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Lesetipp Katharina Beck, Bündnis 90/Die Grünen  "Als Gesellschaft wollen wir doch, dass Menschen ihr Leben in die Hand nehmen"

Einst hat sie selbst gegründet, heute sitzt sie für die Grünen im Bundestag: Im VGSD-Interview erzählt MdB Katharina Beck, wieso es mehr Bewusstsein für Selbstständige braucht und wie sie dem wachsenden Politik-Frust unter Selbstständigen begegnen will. 

Die Hamburgerin Katharina Beck ist seit 2021 Mitglied des Bundestags, sie ist seitdem Sprecherin für Finanzpolitik und seit 2025 Leiterin des Wirtschaftsbeirats und Verantwortliche für Startups der Grünen Bundestagsfraktion.

VGSD: Frau Beck, das Geschäftsklima unter Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen sank im April 2026 auf ein neues Rekordtief – laut aktuellem Jimdo-ifo Geschäftsklimaindex fürchtet jede/r fünfte Selbstständige um die wirtschaftliche Existenz. Wie setzen die Grünen sich konkret dafür ein, die Rahmenbedingungen für Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmen zu verbessern? 

Katharina Beck: Zunächst einmal geht es im politischen Berlin – bei der Gesetzgebung und auch im Kabinett – immer darum zu erinnern, dass es 3,6 Millionen Selbstständige gibt und dass die große Mehrzahl der Betriebe in Deutschland, über 90 Prozent, Solo- und Kleinstunternehmen sind. Dieses Bewusstsein fehlt leider häufig. 

Bei der Energiepreispauschale 2022 zum Beispiel mussten wir Grünen im Koalitionsausschuss richtig hart dafür werben, dass sie bitte auch für Selbstständige kommt. Ähnlich bei der Reform der staatlich geförderten, privaten Altersvorsorge: Hier haben wir uns für eine Einbeziehung Selbstständiger in das geplante Altersvorsorgedepot eingesetzt, dafür gab es auch eine Offenheit in der Koalition – dass unsere Arbeit dort gefruchtet hat, hat uns sehr gefreut.

Bei der Aktivrente dagegen finde ich die Haltung, "Selbstständige arbeiten ja ohnehin länger und brauchen deshalb keinen Steueranreiz" wirklich schlimm. Deswegen ist die erste Aufgabe, Selbstständige überhaupt mitzudenken. Als wir in Regierungsverantwortung waren, haben wir Selbstständige aktiv mitgedacht und uns auch mit Ergebnissen für sie eingesetzt. Jetzt in der Opposition machen wir immer wieder auf ihre Belange aufmerksam und versuchen, die Regierung davon zu überzeugen, zum Beispiel über Anträge und kleine Anfragen. 

VGSD: Als besonders belastend erleben viele unserer Mitglieder das dysfunktionale Statusfeststellungsverfahren der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Was braucht es aus Ihrer Sicht, um endlich Rechtssicherheit und faire Rahmenbedingungen für Selbstständige und ihre Auftraggeber/innen zu schaffen? 

Katharina Beck: Die Vorschläge aus dem Referentenentwurf des BMAS zur neuen Selbstständigkeit betrachten wir mit sehr großer Sorge (Anm. d. Red.: Wir haben berichtet). Das betrifft nicht nur diejenigen Selbstständigen, die im politischen Berlin eher im Bewusstsein sind wie Designer/innen und ähnliche Berufe – sondern zum Beispiel auch Lehrkräfte, die an Volkshochschulen Deutsch- oder diverse andere Kurse geben. Selbstständige arbeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen und decken ein breites Tätigkeitsspektrum ab, das für den Erfolg Deutschlands sehr wichtig ist. All diese Tätigkeiten sind gerade in Gefahr. 

Was es konkret braucht, ist Rechtssicherheit: Wir würden gerne mit Positivkriterien beim Statusfeststellungsverfahren eine rechtssichere Vermutung der Selbstständigkeit etablieren, sobald definierte Merkmale erfüllt sind. Im Moment werden mit der Clearingstelle der DRV als Einzelfallprüfung Indizien mühsam gegeneinander abgewogen. Das zieht sich oft sehr lange hin. Mit Positivkriterien ließe sich die Beweislast umkehren, also dieser Ablauf grundlegend verändern. Man hätte dann eine größere Prognosesicherheit für Verträge und die Clearingstelle wäre ebenfalls entlastet. 

"Wir sind ein freies Land und müssen uns in Deutschland mal entscheiden, dass wir es toll finden, wenn Leute gründen und selbstständig sind."

Gleichzeitig muss ein Bewusstsein dafür entstehen, dass hier doch ganz viele Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Wir sind ein freies Land und müssen uns in Deutschland mal entscheiden, dass wir es toll finden, wenn Leute gründen und selbstständig sind. 

Es gibt aber wegen der Sozialversicherung eine gewisse Politikverliebtheit in angestellte Beschäftigungsformen, die für mich nicht in dieses Gesamtkonzept passt. Gerhard Schröder hat Anfang der 2000er Jahre die Ich-AG eingebracht – das war doch eigentlich eine gute Aufforderung, dass man sein Leben unternehmerisch in die Hand nimmt. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Tradition aufrechterhalten. Es ist total in Ordnung, wenn man Lust hat auf eine sichere Beamtenposition. Es ist auch total in Ordnung, wenn man angestellt ist. Aber es ist doch auch total cool, zu gründen und selbstständig zu sein. All das muss nebeneinander existieren dürfen – und gleich viel Beachtung bekommen.

VGSD: Stichwort Gründung: Vor einigen Monaten wurde bekannt, dass der Mikrokreditfonds Deutschland zum 30. Juni 2026 eingestellt werden soll (wir haben berichtet). Was würde das Aus dieses Förderinstruments aus Ihrer Sicht für Gründer/innen und Selbstständige bedeuten? 

Katharina Beck: Es ist absurd, dass die Bundesregierung einerseits sagt, wir müssen mehr Leute in Arbeit bringen oder aus dem Bürgergeldregime rausholen. Und dann will sie den Mikrokreditfonds einstellen, der genau die Schwelle erleichtern soll, wenn jemand gründet und nicht in eine Anstellung geht. 

Gründer/innen erhalten oft keinen Bankkredit. Der Mikrokreditfonds füllt diese Lücke. Die Rückzahlquote ist so hoch, dass der Fonds sich mittlerweile selbst trägt. Das Einzige, was mit dem Ende des Mikrokredits eingespart wird, sind sehr geringe Verwaltungskosten, es geht hier gar nicht um Haushaltsmittel. Und nun soll gerade dieses Instrument gestrichen werden, obwohl über den Mikrokreditfonds seit 2010 38.000 Kredite ausgegeben werden konnten. Das ist ein supercooles Instrument. 

"Das Einzige, was mit dem Ende des Mikrokredits eingespart wird, sind sehr geringe Verwaltungskosten."

Auch hier geht es um die Gleichbehandlung verschiedener Arbeitsformen. Angestellt-Sein ist okay – aber Gründung doch auch. Als Gesellschaft wollen wir doch, dass Menschen ihr Leben in die Hand nehmen. Und manchmal bringt mich so eine aus meiner Sicht Ideologie wie die von Katharina Reiche, die den Wert der vielen kleineren und mittleren Unternehmen übersieht und ganz einseitig nur die Interessen weniger Großunternehmen in vertritt, an den Rand der Verzweiflung. 

Deswegen setzen wir uns sehr laut für eine Fortführung des Mikrokreditfonds ein. Ich habe das im Wirtschaftsausschuss zum Thema gemacht und wir Grünen haben einen Antrag gestellt, dass der Mikrokreditfonds nicht zum 30.6. eingestellt werden soll und wir machen auch nochmal eine kleine Anfrage dazu, um den Druck und die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Auch im Hintergrund arbeite ich intensiv daran, Unterstützer zu mobilisieren, um zu verhindern, dass der Mikrokreditfondseingestellt wird.

VGSD: Der Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Fortführung des Mikrokredits wurde am 20.5.26 im Wirtschaftsausschuss des Deutschen Bundestag abgelehnt. Welche Chancen sehen Sie, das Ende des Förderinstruments dennoch abzuwenden? 

Katharina Beck: Der Antrag ist abgelehnt, aber das Thema ist nicht aus der Welt. Es finden weiter Gespräche statt, etwa zwischen Leuten aus dem Parlament und den Ministerien. Wir machen weiter Druck, nutzen persönliche Beziehungen, sprechen das Thema auf Mitarbeiter/innen-Ebene an, mit Anträgen, kleinen Anfragen und auch medial. Kürzlich ist dazu die Meldung einer Presseagentur viral gegangen, die auf eine Anfrage von uns Grünen zurückging und dafür gesorgt hat, dass das Thema ins Bewusstsein vieler Leute, auch in der Führung der Koalition, kam. Es geht um 38.000 Unternehmerinnen und Unternehmer, wie kann man das nicht wichtig finden? Mikrokredit klingt vielleicht seinem Namen nach klein, hat aber große Wirkung. 

VGSD: Ein anderes Thema, das vielen Selbstständigen im Arbeitsalltag zu schaffen macht, ist die Suche nach Steuerberatung: Für Selbstständige wird es immer schwieriger, eine/n Steuerberater/in zu finden, teils werden Mandate sogar beraterseitig gekündigt. Nun ist eine Änderung des Steuerberatergesetzes geplant, doch der Gesetzentwurf der Koalition geht Ihnen nicht weit genug. Was fordern Sie konkret für Selbstständige und warum? 

Katharina Beck: Richtig, viele Steuerberatungen nehmen kleine Mandate nicht mehr so offenherzig an. Aber neben Steuerberater/innen gibt es ja noch andere Berufszweige, die auch in diesem Bereich ausgebildet sind, nämlich die Bilanzbuchhalter/innen und Steuerfachwirt/innen. Es ist doch total absurd, dass es verboten ist, dass einen jemand anders berät als ein Steuerberater – und Selbstständige dann im Zweifel alles allein machen müssen. Noch nicht mal, um eine Einnahmenüberschussrechnung (EÜR) zu machen, dürfen sich Selbstständige von einem Bilanzbuchhalter oder einer Steuerfachwirtin beraten lassen. 

Deshalb wollen wir eine sogenannte Befugniserweiterung für Bilanzbuchhalter/innen und Steuerfachwirt/innen erreichen. Zentral ist aus meiner Sicht, dass Selbstständige Unterstützung bekommen bei der EÜR oder bei der Umsatzsteuervoranmeldung. Da kann man ja durchaus Höchstwerte für festlegen – wichtig ist, dass den Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen geholfen wird. Diesen Wunsch nach einer Befugniserweiterung gibt es auch seitens der EU. Doch die Regierung sieht in dem Kontext lediglich eine Erweiterung auf die Konteneinrichtung vor (Anm. d. Red.: also das Anlegen und Strukturieren von Buchführungskonten). Das ist leider nur ein Mini-Schritt. 

VGSD: Wo steht der Gesetzgebungsprozess, was sind die nächsten Schritte?  

Katharina Beck: Die Bundesregierung hatte die 1.000-Euro-Entlastungsprämie an das Steuerberatergesetz geknüpft. Das war ein riesiger handwerklicher Fehler und wurde im Bundesrat entsprechend abgelehnt. Jetzt ist das Steuerberatergesetz von den Fraktionen wieder in den Bundestag gebracht worden, die erste Lesung hat stattgefunden und wir werden es nochmal im Ausschuss beraten. Der Abschluss im Bundestag ist geplant für den 11. Juni. Am Tag vorher wird im Finanzausschuss eine Empfehlung für das Plenum gegeben. Diese Empfehlung wird positiv sein. Unser Antrag mit den besagten Befugniserweiterungen wird wahrscheinlich abgelehnt, weil CDU, CSU und SPD aktuell alle Oppositionsanträge ablehnen. 

VGSD: Also wird sich für Selbstständige, die dringend nach einer Steuerberatung suchen, voraussichtlich nichts ändern?

Katharina Beck: Nur die Konteneinrichtung für die Buchhaltung wird ermöglicht. Mehr nicht, obwohl der Rest auch wirklich kein Hexenwerk ist. Da muss man einfach darauf hinweisen, dass viele Steuerberater/innen im Bundestag sitzen. Ich habe wirklich eine große Sympathie dazu, dass Steuerberater Rechtshilfe machen. Das ist wunderbar, vielen Dank an die Steuerberater. Aber trotzdem verstehe ich mit Blick auf die Personalproblematiken, Nachwuchsthematiken etc. das Beharren auf den Status Quo nicht, gerade wenn es wie hier um kleinere Mandate geht. 

VGSD: Gleich mehrere Studien zeigten kürzlich, dass sich Selbstständige von der Politik zunehmend übersehen und übergangen fühlen, viele sprechen von Deutschland als "Angestelltenland". Wie erklären Sie sich diese Entwicklung und wie wollen Sie ihr begegnen?

Katharina Beck: Das ist ein strukturelles Problem bei vielen in der Politik, die am Ende immer in sozialversicherungspflichten Angestelltenverhältnissen denken. Ich habe selbst mal gegründet und es war für mich zu Beginn meiner politischen Arbeit ganz komisch, dass man für das Thema Selbstständige und Gründungen so kämpfen muss. Im politischen Betrieb macht es tatsächlich schon einen riesigen Unterschied, wenn man immer das Wort "Selbstständige" dazusagt – dann kommt oft ein "Ah ja, stimmt". Gerade bei der CDU gibt es dafür eine Offenheit, bei der SPD aber insgesamt sehr wenig oder nur bei einzelnen geschätzten Kolleg/innen.

"Gerade bei der CDU gibt es dafür eine Offenheit, bei der SPD aber insgesamt sehr wenig oder nur bei einzelnen geschätzten Kolleg/innen."

Deshalb haben wir Grünen kürzlich den Roundtable Selbstständige gegründet, geleitet von meiner MdB-Kollegin Sandra Stein. Wir wollen dort einen positiven Aufbruch erzeugen und uns noch stärker für die Stimme der Selbstständigen einsetzen (Anm. d. Red.: VGSD und BAGSV-Verbände spielen beim Roundtable eine wichtige Rolle, mehr zur Auftaktveranstaltung im Politik-Tagebuch).

VGSD: Ist es also auch eine Frage des Narrativs, wie Selbstständige wahrgenommen und kommuniziert werden? 

Katharina Beck: Narrativ ist immer so ein großer Begriff. Aber natürlich ist die Frage: Kommen Selbstständige in einer Rede vor – oder immer nur der Facharbeiter von Siemens? Es gibt 3,6 Millionen Selbstständige, und dafür finden sie mir einfach zu wenig statt. Deshalb ist absolut wichtig, dass jemand mit am Tisch sitzt, der auf Selbstständige hinweist. 

In Berlin gibt es riesige Lobbyverbände, die die Aufmerksamkeit der Politiker/innen auf sich zu ziehen versuchen. Es gibt einzelne Konzerne, die allein schon sehr große Public-Affairs-Abteilungen beschäftigen, das ist einem Solo-Selbstständigen in dieser Form natürlich nicht möglich. Der VGSD leistet an der Stelle super Arbeit – aber es gibt einfach eine ungleiche Lobby. Deswegen finde ich wichtig, dass wir Grünen uns selbst disziplinieren, Selbstständige aktiv mitdenken und die anderen Parteien und Fraktionen auf deren Belange aufmerksam machen: einfach aus uns heraus, ohne dass wir ständig auf irgendwelche Häppchenempfänge eingeladen werden. Selbstständige mitzudenken – ich finde, das ist eine Selbstverantwortung der Politik. 

"Nicht zuletzt geht es auch darum, die konkreten, harten Rahmenbedingungen für Selbstständige besser mitzudenken."

Nicht zuletzt geht es auch darum, die konkreten, harten Rahmenbedingungen für Selbstständige besser mitzudenken, also etwa die Bürokratielast. In der zweiten Jahreshälfte will ich Vereinfachungen bei der Unternehmensbesteuerung angehen (da geht es nicht nur um die Körperschaft-, sondern eben auch um die Gewerbebesteuerung) und auch die Sozialabgaben adressieren, die so sehr in die Höhe schnellen. Außerdem haben wir Grüne beschlossen, dass die Krankenkassenbeiträge um zwei Prozentpunkte sinken sollen, davon würden gesetzlich versicherte Selbstständige profitieren. 

Eines ist mir aber noch wichtig: Ich möchte an die Selbstständigen richten, dass Sie gesehen werden und dass es uns wirklich ein Anliegen ist, bessere Politik für Selbstständige zu machen. Wir sind immer offen für Ihre Belange und ich wünsche mir, dass Sie uns kontaktieren und Ihre Anliegen schildern – gerne auch mit Beispielgeschichten aus dem unternehmerischen Alltag. Denn genau diese Dinge helfen, damit wir die Selbstständigen sichtbarer machen können. 

VGSD: Frau Beck, herzlichen Dank für das Gespräch.

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