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Togetherness + Resilience = Recovery (?) Bericht von der EU-Konferenz 2021 für kleine und mittlere Unternehmen in Slowenien

Hybride Veranstaltung: Im slowenischen Portorož konnte die von der EU jährlich organisierte "SME Assembly" nur mit reduzierter Delegiertenzahl stattfinden. Per Videotechnik wurden die Redner aber nicht nur im Konferenzsaal präsentiert, sondern auch europaweit übers Internet gestreamt.

Ende letzten Jahres nahm unser aktives Mitglied Reinhard Mohr für den VGSD an der „SME Assembly 2021“ im Slowenischen Portorož teil. Veranstaltet von der Europäischen Union verbirgt sich dahinter eine Konferenz, die einmal im Jahr veranstaltet wird, um kleinen und mittleren Unternehmen ("Small and Medium Enterprise) und ihren Verbänden einfacheren Zugang zu Vertretern der EU zu ermöglichen. Und, um sich europaweit untereinander zu vernetzen.

Die Agenda Ende 2021 war natürlich auch von der Corona-Krise geprägt. Mit dem Veranstaltungsmotto wollte man von Seiten der EU ein Zeichen des Aufbruchs auch für kleine und mittlere Unternehmen setzen: "Togetherness + Resilience = Recovery". Wörtlich übersetzt bedeutet das: "Zusammengehörigkeit + Widerstandsfähigkeit = Erholung".
Das Programm der drei Tage waren gefüllt mit Vorträgen und Workshops, mit Preisverleihungen und Diskussionen, mit Reden und (coronabedingt meist im Sitzen stattfindenden) Netzwerktreffen.

Der Umfang an Informationen, die man erhielt, waren überwältigend. Im folgenden versuche ich die wichtigsten Anregungen herauszudestillieren, und setze dabei vier Schwerpunkte:

Der Klimawandel für kleine und mittlere Unternehmen

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Die beiden durchgängigen Themen auf der SME Assembly 2021 waren

  1. die Dekarbonisierung (also der Kampf gegen den Klimawandel) und
  2. die Digitalisierung.

Dabei bildete die Dekarbonisierung den Hintergrund bzw. ein wichtiges Ziel für alle Projekte und Planungen. Und die Digitalisierung wurde als Hebel gesehen, um schneller zu Lösungen zu kommen und um für kleine und mittlere Unternehmen Überlebens- und Wachstumschancen zu bieten.

Der Klimawandel bringt Herausforderungen für Unternehmen, aber auch Chancen: Die Nobelpreisträgerin und Klimaforscherin Lučka Kajfež Bogataj von der Universität Ljubljana bei ihrem Vortrag auf der SME Assembly 2021 der Europäischen Union.

Auf den Punkt brachte dies der Eröffnungsvortrag der slowenischen Professorin und Nobelpreisträgerin Lučka Kajfež Bogataj von der Universität Ljubljana. Die Klima- und Umweltforscherin sprach mehr als eine Stunde lang zu den Bemühungen, die Erderwärmung auf 1,5° Celsius zu beschränken. Zusammengefasst lautetet ihre Konsequenz: „Wir werden es nicht schaffen!“ Jetzt sofort – sozusagen in der Minute ihres Vortrags – müsse man mit dem wirksamen Kampf gegen die Erwärmung beginnen. Das Ziel, klimaneutral bis 2030 zu werden, werde sonst nicht mehr erericht. Und Ziele wie „klimaneutral bis 2050“ kämen ohnehin zu spät. Dann könne man sich auch gleich auf 2,5° Erderwärmung einstellen. Das aber führe zu Überschwemmungen, Katastrophen und Flüchtlingsströmen, die schlicht und einfach nicht mehr zu beherrschen sein.

Professor Bogataj empfahl kleinen und mittleren Unternehmen dreierlei: Sofort alle Möglichkeiten zu nutzen, Energieverbrauch und Umweltbelastung zu senken. Und zweitens aufmerksam zu sein, welche eigenen Angebote man in dieser Marktlage machen könne. Und schließlich warnte sie vor den drohenden Risiken für die langfristige Geschäftsplanung und für Lieferketten. Und empfahl, klimabedingte soziale Verwerfungen und Chaos an den Finanzmärkten einzuplanen.

Konkrete Ideen und Vorschläge für die EU

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Einer der Vorteile der jährlichen SME-Versammlungen (immer in dem Land, das gerade den wechselnden Vorsitz in der EU innehat), ist, dass man auch hochrangige EU-Vertreter*innen einfach zwischen den Veranstaltungen ansprechen kann. Um ihnen Verbesserungsvorschläge und Ideen zu unterbreiten.

Im November im slowenischen Portorož: Ich durfte den VGSD auf der EU-Konferenz für kleine und mittlere Unternehmen vertreten.

Eine der meines Erachtens besten Ideensammlungen kam in Portorož dann von einem Verbandsvetreter: Von Christoph Leitl. Der Österreicher ist Präsident von Eurochambres, dem EU-weiten Zusammenschluss der nationalen Industrie- und Handelskammern. Sieben konkrete Vorschläge machte er in seiner Rede der EU, um kleine und mittlere Unternehmen zu stärken. Und um auf diesem Wege auch das Motto der Konferenz „Togetherness + Resilience = Recovery“ einlösen zu können:

  • Die EU solle Best-Practices-Beispiele für erfolgreiche KMUs aus ganz Europa zusammentragen und wirksam publizieren. Damit lasse sich ein positiver Nachahmeffekt erzielen.
  • Für Gründer*innen und Startups sollten europaweit in der ersten Gründungsphase die Steuern und Abgaben möglichst auf Null (!) gedrückt werden. So könne eine Gründungswelle ausgelöst werden.
  • Die bisher umständlichen und sehr bürokratische Antragsverfahren für EU-Projekte, -Förderungen und -Ressourcen sollten radikal vereinfacht werden. „Ein einziges Blatt Papier muss reichen“, so Leitl, „um kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zur EU-Förderung zu ermöglichen!“
  • Das bisher für Studenten genutzte Austauschprogramm „Erasmus“ der EU solle als „Erasmus plus“ für junge Unternehmer ausgebaut werden. Damit könnten die europaweite Vernetzung und der Austausch unternehmerischer Ideen effektiv gefördert werden.
  • Auch und gerade für für KMUs gelte es, europaweite Finanzinstrumente zu schaffen. Um Wachstum, international wirksame Ideen und Lieferketten nicht am Kapitalmangel scheitern zu lassen. Als ein Beispiel für diese Finanzinstrumente nannte Leitl etwa EU-Garantien für Kredite bis 100.000 €.
  • Der rechtliche Rahmen müsse geschaffen werden, dass auch KMUs internationale Kooperationen, Lieferketten und Produktionsstätten über Ländergrenzen hinweg aufbauen könnten.
  • Und schließlich: Laut Eurochambers-Präsident Leitl müsse man unbedingt die Frauen in Europa fördern: „Der Frauenanteil der Bevölkerung beträgt rund 50% – der Anteil der Unterehmerinnen und Gründerinnnen aber nur 30%. Das ist eine absolute Verschwendung an unternehmerischen Fähigkeiten. Das sollte die EU schnell ändern!“

Die Interessen des VGSD vertreten

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Wie vertrete ich die Interessen des VGSD auf einer Konferenz mit mehreren hundert Teilnehmer*innen? Zuhören und berichten – ja, klar.

Aber auch: Reden – und den VGSD und seine Ideen publik machen. Das gelang mir nicht nur in den Netzwerktreffen mit anderen Delegierten. Sondern zumindest auch an zwei Stellen mit EU-Vertretern. Zum einen konnte ich in einem Workshop über „KMUs und ihre Bedeutung in den Regionen“ das Thema „Scheinselbständigkeit“ in die Diskussion bringen. Und konnte erstaunt feststellen, dass deren Bedeutung bei den hochrangigen – auch deutschen – EU-Vertretern überhaupt nicht bekannt war.

Und zum anderen konnte ich in einer spontan folgenden „Flur-Arbeitsgruppe“ sogar Vertreter der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) dafür gewinnen, dieses Thema anzuhören – und darüber zu staunen, dass es in Deutschland solche Rechtsunsicherheit geben kann. Die europäischen Mühlen mahlen zwar langsam – aber vielleicht hat das Thema „Scheinselbstständigkeit“ damit auch eine Chance, bei der EU bedacht und angenommen zu werden?

Zugang zu den Ressourcen der EU ermöglichen

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„Aus rund sechs Millionen Seiten soll es die Webpräsenz der EU bestehen – da hat niemand mehr genau den Überblick“, so war eine der Antworten auf meine Frage, wie Soloselbstständige, Freiberufler und kleine Unternehmen einen ersten Info-Kontakt zur EU und ihren Ressourcen herstellen könnten. Welche Homepage, welche URL, welcher Blog, welcher Newsletter wäre denn der beste Einstieg für das „typische VGSD-Mitglied“?

Selbst während der Versammlung in Portorož gelang es mir nicht immer, allen Infokanälen der EU korrekt zu folgen. Große Unternehmen mit eigenen Abteilungen, die Finanzierungen und Unterstützungen EU-weit „abgreifen“ können, sind offenbar deutlich im Vorteil.

Ich recherchierte, fragte nach, googelte – und bekam schließlich wieder „auf dem Flur“ zwischen zwei Vorträgen von einer schwedischen EU-Vertreterin einen wichtigen Tipp:
Die EU unterhält in vielen Städten und Regionen „Kontaktpunkte“ bei lokalen Institutionen. Diese sind aufgeführt unter dem Schlagwort „Enterprise Europe Network“. Die URL lautet:
https://een.ec.europa.eu

Dort kann man sehr einfach das eigenen Land „aufklappen“. Und die Institution wählen, die man vor Ort ansprechen möchte. Ein Beispiel für mich in München: https://een.ec.europa.eu > Germany > München >

  • Handwerkskammer für München und Oberbayern
  • Auftragsberatungszentrum Bayern e.V.
  • Industrie- und Handelskammer zu München und Oberbayern
  • Bayerische Forschungsallianz - Bavarian Research Alliance GmbH

So lassen sich Ansprechpartner*innen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen finden. Und über diese wiederum kann man es (zumindest theoretisch) schaffen, Fördertöpfe und Wissensdatenbanken anzuzapfen. Oder sogar internationale Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Um damit vielleicht sogar das Motto der SME-Assembly-2021 wahr werden zu lassen:

Togetherness + Resilience = Recovery

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