Auf Einladung der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) konnte Andreas Lutz vom VGSD die EU-Finanz-Kommissarin Maria Luis Albuquerque nach ihrer Meinung und Unterstützung von EU-Seite für ein Altersvorsorge-Depot in Deutschland befragen.
Die vbw hat am Freitagmittag (29.8.2025) knapp 20 ausgewählte Wirtschaftsvertreter zum Gespräch mit der aus Portugal stammenden EU-Kommissarin für Finanzdienstleistungen, Finanzstabilität und Kapitalmarktunion eingeladen, darunter auch VGSD-Vorstand Andreas. (Zuvor hatte sich Maria Luis Albuquerque bei ihrem Besuch in Bayern laut Pressemitteilung der EU-Kommission mit Eric Beißwenger, dem bayerischen Staatsminister für europäische und internationale Beziehungen getroffen.)
Unter den Teilnehmer/innen: Vertreter von Bankengruppen, großen Venture-Capital-Fonds und Unternehmen. Andreas vertrat die Interessen der Solo- und Kleinstunternehmer/innen. Während es bei den anderen Gesprächspartnern um den Zugang zu Krediten und zu den Anlagemitteln institutioneller Anleger ging, steht für Selbstständige eine kostengünstige und rentable Altersvorsorge im Vordergrund.
Europa muss sich aus Abhängigkeiten lösen und braucht dafür einheitlichen Finanz-Binnenmarkt
Zunächst setzte Maria Luis Albuquerque mit ihrer Keynote den Rahmen für das Gespräch. Europa habe sich in vielerlei Abhängigkeiten begeben. Sie meinte damit technologische, finanzielle und militärische. Bei aller Offenheit für die Zusammenarbeit mit anderen Staaten müssten wir mehr Autonomie und Resilienz erreichen. "Wir haben ein Problem mit Wettbewerbsfähigkeit, unsere Produktivität ist gesunken, wir haben wichtige Chancen verpasst."
Deshalb bestehe jetzt ein massiver Investitionsbedarf, für Infrastruktur, unsere Sicherheit und die europäische Wirtschaft. Zugleich ständen die öffentlichen Haushalte unter Druck. Privatem Kapital kommt deshalb eine große Bedeutung zu. Die Kommissarin möchte es den Sparern einfacher machen, in die europäische Wirtschaft zu investieren. Dafür soll die Europäische Spar- und Investmentunion (SIU) entstehen. Schon sehr bald würden konkrete Vorschläge dafür auf dem Tisch liegen. Das Ziel: ein einheitlicher Finanz-Binnenmarkt.
Goldplating, unterschiedliche Rechtsauslegung und Protektionismus überwinden
Den gemeinsamen Finanz-Binnenmarkt hätten wir zwar in der Theorie schon, aber in der Praxis unterschieden sich die genauen Finanzmarkt-Regeln von Mitgliedsland zu Mitgliedsland. Das liege an "Goldplating", also über das EU-Recht hinausgehende Regelungen bei der Umsetzung ins jeweilige nationale Recht, an unterschiedlichen Auslegungen der gemeinsamen Regeln durch die nationalen Aufsichtsbehörden und letztlich am Protektionismus, also dem Ziel, den eigenen Finanzmarkt vor Wettbewerb zu schützen.
Doch nur ein gemeinsamer europäischer Markt sei groß genug, habe die kritische Masse, um mit den USA und anderen großen Playern mitzuhalten und als EU unabhängig und wettbewerbsfähig zu bleiben. Ihr mache große Sorgen, dass immer mehr junge Menschen und speziell auch Start-ups im Erfolgsfall Europa verlassen, das liege ganz wesentlich an den eingeschränkten Finanzierungsmöglichkeiten hierzulande.
Das Gemeinsame muss im Vordergrund stehen
"Wir haben erkannt, dass unsere Regeln kompliziert sind" erklärt sie mit Selbstironie. Das beginne mit der EU-Kommission, die vielen unterschiedlichen Interessen gerecht werden wolle, würde dann aber durch die Mitgliedsstaaten (vertreten durch den europäischen Rat) und das Parlament "nicht einfacher". Das Ergebnis seien oft langwierige Prozesse und Kompromisse, die mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner enden würden. Vor lauter Diskussionen wisse man am Ende manchmal nicht mehr, was man ursprünglich erreichen wollte.
Dem will sie entgegentreten: "Wir haben den Prozess der Vereinfachung gestartet." Man müsse sich bei jedem Schritt fragen: "Wie kann man es noch einfacher machen?" Dieser Geist müsse in Rat, Parlament und den Mitgliedsstaaten herrschen. Die Einstellung müsse lauten: "Es ist ein gemeinsames europäisches Projekt." Wenn es gelinge, kleinteilige eigenstaatliche Interessen hintanzustellen und gute Kompromisse einzugehen, bestehe die Chance, unsere Wirtschaft neu aufzustellen, unseren Rückstand aufzuholen. Positiv: Die wahrgenommene Bedrohung von außen führe aktuell tatsächlich zu größerer Geschlossenheit und Entschlossenheit.
Kommissarin bittet: Druck machen, um Geschwindigkeit zu gewinnen
"Wir müssen lernen, uns schneller zu bewegen." Manchmal habe es in der Vergangenheit vom Erkennen eines Problems bis zur Umsetzung der Lösung in der EU acht bis zehn Jahre gedauert. Zu diesem Zeitpunkt sei das zugrundeliegende Problem schon wieder ein ganz anderes.
Albuquerque beendet ihren Vortrag mit der mehrfach vorgetragenen Bitte, als Interessenvertreter/innen auf allen Ebenen die Dringlichkeit von Änderungen deutlich zu machen, Druck zu machen, dass man schneller zu Entscheidungen kommt und gute Kompromisse findet. Dabei könne es passieren, dass die Kommission auch mal einen Fehler mache, aber das wäre nicht schlimm, wenn man schnell daraus lernt und allemal besser, als nicht zu handeln. "Der Rest der Welt wartet nicht auf uns!"
In USA 55 Millionen Altersvorsorge-Depots
Nach dem Impulsvortag der Kommissarin hatte Andreas als einer der ersten Anwesenden die Gelegenheit, seine Frage zu stellen:
"Gerade endete die Konsultationphase für die EU-Initiative "Ergänzende Altersvorsorge - Überprüfung des Rechtsrahmens und andere Maßnahmen zur Stärkung des Sektors". Mit ihr möchte die EU-Kommission die Rahmenbedingungen für die private und betriebliche Altersvorsorge in den Mitgliedsländern verbessern. Darauf beziehe ich mich bei meiner Frage.
Diese Woche hat unser ehemaliger Finanzminister Christian Lindner dringlich die Einführung von Altersvorsorge-Depots in Deutschland gefordert (Handelsblatt). Er hatte ihre Einführung vorbereitet, kam aber nicht zur Umsetzung. Vorbild sind die 401k-Accounts, die in den USA aktuell von 55 Millionen Bürgern genutzt werden. Sie hatten in den letzten fünf Jahren eine durchschnittliche Wertentwicklung von 9,7 Prozent pro Jahr.
Deutlich höhere Renten durch Verzicht auf Garantien
Als Verbände der Selbstständigen in Deutschland fordern wir seit Jahren die Einführung von Altersvorsorge-Depots. Es handelt sich um Sperrdepots, mit denen man in Wertpapiere anlegen und über die man erst im Alter verfügen kann. Auf einen Versicherungsmantel mit Garantien wird verzichtet, dafür sind Kosten und Wertentwicklung sehr viel höher. Mittel- und längerfristig führen Altersvorsorge-Depots praktisch immer zu deutlich besseren Ergebnissen.
Finanzminister Lindner hatte eine nachgelagerte Besteuerung und eine Förderung geplant. Außerdem auch eine vom Staat empfohlene Default-Anlage - für diejenigen, die sich mit der Auswahl schwer tun.
Besondere Anforderungen in Hinblick auf Selbstständige
Die meisten der 3,5 Millionen Selbstständigen in Deutschland unterliegt keiner Rentenversicherungspflicht. Wenn eine solche kommt, wird sie sich nur auf künftige Selbstständige beziehen, nicht auf den Bestand. Für die Bestandsselbstständigen wären Altersvorsorge-Depots - neben Immobilien und Versicherungen - die mit Abstand wichtigste und rentabelste Form der Altersvorsorge.
Es ist deshalb wichtig, die Selbstständigen mit im Blick zu haben bei der Entwicklung der Gesetzgebung. Wir Selbstständigen müssen höhere Beträge anlegen können, damit es für die spätere Rente reicht, also mindestens so viel, wie andere in die Rentenversicherung und private Basisrenten einzahlen können.
Die Altersvorsorge-Depots müssen zudem so ausgestaltet werden, dass in einer Krise nicht die Altersvorsorge gefährdet ist. Das ist eine Lehre aus der Corona-Krise. Damals haben die meisten Selbstständigen keine wirksamen Hilfen erhalten, die Kosten der Krise gingen bei vielen zu Lasten ihrer Rücklagen fürs Alter.
Wie stehen Sie zu diesen Forderungen? Wie kann die EU dazu beitragen, dass auch in Deutschland endlich Altersvorsorge-Depots eingeführt werden? In vielen anderen Ländern sind sie wichtiger Teil der Altersvorsorge. Sie tragen zur Stärkung der Aktienkultur und des Kapitalmarkts bei. Und sie reduzieren die Abhängigkeit von umlagefinanzierten Systemen."
Die Antwort der Kommissarin
Albuquerque antwortete: "Ich könnte Ihnen nicht mehr zustimmen". Es sei nicht nachhaltig, den politischen Fokus nur auf die erste Säule (die gesetzliche Rentenversicherung) zu legen - angesichts der längeren Lebenserwartung und der geringeren Geburtenraten in Europa. Alle Mitgliedsstaaten seien betroffen. Einige Länder seien jedoch weiter als andere (sie nennt später im persönlichen Gespräch mehrfach Schweden als Erfolgsbeispiel).
Es sei essenziell, dass die Mitgliedsstaaten Steueranreize für Altersvorsorgedepots einführen. Allerdings liegt die Festlegung von Steuern in der Hoheit der Mitgliedsstaaten. "Wir können nicht mehr als Empfehlungen aussprechen, aber das können wir. Wir werden alle Hebel ansetzen (...) alle Instrumente nutzen."
"Angetan von Leidenschaft der Kommissarin"
Andreas: "Ich war sehr angetan von der Leidenschaft, mit der sich die Kommissarin für eine Stärkung der privaten und betrieblichen Altersvorsorge in Form von Wertpapierdepots aussprach und habe mich im Anschluss an die gemeinsame Sitzung längere Zeit persönlich mit ihr unterhalten.
Noch ist unklar, welche Maßnahmen die Spar- und Investmentunion genau umfasst. Offenbar gibt es Maßnahmen zur Stärkung der Altersvorsorge mit Wertpapieren, der Schwerpunkt liegt dabei aber wohl auf der zweiten Säule, also der betrieblichen Altersvorsorge. Selbstständige profitieren in Deutschland nicht von den damit verbundenen steuerlichen Vergünstigungen. Wir werden uns nach der Veröffentlichung genau anschauen, wie die Vorschläge der EU-Kommission aus Sicht von Solo- und Kleinstunternehmen zu bewerten sind.
Selbst wenn die EU Altersvorsorgedepots empfiehlt und dabei auch die Besonderheiten von Selbstständigen berücksichtigt, handelt es sich wie die Kommissarin deutlich machte, um Empfehlungen. Es ist ungewiss, ob und wann diese in Deutschland umgesetzt werden. Andererseits wurde beim Gespräch deutlich, wie groß angesichts der aktuellen Krise der Druck auf die europäischen Regierungen ist, wirksame Reformen zu ergreifen, um den europäischen Kapitalmarkt zu stärken. Ich bin gespannt, welche wirtschaftspolitischen Fortschritte wir jetzt im Herbst in Deutschland erleben werden."
Tipp: Warte nicht auf den Staat!
Als Selbstständige/r sollte man nicht auf staatliche Lösungen warten, weder auf die Einführung steuerlich begünstigter Altersvorsorgedepots noch auf die Einführung einer Altersvorsorgepflicht für Selbstständige. Jede/r von uns kann schon jetzt jederzeit ein Wertpapierdepot eröffnen, einen Investment-Sparplan anlegen und ETFs sowie andere Wertpapiere kaufen, statt sein Geld auf einem Sparbuch "versauern" zu lassen. Dabei gibt es anders als bei einem steuerlich begünstigten Depot auch keine Anlage-Obergrenzen zu beachten. In einem sehr guten Jahr kann man also alles sparen, was nach Abzug der laufenden Kosten übrig bleibt.
Ohne teuren Versicherungsmantel muss man auf den Vorteil der nachgelagerten Besteuerung verzichten. Man zahlt jetzt Einkommensteuer, spart also aus dem versteuerten Einkommen. Man muss den Wertzuwachs (Kursgewinne, Zinsen und Dividenden) versteuern, allerdings maximal mit der Kapitalertragsteuer. Sie beträgt inklusive Solidaritätszuschlag 26,375 Prozent. Liegt die persönliche Einkommensteuerbelastung niedriger, greift diese.
Der Vorteil: Das eigentliche, aus dem Nettoeinkommen gesparte Kapital muss bei seiner Verwendung – anders als bei nachgelagerter Besteuerung - nicht versteuert werden. Und anders als bei einem Altersvorsorgedepot kann man jederzeit beliebig über die Ersparnisse verfügen. Der Nachteil: Im Fall einer Krise oder Insolvenz sind die Ersparnisse nicht geschützt (das gilt aber auch für Spareinlagen und Immobilien). Deshalb unsere Forderung nach einem Schutz von Altersvorsorgedepots analog zu Einzahlungen in die Rentenversicherung!
Hast du Fragen zur Funktionsweise der von uns geforderten Altersvorsorgedepots? Wir freuen uns über deinen Kommentar und beantworten ihn gerne. Weitere Infos zur schon jetzt möglichen Altersvorsorge mit ETFs findest du unter dem Menüpunkt "Angebote": Dort findest du die von unserem Mitglied Frank-Michael Rommert moderierten ETF-Teams. Auch Fragen dazu kannst du gerne in Form eines Kommentars stellen.
Du möchtest Kommentare bearbeiten, voten und über Antworten benachrichtigt werden?
Jetzt kostenlos Community-Mitglied werden