Im Gespräch mit Bonhoff-Preisträger Marcello Danieli / jetzt mit Video der Preisverleihung

Marcello Danieli hält nach der Preisverleihung seine Dankesrede, Foto: Bonhoff-Stiftung / Katja Hoffmann

Am 13. Juni 2018 hat sich Marcello Danieli gegen drei andere Nominierte durchgesetzt und den „Werner-Bonhoff-Preis wider den §§-Dschungel“ gewonnen.

Danieli wollte in seinem Unternehmen HARDER logistics bis zu zehn Flüchtlinge nach der „3+2 Regelung“ anstellen, was die Verwaltungsbehörden praktisch unmöglich machten. Dagegen wehrte er sich, suchte zunächst das Gespräch mit dem zuständigen Landrat und andere Behörden, dann wendete er sich an die Presse.

Nach der 3+2 Regelung dürfen Flüchtlinge, die eine Ausbildung begonnen haben, diese abschließen und eine zweijährige Anschlussbeschäftigung ausüben, auch wenn es zwischenzeitlich zu einer Ablehnung ihres Asylantrags gekommen ist. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Investition in eine Ausbildung sich für den Betrieb rechnet.

 

Von elf auf über hundert Mitarbeiter gewachsen

Frage: Sie haben ein Unternehmen mit über 100 Mitarbeitern aufgebaut. Wie haben Sie das geschafft?

Antwort: Es war mir zu riskant, ein solches Unternehmen auf die grüne Wiese zu setzen, deshalb habe ich nach einer bezahlbaren Plattform gesucht, die ich dann mit meinem Know-how ausbauen konnte. Ich stieß auf das von Herrn Harder aufgebaute Umzugsunternehmen mit elf Mitarbeitern und 3 LKW, sehr solide und bodenständig. Dieses Unternehmen habe ich dann in den letzten zehn Jahren in eines mit 30 Fahrzeugen und über 100 Mitarbeitern entwickelt.

 

Frage: Wie ist Ihnen das gelungen?

Antwort: Das Unternehmen bestand aus drei Firmen. Ich habe sie zu einer Marke zusammengeführt, mit einer CI und allem was man braucht. Von der Zielgruppe her habe ich das Geschäft dann konsequent am Industriemarkt ausgerichtet und das Wissen eingebracht, das ich zuvor viele Jahre lang in anderen Positionen gesammelt hatte. Über einen Zeitraum von zehn Jahren habe ich alle Erträge reinvestiert.

 

Viel Erfahrung mit Mitarbeitersuche, aber bei Azubis wird es schwer

Frage: Dann haben Sie in den letzten zehn Jahren viele Mitarbeiter angestellt. Worauf haben Sie bei der Auswahl am meisten geachtet?

Antwort: Zeugnisse interessieren mich relativ wenig. Das Wichtigste ist mir der gesunde Menschenverstand. Ich schaue den Leuten in die Augen und versuche im Gespräch festzustellen, ob wir lange gut miteinander auskommen werden.

Das Finden neuer Mitarbeiter war bis vor einiger Zeit auch gar nicht so anspruchsvoll. Mittlerweile ist es aber deutlich schwieriger geworden, einerseits die Mitarbeiter zu binden und zugleich den einen oder anderen neuen hinzuzugewinnen.

Wir haben es auch mit kreativen Aktionen versucht, zehn Elektroroller gekauft und jedem Azubi kostenlos einen zur Verfügung gestellt, den er dann auch behalten durfte, wenn er nach der Ausbildung bei uns blieb. Damit schafft man es in die Presse, aber wirklich viel gebracht hat es trotzdem nicht.

 

Frage: Warum ist die Situation so schwierig, speziell auch bei den Azubis?

Antwort: Das ist relativ einfach zu erklären: Die jungen Menschen bekommen vom Kindergarten an gesagt, dass sie am besten nicht körperlich arbeiten sollten und einen Job am Schreibtisch suchen sollten. Es waren eine Zeitlang die Türken, die Polen, die Tschechen, unter denen wir Azubis gefunden haben. Aber mittlerweile ist es extrem schwer geworden, das lesen Sie ja auch ständig in der Zeitung, Auszubildende für den gewerblichen und Handwerksbereich zu finden. So kam ich auf die Idee mit den Flüchtlingen.

 

Hier ein Video der Preisverleihung. Marcello Danieli kommt darin nach der Preisverleihung (bei Minute 16) zu Wort und dann noch einmal am Ende (Minute 24). Das Grußwort von Andreas Lutz für den VGSD hört ihr ab Minute 6. Auch Vertreter zweier Verbände, mit denen wir in der bagsv zusammenarbeiten kommen ab Minute 21 zu Wort: Marcus Pohl (ISDV) und Thomas Andersen (DCV).

 

Wie man mit Geflüchteten in Kontakt kommt und was man bei der Auswahl beachten muss

Frage: Wie sind Sie in Kontakt mit Geflüchteten gekommen?

Antwort: Bei uns gibt es an Schulen die IHK-Aktion: „Die jungen Bosse“. Über diesen Weg hatte ich schon länger versucht, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Ich habe Vorträge gehalten und z.B. gesagt, worauf es bei einer Bewerbung ankommt. Dann wurde ich von der Rektorin gefragt, ob ich das auch bei einer Flüchtlingsklasse machen möchte. Da habe ich gerne zugesagt, auch weil ich das für eine gesellschaftliche Verpflichtung halte.

Die Vorurteile, die man so hat, haben sich dort schnell relativiert: Die Flüchtlinge waren immer freundlich und haben sehr engagiert gefragt. So entwickelte sich bei mir der Gedanke: Warum nicht auch Flüchtlinge als Azubis gewinnen?

 

Frage: Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?

Antwort: Über Kolping und andere Organisationen werden Flüchtlinge in Praktika vermittelt, nachdem sie Deutsch gelernt haben. Bei uns haben gut 40 Flüchtlinge 14-tägige Praktika absolviert. Über 30 von ihnen waren geeignet: Wir hatten gutes Feedback von den Kollegen, mit denen sie arbeiteten und auch der eigene Eindruck passte. Sie wollten, sie konnten, sie waren pünktlich, sie waren immer freundlich, sie freuten sich, hier sein zu können.

Zehn versuchten wir in Ausbildung zu bringen. Dass das nicht klappte, lag nicht an den Flüchtlingen. Sie standen teilweise jeden Tag vor der Tür und fragten, was sie als nächstes tun müssten, damit es mit der Ausbildung klappt.

 

Das Landratsamt fand immer neue Einwände

Frage: Woran lag es, dass es nicht klappte? Politiker bezeichnen die „3+2 Regelung“ doch immer wieder als beispielhaft?

Antwort: Man muss sich zunächst einmal in das Thema reindenken und schlau machen: Wie funktioniert das deutsche Asylrecht? Wer hat Chancen zu bleiben, wer hat keine Chancen? Da sind 10-15 der eigentlich Geeigneten gleich wieder rausgefallen. Tunesier zum Beispiel haben kaum Aussichten, hier zu bleiben. Wir wollen die Mitarbeiter ja aber dauerhaft beschäftigen.

Bei den verbleibenden Bewerbern hatten wir es mit einer endlosen Kette an Einwänden und Vorwänden durch die Verwaltung zu tun. Hauptthema: Viele Flüchtlinge haben keine Identitätspapiere. Sie können nicht nachweisen, woher sie kommen. So verrann die Zeit, das neue Schuljahr und damit der Anmeldeschluss rückte immer näher, ohne dass wir für einen einzigen Azubi eine Genehmigung erhalten hatten.

Wir merkten schließlich, dass das Ganze Methodik hat. Wir sind ja hier in Neu-Ulm in Bayern, direkt an der Grenze zu Baden-Württemberg. Ulm ist keine 6 Kilometer entfernt. Im Industrieclub,  in dem ich Mitglied bin, unterhalte ich mich regelmäßig mit Kollegen aus Baden-Württemberg. Dort bestehen die Probleme überhaupt nicht. Die Sachbearbeiter üben ihren Ermessensspielraum ganz anders aus.

 

Frage: Damit haben Sie sich aber nicht abgefunden…

Antwort: Richtig. Nachdem wir nicht weitergekommen sind, habe ich den Landrat angerufen: „Termin in vier bis sechs Wochen“. So viel Zeit hatten wir aber nicht, wir bestanden auf einem Termin vor dem Anmeldeschluss für das neue Schuljahr. Der Landrat ließ mir ausrichten, ich solle kein solches Kasperletheater machen. Ich ließ ihm ausrichten: Wenn die Firma Harder Kasperletheater macht, sieht das anders aus.

Später kam ein Entschuldigungsschreiben und die Aufforderung, mit der Arbeitsebene zu sprechen. Die hatte mit mir zu dem Zeitpunkt aber schon 1 ½ Jahre „das Michele getrieben“ wie man auf schwäbisch sagt. Als ich trotzdem wieder auf die Arbeitsebene verwiesen wurde, habe ich einen Warnschuss abgegeben und gesagt, dass wir uns an die Medien wenden, wenn weiter nichts passiert.

Da dies auch ignoriert wurde, sind wir an die Presse gegangen. Sehr schnell hat der SWR das Thema aufgegriffen, dann Radio 7, die Südwestpresse. Alle wichtigen, in der Region verbreiteten Medien haben darüber berichtet. In diesem Zusammenhang kam auch die Werner-Bonhoff-Stiftung auf mich zu, hat den Fall dokumentiert und in seiner Fallsammlung veröffentlicht.

 

Noch immer keine befriedigende Lösung

Frage: Hat sich durch die öffentliche Aufmerksamkeit etwas geändert?

Antwort: In der Zwischenzeit hat sich die IHK eingeschaltet, der IHK-Vorsitzende von Schwaben hat ein Gespräch mit dem Landrat geführt. Künftig werden die Anträge auf Beschäftigung von Flüchtlingen als Azubi über die IHK an das Landratsamt übermittelt. Mal schauen was das bringt. Von diesem Landratsamt haben wir bis heute keine Genehmigung.

 

Frage: Gibt es andere Bereiche, wo sie auch Rechtsunsicherheit und Bürokratie erleben?

Antwort: Natürlich, ständig. Nur zwei Beispiele:

Wenn wir einen neuen Lkw kaufen und in Betrieb nehmen wollen, kostet das 60-70 Stunden Arbeitszeit, bis man sämtliche Unbedenklichkeitsformulare von Finanzämtern, Krankenkassen etc. beisammen hat. Man muss dann den zuständigen Behörden auch noch mal Informationen zum Fahrzeug nachweisen, die sie schon längst im Computer haben. Das ist ein enormer Zeitaufwand und Riesenwust an Unterlagen. Und das Theater wird alle 5 Jahre wiederholt. Bei 30 Fahrzeugen mal 30!

Oder ein Beispiel aus dem Umsatzsteuerrecht, über das ich auch schon mit dem Finanzministerium gesprochen habe: Wir zahlen im EU-Ausland Umsatzsteuer auf Treibstoff und andere Leistungen und sind zur Vorsteuerrückerstattung berechtigt. In den Niederlanden dauert es drei Monate bis zur Rückerstattung, in Italien sechs Monate. Aber wir kriegen das Geld. – In Polen bekommt man es nicht, obwohl es einem rechtmäßig zusteht. Denen fällt immer wieder etwas Neues ein. Am Ende ist der Aufwand höher, dem Geld hinterher zu laufen, als das, was man erstattet bekäme. Das ist eine Taktik, mit der Polen die Steuerzahler anderer EU-Staaten um mehrere Milliarden Euro zusätzlich belastet. Das scheint aber niemand richtig zu interessieren.

 

Was sich Marcello Danieli von der Verwaltung wünscht

Frage: Was müsste sich Ihres Erachtens in Hinblick auf die Integration der Flüchtlinge ändern?

Antwort: Wir haben die Flüchtlinge hier, die werden vielleicht zur Hälfte zurückgehen, zur anderen bleiben sie da. Sie können auf der Straße rumspringen. Oder wir integrieren sie. Das Modell mit drei Jahren Ausbildung und zwei Jahren im Beruf ist gut. Selbst wenn sie später ausgewiesen werden sollten, nehmen sie wenigstens die Ausbildung mit. Am liebsten möchte ich sie natürlich behalten, denn im eigenen Haus ausgebildete Mitarbeiter sind Gold wert.

Was ich mir konkret von der Verwaltung wünsche: Sie sollten das bestehende Ermessen nutzen, eine Unterschrift leisten, dann sind die Flüchtlinge fünf Jahre versorgt. Mit dem Betrag, den sie bei uns verdienen, liegen sie dem Steuerzahler nicht auf der Tasche.

Stolz bin ich, dass wir in dieser Sache im Unternehmen alle an einem Strang gezogen haben. Plötzlich dunkelhäutige Mitarbeiter, wo das sonst nicht der Fall ist: Da gibt es schon mal Unruhe im Betrieb oder auch Nachfragen von Kunden. Die Mitarbeiter haben das aber ohne Murren und Knurren mitgetragen. Dafür möchte ich ihnen Dank aussprechen.

 

Eine ausführliche Beschreibung des Falls von Marcello Danieli findet ihr – wie oben bereits erwähnt – auf der Website der Werner-Bonhoff-Stiftung.

Wenn auch ihr Opfer von Bürokratismus geworden seid, könnt ihr euren Fall bei der Bonhoff-Stiftung einreichen und dokumentieren lassen. Gerne unterstützen wir euch seitens des VGSD mit Rat und Tat, wenn ihr selbst zu einem Missstand aktiv werden wollt.

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