Es ist eine Zahl, die aufhorchen lässt: 70 Prozent aller Existenzgründungen in Deutschland erfolgten 2025 im Nebenerwerb. Und sorgen damit für eine leichte Trendumkehr, nachdem die Gründungszahlen jahrelang im Sinkflug waren. Doch der Wechsel in den Vollerwerb gelingt noch zu selten.
Nachdem die Zahl der Gründungen seit Anfang der 2000er Jahre stark gesunken war, zeichnet sich seit wenigen Jahren eine leichte Trendumkehr ab: Laut KfW-Gründungsmonitor 2026 ist die Zahl der Existenzgründungen im vergangenen Jahr erneut gestiegen – und es sind eindeutig die Nebenerwerbsgründungen, die diese Entwicklung treiben.
- 2025 gab es in Deutschland insgesamt rund 690.000 Gründer/innen – 483.000 davon im Nebenerwerb und 206.000 im Vollerwerb
- 2024 waren es etwa 585.000 Gründer/Innen – 382.000 im Nebenerwerb und 203.000 im Vollerwerb
Nebenerwerb heißt, dass die Gründer/innen sich ihre Selbstständigkeit neben einer Haupttätigkeit (i.d.R. in Festanstellung) aufbauen. 2025 machten sie 70 Prozent aller Existenzgründungen in Deutschland aus und knackten damit einen neuen Rekord. Die Zahl der Vollerwerbsgründungen hat sich derweil kaum verändert.
Doch warum entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, ihre Selbstständigkeit im Nebenerwerb zu starten? Wie unterscheiden sich ihre Beweggründe, Herausforderungen und Ziele von denen, die im Vollerwerb gründen? Wie ist diese Entwicklung gesamtwirtschaftlich zu beurteilen und im längeren Zeitverlauf einzuordnen? Und wie sollte die Politik jetzt reagieren?
Der Blick zurück zeigt: Nebenerwerb zieht an, bleibt aber unter Ausgangsniveau
Wie die Tabelle oben zeigt, ist die Zahl der Gründungen zwar in den letzten Jahren leicht gestiegen – im längeren Zeitverlauf aber, seit 2002, ist sie massiv zurückgegangen und hat sich von damals bis heute mehr als halbiert.
Die Zahl der Vollerwerbsgründungen sank seit den frühen 2000ern stark ab und stagniert heute auf sehr niedrigem Niveau. Auch die Zahl der Nebenerwerbsgründungen lag damals weit höher als heute – immerhin aber ist es eine zunehmende Zahl an Gründungen im Nebenerwerb, die die Erholung der Gründungsintensität aktuell treibt. Den Rückgang der Selbstständigkeit insgesamt auffangen konnte die Trendumkehr im Gründungsgeschehen bis dato jedoch nicht, wie wir in diesem Beitrag für dich analysieren.
Woher kommt der Trend zum Nebenerwerb?
Die Autor/innen des KfW-Gründungsmonitors 2026 vermuten, dass die steigende Zahl der Nebenerwerbsgründungen eine Reaktion auf die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt ist. "Die Erwerbslosenquote kletterte das zweite Jahr in Folge merklich und viele Unternehmen haben Pläne für einen Personalabbau angekündigt", heißt es in der Studie. "Vor diesem Hintergrund ist es denkbar, dass sich mehr Menschen mit einer beruflichen Selbstständigkeit im Nebenerwerb ein zweites Standbein geschaffen haben."
Zumindest für die schon 2025 erfolgten Nebenerwerbsgründungen untermauern die Zahlen diese Vermutung jedoch (noch) nicht: Eine (drohende) Arbeitslosigkeit gaben 2025 nur ein Prozent der Nebenerwerbsgründer/innen als Motiv an, sich selbstständig zu machen. Wohl aber ging es den meisten – nämlich vier von zehn – Nebenerwerbsgründer/innen darum, ein höheres oder zusätzliches Einkommen zu erzielen, sprich sich etwas dazuzuverdienen. Das ist das meistgenannte Motiv in dieser Gruppe. Und es scheint an Bedeutung zu gewinnen: 2024 waren es noch 32 Prozent, die für ein höheres Einkommen im Nebenerwerb gründeten, 2025 schon 40 Prozent. Auf Platz zwei schaffte es die "Selbstverwirklichung" (20 Prozent), auf Platz drei folgt die "Bestandssicherung" (also etwa die Sicherung des Lebensunterhalts) mit 15 Prozent.
Ein Zusammenhang zur wirtschaftlichen Lage und dem angespannten Arbeitsmarkt könnte man hier also durchaus herauslesen. Und damit unterscheiden sich die Nebenerwerbsgründer/innen in ihren Motivlagen auffällig von denen im Vollerwerb. Letztere machen sich vor allem deshalb selbstständig, weil sie sich "Unabhängigkeit" (26 Prozent) und "Selbstverwirklichung" wünschen (21 Prozent).
Nebenerwerbsgründer/innen sind im Schnitt jünger und digitaler
Doch nicht nur in der Frage, was sie zu ihrer Gründung motiviert, unterscheiden sich Neben- und Vollerwerbsgründer/innen teils erheblich, sondern auch mit Blick auf verschiedene weitere Faktoren:
- Alter: Gründer/innen im Nebenerwerb waren 2025 im Durchschnitt 32 Jahre alt, im Vollerwerb hingegen 38. Alle Gründer/Innen insgesamt kommen auf einen Altersdurchschnitt von 34,2 Jahren.
- Frauenanteil: Der Anteil weiblicher Gründerinnen bei den Nebenerwerbsgründungen lag 2025 stabil bei 38 Prozent und damit auf seinem Vorjahreswert. Anders im Vollerwerb, wo der Frauenanteil innerhalb von nur einem Jahr von 33 auf 27 Prozent einknickte.
- Digitale Gründungen – also solche mit digitalen Angeboten – nehmen insgesamt zu. Im Nebenerwerb sind sie mit 46 Prozent weiter verbreitet als im Vollerwerb (41 Prozent). "Die Digitalisierung hat Markteintrittshürden in vielen Branchen gesenkt oder hat Geschäftsgelegenheiten sogar erst geschaffen. So nehmen Gründerinnen und Gründer offensichtlich immer häufiger die Möglichkeit wahr, sich über diverse Online-Plattformen niederschwellig eine berufliche Selbstständigkeiten aufzubauen, sei es im E-Commerce, als Content-Creator oder Influencer", heißt es dazu im KfW-Gründungsmonitor 2026.
- Wochenarbeitszeit: So weit, so logisch: Wer im Vollerwerb gründet, kann für seine Selbstständigkeit mehr Zeit aufbringen als im Nebenerwerb. 2025 lag die Wochenarbeitszeit von Nebenerwerbsgründer/innen bei 16 Stunden, im Vollerwerb bei 45 Stunden. Das spiegelt sich auch in der Bürokratiebelastung, die im Vollerwerb im Schnitt mit 8,7 Stunden und im Nebenerwerb "nur" mit 3,6 Stunden zu Buche schlägt. Insgesamt, so schildert es die Studie, sei der Bürokratieaufwand sehr ungleich verteilt. Im Nebenerwerb liege er leicht überm Schnitt, im Vollerwerb leicht darunter und besonders deutlich steige er immer dann, wenn Beschäftigte angestellt seien.
- Finanzeinsatz: Wie viel Geld brauchen die Menschen für ihre Gründung? Im Nebenerwerb ist der Finanzeinsatz deutlich geringer als im Vollerwerb. Zum Beispiel kamen 2025 mehr als doppelt so viele Nebenerwerbs- wie Vollerwerbsgründer/innen mit bis zu 1.000 Euro aus, um ihr Business zu starten (45 vs. 21 Prozent).
Volkswirtschaftlich betrachtet ist ein Sprung vom Neben- in den Vollerwerb wünschenswert
20 bis 30 Prozent der Nebenerwerbsgründer/innen planen laut -Gründungsmonitor, innerhalb eines Jahres in den Vollerwerb zu wechseln. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht, denn: "Volkswirtschaftlich ist es zu begrüßen, wenn Nebenerwerbsgründungen zum Vollerwerb ausgebaut werden. Denn Selbstständigkeiten im Vollerwerb sind typischerweise bestandsfester und haben häufiger Beschäftigte als Nebenerwerbsselbstständigkeiten", heißt es im KfW-Gründungsmonitor 2026.
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Tatsächlich aber klappt der erhoffte Sprung vom Neben- in den Vollerwerb seltener als von den Gründer/innen erhofft: Im langjährigen Mittel sind nach einem Jahr nur rund acht Prozent vom Neben- in den Vollerwerb gewechselt. Der Wechsel gelingt also nur einem Drittel von denen, die ihn beabsichtigen, bereits im ersten Jahr.
Politik muss Rahmenbedingungen verbessern: Empfehlungen der Rentenkommission treffen Nebenerwerb besonders hart
Umso wichtiger ist es, dass die Politik stabilisierende, strukturelle Maßnahmen umsetzt, die es uns Selbstständigen – im Neben- genauso wie im Vollerwerb – ermöglichen, unsere Tätigkeit über die Gründung heraus zu festigen und langfristig erfolgreich auszuüben. Beispielhaft genannt sei hier die dringend nötige, wirksame Reform der dysfunktionalen Statusfeststellung, ein Abbau von Bürokratie oder auch die Einführung fairer Sozialversicherungsbeiträge.
Speziell mit Blick auf die nebenerwerblichen Gründungen lohnt sich auch ein Blick auf die Empfehlungen der Rentenkommission. Sie schlägt vor, Neu-Selbstständige künftig verpflichtend in die Gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen (mehr dazu erfährst du in diesem Beitrag). Um Gründer/innen nicht finanziell zu überfordern, soll für sie eine Karenzzeit von drei Jahren gelten, in der sie nur den halben Regelbeitrag entrichten müssen. Der Regelbeitrag orientiert sich an dem von Handwerker/innen und liegt aktuell bei 735,63 pro Monat; Gründer/innen müssten die ersten drei Jahre also 367,82 Euro monatlich zahlen.
Alternativ sollen Selbstständige auch eine einkommensabhängige Bemessung ihrer Rentenversicherungsbeiträge wählen können. Das wäre grundsätzlich sinnvoll für alle Selbstständigen, die monatlich weniger als die Bezugsgröße für den Regelbeitrag verdienen, sprich weniger als 3.955 Euro. Das dürfte auf viele Gründer/innen gerade im Nebenerwerb zutreffen, weil sie schlicht weniger Zeit in ihre Selbstständigkeit stecken können und die Verdienste entsprechend oft niedriger ausfallen. Ob in der dreijährigen Karenzzeit jedoch auch eine Halbierung der einkommensabhängigen Beiträge möglich wäre, geht aus den Empfehlungen der Kommission nicht eindeutig hervor.
Finanzielle Überforderung vermeiden: faire Bemessung der Rentenversicherungsbeiträge!
Hinzu kommt: Der Ermittlung der Beiträge liegt ein Denkfehler zugrunde. Sie soll nämlich auf Basis des Gewinns stattfinden. Das würde dazu führen, dass Selbstständige künftig um mindestens 20 Prozent höhere Rentenversicherungsbeiträge zahlen müssten als Arbeitgeber- und Arbeitnehmer/innen zusammen. In der Kranken- und Pflegeversicherung findet genau das heute schon statt (mehr dazu hier). Das könnte zu einer schmerzlichen finanziellen Überforderung derjenigen Selbstständigen führen, die weniger als die Bezugsgröße von 3.955 Euro monatlich verdienen.
Gerade Nebenerwerbler/innen, die oft aus finanziellen Motiven heraus gründen, dürften dann vor der Frage stehen: Lohnt sich eine Gründung für mich überhaupt, oder ist die Abgabelast schlicht zu groß? Hierauf muss die Politik Antworten finden, damit die jetzt geplanten Regelungen die leichte Erholung im Gründungsgeschehen nicht empfindlich einbremsen: Sollte die Koalition die Empfehlungen der Rentenkommission umsetzen wollen, muss sie dringend nachjustieren und die Beitragsbemessung anpassen und fair gestalten.
Bei den Gründungsplanungen ist der Nebenerwerbsanteil so hoch wie nie. Die Autor/innen der Studie gehen davon aus, dass sich der Trend zur nebenerwerblichen Gründung fortsetzt und der Anteil am gesamten Gründungsgeschehen in Deutschland auch im laufenden Jahr 2026 weiter steigen dürfte. Nur wenn die Politik handelt, werden wie bisher viele Menschen im Nebenerwerb gründen können – und damit das Gründungsgeschehen in Deutschland weiter tragen!
Du hast kürzlich gegründet oder steckst gerade mittendrin?
Dann herzlichen Glückwunsch zu deiner Gründung! Beim VGSD findest du jede Menge Knowhow für dein Gründungsvorhaben – auf unserer Themenseite Gründung zum Beispiel gibt es viele aktuelle Beiträge, Talk-Mitschnitte, Angebote etc. rund ums Thema Gründung.
Außerdem können wir aus eigener Erfahrung sagen: Ein gutes Netzwerk ist das A und O nicht nur in der Gründung, sondern auch in der Selbstständigkeit darüber hinaus. Deshalb bildet sich im VGSD gerade eine neue Gruppe für Gründer/innen – ein erstes Treffen ist für den 30. September geplant. Sei gern dabei und vernetze dich mit anderen Menschen, die ebenfalls gerade gründen – deutschlandweit und über alle Branchen hinweg. Nutze die Gelegenheit für einen offenen Austausch in einem geschützten Rahmen über alles, was dich in deiner Gründung bewegt. Nach der Sommerpause soll es losgehen: Wenn du Interesse hast, meld dich gern unter info@vgsd.de, dann geben wir dir zum Start der Gruppe Bescheid. Wir freuen uns auf dich!
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