Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V.

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„Diese Branche geht kaputt, weil man uns nicht zuhört“- Leo Herrmann, selbstständiger Licht- und Videogestalter, zur Coronakrise

Leo Herrmann aus Augsburg ist selbstständiger Licht- und Videogestalter. Foto: privat

Leo Herrmann ist selbstständiger Licht- und Videogestalter aus Augsburg. Die Coronakrise hat ihn hart getroffen. Die letzte Veranstaltung auf der Leo tätig war, fand im Februar dieses Jahres statt. Um auf die Not und die Bedeutung seiner Branche für die deutsche Kulturlandschaft aufmerksam zu machen, hat Leo während der Coronakrise zum Thema passende, animierte GIFs (= mehrere Einzelbilder in einer Datei zusammengefasst, die als Animationen ablaufen) erstellt. In Zusammenarbeit mit der ISDV, Interessengemeinschaft der Dienstleister*innen in der Veranstaltungswirtschaft, hat Leo bisher zehn GIFs erstellt und verbreitet.

 

VGSD: Hallo Leo, stell dich bitte kurz vor und sag uns, wie du zu deinem Beruf gekommen bist.

Leo: Mein Name ist Leo Herrmann. Ich bin selbständiger Licht- und Videogestalter aus Augsburg. 1994 habe ich meinen ersten Scheinwerfer aus einer „Lichtlaune“ heraus gekauft. Licht ist ein äußerst vielseitiges Instrument, um Emotionen zu schaffen. Daher hat mich das Thema Licht seitdem nicht mehr losgelassen.

 

VGSD: Was genau machst du beruflich?

Leo: Mein Geschäft basiert auf drei Säulen. Einerseits arbeite ich zu circa 50 Prozent im Büro und erstelle Videoinhalte für Veranstaltungen sowie 3D-Visualisierungen von diesen. Ich erstelle 3D-Modellierungen von Veranstaltungen im Vorfeld, also eine Voransicht, wie Licht und Video aussehen wird. Das ganze bringt den Vorteil, dass ich nicht alles vorab schon aufbauen muss. Das sind zwei Säulen meiner Selbstständigkeit.

Die dritte Säule ist die Produktion vor Ort auf Veranstaltungen. Auf diesen kümmere ich mich in der Regel um die Beleuchtung, beziehungsweise um die Zuspielung von Videoinhalten.

 

„Schon immer ein freiheitsliebender Typ“

VGSD: Seit wann bist du selbstständig?

Leo: Ich bin seit 1997 selbstständig, also 4 Jahre nachdem ich meinen ersten Scheinwerfer gekauft hatte. Seitdem besteht die Selbstständigkeit. Von 1999 bis 2003 war ich angestellt, um im Rahmen einer Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik mein Wissen noch zu erweitern.

 

VGSD: Warum hast du dich für die Selbstständigkeit entschieden?

Leo: Ich war schon immer ein freiheitsliebender Typ. Schon meine Kindheit war prägend dafür. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, mit Wald und See in direkter Nachbarschaft. Dort hatte ich viel Raum, daher bin ich das gewohnt.

Außerdem möchte ich meine eigenen Entscheidungen treffen wollen, und zeitlich so weit es geht flexibel sein. Ich möchte zusammen mit den Kunden an Projekten arbeiten, miteinander, aber ohne einen Vorgesetzten, der haarklein vorgibt, wie ich etwas zu machen habe. Es ist diese Art von Freiheit, selbst zu entscheiden, was ich tue, wie ich es tue und wann ich es tue.

 

 

„Genauso eiskalt erwischt wie alle anderen“

VGSD: Was genau hat sich für dich durch die Coronakrise verändert?

Leo: Die Krise hat mich genauso eiskalt erwischt wie alle anderen. Meine letzte Show war eine Pferdeshow in Friedrichshafen. Während dieser Show habe ich mitbekommen, dass bei einer geplanten Messe nebenan der Aufbau abgebrochen und die Veranstaltung abgesagt wurde. Das war der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass sich die Welt verändern wird.

Das war in der letzten Februar-Woche, danach war ich eine Woche zuhause. In dieser Zeit wurde eine Veranstaltung nach der anderen abgesagt. Das war für mich eine Mischung aus Schockzustand und Perspektivlosigkeit. Zunächst wollte ich noch auf mein zweites Standbein, die Visualisierungen und Grafiken ausweichen. Das hat leider nicht funktioniert, da ich alle bisherigen Aufträge schon abgearbeitet hatte und auch keine neuen Aufträge mehr erteilt wurden.

 

VGSD: Wie war deine Arbeitsauslastung vor der Coronakrise?

Leo: Vor der Krise betreute ich circa 150 Shows pro Jahr. Im Sommer 2019 war ich unter anderem auf 15 verschiedenen Festivals und Open Air’s für das Bühnenlicht zuständig. Bei einer durchschnittlichen Produktionszeit pro Festival von vier bis fünf Tagen, ist der Sommer ziemlich schnell ausgebucht.

 

VGSD: Welche Erfahrungen hast du mit den Corona-Soforthilfen gemacht, hast du Soforthilfe beantragt?

Leo: Ja, ich habe Soforthilfe beantragt. Die habe ich auch circa zwei Wochen später erhalten. 5.094 Euro habe ich überwiesen bekommen. Damit sind aber eben nur die betrieblichen Fixkosten gedeckt. Für private Kosten wie Miete und Krankenversicherung durfte ich das Geld nicht verwenden. Hier muss auf Seiten der Politik schnellstens bundesweit nachgebessert werden. Sonst werden wir im Herbst eine nie dagewesene Insolvenzwelle erleben. So weit darf es nicht kommen.

 

 

Aktiv werden, statt Trittbrettfahrer zu sein

VGSD: Was hast du konkret gemacht in der Zeit ohne Aufträge und Arbeit?

Leo: Beruflich habe ich auch alternative Tätigkeiten angenommen, unter anderem auf dem Bau, um Kabel für eine Elektrofirma zu ziehen. Aufgrund einer körperlichen Einschränkung (ich habe ein kaputtes Sprunggelenk), konnte ich das nicht fortsetzen. Natürlich habe ich auch versucht, vielleicht doch den ein oder anderen Job an Land zu ziehen. Das wär mäßig erfolgreich.

In dieser Zeit habe ich angefangen, aktiv Politiker anzusprechen. Ich habe Briefe und E-mails geschrieben. Das sowohl auf kommunaler, Landes- und auch Bundesebene. Viele der Politiker haben Verständnis für die Situation der Veranstaltungswirtschaft gezeigt, doch geändert hat sich dadurch leider nichts.

Weiterhin habe ich viel mit Kollegen aus der Branche telefoniert und geschrieben. Man kann grundsätzlich denke ich zwischen drei Typen unterscheiden:

Die Verzweifelten, die wie gelähmt sind und darauf warten, dass andere aktiv werden. Dann gibt es die Flexiblen, die sich nach einem komplett neuen Job umsehen. Und zu guter Letzt gibt es die Kämpfer, die sich engagieren und etwas bewegen wollen. Ich zähle mich selbst auf jeden Fall zu letzterem Typ. Ich habe mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, auf die Situation in der Veranstaltungsbranche aufmerksam machen. Das alles im Sinne der Allgemeinheit.

 

VGSD: Was war der konkrete Auslöser für dein Engagement?

Leo: Den genauen Auslöser kann ich so gar nicht sagen. Das war einfach die neue Gesamtsituation. In den sozialen Medien wurde viel & kontrovers diskutiert. Ich war schon immer ein Mensch, der gerne Initiative zeigt, das hat es mir mit Sicherheit leichter gemacht.

 

 

Eine spontane Idee spätabends

VGSD: Wie bist du auf die Idee mit den GIFs gekommen?

Leo: Die Idee zum ersten animierten GIF kam mir an meinem Geburtstag im Mai nach einem Telefonat mit Christian Glatthor, einem supernetten Kollegen aus der Branche. Ich saß spät Abends noch am Rechner und habe dann das erste GIF mit dem Text: „Euer Spaß ist unsere Leidenschaft – Euer Spaß ist unser Job“ produziert. Im Hintergrund zu sehen ist eine Menschenmenge bei einem Konzert. Die beiden Aussagen haben sich gegenseitig abgewechselt. Das sollte den Leuten außerhalb der Veranstaltungsbranche spielerisch zeigen, dass hinter einem Konzert nicht nur ein Künstler, sondern auch viele andere Arbeitsplätze stehen.

Dann hat sich die ISDV bei mir gemeldet und gefragt, ob ich das GIF mit ihrem Logo darauf produzieren kann. Seit 10 Wochen produziere ich nun jede Woche ein neues GIF, das die ISDV immer am Donnerstagnachmittag veröffentlicht. Mit der ISDV und Christian Glatthor versuchen wir dabei, auf aktuelle Geschehnisse Bezug zu nehmen. Das letzte GIF bezieht sich auf die Anti-Corona-Demos in Berlin.

 

VGSD: Was waren die Reaktionen auf die GIFs?

Leo: Die Reaktionen auf die GIFs waren und sind durchweg positiv. Solange es keinen Impfstoff gibt, werde ich weiter GIFs produzieren.

 

 

Keine Erholung der Veranstaltungsbranche in Sicht

VGSD: Wie geht es der Veranstaltungsbranche aktuell?

Leo: Die Branche hat sich aus meiner Sicht nicht erholt. Das, was jetzt mit Publikumsbeteiligung, unter allen Gesichtspunkten der Hygieneregeln stattfindet, sind alles Experimente. Als Beispiel sei eine Veranstaltungsreihe auf der Freilichtbühne in Augsburg genannt. Sie hat eine Kapazität von 2112 Leuten. Aufgrund der Hygienebestimmungen dürfen dort nur 550 Leute rein. Das Problem dabei ist, dass sich das wirtschaftlich nicht rechnet. Bei allem was gerade stattfindet, geht es darum, zu zeigen, dass man etwas machen kann – auch in Zeiten einer Pandemie. Auf Dauer ist das nicht die Lösung, um die Branche in ihrer Vielfältigkeit am Leben zu halten.

Von einer Erholung kann erst dann wieder gesprochen werden, wenn die vielen Festangestellten, die es in unserer Branche gibt, wieder aus der Kurzarbeit zurück sind, wenn die vielen Soloselbstständigen wieder Aufträge bekommen, wenn sich Veranstalter wieder trauen zu planen und Leute wieder auf Konzerte trauen. All das wird aber aus meiner Sicht erst soweit sein, wenn es einen zuverlässigen Impfstoff geben wird.

 

Das Licht am Ende des Tunnels sehen

VGSD: Was ziehst du für ein Fazit aus der Krise und der Reaktion der Politik darauf?

Leo: Aktuell hat mich die Energie ein bisschen verlassen und ich fokussiere mich jetzt auf mich selbst. Auf der einen Seite genieße ich das sehr, weil ich jetzt mal Zeit habe, um entspannt an den See zu fahren und Freunde zu treffen. In den letzten Jahren bin ich im Sommer immer von einem Festival zum anderen gefahren und konnte daher nie an den See fahren.

Für die Veranstaltungsbranche ist die Krise fatal. Diese Branche geht kaputt, weil man uns nicht zuhört. Die Politik lässt wissentlich einen ganzen Wirtschaftszweig an der langen Hand verhungern.

Als Gesellschaft können wir aus der Corona-Pandemie mitnehmen, dass wir für einen Krisenfall mehr lokale Ressourcen benötigen und uns nicht zu sehr auf die Globalisierung verlassen sollten. Es wird auch vielen bewusst, dass wir alle angesichts der Krankheit gleich sind. Ich glaube und hoffe, das Bewusstsein in der Welt steigt und wir agieren künftig mehr auf Augenhöhe miteinander.

3 Kommentare

  1. Georg Schönfeldt schreibt:

    Meiner Meinung nach hören die schon, nur die wollen nicht. Es gab ja schon Bundesländer in den die Coronahilfen für die Lebenshaltungskosten verwendet werden durten.

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  2. Michael Doepke schreibt:

    Das finde ich fast am Schlimmsten, dass die im Prinzip ganz genau wissen, wie schlecht es uns und unserer Branche geht und trotzdem nichts unternommen wird.
    Wenn wir z.B. bei einer Politiker-Veranstaltung das Mikrofon einfach aus lassen, wäre das fahrlässig.

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  3. Franziska Fröhlich schreibt:

    Womit hat sich denn die Welt die Zeit vertrieben, als nichts passieren durfte. Mit Kulturkonserven. Eigentlich müsste allein aus diesem Grund die ganze Branche bedacht werden, ohne dass ein Gefühl der Großzügigkeit oder Gnädigkeit aufkommen muss. Eine Überbrückung zur Bewältigung unseres Lebensunterhalts wären nur fair. So schnell wie wir ausgeschaltet wurden, kann man keinen Plan B entwickeln. Harz 4 ist keine Option, da wir dann nicht mehr im Künstlerstatus sind und das komplette Lebensmodell mit allem was dazugehört (Versicherungen, Anerkennung einer den Ländern gleichgestellten kulturelle Einrichtung usw.) zerstört und nicht nur auf Pause gelegt wird. Man braucht über ein Jahr um alleine bei der KSK anerkannt zu werden. Wenn man da mal draußen ist, muss man wieder von vorne anfangen.

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