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Lesetipp Meinungsbild zur Rentenreform Geplante Rentenpflicht: Sechs von sieben Bestandsselbstständigen wollen sich befreien lassen

Wie blicken Selbstständige auf die geplante Rentenpflicht? Welche begleitenden Reformen würden deren Akzeptanz erhöhen? Gemeinsam mit freelance.de haben wir eine Kurzumfrage durchgeführt – hier kommen die Ergebnisse.

Unsere gemeinsame Umfrage von VGSD und Freelance.de hat gezeigt: Sechs von sieben Bestandsselbstständigen wollen den Opt-out nutzen, wenn die geplante Rentenversicherungspflicht tatsächlich kommt.

Wenn die Rentenversicherungspflicht für Selbstständige kommt wie von der Rentenkommission empfohlen, wollen sich sechs von sieben Bestandsselbstständigen befreien lassen. Das ist ein zentrales Ergebnis einer Kurzumfrage*, die wir in Kooperation mit der Plattform freelance.de durchgeführt haben. Gemeinsam wollten wir herausfinden: Wie bewerten Menschen, die schon heute selbstständig arbeiten, die geplante Rentenpflicht – für sich selbst, aber auch für künftige Gründer/innen?

Unsere erste und wichtigste Frage: Wie viele der Bestandsselbstständigen, denen der Opt-out aus der geplanten Rentenversicherungspflicht offen steht, wollen ihn nutzen? Die Antwort fällt mehr als deutlich aus: Rund 84 Prozent der Bestandsselbstständigen wollen sich von der Rentenversicherungspflicht befreien lassen. Nur etwa 16 Prozent geben an, den Opt-out nicht nutzen zu wollen. Wenn die Rentenpflicht kommt wie geplant, wären sie damit pflichtversichert – und das voraussichtlich bis zum Ende ihrer selbstständigen Tätigkeit. 

"Die große Mehrheit der opt-out-berechtigten Bestandsselbstständigen erteilt der geplanten Rentenpflicht eine Absage und will sich befreien lassen", sagt VGSD-Vorstand Andreas Lutz. "Wir gehen davon aus, dass der prozentuale Anteil derjenigen, die den Opt-out wählen, tatsächlich deutlich höher liegen wird als in unserer Befragung: Noch nämlich dürften sich viele nicht über die Höhe der Beiträge im Klaren sein – und damit über die finanziellen Belastungen, die die Pflichtversicherung mit sich bringen wird."

Selbstständige sollen im Rahmen der Rentenpflicht künftig zwischen dem Regelbeitrag (derzeit 735,63 Euro pro Monat) und einer einkommensabhängigen Beitragsbemessung wählen können. So wird es bereits heute bei einem Großteil derjenigen praktiziert, die aufgrund ihrer selbstständigen Tätigkeit rentenversicherungspflichtig sind. Für Gründer/innen ist eine dreijährige Karenzzeit geplant, während der sie die Wahl zwischen dem halben Regelbeitrag (derzeit 367,82 Euro pro Monat) und der vollen einkommensabhängigen Beitragsbemessung haben sollen. 

Bei einkommensabhängiger Bemessung zahlen Selbstständige nicht nur Arbeitgeber- und -nehmeranteil (Künstler und Publizisten ausgenommen), sondern diese werden zudem auf Basis einer im Vergleich zu Angestellten 20 Prozent höheren Bemessungsgrundlage berechnet.

Hintergrund zur geplanten Rentenversicherungspflicht für Selbstständige

Die Rentenkommission hat insgesamt 33 Empfehlungen für eine umfassende Rentenreform abgegeben. Die Bundesregierung hat im Juli 2026 erklärt, sie als Komplettpaket umsetzen zu wollen, auch wenn es bezüglich der "Rente mit 63" darüber erheblichen Streit gibt. Stand heute ist sehr wahrscheinlich, dass in dem Zuge auch die Rentenpflicht für Selbstständige kommt. 

Geplant ist, künftig alle Selbstständigen, die ihre Tätigkeit ab einem noch nicht definierten Stichtag neu aufnehmen, in der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) pflichtzuversichern. Auch Bestandsselbstständige sollen in die GRV einbezogen werden, jedoch "voraussetzungslos herausoptieren", sich also von der Rentenversicherungspflicht befreien lassen dürfen. Von der neuen Regelung ausgenommen sein sollen lediglich Selbstständige, die obligatorisch abgesichert sind, etwa in einem berufsständischen Versorgungswerk. Mehr dazu erfährst du in diesem FAQ-Beitrag. 

Von den insgesamt 826 Befragten haben 13,6 Prozent angegeben, dass sie bereits rentenversicherungspflichtig beziehungsweise Mitglied eines Versorgungswerks sind. Weitere 9 Prozent gaben an, nicht selbstständig zu sein. Für beide Gruppen ist ein möglicher Opt-out aus der geplanten Rentenversicherungspflicht also nicht relevant. 

Mehrheit der Befragten sagt: Auch künftige Gründer/innen sollen selbst entscheiden, ob und wie sie vorsorgen.

Im Gegensatz zu den Bestandsselbstständigen sollen sich künftige Gründer/innen nicht mehr per Opt-out von der geplanten Rentenpflicht befreien lassen können: Wer nach einem noch nicht festgelegten Stichtag X gründet (und nicht sowieso obligatorisch abgesichert ist), soll in der Gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert sein. 

Auch diesen Plänen stehen die Befragten skeptisch gegenüber. Mit gut 54 Prozent findet mehr als die Hälfte der Teilnehmenden, dass auch künftige Gründer/innen die freie Entscheidung darüber haben sollten, ob und wie sie fürs Alter vorsorgen. Gut 25 Prozent der Befragten würde eine Altersvorsorgepflicht nur dann für sinnvoll erachten, wenn künftige Gründende die Form der Altersvorsorge selbst wählen dürfen (gesetzliche oder Rürup-Rente). Allerdings ist eine solche Wahlfreiheit zwischen gesetzlicher und privater Vorsorge in den Empfehlungen der Rentenkommission nicht vorgesehen. In bisherigen Koalitionsverträgen war stets zumindest die alternative Anlage in eine Basisrentenversicherung vorgesehen. Nur rund elf Prozent der Teilnehmer/innen finden es sinnvoll, künftige Selbstständige in der GRV pflichtzuversichern. Und etwas mehr als neun Prozent der Befragten enthalten sich mit einem "Weiß nicht". 

64 Prozent sorgen sich um ihre Daten

Kommt die geplante Rentenpflicht tatsächlich, stellt sich die Frage: Wie erhält die Rentenversicherung die Kontaktdaten aller Bestandsselbstständigen, um diese anschreiben zu können und ihnen den Opt-out zu ermöglichen. Die Daten müssten von den Finanzämtern übermittelt werden und könnten je nach ihrem Umfang auch für andere Zwecke verwendet werden. Angaben zur Branche etwa könnten es der Rentenversicherung erlauben, auf Basis von BSG-Urteilen zu Angehörigen einer bestimmten Branche gezielt auf eine Vielzahl von Selbstständigen zuzugehen und ihren Erwerbsstatus zu prüfen. 

Deshalb sehen viele die Datenweitergabe vom Finanzamt an die Deutsche Rentenversicherung (DRV) kritisch. Mehr als 64 Prozent der Befragten haben eher oder sehr große Sorge, dass die DRV ihre Daten künftig auch für andere Zwecke als den Opt-out nutzen könnte. Nur knapp 23 Prozent haben eher oder sehr geringe Sorge, was das angeht – gut 13 Prozent antworten mit "Weiß nicht". 

54 Prozent finden: Eine Rentenpflicht muss durch eine Reform der Beitragsberechnung begleitet werden, um künftige Selbstständige finanziell nicht zu überfordern

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Bundesregierung die geplante Rentenpflicht für Selbstständige als Teil des Gesamtpakets Rentenreform umsetzt – trotz aller Kritik. Wir wollten deshalb von den Teilnehmer/innen erfahren: Welche begleitenden Reformen wären nötig, um die Rentenpflicht für Selbstständige akzeptabler zu machen? 

Auf Platz 1 landet der Wunsch nach einer Reform der Beitragsbemessung: Mit rund 54 Prozent findet mehr als die Hälfte der Befragten, dass es parallel zur Rentenpflicht eine faire Beitragsberechnung braucht, damit künftige Selbstständige finanziell nicht überfordert werden. Auf Platz 2 findet sich der Wunsch nach (mehr) Wahlfreiheit in Sachen privater Altersvorsorge: 46,6 Prozent der Befragten finden, dass auch künftige Selbstständige ihre Altersvorsorge etwa mit ETFs oder über die Rürup-Rente gestalten dürfen sollten.

Auf Platz 3 wählen die Befragten die Forderung nach einer zeitgleichen Reform der Statusfeststellung: Gut 45 Prozent halten diese für nötig, um endlich mehr Rechtssicherheit in Sachen Scheinselbstständigkeit zu haben. Knapp ein Drittel der Befragten (29,7 Prozent) lehnt eine Rentenpflicht für künftige Selbstständige generell ab – selbst wenn alle genannten Reformen umgesetzt würden.

Robin Gollbach: "Klare und praxistaugliche Kriterien würden Freelancern und Unternehmen Rechtssicherheit geben"

„Eine Reform der Statusfeststellung ist vor allem für eine rechtsicherere Zusammenarbeit zwischen Freelancern und Unternehmen notwendig, unter anderem auch in der Debatte über eine mögliche Rentenversicherungspflicht für Selbstständige. Unternehmen setzen Freelancer häufig dort ein, wo intern Fachwissen oder Kapazität fehlt, und brauchen dafür verlässliche Kriterien, wann eine Zusammenarbeit als selbstständige Tätigkeit gilt", erklärt Robin Gollbach, CEO von freelance.de.

"Auch eine allgemeine Rentenversicherungspflicht würde die bestehenden Unsicherheiten nicht beseitigen. Wird eine vermeintlich selbstständige Tätigkeit nachträglich als sozialversicherungspflichtige Beschäftigung eingestuft, drohen Auftraggebern weiterhin erhebliche Beitragsnachforderungen. Wie aus der Umfrage hervor geht, halten 45 % der Befragten eine zeitgleiche Reform der Statusfeststellung für notwendig. Klare und praxistaugliche Kriterien würden Freelancern und Unternehmen Rechtssicherheit geben, unabhängig davon, wie die Rentenreform ausgeht.“

So ordnen wir die Ergebnisse ein

Als Verband sehen wir der geplanten Rentenpflicht mit großer Sorge entgegen: So befürchten wir, dass die Bemühungen um die so dringend nötige, wirksame Reform der Statusfeststellung erlahmen könnten, wenn eine Rentenpflicht für Selbstständige erst einmal beschlossen ist. Die Folge wäre nicht nur, dass die zermürbende Rechtsunsicherheit für Bestandsselbstständige und ihre Auftraggeber/innen weiter ungelöst bliebe. Auch der Vertrauensschutz Bestandsselbstständiger für ihre jetzige Altersvorsorge könnte umgangen werden, indem die Zahlung von Rentenbeiträgen zur Voraussetzung für Rechtssicherheit gemacht wird. 

Außerdem gehen wir davon aus, dass die hohen einkommensabhängigen Beiträge einen großen Teil der Gründer/innen und künftige Selbstständige finanziell komplett überlasten werden. Wir befürchten einen massiven Einbruch von Teilzeit-Gründungen. Dabei machen sie aktuell mehr als zwei Drittel des Gründungsgeschehens aus.

"Die Einschätzungen der Befragten sind in doppelter Hinsicht aufschlussreich. Die Bestandsselbstständigen sprechen nicht nur für sich und ihre aktuelle Situation. Sondern sie bewerten auch, was die geplante Rentenversicherungspflicht für künftige Selbstständige bedeuten würde. Und wer sollte das aus ihren Erfahrungen heraus besser können als sie?", sagt Andreas Lutz weiter. "Zum Beispiel können die Bestandsselbstständigen genau beurteilen, ob sie die jetzt geplanten Beiträge selbst hätten stemmen können – oder eben nicht. Wenn also mehr als die Hälfte der Befragten angibt, dass sie die Rentenpflicht nur bei einer gleichzeitigen Reform der Beitragsbemessung mittragen können, ist das ein deutliches Signal an die Politik: Künftige Gründer/innen und Selbstständige dürfen durch die Rentenpflicht nicht finanziell überfordert werden!"

Unterzeichne unsere Petition: Rentenpflicht für Selbstständige? – Nur mit Rechtssicherheit und fairen Beiträgen!

Hilf mit, dass heutige und künftige Selbstständige rechtssicher und rentabel arbeiten können: Fordere die Regierung gemeinsam mit uns auf, die Rentenpflicht mit wirksamen Reformen der Statusfeststellung und der Sozialbeitragsbemessung zu begleiten! Wir freuen uns, wenn du unsere Petition unterzeichnest und sie außerdem in deinem Netzwerk verbreitest – jede Stimme zählt: www.openpetition.de/rentenpflicht

*Zur Kurzumfrage:

Die Kurzumfrage fand online auf zwei unterschiedlichen Kanälen statt: freelance.de befragte die Besucher/innen seiner Website im Zeitraum vom 14. bis 20. September 2026, der VGSD holte bei einem Experten-Talk zur Rentenpflicht am 16. September 2026 die Antworten der Anwesenden ein. Insgesamt nahmen 826 Teilnehmer/innen an den Befragungen teil (530 über freelance.de, 296 über den VGSD). Bei den angegebenen Ergebnissen handelt es sich um gewichtete Durchschnittswerte, die die unterschiedlichen Gruppengrößen berücksichtigen. 

Wie bewertest du die Antworten? Hat dich ein Ergebnis besonders überrascht oder in deiner Perspektive bestätigt? Wir freuen uns über deinen Kommentar. 

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