Vor gut einem halben Jahr ist die Aktivrente in Kraft getreten – leider nur für Angestellte, Selbstständige bleiben bis dato außen vor. Zeigt der Steueranreiz für längeres Arbeiten im Alter die gewünschte Wirkung? Wir analysieren erste Erhebungen.
Mit dem Inkrafttreten des Aktivrentegesetzes zum 1.1.2026 hat die Regierung sich hohe Ziele gesteckt: Die Aktivrente soll für eine höhere Erwerbsbeteiligung im Alter sorgen, den Fach- und Arbeitskräftemangel lindern und dadurch die Wirtschaft und die Sozialsysteme entlasten.
Zur Erinnerung: Mit der Aktivrente können Menschen, die übers gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus weiterarbeiten, seit Jahresbeginn bis zu 2.000 Euro pro Monat steuerfrei hinzuverdienen. Das bedeutet einen monatlichen Steuervorteil von bis zu 920 Euro! Doch bis dato steht die Aktivrente nur Angestellten zur Verfügung. Selbstständigen bleibt sie trotz massiver Proteste – durch uns und ein breites Bündnis weiterer Verbände und Organisationen – bis dato verwehrt.
Wir nehmen das sechsmonatige Aktivrente-Jubiläum zum Anlass und fragen: Zeigt der Steueranreiz bereits Wirkung?
Datev beobachtet Zuwachs an arbeitenden Rentner/innen im Mittelstand
Im ersten Quartal 2026 haben im deutschen Mittelstand 9.000 Altersvollrentner/innen mehr gearbeitet als im ersten Quartal 2025. Das ist ein Zuwachs von 2,1 Prozent innerhalb eines Jahres. Blickt man speziell auf den März, so lag der Anteil der arbeitenden Altersvollrentner/innen sogar um 3,2 Prozent höher als im Vorjahresmonat.
Das berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) exklusiv aus einer Datev-Erhebung, die die Wirkung der Aktivrente für den deutschen Mittelstand analysiert. Die Analyse beruht auf Lohn- und Gehaltsabrechnungen von rund 5,5 Millionen Arbeitnehmenden, die der IT-Dienstleister anonymisiert und aggregiert ausgewertet hat.
Der beobachtete Zuwachs der aktiven Altersrentner/innen im Mittelstand zieht sich quasi durch alle Branchen. Besonders stark fällt er in den Bereichen Energie, Versorgung und Entsorgung aus.
"Einen solch starken Zuwachs hat es in den vergangenen Jahren nicht gegeben", heißt es dazu im Artikel. Zwar gebe es schon seit 2022 einen Trend, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) verstärkt auf Altersrentner zugreifen – 2024 und 2025 jedoch habe die schlechte Konjunktur dafür gesorgt, dass die Beschäftigung dieser Gruppe konstant geblieben beziehungsweise sogar geschrumpft sei. Dass die Zahlen jetzt nach oben gehen, sei umso auffälliger, weil KMU in der Wirtschaftskrise seit 2024 insgesamt Beschäftigung abbauen.
4.300 Vollzeitäquivalente – ist das ausreichend?
9.000 arbeitende Altersvollrentner mehr: Datev schätzt, dass das einem Plus von etwa 4.300 Vollzeitäquivalenten gegenüber dem Vorjahr entsprechen dürfte (ausgegangen davon, dass erwerbstätige Rentner/innen im Schnitt 20 Wochenstunden arbeiten). Wie ist dieser Wert einzuordnen?
Laut einer Befragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vom November 2025 könnten durch den Aktivrente-Steuervorteil 25.000 bis zu 33.000 zusätzliche Vollzeitstellen entstehen. Doch erst ab einer Schwelle von mindestens 40.000 Vollzeitstellen rechne sich die Aktivrente auch für den Staat – das sei die Grenze, ab der die Einkommenssteuerverluste des Fiskus ausgeglichen würden.
Ist dieses Ziel erreichbar? Die von Datev ermittelten 4.300 Vollzeitäquivalente geben nur einen Einblick in die Entwicklung der ersten drei Monate des laufenden Jahres und beziehen sich nicht auf die Gesamtheit aller Unternehmen, sondern lediglich auf den Mittelstand. Der jedoch macht das große Gros der Unternehmen in Deutschland aus. Mit Blick darauf scheint es bis zum Erreichen der 40.000er-Schwelle noch ein weiter Weg.
Statt breit angelegter Kommunikation herrscht: Stille!
Ziel sollte sein, die durch die Aktivrente entstehenden Einkommenssteuerverluste so schnell wie möglich auszugleichen. Doch unserem Eindruck nach wurde es nach Inkrafttreten des Aktivrentegesetzes zum 1. Januar 2016 sehr schnell still um den neu geschaffenen Steueranreiz. Dabei bräuchte es gerade jetzt eine breit angelegte Kommunikation in die Öffentlichkeit. Denn, um es überspitzt zu sagen: Was nutzt die Aktivrente, wenn kaum jemand davon weiß und jeden Monat erhebliche Steuerausfälle auflaufen?
Arbeitsmarktexperte Eric Thode von der Bertelsmann Stiftung sagte dazu schon im vergangenen November: "Damit die Reform die Erwerbsbeteiligung Älterer tatsächlich erhöhen kann, muss die Politik die neuen Möglichkeiten aber aktiv bewerben – verständlich, über zielgruppengerechte Kanäle, mit klaren Beispielen. Sonst droht das Potenzial der Aktivrente zu verpuffen."
Arbeitskräftemangel: Jedes dritte Unternehmen findet die Aktivrente hilfreich – jedes vierte eher nicht
Kann die Aktivrente den Fach- und Arbeitskräftemangel lindern? Auch zu dieser Frage zeigt eine aktuelle Personalleiterbefragung ein gemischtes Bild. Der Randstad-ifo-HR-Umfrage für das erste Quartal 2026 zufolge hält rund jedes dritte Unternehmen (36 Prozent) die Aktivrente für ein sehr oder eher hilfreiches Instrument gegen den Arbeitskräftemangel. Nochmal 36 Prozent stehen der Aktivrente neutral gegenüber. 28 Prozent aber, also jedes vierte Unternehmen, finden die Aktivrente wenig oder gar nicht hilfreich.
Häufigstes Motiv der Unternehmen, Aktivrentner/innen zu beschäftigen ist übrigens nicht der Fachkräftemangel – er steht mit 64 Prozent auf Platz zwei. Noch öfter aber beschäftigen Unternehmen Menschen übers Renteneintrittsalter hinaus, weil sie dem Unternehmen deren Wissen erhalten und einen Know-how-Transfer sicherstellen wollen (68 Prozent). So wundert es nicht, dass das Gros der Aktivrentner/innen schon früher in dem Unternehmen beschäftigt waren – nur ein kleiner Teil von ihnen stieg erst nach Ende ihres aktiven Arbeitslebens in ihre aktuelle Stelle ein (83 zu 17 Prozent).
Auch Selbstständige sind Fachkräfte – Know-how und Arbeitskraft im Markt halten!
An dieser Stelle muss deutlich gesagt werden: Auch Selbstständige sind Fachkräfte. Auch sie verfügen über wertvolles, über Jahrzehnte gesammeltes Wissen in ihrem Bereich – und viele von ihnen stehen ihren Auftraggeber/innen damit über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus gerne zur Seite. Dass sie dennoch steuerlich schlechter gestellt werden, ist nicht akzeptabel.
Die Demotivation Selbstständiger durch den Ausschluss aus der Aktivrente und die damit verbundenen erheblichen Steuervorteile werden – so vermuten wir – dazu führen, dass ein Teil von ihnen früher in Rente geht als eigentlich geplant – und Wirtschaft und Gesellschaft ihr Know-how und ihre Tatkraft nicht mehr länger zur Verfügung stehen. Wenn die Aktivrente also eine überschaubare Zahl von Angestellten zum längeren Arbeiten motiviert, parallel dazu aber viele Selbstständige zum vorzeitigen Aufhören bewegt – was ist dann unterm Strich gewonnen?
Faire Aktivrente auch für Selbstständige!
Deshalb fordern wir: Selbstständige müssen in die Aktivrente einbezogen werden, und zwar so schnell wie möglich! Aus diesem Grund nehmen wir mit unserer Forderung aktuell an einer bundesweiten Volksabstimmung teil, die der Verein Abstimmung21 organisiert. Mehr dazu erfährst du hier.
Du willst mitmachen und bei der Volksabstimmung für eine faire Aktivrente stimmen?
Dann registriere dich am besten gleich (bis spätestens 9.8.) hier, um im Sommer deine Wahlunterlagen per Post zu erhalten.
Alternativ kannst du über das Portal opn.vote von OpenPetition auch online abstimmen, musst dich aber auch dort vorab registrieren. Hier kannst du dich informieren und anmelden.
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