Selbstständigkeit beliebter als Leiharbeit – Leiharbeit beliebter als Festanstellung

Foto: Pixabay, sasint

Arbeitnehmervertreter und Sozialdemokraten sind sich eigentlich ganz sicher: Eine Festanstellung ist die beste und sicherste Form der Erwerbstätigkeit, Selbstständigkeit die unsicherste und damit schlechteste. Die Leiharbeit sehen sie irgendwo in der Mitte. Weniger sicher und schlechter bezahlt als die Festanstellung, dafür aber sozialversicherungspflichtig und mit Betriebsrat – und somit der Selbstständigkeit überlegen.

 

Selbstständige wollen selbstständig bleiben

Die Wirklichkeit stellt diese Überzeugung auf eine harte Probe: Nachdem im April letzten Jahres das „Werkvertragsgesetz“ – korrekter Titel: „Gesetz zur Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes und anderer Gesetze“ – in Kraft getreten war, versuchten verunsicherte Auftraggeber Selbstständige in der IT und anderen Branchen eine Arbeitnehmerüberlassung oder Anstellung schmackhaft zu machen – nur um festzustellen, dass diese viel lieber selbstständig bleiben wollen und eher andere Aufträge – notfalls im Ausland annehmen – als sich auf die vermeintlich sicherere Form der Erwerbstätigkeit einzulassen.

 

Leiharbeit beliebter als Festanstellung

Nun zeigt sich, dass sogar die Leiharbeit beliebter ist als die Festanstellung – und zwar weil sie bessere Arbeitsbedingungen, weniger Überstunden und höhere Bezahlung bietet. Der Beweis dafür wird zurzeit ausgerechnet im vieldiskutierten Pflegebereich erbracht.

Nach Recherchen des NDR wechseln immer mehr Krankenpflegekräfte von ihrer Festanstellung in die Leiharbeit. Eine auf Pflegekräfte spezialisierte Leiharbeitsfirma berichtet von 15 Prozent Wachstum pro Jahr. 80 Prozent der Bewerber habe vorher fest angestellt in einem Krankenhaus gearbeitet.

 

Verbände bestätigen Zunahme der Leiharbeit – aufgrund besserer Arbeitsbedingungen

Der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) bestätigt den Anstieg von Pflegekräften in Leiharbeit. Der Grund seien bessere Arbeitsbedingungen und mehr Einfluss auf die Dienstpläne. Auch eine Sprecherin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) spricht von geregelteren Arbeitszeiten und davon, dass es sich nicht unbedingt um eine Verschlechterung handle.

Ohne die Flexibilität der Leiharbeiter sei in vielen Kliniken der Pflegebetrieb nicht mehr aufrechtzuerhalten. Das lassen sich die Arbeitgeber etwas kosten. Der SWR berichtet über eine 24-jährige Krankenschwester, die mit Zulagen als Leiharbeiterin etwa doppelt so viel verdient wie zuvor als Angestellte.

 

Arbeit- bzw. Auftragnehmer in der stärkeren Verhandlungsposition

In Branchen, in denen die Arbeitskräfte knapp sind, wie in der IT und in der Pflege, können sich flexiblere Formen der Arbeit offenbar zugunsten von Arbeit- bzw. Auftragnehmern auswirken.

Hinzu kommt, dass das Gesundheitswesen stark reguliert ist. Die Arbeitgeber haben hier nur sehr begrenzte Handlungsmöglichkeiten, was z.B. die Bezahlung von Pflegekräften betrifft. Der Markt bahnt sich seinen Weg – in diesem Fall über den Umweg der Leiharbeit – und signalisiert das Versagen des Gesetzgebers im Pflegebereich. Eine ver.di-Gewerkschaftssekretärin spricht laut SWR von einem „lauten Hilfeschrei“. Via Leiharbeit entsteht Druck auf die staatlich vorgegebenen Löhne – nach oben.

 

Gesundheitsminister Spahn will die Bezahlung der Festangestellten verbessern

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich heute im Morgenmagazin von ARD und ZDF für eine bessere Bezahlung von Pflegekräften ausgesprochen: „2.500, 3.000 Euro sollten möglich sein“. Pflegekräfte sollten auch wieder vermehrt Tarifverträgen unterliegen – damit versucht er den schwarzen Peter in Richtung Arbeitgeber zu schieben.

Zur Zunahme der Leiharbeit äußerte er sich kritisch. „Ich hätte lieber weniger Leiharbeit in der Pflege und mehr Festangestellte“, zitiert in die Tagesschau. Kein Wunder: Je mehr Leiharbeiter es gibt, um so teurer wird es für den Staat und damit mittelbar für uns Versicherten. Dann doch lieber faire Arbeitsbedingungen schaffen.

2 Kommentare

  1. Bernd schreibt:

    >Leiharbeit beliebter als Festanstellung<

    Gewagte Überschrift, so ganz ohne den Hinweis darauf, dass der Artikel sich auf eine bestimmt Branche bezieht (gut, eine zweite wird noch genannt).

    In der großen Mehrheit stehen doch Arbeitnehmer in Deutschland Leiharbeit ehr krititisch gegenüber, oder?

    Persönliche Erfahrung kann man zwar nicht verallgemeinern, aber ich kenne Einige die sagen: Niemal (wieder).
    Den Ausschluss von Leiharbeit sieht man ja auch öfters in Stellengesuchen.

    Oder war der Titel so Absicht? 😉

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  2. Stefan Klatt schreibt:

    Wer mit einem Leiharbeitsvertrag zufriedener als mit einer Festanstellung ist, hat in vielen Fällen (nicht in allen!) seinen Arbeitsvertrag nicht richtig gelesen. Gerne wird bei einigen Punkten auf den Manteltarifvertrag (MTV – BAP) verwiesen und der ist sehr zum Nachteil des Mitarbeiters. Liest sich aber im Vertrag alles sehr gut.

    Z.B. steht in § 4.5 MTV BAP folgendes:
    „Der Mitarbeiter kann verlangen, während der Einsatzzeit beim Kunden je 35 Plusstunden einen Arbeitstag aus dem Zeitkonto in Freizeit zu erhalten. Dieser Anspruch kann nur einmal je Kalendermonat für max. zwei Arbeitstage geltend gemacht werden. “
    35 Überstunden für einen Arbeitstag frei…. ein Arbeitszeitkonto ist sehr häufig nur zum Nachteil des Mitarbeiter.

    Sehr gerne steht auch ein Passus im Vertrag nachdem man den verhandelten Stundensatz nur dann bekommt wenn man beim Kunden arbeitet und ansonsten nach Tarif bezahlt wird. Urlaub, Krankheit oder Verlust des Auftrages durch den Arbeitgeber führen dazu, dass man kaum Geld erhält. Viel Spaß nach drei Wochen Urlaub….
    Das Risiko des Arbeitgebers wird so in vielen Fällen dem entsprechenden Leiharbeiter aufgebürdet. Er/Sie könnte gleich selbständig sein und würde ohne größeres Risiko mehr Geld erhalten.

    Ich habe mich letztens erst für einen Freund mit seinem neuen Arbeitsvertrag beschäftigt und auch in der Vergangenheit immer wieder entsprechende Beispielverträge zugeschickt bekommen oder bei Bekannten gesehen. Sehr selten habe ich vernünftige Arbeitsverträge gesehen, die in meinen Augen nicht sittenwidrig waren.
    Grausam, grausam…. die Not der Arbeitssuchenden wird eiskalt ausgenutzt. Ich verstehe auch nicht wie sich der DGB einem solchen Manteltarifvertrag zustimmen konnte.

    Aus meiner Sicht sollte die Leiharbeit in Deutschland auf das absolute Minimum, das vertretbar ist (um wirklich Produktionsspitzen abzufangen), reduziert werden oder sogar ganz verboten werden.
    In Frankreich ist die Leiharbeit z.B. besser geregelt.

    Hier der Manteltarifvertrag, die Entgelttabellen und was sonst noch dazugehört zum Lesen:
    https://www.personaldienstleister.de/fileadmin/user_upload/05_Presse/Downloads/170207_BAP_Basistarifwerk_web.pdf

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