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Lesetipp VGSD-Voting abgeschlossen Argumentationshilfe: Wie du die häufigsten Irrtümer über Selbstständige entkräftigst

Was sind die zwölf häufigsten Irrtümer über Gründer/innen und Selbstständige? Und wie kannst du sie auf sympathische Art widerlegen und dein Gegenüber zum Nachdenken bringen?

Wahr oder falsch? Wir helfen dir, souverän auf die häufigsten Vorurteile über Selbstständige zu reagieren.

427 Selbstständige haben sich seit Mittwoch vorletzter Woche an unserem VGSD-Voting zu den verbreitetsten Vorurteilen und Irrtümern beteiligt, fast 4.000 Stimmen unter rund 40 vorgeschlagenen Irrtümern vergeben und sie zudem mehr als 150 mal kommentiert. 

Mit dem Voting haben wir einen Nerv unter unseren Mitgliedern getroffen, denn wohl jede/r von uns hat immer wieder mit humorvoll, nicht selten aber auch abfällig gemeinten Aussagen, mit Vorurteilen und Irrtümern über Selbstständigkeit zu tun, sei es im persönlichen Gespräch oder online in Kommentarlisten und Diskussionsforen.

Bei unserem Voting hat sich ein klares Ranking der Vorurteile ergeben, über die sich unsere Mitglieder besonders ärgern.

Die Top 10 der Vorurteile über Selbstständige

  1. Selbstständige beteiligen sich nicht am Sozialstaat (526 Stimmen)
  2. Selbstständige sind prekär und sorgen nicht für das Alter vor (471 Stimmen)
  3. Selbstständige wollen eigentlich lieber angestellt sein (378 Stimmen)
  4. Selbstständige sind Großverdiener/innen (376 Stimmen)
  5. Selbstständige können alles von der Steuer absetzen (326 Stimmen)
  6. Umsatz des Selbstständigen = Brutto des Angestellten (258 Stimmen)
  7. Selbstständigen können sich alle privat krankenversichern bzw. sind alle privat krankenversichert (183 Stimmen)
  8. Selbstständige können jederzeit Urlaub machen (172 Stimmen)
  9. Wer selbstständig ist, kann sich nicht in ein Team einfügen (131 Stimmen)
  10. Selbstständige arbeiten selbst und ständig (114 Stimmen)

Jedes dieser Vorurteile ist mit einem kurzen Text hinterlegt. Es lohnt sich die Liste durchzugehen und mit den eigenen Erfahrungen abzugleichen. Auch die Irrtümer elf bis 39 und die zugehörigen Kommentare sind lesenswert!

Wir wollen sie in diesem Beitrag nicht doppeln, sondern einen anderen Zugang zum Thema wählen. Bereits bei unserem Zwischenbericht zum Voting haben wir die "Dirty Dozen" ermittelt, indem wir die gesammelten Vorurteile gruppiert haben zu zwölf Gruppen von Vorurteilen.

Wir wollen euch Argumentationshilfen geben, um – egal wo sie euch begegnen – diese Vorurteile zu widerlegen. Nicht auf wütende oder belehrende, sondern möglichst sachliche und sympathische Art und Weise – gerne kombiniert auch mit etwas Humor, denn damit erzielt man erfahrungsgemäß den größten Effekt. Vielleicht gelingt es sogar, Gesprächspartner/innen selbst als Botschafter/innen der Selbstständigen zu gewinnen. 

In dem Maße, in dem es uns gemeinsam gelingt, Vorurteile zu überwinden, verändern wir auch politische Entscheidungen, weil diese dann besser informiert erfolgen und mit Falschinformationen begründete Regelungen auf mehr Widerspruch stoßen. Besonders wichtig ist deshalb das Widerlegen von Vorurteilen von Politikern und Journalisten, sei es durch E-Mails, Anrufe oder Vereinbarung persönlicher Termine. 

Aber auch am Arbeitsplatz, in privater Runde, im Gespräch mit Auftraggebern und -nehmern oder im Internet, kann jede/r von uns einen Unterschied machen, wenn ihm oder ihr Irrtümer über Selbstständigkeit begegnen. Danke für deine Unterstützung! Nutze gerne die Kommentarfunktion unten, um deine Erfahrungen zu teilen, welche Argumente im Gespräch am besten weiterhelfen.

Vorurteil 1: Selbstständige beteiligen sich nicht am Sozialstaat

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Wie du reagieren kannst:

Die Annahme, dass Selbstständige sich nicht am Sozialstaat beteiligen oder sich gar der Solidargemeinschaft entziehen, ist weit verbreitet. Tatsächlich jedoch ist ein großer Teil der Sozialleistungen steuerfinanziert – und Selbstständige zahlen überdurchschnittlich viele Steuern

Hinzu kommt: Selbstständige, die gesetzlich kranken- und pflegeversichert sind – das trifft zum Beispiel auf 72 Prozent der Solo-Selbstständigen zu – und unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze verdienen, zahlen um mindestens 20 Prozent höhere Sozialversicherungsbeiträge als Angestellte und Arbeitgeber zusammen (mehr dazu in diesem Beitrag). 

Nicht zuletzt sind bereits heute viele Selbstständige freiwillig oder pflichtversichert in der Gesetzlichen Rentenversicherung, tragen also auch auf diesem Weg ihren Teil zur Solidargemeinschaft bei. Auch an dem Narrativ, dass Selbstständige prekär lebten, keine Altersvorsorge betrieben und im Alter in Massen dem Staat auf der Tasche liegen, stimmt so nicht: Denn die überwältigende Mehrheit der Selbstständigen sorgt gut für ihr Alter vor, wie zum Beispiel das ifo-Institut 2025 ermittelt hat (hier unser Bericht dazu). Demnach betreiben 97 Prozent der Selbstständigen Altersvorsorge – wenn nicht über die Gesetzliche Rentenversicherung, dann privat oder in Mischformen: 78 Prozent verlassen sich dabei nicht auf eine Lösung, sondern kombinieren mehrere Möglichkeiten.  

Vorurteil 2: Selbstständige wären lieber angestellt

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Wie du reagieren kannst:

Ganz einfach: 95 Prozent aller Selbstständigen sind gerne und freiwillig selbstständig – das hat unsere große Umfrage zu den Statuskriterien kürzlich ergeben. 

Unter anderem bei Gewerkschaften findet sich oft das Narrativ, Selbstständigkeit sei nur eine Notfalloption für Menschen, die keine Anstellung finden – oder das Ergebnis einer unfairen Vertragsgestaltung von Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden in eine Scheinselbstständigkeit zwingen. Letzteres trifft in wenigen Fällen tatsächlich zu, etwa auf die sogenannten "Rider/innen", die für Lieferdienste tätig sind bzw. waren, denn inzwischen sind die allermeisten von ihnen angestellt. Probleme gibt es trotzdem, denn eine ausreichende Altersvorsorge hängt nicht so sehr von der Form der Erwerbstätigkeit ab, sondern von der Höhe des Einkommens.

Die weit überwiegende Mehrheit aller Selbstständigen hat sich sehr bewusst für diese Erwerbsform entschieden und ist gern selbstständig: Wir schätzen unsere Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit – und sehnen uns keinesfalls nach einem Anstellungsverhältnis. 

Vorurteil 3: Selbstständige können alles von der Steuer absetzen

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Wie du reagieren kannst:

Hartnäckig hält sich dieses besonders ärgerliche Vorurteil. Selbstständige könnten alle Ausgaben von Anschaffung und Unterhalt ihres Pkws, luxuriöse Geschäftsessen, teure Computer und Smartphones bis hin zu privaten Vergnügen von der Steuer absetzen, quasi ihr steuerpflichtiges Einkommen frei "gestalten".

Tatsächlich haben Selbstständige, zumindest Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmer/innen, nur sehr begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten. Fordere deine Gesprächspartner gerne auf, ihren Steuerberater danach zu fragen!

Angestellten kann man eine Vielzahl steuerfreier Vergünstigungen zukommen lassen – von denen Selbstständige nur träumen können. Selbst bei dem oft als Privileg von Selbstständigen genannten Firmenwagen sind die Regelungen für Angestellte deutlich großzügiger.

Richtig, als Angestellter kann man den Arbeits-Laptop nicht von der Steuer absetzen, allerdings hat das ja schon der Arbeitgeber getan und einem das Laptop kostenlos zur Verfügung gestellt, privat nutzen darf man es in der Regel ebenso wie auch der Selbstständige.

Wo Privatkunden dominieren, spielt Schwarzarbeit eine Rolle, das sehen auch wir als Problem für die Steuergerechtigkeit. Die große Mehrzahl der Selbstständigen ist aber steuerehrlich – schon allein weil sie zumeist für Unternehmen und staatliche Auftraggeber arbeiten, die selbstverständlich für jede Leistung eine ordentliche Rechnung erwarten und diese auch nur bei deren Vorliegen bezahlen.

Durch die schrittweise Einführung der E-Rechnung im B2B-Bereich wird die Transparenz weiter ansteigen und es ist geplant, dass mittelfristig jede Rechnung mit Geschäftskunden quasi "in Kopie" auch an das Finanzamt geht.

Selbstständige zahlen zudem eine Vielzahl von Steuern: Auf die Umsätze zahlt man in der Regel Umsatzsteuer, auf den Gewinn als Einzelunternehmer Einkommensteuer und ggf. Kirchensteuer, Gewerbesteuer und Soli, bei einer Kapitalgesellschaft Körperschafts- und Gewerbesteuer, auf die Altersvorsorge Kapitalertragsteuer. Anders als Angestellte müssen Selbstständige zusätzlich zur Kapitalertragsteuer auch Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge auf Kapitalerlöse bezahlen, ebenso auch (zusätzlich zur Einkommensteuer) auf Mieterlöse.

Vorurteil 4: Irrtümer aufgrund fehlenden betriebswirtschaftlichen Wissens

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Wie du reagieren kannst:

Nicht nur über Selbstständige gibt es viele Vorurteile, auch über wirtschaftliche Zusammenhänge. 

So denken zum Beispiel viele, Selbstständige seien sehr mutig (oder aber unvorsichtig). Und tatsächlich geben Gründer/innen ja teilweise gut bezahlte und vielleicht auch sichere Jobs auf, um als Selbstständige ein deutlich stärker schwankendes Einkommen zu erzielen. Sie müssen Geld und vor allem viel Zeit investieren, bis ihr Geschäft richtig läuft. Schlimmstenfalls müssen sie sich verschulden mit der Gefahr, insolvent zu gehen. Und wenn es tatsächlich schief geht, haben es die anderen alle schon gewusst. Insofern erfordert eine Gründung tatsächlich Mut und sei es nur, um trotz all der "guten" Ratschläge und Warnungen trotzdem den als richtig erkannten Weg zu gehen.

Andererseits hat man als Selbstständiger in der Regel schon bald mehrere Kunden, als Angestellter aber nur einen Kunden, den Arbeitgeber. Die große Mehrzahl der Solo-Selbstständigen nimmt keine Kredite auf, sondern finanziert sich aus Ersparnissen und agiert sparsam. Viele gründen erst einmal im Nebenerwerb, neben dem "sicheren Job" – oder weil dieser sich gerade nicht mehr ganz so sicher anfühlt. Immer mehr Selbstständige sind zudem Wissensarbeiter, denen Handy und Laptop reichen, um erhebliche Wertschöpfung zu generieren.

Ein anderer "betriebswirtschaftlicher" Irrtum: "Man braucht als Selbstständiger eine geniale Geschäftsidee". Richtig ist: Die Idee muss gar nicht ungewöhnlich sein. Viele erfolgreiche Selbstständige bieten Dienstleistungen oder Produkte, nach denen große Nachfrage besteht,  besser, spezialisierter oder kundenorientierter an. Nutzen KI und andere Technologien, um sie schneller und kostengünstiger produzieren zu können.

Gerne wird auch der Umsatz mit dem Gewinn verwechselt und der Gewinn mit dem Bruttoeinkommen von Angestellten. Umsatz ist die Summe der Bretriebseinnahmen, also alles, was man in Rechnung stellt und bezahlt bekommt. Dem stehen Betriebsausgaben gegenüber. Die Differenz ist der Einnahmen-Ausgaben-Überschuss bzw. Gewinn.

Der Gewinn entspricht aber nicht dem Arbeitnehmer-Brutto, sondern eher dem Arbeitgeber-Brutto, also dem, was der Arbeitgeber insgesamt für eine/n Mitarbeiter/in mit vergleichbarem Einkommen aufwendet. Insbesondere enthält der Gewinn also den Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung und muss deshalb gut 20 Prozent höher ausfallen, um ein dem Arbeitnehmerbrutto vergleichbares Einkommen zu erzielen. (Da der Gewinn Bemessungsgrundlage für die Sozialversicherungsbeiträge von Selbstständigen ist, fallen diese entsprechend höher aus als bei Angestellten und ihren Arbeitgeber/innen zusammen.)

Oft wird der Gewinn auch als reiner Luxus gesehen, fast schon als etwas unmoralisches. Und tatsächlich erzielt man bei einer Kapitalgesellschaft (GmbH etwa) erst dann einen Gewinn, nachdem alle Gehälter und Sozialabgaben für die Mitarbeitenden – einschließlich dem Geschäftsführer – bezahlt wurden.

Die meisten (Solo-)Selbstständigen sind aber Einzelunternehmer. Bei ihnen ist der Gewinn ihr Einkommen, von dem sie Sozialversicherungsbeiträge, Miete, Lebenshaltungskosten und so weiter bezahlen müssen.

In der Corona-Krise führte die Unkenntnis der Entscheider hierüber dazu, dass man unzähligen Selbstständigen ihre Erwerbstätigkeit untersagte, im Gegenzug Hilfen ankündigte. Diese erhielt man als Einzelunternehmer aber nur, wenn man Verluste erzielte, also kein Geld mehr für die soziale Absicherung, die Miete und das Essen verdiente. Oder man erhielt Hilfen, muss diese aber nun komplett zurückbezahlen, obwohl damals ein ganz anderer Eindruck vermittelt wurde. Erst später im Verlauf der Corona-Krise gab es mit der Neustarthilfe eine, die Selbstständige auch für ihren Lebensunterhalt einsetzen durften.

Vorurteil 5: Selbstständige machen nur, was ihnen Spaß macht 

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Wie du reagieren kannst:

Schön wär's.;) Egal ob selbstständig oder angestellt, gilt doch sicher für viele Menschen: Einige Anteile unseres Jobs machen großen Spaß, andere weniger. Natürlich gestalten viele Selbstständige ihre Arbeit bewusst so, dass sie ihren Stärken entspricht und ihnen Freude macht – doch zur Selbstständigkeit gehören To Dos wie Buchhaltung, Adminstratives, Kundengewinnung und schwierige Gespräche. 

Auch, dass Selbstständige von überall arbeiten können, trifft in gewissem Maße sicher zu. Gleichzeitig aber haben viele feste private oder berufliche Verpflichtungen vor Ort, arbeiten etwa bei Kund/innen oder sind auf Veranstaltungen präsent. Die wenigsten sitzen mit dem Rechner am Strand. 

Von außen wirkt Selbstständigkeit total selbstbestimmt. Und tatsächlich genießen Selbstständige oft mehr Freiheit bei ihrer Zeitplanung. Allerdings können sie keineswegs jederzeit spontan freinehmen oder früher Feierabend machen. Sie müssen Kundentermine, Projektphasen und den Unterstützungsbedarf ihrer Auftraggeber/innen berücksichtigen – und bleiben oft auch im Urlaub erreichbar. 

Außerdem bedeutet Urlaub für sie in der Regel: kein Einkommen. Ihre Honorare müssen daher nicht nur die eigentliche Arbeitszeit abdecken, sondern auch Sozialversicherungsbeiträge, Krankheit, Urlaub, Akquise, Weiterbildung und administrative Aufgaben. Entspannt Urlaub machen kann nur, wer diese unbezahlten Zeiten vorher einkalkuliert hat.

Selbstständigkeit heißt nicht, sich nur die Rosinen herauszupicken. Sie bedeutet, Verantwortung für alles zu übernehmen – auch für die Aufgaben, die weniger Spaß machen.

Vorurteil 6: Selbstständige sind Großverdiener/innen

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Wie du reagieren kannst:

Nein, wir fahren nicht alle mit dem Porsche ins Büro.;)  Die Einkommensstreuung unter Selbstständigen ist groß, weit größer als bei Angestellten: Es gibt Selbstständige mit sehr hohen Einkommen, Selbstständige mit niedrigen Einkommen – und die große Mitte: Die meisten Selbstständigen liegen irgendwo dazwischen. Sie lieben ihre Arbeit, arbeiten hart und werden fair dafür meist auch bezahlt.

Hinzu kommt: Umsatz ist nicht gleich Gewinn. Dem Großverdiener-Narrativ zugrunde liegt oft ein Missverständnis: Wer mit dem Thema Selbstständigkeit nicht vertraut ist, hört vielleicht vom Stundensatz eines Selbstständigen, rechnet ihn seinem Brutto-Einkommen gegen und denkt: "So viel würde ich auch mal gern verdienen."  Doch wie bereits bei Vorurteil 4 (s.o.) erklärt, ist der Umsatz ist nicht gleich der Gewinn und auch nicht vergleichbar mit dem Brutto-Einkommen von Angestellten. 

  • Umsatz ist die Summe aller Betriebseinnahmen
  • Davon abgezogen werden alle Betriebsausgaben (z.B. Büromiete, Computer-Hardware und Software-Lizenzen, Versicherungen usw.)
  • Daraus ergibt sich der Gewinn, der jedoch eher dem Arbeitgeber- als dem Arbeitnehmer-Brutto entspricht. Er enthält z.B. den Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung. 

Nicht zuletzt schwingt in der Großverdiener-Erzählung oft der Vorwurf mit, Selbstständige ließen andere für sich arbeiten, beuteten ihre Angestellten vielleicht sogar aus. Tatsächlich gilt: Längst nicht alle Selbstständigen lassen andere für sich arbeiten. Die Hälfte der Selbstständigen ist laut Mikrozensus solo-selbstständig. Weitere 40 Prozent beschäftigen als Kleinstunternehmer/innen maximal bis zu neun Mitarbeitende.

Den meisten Selbstständigen liegt sehr an guten Beziehungen zu ihren Arbeitnehmer/innen und einem guten Betriebsklima: Nur dann bleiben wichtige Fachkräfte dem Betrieb langfristig erhalten, hat dieser eine sichere Zukunft und nur dann macht die Arbeit Spaß – auch einem selbst.

Vorurteil 7: Selbstständige sind Einzelkämpfer/innen

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Wie du reagieren kannst:

Selbstständige werden von manchen als Einzelkämpfer/innen gesehen, die am liebsten alles allein machen und denen es an Teamfähigkeit fehlt. Tatsächlich ist Selbstwirksamkeit der wohl wichtigste Grund dafür, zu gründen: Die Erfahrung, schwierige Aufgaben selbst erfolgreich meistern zu können; mehr zu bewirken, den Kunden zufriedener machen zu können als zuvor mit einem Chef, der einen ständig dazwischenredete.

Deshalb sind Selbstständige aber keine Eigenbrötler. Um erfolgreich zu sein, müssen sie gut kommunizieren können – mit ihren Kunden und gegebenenfalls deren Mitarbeitenden – oder sogar eigenen Angestellten und Dienstleistern. 

Oft ziehen Selbstständige eine Bürogemeinschaft oder einen Coworking-Space dem Home-Office vor, weil sie ihre Arbeitskolleg/innen vermissen. Oder sie finden sich mit anderen (Solo-)Selbstständige zu Kooperationen zusammen, arbeiten in Netzwerken oder projektbezogen in Teams.

Teamfähigkeit zeigt sich in der Selbstständigkeit – anders als im klassischen Angestelltenverhältnis  – weniger in der dauerhaften Zugehörigkeit zu einem festen Team, sondern durch flexible Zusammenarbeit, Selbstorganisation und die Fähigkeit, sich schnell auf neue Arbeitskonstellationen einzustellen. Genau diese Kompetenzen gewinnen mit dem Wandel der Arbeitswelt weiter an Bedeutung.

Vorurteil 8: Selbstständige arbeiten selbst und ständig

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Wie du reagieren kannst:

Der Klischee-Klassiker.;) "Selbst und ständig" meint: Selbstständige arbeiten 24/7, sind immer erreichbar, machen nie Urlaub, vernachlässigen Familie, Freund/innen und auch ihre eigenen körperlichen und mentalen Grenzen – alles für die eigene Unternehmung.

Der wahre Kern hinter diesem überzogenen Klischee: Viele Vollzeit-Selbstständige arbeiten mehr als 40 Stunden die Woche und setzen sich auch mal am Wochenende ran. Daran ist der Staat nicht ganz unschuldig: Neben ihrer eigentlichen Selbstständigkeit sind sie auch noch Buchhalter, Juristin, Datenschutzbeauftragter, IT-Administratorin oder Putzkraft.

Gleichzeitig gilt: Gesundheit ist unser höchstes Gut. Das gilt für jeden Menschen – in der Selbstständigkeit aber insofern besonders, weil wir die komplette Verantwortung tragen. Viel hängt an uns als Person, egal ob in der Solo-Selbstständigkeit oder als Kleinstunternehmer/in. Selbstständigkeit schult uns darin, unsere Grenzen zu erkennen und zu achten – auch wenn viele von uns nicht im regulären 9-to-5-Rhythmus arbeiten.

Außerdem wählen viele den Weg in die Selbstständigkeit, gerade weil mit ihr eine qualifizierte, den eigenen Fähigkeiten entsprechende Teilzeittätigkeit und flexible Zeiteinteilung möglich ist. Die Vereinbarkeit mit Familie und anderen privaten Verpflichtungen ist ein zentrales Motiv von Gründer/innen.

Statt "selbst und ständig" gilt also viel mehr: In der Selbstständigkeit können wir "ständig wir selbst" sein. 

Vorurteil 9: Selbstständige haben ihre Selbstständigkeit frei gewählt und können sie jederzeit beenden

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Wie du reagieren kannst:

Wenn Selbstständige über immer größer werdende bürokratische und finanzielle Belastungen klagen, wird ihnen oft entgegengehalten, sie hätten ihre Selbstständigkeit ja schließlich frei gewählt und könnten sie auch jederzeit beenden.

Tatsächlich hängt es aber von der eigenen Persönlichkeit ab, ob man als Beamte/r, Angestellte/r oder Selbstständiger am erfolgreichsten ist. Wenn jede/r die eigenen Stärken versteht und die dazu passende Form der Erwerbstätigkeit wählt, ist seine/ihre Produktivität am höchsten und der Gesellschaft am besten gedient. Zudem gibt es bestimmte Berufe, bei denen eine Selbstständigkeit quasi vorprogrammiert ist. Die Selbstständigkeit ist keineswegs komplett frei gewählt.

Zugleich ist es viel schwieriger, eine Selbstständigkeit zu beenden, als den Arbeitsplatz zu wechseln. In der Regel haben Selbstständige viel Zeit und Geld investiert, um ihr Unternehmen aufzubauen. Das alles wäre verloren, wenn sie "einfach so" ihre Selbstständigkeit beenden würden. 

Nicht ein Arbeitgeber, sondern sie selbst müssen abgegebene Verpflichtungen aus laufenden Verträgen erfüllen. Selbstständige fühlen sich gegenüber ihren Kunden verantwortlich. Und haben die Selbstständigkeit bewusst als die für sich selbst passendste Form der Erwerbstätigkeit gewählt – oft gegen viele Widerstände. Für viele ist Selbstständigkeit eine Lebensentscheidung, die man nicht mal eben umwirft.

Vorurteil 10: Irrtümer über Scheinselbstständigkeit

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Wie du reagieren kannst:

Auch Selbstständige können sich irren – zum Beispiel denken viele, dass Selbstständige mit einem Auftraggeber scheinselbstständig sind, das Vorhandensein mehrerer Auftraggeber/innen aber vor diesem Verdacht schützt.

Tatsächlich gab es bis 2003 im Gesetz die 5/6-Regel: Wenn ein Auftragnehmer mehr als 5/6 seines Kalenderjahresumsatzes mit nur einem Kunden erzielte, sprach dies für eine Scheinselbstständigkeit. Heute gilt, dass solche "arbeitnehmerähnlichen" Selbstständigen zwar selbstständig sein können, aber dafür rentenversicherungspflichtig sind, außer sie haben selbst sozialversicherungspflichtige Mitarbeitende. Würden der geleakte BMAS-Referentenentwurf oder der Vorschlag des DIHK Gesetz, so wäre die Dominanz eines Kunden künftig erneut Kriterium für eine Scheinselbstständigkeit.

Auch dass Selbstständige mit mehreren Auftraggebern vor einer Verfolgung sicher sind, ist ein verbreiteter Irrtum. Tatsächlich schaut die Clearingstelle sich gar nicht an, wie viele Aufträge man sonst noch hat, sondern prüft immer einen einzelnen Auftrag. Diese rein auftragsbezogene Prüfung ist ein großes Problem, sie gehört mit der anstehenden Reform hoffentlich der Geschichte an. 

Zwei weitere Beispiele für die Auswirkungen der auftragsbezogenen Prüfung: Du bist selbst Arbeitgeber? Spricht nur dann für eine Selbstständigkeit, wenn diese beim geprüften Auftrag zum Einsatz kommen. Ähnlich verhält es sich mit Investitionen, sei es nun in eine Weiterbildung oder (etwa als Stuntman) in ein Pferdegestüt. Nur wenn die Weiterbildung (oder das Pferd) beim konkreten Auftrag zum Einsatz kommen, sprechen sie für eine Selbstständigkeit.

Sebastian drückt es bei der Beschreibung "seines" Irrtums so aus: "Ein Freelancer mit fünf Kunden, der überall wie ein Angestellter behandelt wird, ist eher scheinselbstständig als ein Interim Manager, der zwei Jahre eigenverantwortlich ein Projekt für einen Konzern stemmt."

Vorurteil 11: Selbstständige sind eine homogene, leicht zu regelnde Gruppe

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Wie du reagieren kannst:

Selbstständige sind keine homogene Gruppe – das muss insbesondere die Politik verstehen und berücksichtigen. Selbstständige arbeiten zum Beispiel in vollkommen unterschiedlichen Branchen und Berufsbildern, in verschiedenen Rechtsformen, sie erzielen ganz unterschiedliche Einkommen, zahlen hohe oder niedrige Fixkosten, sind solo-selbstständig oder beschäftigen Mitarbeitende – und so weiter. 

Sehr deutlich zeigt sich das zum Beispiel beim Thema Altersvorsorge: Neben privat Vorsorgenden gibt es unter anderem freiwillig und Pflichtversicherte in der gesetzlichen Rentenversicherung (zum Beispiel Künstler und Publizisten, die dabei aber wiederum eine Sonderrolle einnehmen), oblitatorisch Versicherte in  Versorgungswerken und der Altersvorsorge für Landwirte. Hinzu kommen Anlagen in Immobilien, privaten Renten- und Lebensversicherungen, Wertpapierdepots und so weiter. 

Wer diese Unterschiede nicht erkennt und aufgreift, produziert zwangsläufig ungerechte Regelungen. Die Vielfalt selbstständiger Arbeit braucht keine Standardlösung, sondern differenzierte Regeln, die Lebensrealitäten und Geschäftsmodelle ernst nehmen.

Vorurteil 12: Selbstständige werden oft im Preis gedrückt und warten lange auf ihr Geld

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Wie du reagieren kannst:

Die richtige Antwort ist hier wahrscheinlich: "Das gibt es wirklich, auch wenn es nur einen Teil der Selbstständigen betrifft." Aus welchen Bereichen kommen solche Auftraggeber? In den Kommentaren zu dem entsprechenden Vorurteil werden vor allem öffentliche oder halböffentliche Auftraggeber genannt, insbesondere aus dem Bildungsbereich. 

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gibt zum Beispiel für Integrationslehrer/innen (Deutsch als Fremdsprache) Honorare vor, die unseres Erachtens nicht ausreichend berücksichtigen, was an Vorbereitung und Nacharbeit zu erledigen ist. Aber natürlich gibt es auch Privat- und Firmenkunden, die den Aufwand für eine Leistung unterschätzen.

Das ist ein Grund dafür, dass wir beim VGSD so viele Talks und "Sprechstunden" zu Honorarverhandlungen anbieten: Das Interesse an dem Thema ist groß. Bei den Talks erfahren unsere Mitglieder, wie sie ihre Preise selbstbewusst erklären, die Vorteile für den Kunden, aber auch den dahinter stehenden Aufwand vermitteln – und bei Bedarf auch mal "nein" sagen, statt sich unter Preis zu verkaufen.

Schlagfertige Antworten und Sprüche können bei schwierigen Kunden auch hilfreich sein, wie bei den beiden folgenden Witzen. Kunde: "Das dauert doch nur fünf Minuten." – Selbstständiger: "Stimmt. Die anderen 20 Jahre waren die Vorbereitung."  Kunde: "Das ist doch nur ein kleiner Auftrag." – Antwort: "Ja, aber die Rechnung ist in Normalgröße."

Kund/innen, die nicht oder erst nach mehrfacher Aufforderung zahlen, sind ebenfalls ein erhebliches Problem – nicht nur, aber besonders häufig bei öffentlichen Auftraggebern und Privatkunden. Zeitnahe Rechnungsstellung, Abrechnung nach Projektfortschritt, bei schlechten Erfahrungen auch Vorkasse können hilfreich sein, um Zahlungsausfälle zu begrenzen. Zahlungsfähigkeit und -verhalten sollte bei der Auswahl neuer Kunden auf jeden Fall auch ein Auswahlkriterium sein.

Mit diesen Beispielen für Handlungsmöglichkeiten wollen wir zeigen: Wer als Selbstständiger statt zu klagen über Lösungen spricht, stößt bei seinem Gegenüber auf mehr Interesse und Respekt.

Welche der genannten Vorurteile sind dir schon begegnet? Und falls ja, wie hast du darauf reagiert? Findest du unsere Argumente hilfreich? Wir freuen uns auf deinen Kommentar!

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