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Lesetipp Zwei Fälle zeigen Wie die dysfunktionale Statusfeststellung den Übergang zwischen Anstellung und Selbstständigkeit erschwert

Von der Festanstellung in die Selbstständigkeit wechseln oder umgekehrt – was für viele als neuer Lebensabschnitt beginnt, wird oft zur unerwarteten Belastungsprobe. Der Grund: Schwierigkeiten beim Statusfeststellungsverfahren. Wir haben mit zwei Betroffenen gesprochen.

Das dysfunktionale Statusfeststellungsverfahren wird für Betroffene häufig zur Belastungsprobe.

Der lange Wunsch nach Selbstständigkeit

Andrea B. (Name und Beruf geändert) war für viele Jahre parallel als Arbeitnehmerin und Solo-Selbstständige tätig.  Bereits während ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau arbeitete sie nebenberuflich etwa vier Stunden pro Woche in der Wellnessbranche, da ihre Ausbildungsvergütung nicht ausreichte, um ihren Lebensunterhalt vollständig zu finanzieren. Bereits in dieser Zeit entstand bei ihr der Wunsch, sich eines Tages selbstständig zu machen: "Damals war ich aber noch nicht bereit, mich dieser Herausforderung und den vielen damit verbundenen Hürden zu stellen", so Andrea B.

Später arbeitete B. für viele Jahre als angestellte Unternehmensberaterin in Teilzeit. Parallel eröffnete sie ihr eigenes Yogastudio, das sie seitdem – ebenfalls in Teilzeit – leitet. Dort bietet sie regelmäßig Kurse an und stemmt zudem sämtliche unternehmerischen Aufgaben: von den administrativen Themen bis hin zu Marketing und Akquise. Im vergangenen Jahr entschied sie sich schlussendlich dazu, auch ihre Tätigkeit als Unternehmensberaterin selbstständig auszuüben, um sich so endlich ihren Traum der vollständigen Selbstständigkeit zu erfüllen. Da ihr bisheriger Arbeitgeber die Zusammenarbeit fortsetzen wollte, wurde er zu einem ihrer Kund/innen.

Vom Traum der Selbstständigkeit zum Scheinselbstständigkeitsvorwurf

Um von Beginn an rechtliche Klarheit zu schaffen, leitete B. noch vor Beginn ihrer selbstständigen Beratungstätigkeit gemeinsam mit einem Anwalt ein Statusfeststellungsverfahren mit Prognoseentscheidung bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) ein. Mehrere Monate später erhielt sie den Bescheid, dass die Tätigkeit für ihren ehemaligen Arbeitgeber als abhängige Beschäftigung und sie daher als scheinselbstständig eingestuft wird. 

Wie unsere Analyse des kürzlich veröffentlichten "Selbstcheck Erwerbsstatus" der Deutschen Rentenversicherung zeigt, kann das bei einer Statusfeststellung negativ ausgelegt werden: Wenn man früher in Festanstellung und nun selbstständig für einen Auftraggeber tätig war und dabei die gleiche Tätigkeit ausübt, gibt das im Selbstcheck zwei Minuspunkte – wird von der DRV also als Signal für eine Scheinselbstständigkeit bewertet.

Für Andrea B. war das ein großer Schock: "Als der Bescheid kam, konnte ich erstmal drei Nächte lang nicht mehr schlafen." Nach eigener Aussage hatte sie mit dieser Entscheidung der DRV nicht gerechnet. So gibt sie an, extra unternehmerische Strukturen geschaffen und eine sozialversicherungspflichtige Mitarbeiterin für acht Stunden in der Woche eingestellt zu haben, die Bürotätigkeiten für sie übernimmt. Auch den Ablauf des Verfahrens kritisiert sie: "Unterlagen wurden erst nach Fristablauf zugesendet und Fakten nicht berücksichtigt." Darüber hinaus betont B., nicht ausschließlich für ihren ehemaligen Arbeitgeber zu arbeiten, sondern immer für mehrere Kund/innen. 

Kämpfen statt Aufgeben

Mit der Annahme, dass mehrere Auftraggeber/innen ein sicheres Indiz für eine Selbstständigkeit seien, ist Andrea B. nicht allein: Laut dem Selbstständigen-Report 2026 von WISO MeinBüro und VGSD glauben 72 Prozent der Befragten, dass mehrere Auftraggeber ausreichen, um eine Scheinselbstständigkeit zu widerlegen. Doch dem ist leider nicht so: Eine Statusfeststellung bezieht sich immer nur auf einen Auftrag – wie viele Kund/innen man insgesamt bedient, spielt keine Rolle. 

Gemeinsam mit ihrem Anwalt hat sie Widerspruch gegen die Entscheidung der DRV eingelegt. Während dieser Schritt ihren beruflichen Alltag derzeit nicht negativ beeinflusst, sind die privaten Auswirkungen für sie dagegen erheblich: "Ich hätte nicht gedacht, dass die psychische Belastung so schlimm ist." Für ihren Traum der Selbstständigkeit will sie trotzdem weiterkämpfen – notfalls auch auf dem Rechtsweg.

Blockade in zwei Richtungen

Die Problematik des Statusfeststellungsverfahrens und die damit verbundene Rechtsunsicherheit betrifft jedoch nicht nur den Weg in die Selbstständigkeit. Auch beim Übergang aus einer selbstständigen Tätigkeit in ein reguläres Angestelltenverhältnis erleben Betroffene fehlende Planungssicherheit und erhebliche persönliche Belastungen.

Der Weg zurück in die Festanstellung

Anna F. (Name und Beruf geändert) ist seit circa neun Jahren selbstständig. Zuvor war sie als Buchhalterin für mehr als zwei Jahrzehnte in Festanstellung für eine Firma tätig, bis sie ihren Job aufgrund einer Firmenfusion verlor. Im Jahr 2014 wechselte sie endgültig in die Selbstständigkeit. Seitdem sorgt sie privat für das Alter vor und ist für mehrere Auftraggeber/innen parallel tätig. Zwischenzeitlich war sie zwar für zwölf Monate erneut in einer Firma fest angestellt, doch auch diesen Job musste sie – nun wegen der Corona-Pandemie – notgedrungen aufgeben. 

Mit ihren Auftraggeber/innen hat sie bis auf wenige Telefonate im Jahr und der monatlichen Rechnungskorrespondenz keinerlei Berührungspunkte. Aktuell arbeitet sie als Selbstständige circa 30 Stunden in der Woche und ist sehr froh, nach dem Verlust ihrer Festanstellungen in der Buchhaltungsbranche wieder Fuß gefasst zu haben.  

Hoffnung auf bessere Planbarkeit

Ab 2028 kann Anna F. abschlagsfrei in Rente gehen. Bis dahin würde sie gerne wieder in eine Festanstellung wechseln, um so auch über den Renteneintritt hinaus weiterzuarbeiten. Damit verbindet sie nach eigenen Angaben ausdrücklich den Wunsch, von der kürzlich in Kraft getretenen Aktivrente zu profitieren. Doch dabei stoßen Selbstständige wie Anna F., die nach längerer Selbstständigkeit zurück in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis wechseln wollen, auf rechtliche Unsicherheiten.

Einer ihrer Hauptauftraggeber wäre bereit, sie fest anzustellen, um nicht auf ihre Tätigkeit verzichten zu müssen. In dieser Festanstellung würde sie ihre bisherigen Aufgaben beibehalten und zusätzlich um weitere Bürotätigkeiten erweitern. Ihr Lohn fiele deutlich geringer aus als in der Selbstständigkeit. Beim potenziellen Wechsel in die Festanstellung geht es ihr, so sagt sie, um bessere Planbarkeit und psychische Entlastung. 

Die Angst vor dem Statusfeststellungsverfahren

Allerdings treibt Anna F. die Sorge um, dass ihr Wechsel in eine Festanstellung bei ihrem früheren Kunden, bei dem sie im Wesentlichen die gleichen Aufgaben übernehmen soll wie bisher in der Selbstständigkeit, ein Statusfeststellungsverfahren auslösen könnte. Denn die Clearingstelle der Deutschen Rentenversicherung kann auch bereits beendete Vertragsverhältnisse nachträglich prüfen. 

Genau darin sieht die Betroffene ein erhebliches Risiko: "Ich habe Angst, dass ich deshalb rückwirkend als scheinselbstständig bewertet werde und mein zukünftiger Chef Nachzahlungen für mich leisten muss", schildert sie. Eine solche Rückforderung würde sie psychisch erheblich belasten. Ohne vorherige Absicherung zurück in die Festanstellung zu wechseln, ist für F. jedoch auch keine Option. Sie fürchtet dann, "keine Nacht mehr ruhig [zu] schlafen".

Wie es für Anna F. konkret weitergehen wird, steht noch nicht fest. Dennoch zeigen die beiden Fallbeispiele deutlich: Es braucht schnellstmöglich eine wirksame Reform der Statusfeststellung, die endlich Rechtssicherheit für Selbstständige und ihre Auftraggeber/innen schafft! Die Verhandlungen rund um die im Koalitionsvertrag vorgesehene und dringend nötige Reform treten in die heiße Phase, aktuell verhandeln die Berichterstatter/innen von Union und SPD über künftige Kriterien zur Statusfeststellung.

Um ihnen faktenbasierte Entscheidungen zu ermöglichen, haben wir die wahrscheinlich wichtigste Umfrage in der bisherigen VGSD-Geschichte gestartet: Mit deiner Hilfe wollen wir herausfinden, welche der diskutierten Kriterien für dich und deine Branche am besten passen. Füll am besten gleich den Fragebogen aus – und trage dazu bei, den verantwortlichen Politiker/innen eine verlässliche Entscheidungsgrundlage für die Reform zur Verfügung zu stellen! 

Standest du beim Übergang von der Festanstellung in die Selbstständigkeit (oder umgekehrt) schon einmal vor ähnlichen Herausforderungen? Wie bist du damit umgegangen? Wir freuen uns auf deine Perspektive!

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