdigen Förderprogrammen zu päppeln, sollte man fragen, wie man die Lage aller Geringverdiener verbessert.

    Da steht im Text:
    „Außerdem arbeiten sie pro Woche durchschnittlich neun Stunden weniger als männliche Unternehmer. “
    Wurden die Frauen dazu gezwungen? Eine moderne Frau kann sich doch selbst entscheiden, wieviel Zeit sie bereit ist in ihren Beruf zu investieren.
    Und auch die Möglichkeit, daß Frauen Kinder bekommen können und sich lieber um die Familie kümmern, statt zu arbeiten (man sagt dazu Vereinbarkeit von Beruf und Familie), ist für mich keine ausreichende Begründung dafür, nun speziell Frauen zu fördern.
    Ich male mir gerade das Geschrei aus, das entstehen würde, wenn man von den Frauen verlangte, sich nun auch so zu verhalten, wie sie gerne wahrgenommen werden wollen, wenn es um Förderung geht – nämlich als diejenigen, die für Kind und Familie zuständig sind.
    Also: Gleiches Geld für gleiche Arbeit! … und am besten mehr für alle!

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